E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Hartz Die Erben Roms
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96148-440-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-96148-440-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Cornelius Hartz wurde 1973 in Lübeck geboren und promovierte in klassischer Philosophie. Heute lebt er in Hamburg und ist dort als freier Autor, Übersetzer und Lektor tätig. Er veröffentlichte bereits zahlreiche Romane, Krimis und Sachbücher. Daneben begleitet und fördert er im Literaturlabor Wolfenbüttel junge Schriftstellertalente. Bei dotbooks erscheint von Cornelius Hartz der historische Roman »Die Erben Roms«.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
Keinen, sagt mein Mädchen, wolle sie lieber heiraten
Als mich, nicht einmal Jupiter, wenn er um ihre Hand anhielte.
Sagt sie: Doch was eine Frau dem begierigen Liebhaber flüstert,
Das gehört in den Wind geschrieben und ins reißende Wasser.
Catullus, 70. Gedicht
Catullus wurde, anders als die meisten anderen Mitglieder unserer Gruppe, nicht in Rom geboren, sondern in Norditalien, drei Jahre, bevor ich selbst auf die Welt kam. Die Familie Valerius war eine der reichsten und angesehensten in Verona. Vater Titus gehörte in ungezählter Generation dem Ritterstand an und war Besitzer eines großen Landgutes auf der Halbinsel Sirmio am südlichen Ufer des Sees Benacus. Dass Catullus so detailreich über seine eigene Geburt zu berichten wusste, ist der engen Bindung an seine Amme zu schulden, die diese Ereignisse noch viele Jahre später wiederzugeben wusste.
Es war bereits dunkel am achten Mai, etwa um die sechzehnte Stunde, und rußige Fackeln erleuchteten das Zimmer im Erdgeschoss des Hauses, in dem die Hausherrin Cassia bereits seit mehreren Stunden die Schmerzen werdenden Lebens erduldete. Sie befand sich nicht im eigenen Schlafzimmer, sondern auf Geheiß der Amme Ausonia in einem Raum, der näher an der Küche lag.
»Clio, hol uns noch ein paar feuchte Tücher, und stell einen neuen Topf auf das Herdfeuer! Und sag Noscus, er soll das Beißholz bringen!«
Die Schreie der Mutter hallten von den nackten Wänden des kleinen, halbdunklen Raumes wider, in dem gewöhnlich die Sklaven schliefen; ein bequemes, großes Bett war aufgestellt worden, in dem das Kind zur Welt kommen sollte.
Der Sklave Noscus, ein groß gewachsener Schwarzer aus Nubien in Afrika, der mindestens dreihundert Pfund wog, war noch nicht lange im Hause Valerius; er war ein Geschenk einer befreundeten Familie zum fünfundzwanzigsten Geburtstag der Mutter im Herbst des vorletzten Jahres gewesen, und er war der lateinischen Sprache immer noch nicht besonders mächtig. Noscus sprach nicht viel, und man sprach nicht viel mit ihm – noch dazu stammten alle anderen Sklaven aus dem östlichen Teil des Reiches und unterhielten sich untereinander in der griechischen Sprache. Vielleicht konnte er inzwischen sogar besser Griechisch als Latein?
Immerhin, er brachte, was Ausonia ihm aufgetragen hatte: das Beißholz.
»Noscus, steck ihr das Holz zwischen die Zähne und halte ihre Arme nach hinten! Nein, nein, nein – die Arme! Nach hinten! So!«
Ausonia musste ihren Platz am Fußende des Bettes verlassen und Noscus zeigen, was sie von ihm wollte, bis er schließlich begriff.
»Bei Valetudo, wie werden denn bei euch in Afrika die Kinder zur Welt gebracht?«
Noscus antwortete nicht. Wahrscheinlich hatte er die Frage gar nicht verstanden. Die Geburtshilfe gehörte nicht gerade zu seinen gewohnten Tätigkeiten im Haus.
Plötzlich ging die Tür zum Atrium auf, und der Vater, Titus Valerius, stand mit ungeduldigem Gesichtsausdruck auf der Schwelle: »Was sollen die ganzen Tücher, Ausonia, und was soll der Topf auf dem Herd? Meinst du, ich habe Brennholz zu verschenken? Und meinst du, die Tücher können hinterher noch zu irgendetwas anderem verwendet werden, als dass wir sie ebenfalls in den Ofen stecken? Und überhaupt: Was dauert das so lange?«
»Herr, bitte lasst mich meine Arbeit verrichten!«, zischte Ausonia ungeduldig. »Carmenta, Vesta, Valetudo und Juno werden diese Geburt beschützen, und dass das Wasser auf dem Herd kocht, ist eine alte Tradition meiner Familie und dient dazu, die Tücher der Göttin der Gesundheit zu weihen. Wenn Ihr den Beistand der Götter nicht wollt, dann ist dies Eure Sache, aber erwartet nicht von mir, das Leben, das nun bald in unsere Welt tritt, vor den Augen der Unsterblichen abzuschirmen!«
Titus Valerius blickte sie erzürnt an und wollte seine Stimme erheben, besann sich aber und ging wieder hinaus. Ausonias Blick ging sofort zu Cassia, und sie zuckte bei deren Anblick zusammen: Ihre Augen waren verdreht, so dass man nur das Weiße sah, und aus ihrer Kehle kam ein hohl klingendes Gurgeln. Beides erinnerte sie an das Lamm, das sie am vorigen Tag zu Ehren der Juno, der obersten Göttin, geopfert hatte. Genauso hatte es geschaut und eben solche Laute hatte es von sich gegeben, als ihm die Kehle durchgeschnitten wurde.
Dass die Geburt nach langem Warten nun endlich eingeleitet worden war, führte sie auf nichts anderes zurück als auf dieses Opfer. Und so konnte die Amme auch Cassias unmenschliches Erscheinungsbild schließlich nur als Zeichen für die Anwesenheit göttlicher Kräfte deuten, was sie zumindest fürs Erste beruhigte. Sie tupfte ihrer Herrin den Schweiß von der Stirn und redete eindringlich auf sie ein.
Doch obwohl die Wehen Cassia immer heftiger schüttelten, ließ das Kind auf sich warten.
»Pressen müsst Ihr, pressen, pressen! Lasst das Kind heraus, Herrin, betet zu den Göttern, bittet um ihren Beistand!«
Doch auf den Glauben der Mutter schien Ausonia ebenso wenig zu vertrauen wie auf den ihres Herren, denn nun begann sie selbst mit ihrer kräftigen Stimme den Raum zu füllen und sprach die über Jahrhunderte überlieferten Gebete: »Mögen die Götter dich lieben und dich immer bewahren; die Götter und Göttinnen mögen mit dir sein; unsterbliche Götter, bei Meer, Erde und Himmel beschwöre ich euer Vertrauen; mögen die Götter dir wohlgesonnen sein und deine Söhne beschützen!«
Cassias Fersen gruben sich in die Decken, Noscus hatte Mühe, sie zu halten, ihre Schreie wurden lauter, obwohl sie so fest auf das runde Stück Holz in ihrem Mund biss, dass ihre Zähne sich bereits einzugraben begannen; man hörte die lauten Gebete der Amme kaum.
Und dann, mit einem Mal, war es wieder still im Raum. So still wie unterhalb der Villa am Ufer des Sees, wenn in einer dunklen windstillen Sommernacht nicht einmal ein leises Plätschern des Wassers die Stille zu stören vermag – bis einen ein Kauz mit seinem Schrei aus den Gedanken reißt und man meint, dieses Tier sei geradewegs aus der Unterwelt gekommen, allein dazu, einen mit seinem Ruf zu erschrecken.
Genauso vernahm man nun in dem kleinen Raum das leise Wimmern eines Kindes, das anschwoll und immer lauter wurde, während Ausonia den kleinen Gaius Valerius Catullus hochhob, mit einer silbernen Schere die Nabelschnur durchschnitt, ihn säuberte, in ein Tuch wickelte und ihn gleich darauf auf den Boden legte, auf eine eigens bereitgelegte Samtdecke. Schließlich gebietet die Tradition es, dass das Neugeborene auf die Erde gelegt wird und der Vater es hochhebt, um es damit als sein eigenes Kind anzuerkennen. Und auch wenn der Hausherr nicht viel von solchen Traditionen hielt, wenn sie ihm nicht gerade bei seinen Geschäften nützten: Ausonia würde so handeln, wie man sie es gelehrt hatte.
Titus Valerius öffnete die Tür, in der Hand eine große, reich verzierte Öllampe aus Messing, die das spärlich beleuchtete Zimmer nur wenig mehr erhellte als die rußigen Fackeln an den Wänden. Doch anstatt in freudigen Jubel auszubrechen, blieb er stumm.
Cassia keuchte ein letztes Mal.
Ausonia rief nicht aus vollem Halse: »Es ist ein Junge, ein Junge ist geboren!«
Der Afrikaner Noscus ließ die Arme seiner Herrin los, ohne zu merken, dass diese sich nicht mehr bewegte.
Alle starrten sie ungläubig auf das neugeborene Kind, das auf der Samtdecke lag. Alles, was zu hören war, war das Schreien des jungen Catullus, und keiner der Anwesenden wagte, sich zu rühren. Das lag an dem Anblick, der sich ihnen bot, an dem kleinen Gesicht, das aus dem weißen Leinentuch schaute, in das die Amme das Kind gewickelt hatte.
Das Kind war schwarz.
Ob nun die Zeit eines Atemzugs oder eine Viertelstunde vergangen sein mag, konnte später niemand mehr sagen. Sicher ist nur, was als Nächstes geschah: Der Hausherr ging mit leeren Augen zur Samtdecke am Fuße des Bettes, und ohne sich bewusst zu sein, welche Bedeutung seine Handlung hatte, hob er das Kind hoch und musterte ausdruckslos das kleine Gesicht, das im Zwielicht der Fackeln dunkel glänzte.
Dann wanderte sein Blick über das Bett, in welchem Cassia sich noch immer nicht rührte, über die anwesenden zwei griechischen Sklavinnen, über Ausonia, der er nun fast beiläufig das Kind in den Arm legte, und blieb auf dem großen schwarzen Sklaven Noscus hängen.
Er schüttelte den Kopf, als käme er nach langer Ohnmacht endlich wieder zur Besinnung und sah nun auf die große Messinglampe, die er auf dem Tisch neben dem Bett abgestellt hatte, auf dem noch einige Tücher dampften.
Schließlich öffnete er den Mund und schrie: »Periskos! Thermiodos! Paistos! Kommt sofort her!«
Die Tür öffnete sich beinahe augenblicklich, und die drei großen makedonischen Sklaven erschienen.
»Haltet ihn fest!«, schrie Titus und deutete mit zitterndem Finger auf Noscus.
Die Sklaven taten, wie ihnen befohlen war. Je einer hielt Arm und Schulter des Schwarzen fest, während der dritte seinen Arm fest um Noscus' Hals legte. Dieser wehrte sich nicht. Titus Valerius nahm die brennende Lampe in beide Hände und ging langsam am Bett vorbei zu Noscus, bis er direkt vor ihm stand. Er hob die Arme über den Kopf, holte aus und schlug dem Sklaven mit der ganzen Kraft seiner Arme die schwere Messinglampe ins Gesicht. Aus Noscus' gebrochener Nase floss ein Schwall dunkelroten Blutes. Er gab keinen Ton von sich. Titus hob ein weiteres Mal die Lampe hoch und ließ sie nun direkt auf Noscus' Schädel niederfahren.
Der Sklave sackte zusammen, doch die anderen Sklaven hielten ihn weiterhin fest. Sie wendeten jedoch ihre Augen ab, während Titus unter seinen Schlägen von rasender Wut gepackt schrie: »Du Monster! Ich werde dich töten und deinen Körper den Hunden in der Gosse zum...




