Hart | Lights Out in Georgia | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3

Reihe: Die McKenna-Reihe

Hart Lights Out in Georgia


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-641-24539-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 3

Reihe: Die McKenna-Reihe

ISBN: 978-3-641-24539-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Trotz aller guten Vorsätze ist das Leben von Privatermittler Ash McKenna ein Scherbenhaufen. Sein überstürzter Umzug von New York an die Westküste war der Versuch, die Erinnerungen an seine tragische Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch auch in Portland gab es nichts als Ärger. Nun hat Ash einen Toten auf dem Gewissen und flüchtet in die dunkelste Ecke von Georgia, wo er in einer Aussteigerkommune unterkommt. Aber der Tod folgt ihm wie ein Schatten. Nachdem ein Mitglied der Gemeinschaft auf mysteriöse Weise ums Leben kommt, ist sich Ash gar nicht mehr sicher, ob diese Hippies wirklich so friedlich sind, wie sie tun. Und er muss sich entscheiden: Ergreift er erneut die Flucht, um der Polizei und seinen Dämonen zu entkommen oder setzt er seine Schnüfflernase ein, um die Tat aufzuklären?

Rob Hart hat als politischer Journalist, als Kommunikationsmanager für Politiker und im öffentlichen Dienst der Stadt New York gearbeitet. Er ist der Autor des Erfolgsromans „Der Store”. "Lights Out in Georgia" ist nach "Trouble in Portland" und "Knock-out in New York" der drittte Teil der Krimireihe um Privatermittler Ash McKenna. Rob Hart lebt mit Frau und Tochter auf Staten Island.
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EINS


Ich habe einen Typen umgelegt.

Die Frau hinter der Glasscheibe starrt mich an, als wäre ich in etwas Verfaultes getreten und als hätte es sich genau jetzt von der Sohle einer meiner Stiefel gelöst, um in der Hitze weiter zu verrotten. Das jagt mir Angst ein. Habe ich es vielleicht gerade laut ausgesprochen? Dass ich jemanden getötet habe. Für einen Moment bleibe ich reglos stehen, als hingen diese Worte noch in der Luft. Und frage mich, ob mich sonst noch jemand anstarrt.

Denn es stimmt. Ich habe wirklich einen Typen umgelegt. Und manchmal fangen meine Stimmbänder an zu vibrieren, als ob ich jeden Moment damit herausplatzen wollte.

Wenn ich irgendwo an der Kasse stehe:

Wenn ich auf den nächsten Bus warte:

Wenn ich ein paar Worte mit jemandem wechsele: v

Niemand starrt mich an. Auch die Temperatur in dem Raum hat sich nicht verändert. Vielleicht hat mir mein Gehirn einfach nur einen Streich gespielt. Weil mein Schuldzentrum darauf anspricht, dass ich hier bin.

»Sir?«

Es war nicht mit Absicht. Ein guter Anwalt würde vermutlich sogar auf Notwehr plädieren. Wobei ich mir allerdings ziemlich sicher bin, dass er damit nicht durchkäme, weil ich die Leiche abseits eines Wanderwegs im Wald vergraben habe. Ganz gleich, ob gerechtfertigt oder nicht, ich habe ein Licht gelöscht, das nicht mehr anzumachen ist.

Manchmal frage ich mich, ob man es mir bei genauerer Betrachtung ansehen kann. Wie bei einem Stereogramm – einem dieser psychedelischen 3D-Bilder, in denen man, wenn man lange genug darauf starrt, einen Vogel oder das Peace-Zeichen erkennt. Und wenn man mich länger ansieht, entdeckt man anstelle eines Vogels oder Peace-Zeichens eine finstere Kluft, die meine Seele spaltet. Aus der sowohl Hass als auch Reue aufsteigen.

»Sir!«

Ich schrecke zurück, vor den grauen Wänden, dem abgetretenen Teppichboden. Vor dem bläulich weißen Neonlicht. Die Frau hinter der Scheibe hat noch immer den Blick auf mich gerichtet. Brillengläser dick wie die Böden von Cola-Flaschen vor ihrem quadratischen Gesicht, schiefergraues Haar zu kleinen Löckchen aufgedreht. Laut dem schwarzen Namensschild mit der weißen Schrift, das an ihrer leuchtend grünen Bluse steckt, heißt sie Rhonda.

»Verzeihung«, sage ich.

»Die Formulare«, sagt Rhonda und zeigt auf den Schlitz unter der Glasscheibe. Ich schiebe den Stapel Papiere hindurch. Sie blättert die Formulare durch, wirft einen prüfenden Blick auf die ausgefüllten Kästchen. »Hmm, Ashley.« Den Namen lässt sie sich auf der Zunge zergehen, so wie die meisten Leute, wenn sie ihn zum ersten Mal hören.

»Das bin ich«, sage ich. »Die moderne Version von ›A boy named Sue‹.«

»Guter Song.«

Rhonda lächelt mich an, und plötzlich wirkt ihr Gesicht nicht mehr ganz so scharfkantig.

Scheinbar sind wir jetzt Freunde.

»Können Sie sich ausweisen?«, fragt sie.

Ich schiebe meinen Führerschein unter der Glasscheibe hindurch, und Kopien meines Sozialversicherungsausweises und meiner Geburtsurkunde, dann noch meine Kreditkarte und den Bibliotheksausweis des Staates Georgia, den ich mir gestern zugelegt habe.

Der Bibliotheksausweis war mein Trumpf. Als ich vor neun Monaten aus New York wegging, habe ich meine offizielle Adresse nicht ändern lassen. Und da ich jetzt in einem Staat, in dem sich nicht mein offizieller Wohnsitz befindet, einen Pass beantrage, brauche ich zusätzlich noch etwas, womit ich mich ausweisen kann. Scheint eine ziemlich niedrige Hürde, deshalb frage ich mich, was das Ganze überhaupt soll.

Rhonda sieht von den Papieren auf. »Haben Sie einen Beleg für Ihre geplante Reise?«

Auch die Kopie meines Tickets schiebe ich unter der Glasscheibe hindurch, für einen Flug nach Prag in zwei Wochen. Rhonda wirft einen Blick auf das Ticket und sagt: »Da müssen Sie sich unbedingt die Knochenkirche ansehen.«

»Knochenkirche?«

»Das Sedletz-Ossarium unter der Allerheiligenkirche in Kutná Hora. Ist beeindruckend.«

»Mache ich.«

Im Stillen wiederhole ich den Namen dieses Ortes noch mal, um ihn mir zu merken. Obwohl ich Sightseeing ehrlich gesagt nicht auf dem Plan habe. Ich habe lediglich einen Job in Aussicht, und das auch nur vage, bei einer Firma, die Verwandten eines alten Freundes gehört. Der eigentliche Grund, das Land zu verlassen, ist der Tote.

Dabei ist es nicht so, dass die Cops hinter mir her wären. Ich bin nicht auf der Flucht. Aber ich bewege mich am Rand eines tiefen Abgrunds, und ich hatte schon immer vor, mir die Welt anzusehen. Wenn es einen richtigen Zeitpunkt dafür gibt, dann ja wohl jetzt.

Wobei ich mich natürlich frage, ob die Tschechische Republik ein Auslieferungsabkommen mit den Vereinigten Staaten hat. Darüber sollte ich mich wohl mal informieren.

Rhonda tippt abwechselnd auf ihrer Tastatur herum und knallt Stempel auf die Formulare, scheinbar willkürlich und mit solcher Kraft, als wäre sie total sauer auf den Papierstapel.

»Ach, das hätte ich ja beinahe vergessen«, sagt sie dann. »Die Fotos?«

Die hätte ich auch fast vergessen, dabei halte ich sie schon bereit. Ohne noch einen Blick darauf zu werfen, schiebe ich sie unter die Glasscheibe. Ich hatte sie mir kurz angeschaut, nachdem ich sie in einem Drug Store ein paar Häuser weiter hatte machen lassen. Und da hätte ich mich beinahe nicht erkannt, mit dem buschigen Bart, den ich mir habe wachsen lassen, seit ich aus Portland weg bin. Ich dachte nämlich, anders auszusehen wäre von Vorteil. Und ein Bart ist ja eine preisgünstige Verkleidung. Jedenfalls ist mir damit sicher nicht ganz so unbehaglich zumute, wenn ich einem Cop über den Weg laufe.

Doch wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich mich selbst eigentlich gar nicht sehen will.

Aber immerhin habe ich einen dichten Bartwuchs, auch wenn sich dieses dämliche Gestrüpp bei der hohen Luftfeuchtigkeit hier ständig klamm und kratzig anfühlt.

»Kurz vor Ihrer Reise müssten Sie Ihren Pass dann erhalten«, sagt Rhonda. »In der Regel nach sieben bis acht Tagen. Manchmal auch nach sechs, je nachdem, wie viel die Kollegen in der Bearbeitungsstelle zu tun haben. Die Gebühren für die beschleunigte Ausstellung und Über-Nacht-Zustellung betragen …«

Ich schiebe das exakt abgezählte Geld unter der Scheibe durch.

Rhonda nimmt es entgegen, bestätigt mit einem Kopfnicken, dass der Betrag stimmt, und legt die Scheine zu dem Stapel Papiere. Sie gibt mir meinen Führerschein, den Bibliotheksausweis und meine Kreditkarte zurück. Schließlich ringt sie sich noch ein erschöpftes Lächeln ab. »Gute Reise, Sir. Und vergessen Sie nicht die Knochenkirche. Sedletz-Ossarium.«

»Merke ich mir. Vergesse ich bestimmt nicht.«

Dann drehe ich mich um und gehe. Der Raum ist fast leer. Nur auf zweien der Bänke sitzen Leute und warten. An der Tür steht mit verschränkten Armen ein Wachmann. Als ich reinkam, war der noch nicht hier. Groß und kräftig, kahl geschorener Schädel, der im kalten Licht glänzt, und ein Gesicht, als würde er geradezu Ausschau nach etwas halten, was ihm die Laune verdirbt. Unsere Blicke begegnen sich, eigentlich nur zufällig, aber dann kommt es doch zu einem längeren Augenkontakt.

Erst denke ich, so ist das manchmal mit Fremden, ein Moment, der schnell vergeht und den man sofort wieder vergisst. Aber dann denke ich: Erkennt der mich etwa?

Ist mein Name in irgendeinem Computerprogramm aufgetaucht, und die Frau hinter dem Schalter hat den lautlosen Alarmknopf gedrückt? Oder dem Wachmann ein Handzeichen gegeben? Ist das jetzt der Moment, in dem mein Leben um mich herum zusammenstürzt?

Die Welle trifft mich mit voller Wucht.

Sie rauscht in meinen Ohren und zieht mich runter in die Finsternis. Flutet meine Augen, meine Nase und meine Kehle, bis mir die Luft wegbleibt. Panik sticht mich mit ihrem spitzen Finger. Die Sauerstoffzufuhr zu meinen Lungen ist gekappt. Mit aller Kraft versuche ich, sie wieder aufzubauen, aber es ist, als hätte ich einen Motor abgewürgt. Als würde ich durch die Dunkelheit geschleudert, ohne zu wissen, wo oben und unten ist.

Der Wachmann kommt auf mich zu.

Es tut mir so leid, Dad. Es tut mir so leid, Chell.

Ich bin benommen, kurz davor, zu Boden zu gehen. Da packt mich der Wachmann unter den Armen, zieht mich hoch und fragt: »Alles okay, Kiddo?«

Das Schleudern hört auf. Ich spüre wieder festen Boden unter den Füßen. Ich sehe mich um. Sehe den Wachmann an, dann Rhonda, und dann die Leute im Wartebereich. Alle starren mich an. Alles ist plötzlich total still.

Ich nicke. »Ja. Bin nur … erschöpft. Entschuldigung.«

»Brauchen Sie Hilfe? Soll ich Ihnen vielleicht ein Taxi rufen?«

Ich schüttele den Kopf und mache mich davon. Stolpere aus dem Raum, vorbei an den Fahrstühlen, und stoße die Tür zum Treppenhaus auf. Die drei Treppenabsätze falle ich mehr runter, als dass ich gehe. Als ich endlich draußen bin, sinke ich auf die Knie und muss mich übergeben. Ich weiß gar nicht, was ich da hochwürge. Heute habe ich noch nichts gegessen. Fast alles nur Flüssigkeit.

Als nichts mehr kommt, lehne ich mich mit dem Rücken gegen die Backsteinmauer. Wie eine Decke legt sich die morgendliche Hitze über mich. Das ist angenehm...


Hart, Rob
Rob Hart hat als politischer Journalist, als Kommunikationsmanager für Politiker und im öffentlichen Dienst der Stadt New York gearbeitet. Er ist der Autor des Erfolgsromans „Der Store”. "Lights Out in Georgia" ist nach "Trouble in Portland" und "Knock-out in New York" der drittte Teil der Krimireihe um Privatermittler Ash McKenna. Rob Hart lebt mit Frau und Tochter auf Staten Island.



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