E-Book, Deutsch, 527 Seiten
Hashimi Das Licht von vierzig Monden
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-5570-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 527 Seiten
ISBN: 978-3-7325-5570-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Affäre, Ehebruch oder uneheliche Schwangerschaft - den meisten Insassinnen im Frauengefängnis von Kabul werden moralische Verbrechen zur Last gelegt. Doch bei Zeba ist das anders. Sie soll ihren Ehemann brutal erschlagen haben. Ist die dreifache Mutter wirklich eine kaltblütige Mörderin? Ihr Anwalt Yusuf, ein ehrgeiziger junger Mann mit amerikanischem Abschluss, ist von Zebas Unschuld überzeugt. Aber er kann diese nicht beweisen, solange Zeba ihm nicht anvertraut, was wirklich passiert ist ...
Nadia Hashimi wurde als Tochter afghanischer Auswanderer in New York geboren. Die afghanische Kultur ist ihr von klein auf vertraut, aber erst 2002 reiste sie zum ersten Mal selbst nach Afghanistan. In Massachusetts und New York hat sie Mittelost-Studien, Biologie und Medizin studiert. Heute lebt Nadia Hashimi mit ihrer Familie in Washington, D.C., wo sie als Kinderärztin arbeitet. Das Licht von vierzig Monden ist ihr dritter Roman.
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KAPITEL 2
Als Junge hätte Yusuf sich nie träumen lassen, dass er eines Tages Anwalt sein würde, schon gar nicht Anwalt in Amerika. Er war wie alle anderen Kinder und dachte kaum an die vielen Tage, die auf den nächsten Tag folgen würden.
Er konnte sich gut an die Nachmittage im Garten seines Großvaters erinnern, an das Rascheln der Blätter in den tief hängenden Ästen des Granatapfelbaums. Pralle rote Kugeln, die wie Schmuckstücke an ausgestreckten Armen hingen. Drei stolze Bäume trugen genug Früchte, um den Kindern und Enkelkinder von Boba-jan den ganzen Herbst hindurch die Finger rot zu färben. Yusuf pflückte gern die schwersten und rundesten Granatäpfel, die er erreichen konnte, und schlitzte mit einem Messer, das er aus der Küche seiner Großmutter stibitzt hatte, die ledrige Schale auf. Dann brach er die Kugel in der Mitte auseinander, ganz vorsichtig, damit keines der tiefroten Juwelen im Inneren entwischen konnte. Ein leichtes Schnippen des Fingers befreite jeden Kern von seiner dünnen weißen Hülle. Yusuf ging gewissenhaft, methodisch vor. Manchmal aß er die Perlen eine nach der anderen und ließ die Säure auf seiner Zunge zergehen, manchmal wiederum stopfte er sich eine Handvoll in den Mund und entlockte den faserigen Kernen den Saft, bevor er sie zwischen seinen Zähnen zermahlte.
Die Schalen warf Yusuf über die Lehmmauer, die den Hinterhof seines Großvaters von der Straße trennte, nicht weil es ihm verboten war, Granatäpfel zu essen, sondern weil er nicht wollte, dass seine Geschwister oder Cousins sahen, wie viele er verschlungen hatte.
Als jüngstes von vier Kindern vergötterte Yusuf seinen Bruder, der sechs Jahre älter als er war, ein hübscher und selbstbewusster Junge. Er liebte auch seine beiden Schwestern und setzte sich zu ihnen, wenn sie altbackenes Brot in ihren Händen zerkrümelten und es den dankbaren Spatzen und Tauben zuwarfen, die sich draußen vor ihrem Haus tummelten. Yusuf war ein Kind, das Geschichten liebte, ganz besonders solche, die ihn erschreckten oder überraschten. Wenn er schlief, träumte er davon, ein Held zu sein, der die Dschinn in den Dschungel jagte oder am Boden eines Brunnens einen Schatz fand. Manchmal war er in seinen Träumen sehr tapfer und rettete seine Familie vor schlimmen Bösewichten. Aber öfter, als ihm lieb war, wachte Yusuf auf einer Matratze auf, die feucht von Tränen der Angst war.
Als Yusuf elf war, entschied sein Vater, dass es an der Zeit wäre, Afghanistan zu verlassen. Die Raketen rückten immer näher an ihren Heimatort heran, ein Dorf, das die letzten zehn Jahre relativ unbeschadet überstanden hatte. Yusufs Mutter, die erst ein Jahr lang als Lehrerin gearbeitet hatte, bevor die Schulen geschlossen wurden, war froh über diese Entscheidung. Sie nahm einige wenige Gegenstände mit in ihr neues Leben: eine Handvoll Fotos, einen Pullover, den ihre Mutter gestrickt hatte, und einen kunstvoll gearbeiteten pfauenblauen Schal, den ihr Mann ihr am Anfang ihrer Ehe von einer seiner Reisen nach Indien mitgebracht hatte. Ihre Kupferkessel, ihre handgeknüpften purpurroten Teppiche und ihr silbernes Hochzeitstablett blieben zusammen mit einem Großteil ihrer Kleidung zurück. Yusufs Vater, ein Pilot, war seit Jahren nicht mehr geflogen, weil sämtliche Fluglinien eingestellt worden waren. Dennoch packte er all seine Diplome und Zertifikate ebenso ein wie die Zeugnisse seiner Kinder. Er war ein praktischer Mensch und klagte nicht darüber, dass alles andere zurückbleiben musste.
Die Reise von Afghanistan nach Pakistan war riskant. Die Familie überquerte Berge – manchmal im Dunkeln – und zahlte verdächtig wirkenden Männern hohe Summen Geld für ihre Hilfe. Alle vier Kinder, die im Alter nicht weit voneinander entfernt waren, duckten sich mit ihren Eltern in das Dunkel auf der Ladefläche eines Lastwagens, wenn sie felsige Anhöhen erklommen. Sie zitterten, wenn sie hörten, wie Schüsse in den Tälern widerhallten. Yusufs Mutter, die unter ihrer Burka stolperte, drängte sie zum Weitergehen und behauptete, die Gewehre wären zu weit entfernt, um ihnen etwas anhaben zu können. Und Yusuf hätte ihr vielleicht geglaubt, wenn ihre Stimme weniger gebebt hätte.
In Pakistan kam Yusufs Familie in einem Flüchtlingslager unter. Obwohl sie in Afghanistan alles andere als reich gewesen waren, stellte das Leben im Lager eine drastische Veränderung dar. Pakistanische Polizisten brüllten herum und wehrten jede Frage ab. Ständig mussten sie Schlange stehen, für Essen, Unterkunft und Dokumente, die in immer weitere Ferne zu rücken schienen. Sie lebten auf einem offenen Feld, einer Staubhalde voller Zelte und abgestumpfter Seelen. Sie schliefen Seite an Seite und versuchten, den Gestank von Armut, Scheitern und Verzweiflung zu ignorieren. »Müßiggang ist aller Laster Anfang«, ermahnte Yusufs Mutter ihre Kinder. Sie blieben für sich und sprachen mit niemandem im Lager über etwas anderes als die endlose Warterei und die unerträgliche Hitze. Im Flüchtlingslager würden sie nur vorübergehend bleiben, versicherten Yusufs Eltern. Schon bald würden sie bei ihren Verwandten in Amerika sein.
Wochen vergingen, und keine neuen Nachrichten erreichten sie. Yusufs Vater bemühte sich um Arbeit, aber die Fluglinien winkten verächtlich ab. Man wollte ihn weder als Mechaniker noch als Hilfsarbeiter einstellen. Entmutigt angesichts ihrer rapide schrumpfenden Mittel, nahm er einen Job als Ziegelmacher an.
»Würde hat nichts damit zu tun, welche Arbeit man macht«, erklärte er seiner Frau und seinen Kindern, die es nicht gewohnt waren, ihn in verdreckten, staubigen Sachen zu sehen. »Sondern damit, wie man sie macht.«
Aber als er sich den Lehm von den Händen wusch, ließ er die Schultern hängen. Yusufs Mutter biss sich auf die Lippen und legte in der kärglichen Privatsphäre ihres Zelts eine Hand auf seinen Arm. Die Würde war im Lager schwer aufrechtzuerhalten. Sie isolierten sich, so gut sie konnten, und hielten sich von allem, was vorging, fern: Hahnenkämpfe, Opiumrauch, der Mief ungewaschener Leiber und das Wehklagen um ein Kind, das einer Krankheit erlegen war.
Yusufs älterer Bruder arbeitete zusammen mit seinem Vater. Seine beiden Schwestern blieben bei ihrer Mutter, und Yusuf wurde in die Schule des Flüchtlingslagers geschickt, wo zwanzig Jungen unter einer Holzkonstruktion saßen, die auf drei Seiten offen war. Es gab eine verwitterte Tafel und einen Lehrer, der kleine geklammerte Hefte aus Dünndruckpapier verteilte. Yusufs Verwandte in Amerika beteuerten, sie würden alles tun, was nötig sei, um sie in die Vereinigten Staaten zu holen – sie mussten Formulare ausfüllen und Bankbelege vorweisen und engagierten sogar Anwälte, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten. Die Beamten des örtlichen Konsulats teilten Yusufs Vater mit, dass sein Antrag noch geprüft werde.
»Padar-jan, ich kann mit dir und Fazil arbeiten. Ich bin kein Kind mehr. Ich kann auch Geld verdienen.« Sie saßen in der Abenddämmerung in ihrem Zelt und tranken aus Schalen dünne Suppe, die seine Mutter über dem offenen Feuer gekocht hatte.
Yusufs Vater starrte auf den Boden, als erwarte er, er würde unter ihm nachgeben.
»Padar?«
»Yusuf-jan«, fiel seine Mutter ihm leise ins Wort. »Lass deinen Vater in Ruhe essen.«
»Aber ich will auch helfen, Madar-jan. Die Schule ist so überfüllt, und die anderen Kinder sind …«
»Yusuf.« Die unüberhörbare Schärfe in ihrer Stimme ließ ihn verstummen.
Yusufs Vater legte sich an jenem Abend zu Bett, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
Die Wochen wurden zu Monaten. Mit sinkendem Mut beobachteten sie, wie immer mehr Familien in das Lager strömten. Als sie endlich die Nachricht erhielten, dass sie Einreisevisa für die Vereinigten Staaten bekommen würden, vergrub Yusufs Mutter ihr Gesicht an der Brust ihres Mannes, um ihr Schluchzen zu ersticken. Die Hartnäckigkeit von Yusufs Onkel Rahim hatte sich ausgezahlt. Sie gehörten zu den wenigen Glücklichen, die das Lager hinter sich lassen konnten. Aber noch Jahre später lastete die Erinnerung auf ihnen, am schwersten auf Yusufs Vater, der nie mehr so aufrecht ging wie in der Zeit, als er in ihrem Dorf ein arbeitsloser Pilot gewesen war.
Yusufs Familie ließ sich in New York nieder, in Queens, der Zuflucht der in der Diaspora lebenden afghanischen Gemeinde. Alles wirkte überwältigend auf sie: die hohen Gebäude mit ihren Fahrstühlen, die Menschenmassen, die zur Arbeit strömten, das Wasser, das zuverlässig aus dem Hahn floss, die Lebensmittelgeschäfte mit einem Angebot so reich, dass Obst und Gemüse auf die Bürgersteige zu quellen schienen. Die Wiedervereinigung mit ihrer Familie war von unendlich vielen Umarmungen begleitet, von Tränen und üppigen Mahlzeiten mit viel Fleisch. Sie kamen in der Drei-Zimmer-Wohnung eines Onkels und seiner Familie unter, bis sie finanzielle Hilfsmittel beziehen, Arbeit finden und schließlich eine eigene Wohnung mieten konnten. Yusuf und seine Schwestern wurden bei einer Schule angemeldet. Sein Vater und Fazil arbeiteten im Pizzaladen von Kaka Rahim.
Sitara, Yusufs älteste Schwester, verliebte sich direkt nach ihrem Highschool-Abschluss, in einen jungen Afghanen, der im selben Haus wohnte. Blickkontakte im stickigen Fahrstuhl wurden zum Flirt und in weiterer Folge zu gestohlenen Augenblicken im feuchten Waschraum im Keller. Yusufs Eltern schärften ihrer Tochter ein, sich von dem Jungen fernzuhalten, der einen Teilzeitjob als Kassierer in einer Bank hatte und dessen Eltern einer anderen ethnischen Gruppe angehörten. Türen wurden zugeknallt, Telefonate abgefangen, böse Blicke gewechselt. Wie nicht anders zu erwarten, steigerte das nur noch...




