E-Book, Deutsch, Band 1/1, 332 Seiten
Reihe: Schabrackenblues
Hattem Schabrackenblues
4. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-9054-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein heiterer Frauenroman
E-Book, Deutsch, Band 1/1, 332 Seiten
Reihe: Schabrackenblues
ISBN: 978-3-7504-9054-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Brigitte van Hattem ist Autorin und Medizinjournalistin. Sie lebt in der Nähe von Karlsruhe, wo sie Sachbücher, Kurzgeschichten und Frauenromane schreibt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Strophe
Genau beseh‘n
Wenn man das zierlichste Näschen
Von seiner liebsten Braut
Durch ein Vergrößerungsgläschen
Näher beschaut,
Dann zeigen sich haarige Berge,
Dass einem graut.
Joachim Ringelnatz
Von diesem Tag an begegnete mir der Abgesang auf meine Jugend überall. Ich konnte dagegen ankämpfen, so viel ich wollte, er war immer da und holte mich auch an vermeintlich sicheren Stellen meines Lebens wieder ein.
Natürlich hatte ich damit gerechnet, in die Wechseljahre zu kommen. Aber ich hatte nicht mit Hitzewallungen gerechnet, die mich mit ihrer Heftigkeit in Panik versetzten und mich zwangen, alles, was ich am Leibe trug, jetzt sofort und gleich auszuziehen.
Und wehe ein Knopf weigerte sich, gleich aufzuspringen oder ein Reißverschluss klemmte. Ich zerrte an allem, was eng war, als hätten sich meine Kleidungsstücke wie durch Zauberhand mit ätzender Säure vollgesogen und als könnte ich meine Haut nur retten, indem ich mir die Kleider vom Leib riss. Zwei, drei Minuten später war der Spuk vorbei und ich fror.
Eine Hitzewallung ist besonders erfreulich, wenn man sie vor einer pubertierenden Schülerschar bekommt. Man spürt selbst, wie man rot anläuft und wie die Hitze von innen nach außen durch alle Poren dringt und die Kleidung durchfeuchtet. Es mag Frauen geben, denen das nichts ausmacht, aber ich hasse derartige Hormonstatus-Statements vor einer Berufsschul-klasse. Da halfen kein sibirischer Rhabarber, kein Mönchspfeffer, kein Rotklee, keine Traubensilberkerze und kein Yoga. Da halfen nur Hormone.
Ausgerechnet Hormone! Mein ganzes Leben lang hatte ich mich geweigert, die Pille zu schlucken. Ich wollte keinen täglichen Hormoncocktail! Stattdessen hatte ich mit Kondomen, Zäpfchen und verschiedenen Spiralarten verhütet. Erfolgreich übrigens, auch wenn es oft schwer war. Oder lästig. Oder hinderlich. Oder unsicher.
Jetzt, als endlich die Zeit gekommen war, nicht mehr über Verhütung nachdenken zu müssen, schluckte ich freiwillig Hormone!
Hormone können zwar die Beschwerden der Wechseljahre lindern, aber das heißt leider nicht, dass sie die Wechseljahre aufhalten. Möglicherweise habe ich mich dieser Illusion eine Weile hingegeben, aber seitdem in jeder Ecke meiner Wohnung eine Eineurofünfzig-Brille liegt, ist es nicht mehr zu leugnen. Ich walle vielleicht nicht mehr, aber ich altere immer noch.
Selbst mein Bad hat sich verändert. Früher nahm ich ein „erfrischendes“ Gesichtswasser, heute steht „belebt und entknittert“ auf der Flasche. Ich bin mir nicht sicher, ob das Wort „entknittert“ seinen Platz im Duden hat, aber es trifft meine Wünsche und Bedürfnisse.
Meine - neue! - Waage hat nicht nur die Funktion, mir mein aktuelles Gewicht anzuzeigen. Meine Waage spricht. Das enthebt mich der Mühe, mich während des Wiegens über meinen Bauch hinweg zu bücken, um die Zahlen auf der Anzeige zu entziffern. Meine neue Waage spricht sogar laut und deutlich. Manchmal würde ich sie gerne leiser drehen. Es muss ja nicht jeder Nachbar wissen, dass ich 60,8 Kilo wiege (oder waren es 68,6?).
Auch das, was ich im Bad so tue, hat sich verändert. Früher habe ich mir die Zähne geputzt, mich geduscht, eingecremt und dann geschminkt. Schon beim Zähneputzen muss ich heute schwerere Geschütze auffahren, schließlich lassen sich die Zahnärzte alle Jahre wieder eine neue Putztechnik einfallen, die wirklich gegen Karies und Parodontose helfen soll. Vor etwa zehn Jahren wurde die Zahnseide eingeführt und es gab hitzige Debatten darüber, ob sie gewachst sein sollte oder nicht. Diese Diskussion wurde erst mit Einführung der Zwischenraum-Bürstchen beendet. Ich benutze sie pflichtbewusst und frage mich, was eigentlich aus der guten alten Munddusche geworden ist.
Sind die Zähne an der Vorder- und Rückseite, auf der Kaufläche und zwischen den Hälsen gesäubert, zupfe ich zunächst einmal stundenlang all die Härchen, die mir über Nacht an Stellen gewachsen sind, an denen ich sie nicht haben will. An der Oberlippe, am Kinn, am Hals. Die unter dem Kinn sind besonders lästig. Man sieht sie einfach nicht. Ich halte mir einen Spiegel unter das Kinn und versuche dann spiegelverkehrt, die feinen Härchen zu erwischen, die ich sehe. Das erfordert höchste Konzentration und Koordination.
Vor Jahren hat mir eine Freundin einen Vergrößerungsspiegel geschenkt. Er zeigt meine Poren in 5-facher Vergrößerung, was anfangs ein Schock war. Jetzt habe ich also ein „Vergrößerungsgläschen“ am Badezimmerspiegel. Man muss sich an vieles gewöhnen.
Seit neuestem nutze ich – wie vermutlich eine Million anderer Frauen auch - unter der Dusche sogar eine elektrische Gesichtsbürste, von der nach ihrer Markteinführung Oprah Winfrey einmal gesagt haben soll, sie hätte viel kleinere Poren, seit sie diese Bürste benutze. Das kann ein PR-Gag gewesen sein, und wenn, dann war es sicher ein gut bezahlter und äußerst erfolgreicher. Es kann aber auch wahr gewesen sein, und wenn dem so ist, dann will ich diese Chance keinesfalls ungenutzt lassen.
Während ich mit der Bürste über meine Gesichtspartien kreise, hat die Volumenpackung in meinem Haar Zeit, zu tun, wofür sie entwickelt wurde. Wieder außerhalb der Duschkabine und leidlich trocken, zupfe ich erst einmal die Härchen, die mittlerweile nachgewachsen sind.
Danach nutze ich den Entknitterer, streiche mir ein Serum ins Gesicht, klopfe eine Creme auf meine empfindliche Augenpartie, creme mein Gesicht mit einer weiteren Creme ein, massiere eine dritte Creme in Hals und Dekolletee ein und nutze für den Rest des Körpers eine straffende Bodylotion.
Während die Lotion einzieht, beginne ich damit, aus meinen Haaren eine Frisur zu formen.
Ich trage meine Haare übrigens in der klassischen mittleren Haarlänge - es ist eine Frisur, von der meine Friseurin einmal sagte, ich könne sie auch noch im hohen Alter gut tragen. Daraufhin habe ich die Friseurin gewechselt, die Frisur aber beibehalten.
Schließlich geht es an die Restauration meines Gesichts. Auch hier gibt es heutzutage so allerhand auf dem Markt und alles will probiert sein. Make-up verstopft noch immer die Poren, aber die neuen BB-Cremes sind auch nicht besser. Was pflegt, lässt die Haut glänzen. Also noch eine Schicht Puder darüber. Und ein wenig Rouge. Und Lidschatten und Eyeliner. Man trägt die Brauen jetzt dicker, also werden auch die Brauen bepinselt. Zu guter Letzt der Griff zur Wimpernzange, dann zur Wimperntusche und dann zum Lippenstift. Alles dauert wesentlich länger als früher. Dass man aber danach noch genauso gut aussieht wie früher, ist schlichtweg gelogen.
Mehr noch als erste Falten schreckt mich die Schwerkraft. Wann begannen meine Oberarme, mitzuwinken? Wann verlor meine Kinnpartie ihre fest umrissene Form? Wann war mein Gesicht nach unten gerutscht? Wann hatten sich Linien an meinem Hals gebildet, die an eine alte Matratze erinnern? Und hatte ich dabei nicht sogar Glück gehabt? War ich vielleicht besser dran als die Frauen, deren Kinn sich mittlerweile verdreifacht hat und die statt Lachfalten dicke Kissen um die Augenlider tragen?
Neben diesen Fragen nach den reinen Äußerlichkeiten stellen sich andere: Wann bin ich so dünnhäutig geworden? So gereizt und empfindlich? Wann wurde mein Ruhebedürfnis größer als meine Neugierde und Abenteuerlust? Wann wurde aus der energiegeladenen Powerfrau eine träge Mimose? Und wann fing ich an, bei leichteren Befindlichkeitsstörungen gleich das Schlimmste zu vermuten?
Da waren zum Beispiel dieses ewige Räuspern und die Tatsache, dass mir nach einem Vormittag in der Schule oft die Stimme wegblieb. Daran, dass mir oft die Spucke wegblieb, hatte ich mich im Laufe der Jahre gewöhnt, aber wenn die Stimme vor zwanzig pickeligen Jugendlichen versagt, quietscht und krächzt, ist das nur für die Pickeligen lustig. Dr. Google verriet mir, dass die Symptome allerlei bedeuten könnten.
Von einer harmlosen Stimmbandentzündung über Knötchen, Granulome, Lähmungen bis hin zum Stimmbandkrebs. Mir war mulmig und nicht zum ersten Mal kamen mir meine vierzig Packungsjahre Marlboro in den Sinn. Ich ließ mir einen Termin beim ersten HNO geben, den ich im Branchenbuch fand.
Er erwies sich als klein, gepflegt und sympathisch. Ich schilderte ihm meine Beschwerden und er nickte wissend. Mit einem Tuch hielt er meine Zunge fest, ließ mich so etwas Ähnliches wie A sagen und empfahl mir, zwischendurch zu atmen, während er meine Stimmbänder betrachtete. Dann ließ er meine Zunge los und von mir ab, rollte mit seinem Untersuchungsstuhl zurück in den normalerweise üblichen Grundabstand zweier sich fremder Menschen und fragte: „Sind Sie schon in den Wechseljahren?“
Nein, es waren keine Knötchen, kein Krebs, keine Entzündung. Es waren die Alterserscheinungen meiner in jahrelanger Schularbeit malträtierten Stimmbänder, die schlaff herumhingen, statt straff zu vibrieren und stets die Töne von sich zu geben, die ich ihnen verzweifelt entlocken wollte. Keine Hormone, kein...




