Hartlieb | Sommer in Wien | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Hartlieb Sommer in Wien

Roman

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-8321-8449-0
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der letzte Sommer der Belle Époque
Der berühmte Dichter Arthur Schnitzler verbringt mit seiner Familie die Sommerfrische auf der mondänen Adria-Insel Brioni. Und Marie, das Kindermädchen der Familie, reist mit. Doch obwohl sie zum ersten Mal am Meer ist, sind ihre Gedanken in Wien. Oskar Nowak, der junge Buchhändler aus der Währinger Straße, geht ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ob sie als Paar eine Zukunft haben?
Wenig später befindet sich nicht nur Maries Herz, sondern die ganze Welt in Aufruhr. Der Erste Weltkrieg stellt alles infrage, was bisher sicher schien …
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Juli 1912 MARIE STAND AM STRAND, ein paar Meter vom Wasser entfernt, und konnte den Blick nicht abwenden. Minutenlang bewegte sie sich nicht und schaute zum Horizont. Das Wort »endlos« kam ihr in den Sinn, und da erinnerte sie sich an einen Moment in ihrer Kindheit. Sie war sieben oder acht Jahre alt gewesen und hatte das erste Mal mit den Eltern und den Geschwistern die Christmette in der weit entfernten Kirche besucht. An der Hand ihrer Mutter war die kleine Marie spät in der Nacht durch den Schnee gestapft. Drei Tage vor Weihnachten hatte es zu schneien begonnen, alles war weiß, und ein heller Mond ließ die Felder strahlen. Es war bitterkalt. Irgendwann blieb Marie stehen, legte den Kopf in den Nacken und blickte starr nach oben, und je länger sie schaute, desto mehr Sterne wurden es, und der Himmel war so groß, dass ihr ganz schwindlig wurde. Damals hatte sie das erste Mal das Wort »endlos« gedacht, sie konnte sich noch gut daran erinnern. Sie wunderte sich, dass sie dieses Wort schon gekannt hatte, war ihre Welt doch um so vieles kleiner gewesen, als sie es heute war. Man konnte nicht erkennen, wo das Wasser aufhörte und der Himmel anfing. Was war wohl auf der anderen Seite des Wassers? Amerika? Afrika? Marie versuchte, sich an die Landkarte zu erinnern, die Herr Stock ihnen in dem großen Buch in der Buchhandlung gezeigt hatte. Sie würde Heini fragen, der wusste es bestimmt. Lachen würde er und sich freuen, dass er wieder einmal klüger war als sie, und Marie würde stolz auf ihn sein, als wäre er ihr eigener Sohn. Heini und Lili waren wie ausgewechselt, seit sie am Meer waren. Wie junge, ausgelassene Hunde tobten sie über den Strand. Sie hatten die Schuhe ausgezogen, plantschten mit den Füßen im Wasser, und Lili versuchte, über die kleinen Wellenkämme zu hüpfen. »Geht nicht so weit rein, Kinder! Ihr macht euch schmutzig.« Maries Rufe verhallten ungehört, und sie hoffte, dass sie die nassen Kinder unbemerkt an der gnädigen Frau vorbeischmuggeln konnte, um sie fürs Mittagessen umzuziehen. Besonders Heini erweckte den Anschein, als wäre ein großes Gewicht von seinen Schultern genommen. Er wirkte viel jünger als noch vor ein paar Wochen, seine Augen leuchteten, und Marie war froh, ihn so glücklich zu sehen. Anfang Juni hatte die schriftliche Aufnahmeprüfung für das Gymnasium stattgefunden, und obwohl er ein guter Schüler war, war er sehr aufgeregt gewesen. »Und wenn ich es nicht schaffe?«, hatte er immer wieder gefragt. Besonders das Rechnen fiel ihm schwer, wusste Marie. Und dass es für seine Eltern selbstverständlich war, dass der Bub aufs Gymnasium gehen würde, machte die Sache für ihn nicht leichter. Ein paarmal, kurz bevor er sein Nachtlicht ausschalten und schlafen sollte, rief er Marie an sein Bett und sagte: »Wenn ich es nicht schaffe, dann ist der Vater ganz enttäuscht und die Mutter bös auf mich.« »Aber Heini! Wie kommst denn nur auf die Idee? Warum sollst du es nicht schaffen? Du bist doch so ein gescheiter Bub! Wenn du nicht aufs Gymnasium gehst, wer denn dann?« »Glaubst du?« »Aber sicher. Und jetzt schlaf.« »Warst du auch auf dem Gymnasium?« »Ich?« Marie lachte. »Nein, du Dummerchen. Bei uns gab es kein Gymnasium. Ich musste schon arbeiten, wie ich so alt war wie du.« »Ich muss aber auch arbeiten. Rechnen und schreiben und Gedichte auswendig lernen. Und Klavier üben muss ich auch noch.« »Ja, das stimmt. Du musst auch arbeiten. Und jetzt schlaf gut, mein Lieber.« »Und, Marie?« »Ja, Heini?« »Ich hab’s dir schon so oft gesagt: Es heißt nicht ›wie‹. Du musst sagen: ›als ich so alt war wie du‹.« »Das lern ich nie. Und du schlafst jetzt!« Natürlich hatte er es geschafft – gleich im ersten Anlauf und ohne zusätzliche mündliche Prüfung. Doch noch Tage nach der Prüfung wirkte Heinrich erschöpft und müde und konnte sich gar nicht so recht über seinen Erfolg freuen. Ein wenig blühte er auf, als ihm die Eltern mitteilten, er würde für eine Woche mit ihnen nach Vöslau fahren. »Der Onkel Julius hat Geburtstag«, erzählte er Marie. »Und ich darf mit. Ich wohne bei Tante Helene und meinen Cousins. Und die Lili bleibt da. Die ist zu klein.« »Bin nicht klein!«, empörte sich Lili prompt und stampfte zornig mit dem Fuß auf. Wütende Tränen traten ihr in die Augen. Gelassenheit war nicht ihre größte Stärke. »Ja, aber weißt du, die Eltern wohnen im Hotel und ich bei Tante Helene. Und die Marie darf auch nicht mit. Deswegen musst du dableiben. Aber danach fahren wir ja alle zusammen in den Urlaub.« »Ich auch?« Lili sah den großen Bruder erwartungsvoll an. »Jetzt erzähl doch deiner Schwester keine Geschichten.« Marie blickte Heini streng an. »Ja, natürlich, du auch. Wir fahren doch ans Meer! Der Vater hat’s gesagt. Weißt du das noch nicht? Wir alle! Vater, Mutter, Lili, du und ich.« Heini war richtig laut geworden. »Das weiß ich nicht. Jetzt beruhig dich doch mal! Wann denn?« Heini legte den Kopf schief, runzelte die Stirn und sah ein wenig aus, als machte er sich Sorgen, dass der versprochene Urlaub vielleicht doch nicht stattfinden würde, weil Marie von nichts wusste. »Na, in den Ferien. Wir fahren ans Meer. Gaaaanz lange! Auf eine Insel, da kommt man nur mit dem Schiff hin. Und wir wohnen im Hotel, und die Insel gehört einem Mann, den kennt der Vater, und wir werden meinen zehnten Geburtstag da feiern.« »Und wer sagt dir, dass ich mitkommen werde?« »Na, du musst mitkommen. Du bist doch unser Fräulein! Wer soll denn sonst auf uns aufpassen? Also auf mich muss man ja nicht mehr aufpassen, aber auf die Lili.« »Also zu mir hat keiner was gesagt, bis jetzt. Und jetzt packen wir deine Sachen für Vöslau.« »Frag mal die Anna, die weiß bestimmt, ob du mitfährst. Sicher fährst du mit! Und außerdem mag ich gar nicht so gerne nach Vöslau. Hans und Karl sind schon fast erwachsen, die reden eh nicht viel mit mir, und die Elly ist ein dummes, kleines Mädchen.« Den ganzen Nachmittag überlegte Marie, ob sie wohl den Herrn Doktor auf diesen Urlaub ansprechen sollte, vielleicht bildete der Heini sich da etwas ein oder es war sonst irgendein Missverständnis. Sie konnten doch nicht einfach so weit weg fahren, ohne ihr das vorher zu sagen? Schließlich fragte sie die Köchin, und die sagte lachend: »Ja sicher, Herzchen! Die brauchen dich doch da.« Als Heinrich mit den Eltern nach Vöslau abreiste, fühlte sich Marie geradezu erleichtert. Die Herrschaften waren weg, nur Lili blieb in ihrer Obhut, und auch wenn die Kleine sehr lebhaft, ja manchmal geradezu anstrengend war, hatte Marie doch bedeutend mehr Freiheiten, wenn sie nur das eine Kind beaufsichtigen musste. Sie verwöhnte die Kleine: Marie erlaubte ihr, in der Früh im Schlafanzug zu trödeln, am Abend durfte sie länger aufbleiben, und Anna kochte nur Dinge, die Lili sich wünschte. Die ganze Zeit überlegte Marie, ob sie es wagen sollte, zu Oskar in die Buchhandlung zu gehen. Schließlich wollte sie nicht, dass die Herrschaften dachten, sie würde ihre Abwesenheit für amouröse Verabredungen ausnutzen – besonders der gnädigen Frau war die Bekanntschaft zwischen dem jungen Buchhändler und ihrem Kindermädchen ein Dorn im Auge. Und nachdem die kleine Lili die Buchhandlung liebte und ihrem Oskar seit einem gemeinsamen Zoobesuch sehr zugetan war, war Marie sicher, dass die fast Dreijährige ihren Eltern bei deren Rückkehr brühwarm erzählen würde, dass sie in der Buchhandlung gewesen seien. Also ließ sie es lieber bleiben, ging mit Lili in den Türkenschanzpark und auf der Währinger Straße Kuchen essen. An der Buchhandlung ging sie bei diesen Gelegenheiten rasch vorbei und warf nur einen kurzen Blick durch die Schaufenster. Doch Oskar war nirgendwo zu sehen. Vielleicht konnte sie ja noch ein paar Besorgungen machen, wenn Heini mit den Eltern wieder da war, dann würde sie Oskar vor der Abreise auf diese Insel noch kurz sprechen. Ansonsten würde sie ihm in jedem Fall einen Brief schreiben. Und tatsächlich – nach ihrer Rückkehr aus Vöslau hatte die gnädige Frau glücklicherweise eine ganze Liste mit Erledigungen, die Marie übernehmen sollte: Die Kleidung der Kinder musste in Ordnung gebracht werden, für die kleine Lili sollte sie einen Badeanzug besorgen und noch einiges mehr. Die beiden waren so aufgeregt, dass Marie sie nur schwer bändigen konnte. »Hast du auch einen Schwimmanzug, Marie?« Lili sprach seit Tagen von nichts anderem als von ihrem neuen Badeanzug und davon, wie sie damit ins Wasser springen würde. »Wie ein Fisch werde ich dann schwimmen, Marie. Schau, so!« Und dann hüpfte sie vom Canapé auf den Teppich und bewegte die kleinen Arme und Beine wie ein Frosch. »Ich? Nein, ich habe keinen Badeanzug. Ich brauch auch gar keinen. Ich geh sicher nicht ins Wasser.« Allein beim Gedanken, in so ein Meer zu steigen, wurde Marie schon ganz flau im Magen. »Lili, warum bist schon wieder so wild! So benimmt sich keine feine Dame, steh sofort vom Boden auf.« Die gnädige Frau war unbemerkt ins Kinderzimmer getreten, Marie hatte sie nicht kommen gehört und zog das sich sträubende Mädchen rasch vom Teppich hoch. »Aber ich übe doch schwimmen! Schau mal, Mama, wie ich schon schwimmen kann!« Olga Schnitzler zog eine Augenbraue hoch und beachtete das Kind nicht weiter. Zu Marie gewandt sagte sie: »Marie, gehen Sie bitte mit den Kindern auf die Währinger Straße. Sie müssen beide zum Friseur, dann besorgen Sie den Badeanzug für Lili. Ah ja, und bitte noch zu Herrn Stock in die Buchhandlung. Der gnädige Herr hat etwas bestellt, und Heini darf sich noch zwei...


Hartlieb, Petra
PETRA HARTLIEB wurde 1967 in München geboren und ist in Oberösterreich aufgewachsen. Sie studierte Psychologie und Geschichte und arbeitete danach als Pressereferentin und Literaturkritikerin in Wien und Hamburg. 2004 übernahm sie eine Wiener Traditionsbuchhandlung. Davon erzählen ihre Bestseller ›Meine wundervolle Buchhandlung‹ und ›Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung‹. Bei DuMont erschienen außerdem ›Wenn es Frühling wird in Wien‹, ›Sommer in Wien‹ und ›Herbst in Wien‹.


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