E-Book, Deutsch, Band 3, 376 Seiten
Reihe: Soul Beach
Harrison Soul Beach (Band 3) - Salziger Tod
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7320-0185-9
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mystery-Thriller für Jugendliche ab 13 Jahre
E-Book, Deutsch, Band 3, 376 Seiten
Reihe: Soul Beach
ISBN: 978-3-7320-0185-9
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ursprünglich arbeitete Kate Harrison beim britischen Fernsehen. Nachdem sie bereits sehr erfolgreich Romane für Erwachsene veröffentlichte, erscheint nun mit Soul Beach ihre erste Jugendbuch-Trilogie. Abgesehen vom Bücherschreiben liest sie sehr gerne, liebt Backen, Singen, die Küste, Live-Comedy und Bastelkram. Wenn sie nicht gerade in Spanien am Strand liegt, lebt sie in Brighton.
Weitere Infos & Material
3
Am Soul Beach gibt es das ganze Jahr nichts als Spaß.
Na ja, zumindest für Gäste wie Meggie und Danny. Wenn man wie ich nur zu Besuch ist, liegen die Dinge etwas komplizierter.
Als ich mich einlogge, ist es dort Mittag. Zeit zum Brunchen. Ich sehe einen azurblauen Himmel, grüne Vögel mit orangefarbenen Flügeln. Die ruhige, türkis glitzernde See.
Aber wie immer sind es die Toten, die mir am meisten ins Auge fallen. Ein halbes Dutzend wunderschöner junger Menschen, die auf den Stufen zur Strandbar sitzen und jammen. Glückliche Pärchen unter Palmen, die an die raue Rinde gelehnt dasitzen, knutschen und einander tief in die Augen sehen, in dem Bewusstsein, dass sie alle Zeit der Welt haben. Eiswürfel klirren auf Kristall, als die Gäste Pitcher voller rubinroter und mintgrüner Cocktails zu ihren Freunden tragen, um wieder mal einen perfekten Nachmittag im Dämmerzustand zu verbringen.
Ein feurig-greller Lichtblitz aus einem metallenen Lauf, der Geruch nach Rauch, eine Kugel, die in der hellen Sonne aufschimmert, während sie auf mich zufliegt –
Dann nur noch Dunkelheit.
»Huch, entschuldige!«
Als ich die Augen öffne, sehe ich das Mädchen, das mich gerade gestreift hat. Sie hat ein freundliches Gesicht, eine süßlich duftende Lilienkette um den Hals und dunkle Augen.
Bleigrau, wie eine Pistolenkugel.
Jetzt schlendert sie weiter zu ihrem Freund und lässt mich mit der schaurigen Erinnerung an ihre letzten Momente stehen. Sie ist also bei einer Schießerei ums Leben gekommen. Jeder Gast hier hat seine eigene Tragödie, die meisten davon blutig und alle furchtbar ungerecht.
Das ist auch der Grund, warum der Strand so schön ist: damit sie vergessen können.
Ich hingegen darf niemals vergessen. Als Besucherin fungiere ich teils als Vertraute, teils als Detektivin. Die Gäste beichten mir ihre Geheimnisse und bitten mich, ihnen von meiner Welt aus zu helfen. Sie wollen, dass ich ihnen Gerechtigkeit verschaffe oder ihre Hinterbliebenen vor etwas warne. Und wenn ich es schaffe – wie nun schon zweimal –, erlange ich neue Privilegien. Zuerst den Tastsinn und jetzt …
Seit ich meinem Freund Javier geholfen habe, durchlebe ich die letzten bewussten Momente der Gäste. Wenn ich sie berühre, dann ist es, als würde ich mich kurz in sie verwandeln; ich sehe, was sie gesehen haben, und fühle, was sie gefühlt haben, bevor sie gestorben sind.
Vielleicht soll mich diese neue Fähigkeit dazu anhalten, mich für noch mehr Gäste um Gerechtigkeit zu bemühen. Aber dieses sogenannte Privileg kommt mir eher vor wie ein Fluch.
»Florrie!« Meine Schwester kommt durch den Sand auf mich zu und ruft mich bei dem albernen Spitznamen, den niemand außer ihr benutzen darf. Ihr langes Haar weht hinter ihr in der sanften Meeresbrise wie ein seidener Schal. Sie trägt einen kakifarbenen Bikini, der den sanften Bronzeton ihrer Haut betont.
Ich zucke zusammen, bevor sie die Arme um mich schlingt, und wappne mich für ihren letzten Moment. Zumindest wird der Eindruck jedes Mal schwächer, so als ließe der Effekt langsam nach. Vielleicht hat selbst die Geschäftsleitung begriffen, dass eine Endlosschleife von Todesillusionen irgendwann jeden Besucher in den Wahnsinn treiben würde.
Wenn ich nicht sowieso längst verrückt bin und diese ganze virtuelle Realität nicht mehr als ein Gespinst meines trauernden Bewusstseins ist.
Ich trete einen Schritt zurück, um Zeit zu schinden. »Meggie, hi! Du riechst nach Ananas.«
»Das ist der Tagescocktail. Wodka, frisches Obst und Honig. Der Soul Beach Sweetie.«
Sie drückt mich an sich.
Ein Paar behandschuhter Hände nähert sich mir. Ein Kissen legt sich über meine Augen und verwandelt Licht in Dunkelheit.
Das ist Meggies Erinnerung, doch es fühlt sich an, als wäre es mir selbst passiert. Es ergibt keinen Sinn, aber das trifft auf alles hier zu, auch auf die Tatsache, dass ich überhaupt mit meiner großen Schwester reden kann.
Oder dass ich mich in einen Jungen verliebt habe, der seit fast zwei Jahren tot ist.
Dieser Junge hastet jetzt durch die Strandbar auf mich zu, erleichtert lächelnd, als hätte er gefürchtet, mich nicht wiederzusehen. Ganz sicher können wir uns beide nie sein.
»Alice, du bist aber früh dran«, ruft Danny.
»Heute war der letzte Schultag!«, lache ich.
Seine moosgrünen Augen strahlen. Wie immer, wenn ich ihm gegenüberstehe, frage ich mich unwillkürlich, warum er sich überhaupt mit mir abgibt. Er sieht unglaublich gut aus, aber auf eine zerzauste Art, die nichts von dem privilegierten Leben preisgibt, das er geführt hat, bevor er an den Strand kam.
Als wir uns berühren, durchzuckt es mich wie ein elektrischer Schlag und ein Bild formt sich vor meinem geistigen Auge. So sehr ich mich auch auf seine warmen Lippen zu konzentrieren versuche, die Kälte seiner letzten Lebenssekunden ergreift mich stets von Neuem. Rostrote Erde rast mit tausend Meilen pro Stunde auf mich zu. Jedes Mal hoffe ich, dass es anders ausgeht, dass das Flugzeug wieder an Höhe gewinnt und nicht in die Wüste stürzt.
Doch so kommt es nie.
Tim wartet mit Meggie im Hintergrund. Eigentlich sind wir das perfekte Viererkleeblatt: Danny und ich plus meine Schwester und ihre erste große Liebe. Aber obwohl der Strand die Fältchen in Tims Gesicht – vom vielen Stirnrunzeln – geglättet und sein Haar von Rotbraun zu beinahe Blond ausgeblichen hat, ist er immer noch sehr zurückhaltend, vor allem mir gegenüber. Gut möglich, dass in seinen letzten Augenblicken irgendetwas geschehen ist, von dem er nicht will, dass ich es sehe.
Nein. Tim ist unschuldig, egal, was die Polizei sagt. Ansonsten würde meine Schwester das mit Sicherheit spüren und sich von ihm fernhalten.
Danny küsst mich wieder und diesmal ist die rote Erde verschwommener, weniger bedrohlich.
»Und, was gibt’s Neues, Alice?«, fragt er.
»Es ist jetzt richtig Sommer geworden. Cara fliegt in die Karibik, aber ich bleibe zu Hause.«
Wenn ich hier bin, berichte ich nur von den bedeutungslosen Kleinigkeiten, die meinen langweiligen Tagesablauf bestimmen. Die Gäste hören am liebsten etwas über die Schule oder Musik und besonders die Jahreszeiten: den rauchigen Duft des Herbstes, die knisternde Kälte des Winters, die ersten Frühlingsblumen.
Daher überrascht mich Dannys gelangweilte Miene, als ich den Sommer erwähne, umso mehr.
Dann jedoch wird mir klar: Warum sollte ihn das interessieren, wo am Strand doch jeden Tag Sommer ist?
»Warum fährst du nicht auch in den Urlaub?« Er versucht, seine Erleichterung darüber zu verbergen, aber mich kann er sowieso nicht täuschen.
Ich zucke mit den Schultern. »Dad hat auf der Arbeit zu viel zu tun. Meine Eltern wollen lieber zu Weihnachten eine große Reise machen. Nach Australien oder Neuseeland.«
»Wow, da wollte ich schon immer mal hin.« Mit seinen weichen blonden Locken und den muskulösen Beinen hätte er den perfekten Surfertyp am Bondi Beach abgegeben.
»Ich werde dir in allen Einzelheiten berichten.« Nur dass es ja fast noch ein halbes Jahr ist bis Weihnachten. Wer weiß, was bis dahin noch alles passiert?
»Und, was hast du vor, mit all der freien Zeit anzufangen? Abgesehen davon natürlich, sie mit mir zu verbringen?«
»Wenn ich nächste Woche meine Führerscheinprüfung bestehe, bin ich endlich …« Fast hätte ich »frei« gesagt, aber das wäre einfach zu grausam. »… mobil. Na ja, das heißt, ich darf Mums Auto fahren, ein eigenes habe ich natürlich nicht. Außerdem überlege ich, mir einen Ferienjob zu suchen.«
»Kommt schon, ihr zwei Turteltäubchen!«, neckt meine Schwester und bedeutet uns, ihnen zum Meer zu folgen. Tim hat einen Kühler mit kaltem Bier und ein paar Schälchen Eiscreme von der Bar mitgebracht, also löse ich mich von Danny und wir machen uns zu viert auf den Weg zum Wasser.
Als ich mich setze, fühlt sich der Sand unter mir leicht feucht an. Kühlend. Ich versuche, nicht allzu sehr zu analysieren, was ich empfinde, denn es ist auch so schwer genug, nicht ständig meine geistige Gesundheit infrage zu stellen.
Zu spät. Die Zweifel potenzieren sich und meine echte Umgebung umschließt mich, bunt und gestochen scharf. Die Tagesdecke mit ihrem Retro-Tulpenmuster. Der Stapel Schulbücher in der Ecke, den ich bis September keines Blickes mehr würdigen werde. Die Unterlagen für die Fahrprüfung.
Soul Beach ist nur eine Website. Nichts von dem, was ich spüre, ist real.
»Hey, Florrie-Schätzchen, hör auf zu träumen.«
Meine Schwester berührt mich am Arm. Diesmal hält das Bild der schwarzen Lederhandschuhe, die dem Mörder gehören, nur für einen Sekundenbruchteil an, aber immer noch lang genug, um mich an meine Verpflichtung ihr gegenüber zu erinnern.
Ich konzentriere mich auf Meggies swimmingpoolblaue Augen und eine abstehende weiße Strähne in ihrem blonden Haar, die mir zuvor noch nie aufgefallen ist. Nachdem er sie getötet hatte, hat der Mörder ihr die Haare gebürstet und auf dem Kissen ausgebreitet, weswegen Zoe – die sie gefunden hat – meinte, sie habe wie ein Engel ausgesehen.
»Florrie!«
»Tut mir leid, ich war gerade in Gedanken.«
»Okay.« Ihr Blick verdunkelt sich. Sie sieht Tim an, der langsam nickt. »Vielleicht ist das ja der richtige Zeitpunkt, um zu reden.«
»Worüber denn?«
Sie seufzt. »Über das alles. Hier. Das ist einfach falsch, ich kann nicht von dir erwarten, dass du ständig bei mir bist.«
Ich schüttele den Kopf. »Nein, ist doch in Ordnung. Ich will ja...




