Hartung | Museen und Geschichtsunterricht | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 178 Seiten

Hartung Museen und Geschichtsunterricht


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-17-024931-8
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 178 Seiten

ISBN: 978-3-17-024931-8
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Besuch eines historischen Museums ist für Schülerinnen und Schüler ein eindrückliches Erlebnis, weil dieser Geschichte erfahrbar werden lässt. Dieses Buch möchte Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler für einen Museumsbesuch begeistern und zugleich erläutern, wie ihnen ein kritisches Bewusstsein beim Museumsbesuch vermittelt werden kann. Zentrale Fragen des Buches sind, wie Museen Geschichte präsentieren, welche Konzepte hinter der Präsentation von Ausstellungen und Einzelobjekten stehen und wie Schule und Museum miteinander interagieren können. In diesem Buch treffen daher theoretische Ausführungen auf didaktische und praktische Ratschläge. Die innovative Anlage des Bandes sowie der hohe Praxisbezug machen es zu einem wertvollen Lehrbuch.

PD Dr. Olaf Hartung ist Akademischer Rat für Theorie und Didaktik der Geschichte an der Universität Paderborn.
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Schule und Museum – Zwei ›ungleiche Schwestern‹


»Das erste Problem ist der Begriff Museum an sich. Können wir ihn sinnvoll im Singular verwenden oder müssen wir im Sinne der Klarheit zwischen verschiedenen Museumstypen nach Größe, Lage, Status, Trägerschaft und Funktion differenzieren?«51

Das Verhältnis zwischen Museum und schulischem Unterricht ist nicht selten ambivalent bis distanziert: Obgleich viele Museen um Schülergruppen als Besucher werben, möchten sie in der Regel nicht auf die Funktion einer ›Lehranstalt‹ oder gar einer ›verlängerten Schulbank‹52 reduziert werden. Ausstellungsmacher folgen nur sehr ungern der Logik schulunterrichtlicher Lernziele bzw. kompetenzorientierten Unterrichtens. Vielmehr versuchen sich viele Museen bewusst von den öffentlichen Regelschulen abzugrenzen, indem sie sich selbst als Orte informellen Lernens und Schulen gemeinhin als Einrichtungen formellen Lernens bezeichnen.53 Dem Handbuch Museologie zufolge bestehe der wesentliche Unterschied zwischen Schulunterricht und Museum vor allem darin, dass in den ersten »pflichtgemäß« und in das zweite »(relativ) freiwillig« gegangen werde.54 Wo im Museum die Selbstbestimmtheit der Nutzer an erster Stelle stehe, übe die Schule »Macht« über die Schüler aus.55 Das ausgeprägte Bedürfnis einiger Museologen nach Abgrenzung vom Schulbetrieb mündet bisweilen sogar in der merkwürdigen Tautologie »Museum ist Museum, Schule ist Schule«.56

Eine solche dichotome Sicht auf Museen und schulischen Unterricht erscheint jedoch aus bildungswissenschaftlicher Perspektive problematisch. So steht sie in einem gewissen Spannungsverhältnis zu den Ansprüchen derjenigen, die Lehren und Lernen als etwas Absichtsvolles, methodisch Geregeltes und insofern als etwas Formelles begreifen. Der Blick zurück in die Beziehungsgeschichte beider Einrichtungen deutet nicht ohne Grund auf ein eher enges Verhältnis zwischen Museum und Schule. Bereits in den bürgerlichen Museumsvereinen der Aufklärungszeit spielten vor allem Lehrer eine entscheidende Rolle. Nicht wenige Heimat- oder Stadtmuseen verdanken ihre Gründung der Initiative von Pädagogen. An manchen Orten wurden Museen und Schulen sogar wechselseitig zum Bestandteil des jeweils anderen, wobei Schulen seltener zum Bestandteil von Museen, als umgekehrt Museen zu Bestandteilen von Fachschulen und Universitäten wurden, indem diese z. B. eigene Lehrsammlungen aufgebaut haben. Zum ersten Typ zählen insbesondere die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingerichteten Gewerbemuseen, denen die Aufgabe oblag, die kunstgewerblichen Fähigkeiten von Industrie und Handwerk anhand von Vorbildersammlungen zu fördern.57 Ihnen war in der Regel eine Lehr- und Unterrichtsanstalt angeschlossen. Ein berühmtes Beispiel für die seltenere Form der Inklusion ist das im Deutschen Museum in München integrierte Kerschensteiner Kolleg,58 das schon früh eine Art Public understanding of Science oder Research betrieb. Georg Kerschensteiner, der seine Bekanntheit nicht zuletzt seinem Arbeitsschulkonzept verdankt, vertrat auch in Bezug auf Museen eine dezidiert didaktische Position: Die »Organisation eines Museums, das durch Erkennen bilden will«, könne kaum etwas anderes sein, »als eine Lehrplan-Konstruktion, nur daß hier die Konstruktion nicht wie in den Schulen mit dem Schatten der Dinge, nämlich mit den Worten, sondern mit den Dingen selbst arbeitet.«59 Die zahlreichen Verbindungen zwischen Museum und Schule insbesondere seit reformpädagogischer Zeit beflügelten nicht nur die Professionalisierung musealer Bildungsarbeit, sie führten sogar zur Ausbildung einer eigenen museumswissenschaftlichen Subdisziplin: der Museumspädagogik. Diese hat bis heute in eigentlich jedem besseren Museum mit eigenem Personal Einzug gehalten, wobei sie neuerdings auch u. a. Namen auftritt: Besucherservice, Museumskommunikation oder Kulturvermittlung.

Die Zuschreibungen ›informelles‹ und ›formelles‹ Lernen erscheinen in der Praxis kaum hinreichend, um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie das Verhältnis zwischen dem Lernen im Museum und im Schulunterricht kategorial zu beschreiben. Jedenfalls zeigt die Erfahrung, dass die feinsinnige Abgrenzung zu »einem mehr oder weniger geplanten, mehr oder weniger beabsichtigten oder bewussten nicht institutionalisierten Lernen« nicht immer leicht fällt.60 Viele Besucher kommen weder allein noch gelegentlich ins Museum, sondern besuchen Ausstellungen regelmäßig und gemeinsam mit Gleichgesinnten, um sich dort unmittelbar über das Gesehene auszutauschen. In den Besuchsstatistiken vieler Museen fallen zudem auch und gerade die Nutzergruppen ins Gewicht, die als Schulklassen, Fortbildungsseminare, Lerngruppen der Erwachsenenbildung, Bildungsreisegruppen oder Vereinsausflügler die Ausstellungen aufsuchen, um dort sehr wohl unter Anleitung zu lernen. Grundsätzlich gilt, dass auch in Museen Lernprozesse formalisiert ablaufen können, sofern sie zu diesem Zweck genutzt werden, und auch informelle Lernprozesse organisiert und auf ein Ziel ausgerichtet sein können, selbst wenn sie wie in den meisten Fällen nicht intentional sind. Es ist heute im Kontext des sogenannten ›lebenslangen Lernens‹ sogar möglich, auch solche Lernergebnisse für Zertifizierungen angerechnet zu bekommen, die in informellen Lerngelegenheiten erzielt wurden.61

Das Verhältnis zwischen Schulunterricht und Museum ist im Hinblick auf das Lernen keinesfalls als trivial anzusehen, weshalb es sich einmal mehr lohnt, diesem Verhältnis genauer auf den Grund zu gehen: Was genau verbindet Museen und Schulen und was unterscheidet sie? Antworten auf diese Frage versuchen u. a. solche Organisationen und Verbände zu geben, die sich dafür aufgrund ihrer Profession für zuständig erklären. Dies sind für Deutschland insbesondere der Deutsche Museumsbund, der Fachverband für Kunstpädagogik, der Bundesverband Museumspädagogik sowie die Bundeszentrale für politische Bildung. Zusammen haben die Verbände mit der Stiftung Mercator eine Broschüre herausgegeben,62 die trotz der erklärten Absicht, die Zusammenarbeit zwischen Schule und Museum zu fördern, vor allem die Unterschiede beider Einrichtungen betont:

»Museen und Schulen entstammen zwar verwandten, aber dennoch unterschiedlichen Kontexten, sie verkörpern zugleich ähnliche wie verschiedene Kulturen und haben andere Entstehungsgeschichten. Sie ›ticken‹ unterschiedlich und haben jeweils spezifische Vorstellungen von Bildung und der Vermittlung von Werten. Schulen gelten oft als langweiliger als Museen, werden aber meist ernster genommen. Museen gelten als Orte der Kontemplation und stehen scheinbar im Kontrast zu dem oft ›expressiven‹ Verhalten« von Schülern, die sich zwischen Meissner Porzellan drängen, in Gemäldegalerien den Alarm auslösen und laut zwischen naturwissenschaftlichen Versuchsaufbauten streiten.«63

Die Beschreibung der Museumsverbände gestattet einen Einblick in die Praxis der oft von Museologen postulierten Zwanglosigkeit des Museumsbesuchs. Zeigt sie doch, dass die oft behauptete Autonomie der Museumsbesucher zumindest im Hinblick auf die Schülerinnen und Schüler relativiert werden muss. Denn deren Bedürfnisse und Verhalten wird hier als ›scheinbar‹ gegensätzlich zum museal-kontemplativen Habitus gesehen. Museen bieten Schülerinnen und Schülern selten Raum zum Selbstausdruck. Einerseits heißt es zwar, die Museen verfolgen andere Vorstellungen von Bildung und der Vermittlung von Werten als Schulen, andererseits scheint jedoch das Stillhalten vor den Exponaten dem Stillhalten auf der Schulbank nicht allzu weit nachzustehen. Dies lässt vermuten, dass nicht nur Schulen, sondern auch Museen auf die Vermittlung sogenannter Sekundärtugenden Wert legen und die freie Selbstbildung, Selbstbestimmung und Spontanität in der Museumsrealität schneller an Grenzen stößt, als viele Museologen sie postulieren können.

Dass die Unterschiede zwischen beiden Einrichtungen oft gar nicht so fundamental sind, wie bisweilen behauptet wird, darauf deutet auch die Museumsdefinition des International Council of Museums,64 der zufolge sich Museen ebenso wie Schulen als öffentliche Einrichtungen verstehen, die gemeinnützigen Zwecken dienen und rein kommerzielle Strukturen oder Funktionen weitgehend negieren. Wie Schulen erhalten die meisten Museen Subventionen aus öffentlichen Mitteln, orientieren sich konzeptionell mehr oder weniger stark an den jeweiligen Fachdisziplinen, verfügen über eine professionelle bzw. fachliche Leitung und verfolgen einen eindeutigen Bildungsauftrag. Der einzige, wenngleich...


PD Dr. Olaf Hartung ist Akademischer Rat für Theorie und Didaktik der Geschichte an der Universität Paderborn.



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