Harrison Der Kuss des Greifen
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8025-9026-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 03, 450 Seiten
Reihe: Elder Races
ISBN: 978-3-8025-9026-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Um das Leben eines Freundes zu retten, geht der Wyr-Krieger Rune einen Pakt mit der Vampirkönigin Carling ein. Als er seine Seite des Abkommens erfüllen will, muss er feststellen, dass die Königin unter einer gefährlichen Krankheit leidet und zunehmend den Verstand verliert. Rune, der sich unwiderstehlich zu Carling hingezogen fühlt, riskiert alles, um ihr zu helfen.
Thea Harrison ist ein Pseudonym der Autorin Teddy Harrison. Bereits im Alter von neunzehn Jahren begann sie zu schreiben und veröffentlicht seither mit großem Erfolg Liebesromane. Derzeit lebt sie in Nordkalifornien.
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1
»Natürlich bin ich schlecht«, sagte die Vampyrzauberin Carling Severan mit abwesend klingender Stimme. »Das ist eine Tatsache, mit der ich mich vor vielen Jahrhunderten abgefunden habe. Alles, was ich tue, selbst eine noch so großzügig wirkende Geste, richte ich danach aus, wie es mir nutzen könnte.«
Carling saß in ihrem Lieblingssessel vor einem großen Fenster. Das butterweiche Leder des Sessels hatte sich schon vor langer Zeit den Konturen ihres Körpers angepasst. Vor dem Fenster lag ein üppig bewachsener, gepflegter Garten, eingetaucht in die zarten Farben der mondbeschienenen Nacht.
Ihr Blick ruhte unverwandt auf dieser Aussicht, doch ihre langgezogenen, mandelförmigen Augen waren ebenso ausdruckslos wie ihr Gesicht.
»Warum sagst du so was?«, fragte Rhoswen. In der Stimme der jüngeren Vampyrin, die neben dem Sessel kniete, lagen Tränen. Sie hatte den blonden Kopf zu Carling emporgehoben und blickte zu ihr auf wie eine Blume zu einer Mitternachtssonne. »Du bist das wundervollste Geschöpf auf der Welt.«
»Das ist sehr süß von dir.« Carling küsste Rhoswen auf die Stirn, da die andere Frau das zu brauchen schien. Die Distanziertheit in Carlings Blick verringerte sich zwar, verschwand jedoch nicht ganz. »Aber solche Worte beunruhigen mich eher. Wenn du so von jemandem wie mir denkst, solltest du dir ein besseres Urteilsvermögen zulegen.«
Jetzt liefen der Dienerin die Tränen über das perfekte Kamee-Gesicht. Schluchzend schlang Rhoswen die Arme um Carling.
Carlings glatte Augenbrauen hoben sich. »Was ist los?«, fragte sie mit matter Stimme. »Was habe ich gesagt, das dich traurig macht?«
Rhoswen schüttelte den Kopf und umklammerte Carling fester.
Rhoswen gehörte zu den beiden Jüngsten unter Carlings Zöglingen. Abgesehen von einigen außerordentlich talentierten Ausnahmen, denen sie im späten neunzehnten Jahrhundert begegnet war, hatte Carling schon vor langer Zeit aufgehört, Vampyre zu erschaffen. Rhoswen hatte damals zu einer heruntergekommenen Shakespeare-Theatertruppe gehört, mit einer Stimme aus reinem Gold und einem unheilbaren Fall von Lungentuberkulose. Als Carling Rhoswen verwandelt hatte, war sie ein verängstigtes, sterbenskrankes achtzehnjähriges Mädchen gewesen. Deshalb gestand sie ihr größere Freiheiten zu als ihren anderen Dienern, und deshalb ertrug sie auch Rhoswens erdrückende Umarmung, während sie nachdachte.
»Wir haben über alles gesprochen, was vor der Krönung der Dunkle-Fae-Königin passiert ist. Du wolltest unbedingt glauben, ich hätte etwas Gutes getan, als ich Niniane und ihren Geliebten Tiago von ihren Verletzungen geheilt habe. Wenngleich das Ergebnis wohltätig gewesen sein mag, habe ich versucht deutlich zu machen, was für ein egoistisches Wesen ich im Grunde meines Herzens bin.«
»Vor zwei Tagen«, sagte Rhoswen in ihrem Schoß. »Vor zwei Tagen haben wir darüber gesprochen, und dann bist du wieder in diese Trance gefallen.«
»Wirklich?« Carling richtete sich auf, um sich gegen die Nachricht zu wappnen. »Nun, uns war klar, dass sich der Verfall beschleunigt.«
Niemand wusste genau, warum sehr alte Vampyre eine Phase des mentalen Verfalls durchliefen, bevor sie sich vollends im Wahnsinn verloren und schließlich starben. Außerhalb der höchsten Staatskreise der Nachtwesen war über das Phänomen nur wenig bekannt, da Vampyre nur selten ein so hohes Alter erlangten. Sie führten ein Leben voller Gewalt, meist starben sie vorher an anderen Ursachen.
Möglicherweise war es das unaufhaltsame Fortschreiten der Krankheit selbst. Vielleicht, dachte Carling, ist in unserem Ursprung schon der Keim unseres Untergangs enthalten. Die Seelen mit ihrem menschlichen Ursprung waren nicht für das nahezu unsterbliche Leben geschaffen, das der Vampyrismus ihnen ermöglichte.
Rhoswen hob das tränenüberströmte Gesicht. »Aber eine Zeit lang ging es dir besser! In Chicago und später bei der Krönung der Dunklen Fae warst du vollkommen aufmerksam und einsatzfähig. Du warst wirklich anwesend. Wir müssen dir einfach immer wieder neue Anreize schaffen.«
Ein Anflug von Ironie spiegelte sich auf Carlings Miene. Außergewöhnliche Erfahrungen schienen zu helfen, weil die sie für eine gewisse Zeit aufrüttelten und wach hielten. Das Problem war, dass sie nur vorübergehend wirkten. Für jemanden, der Jahrtausende hatte vorüberziehen sehen, wurden selbst außergewöhnliche Erfahrungen mit der Zeit gewöhnlich.
Seufzend gestand sie: »Ich hatte einige Schübe, von denen ich dir nichts gesagt habe.«
Die Trauer, die daraufhin von Rhoswens Miene Besitz ergriff, war definitiv shakespearisch. Als Carling die fanatische Ergebenheit der Frau betrachtete, verstärkte sich der Eindruck der Ironie – sie wusste, dass sie nicht das Geringste getan hatte, um diese Hingabe zu verdienen.
Der Zeitpunkt ihrer Geburt war ungewiss, denn jene Zeit lag so weit zurück, dass die Einzelheiten aus der Geschichte verblasst waren. Man hatte sie entführt und versklavt, beinahe zu Tode gepeitscht und einem alternden Wüstenkönig als Konkubine geschenkt. Damals hatte sie sich geschworen, dass niemals wieder jemand eine Peitsche gegen sie erheben würde. Mit ihren Verführungskünsten hatte sie den König dazu verleitet, sie zur Königin zu machen, und ihr unvorstellbar langes Leben brachte sie damit zu, sich magische Macht anzueignen. Sie lernte alles über Gifte, Kriegsführung und Zauberei, sie lernte zu herrschen und aus tiefstem Herzen nachtragend zu sein. Und dann entdeckte sie den Vampyrismus, den Kuss der Schlange, der sie beinahe unsterblich machte.
Sie hatte mit Dämonen Schach um Menschenleben gespielt, hatte Monarchen beraten und Kriege gegen Monster geführt. Im unaufhaltsamen Lauf der Jahrhunderte hatte sie mehrere Länder mit der standhaften Unbarmherzigkeit ihrer schlanken, eisernen Faust regiert. Sie kannte Zaubersprüche, die so geheim waren, dass das Wissen um ihre Existenz fast gänzlich von dieser Erde verschwunden war, und sie hatte wundersame Dinge gesehen, deren Anblick stolze Männer in die Knie gezwungen hatte. Sie hatte die Dunkelheit besiegt und konnte sich im Licht des Tages bewegen, und sie hatte den Verlust so vieler Personen und Dinge ertragen müssen, immer und immer wieder, bis selbst Trauer sie nicht mehr berühren konnte.
All diese fabelhaften Erfahrungen lösten sich nun nach und nach in den Farben der Nacht auf.
Es gab einfach keine Richtung mehr, in die sie ihr Leben lenken konnte, keinen Berg mehr, den es zu erklimmen galt. Kein Abenteuer war so unwiderstehlich, dass sie alles daransetzen würde, um es bis zum Ende durchzustehen. Nachdem sie so viel investiert und so hart gekämpft hatte, um zu überleben, so lange zu leben und zu herrschen, hatte sie jetzt … das Interesse verloren.
Und hier war nun der letzte aller Schätze. Dieses letzte Juwel lag ganz oben in ihrer Schatulle der Geheimnisse und funkelte in pechschwarzem Licht.
Die angestaute magische Energie, für deren Erwerb sie so hart gearbeitet hatte, pulsierte im Rhythmus des immer schneller fortschreitenden Verfalls ihres Geists. Um sich sah sie einen herrlichen, durchsichtigen Schimmer auflodern. Die Magie hüllte sie in einen Schleier, der glitzerte wie Diamanten.
Sie hatte nicht erwartet, dass ihr Tod so wunderschön sein würde.
Wann es angefangen hatte, wusste sie nicht mehr. In ihrem Geist vermischte sich Vergangenheit und Gegenwart. Die Zeit war ihr ein Rätsel geworden. Vielleicht war es hundert Jahre her, vielleicht erstreckte es sich auch über ihr gesamtes Leben, worin eine gewisse Symmetrie läge. Gerade das, wofür sie so hart gekämpft hatte, wofür sie Blut und Zornestränen vergossen hatte, sollte sie letzten Endes aufzehren.
Ein weiteres Auflodern der magischen Energie kündigte sich an. Sie spürte ihre Unausweichlichkeit wie das bevorstehende Crescendo einer unsterblichen Symphonie. Oder den nächsten vertrauten Takt ihres längst verstummten, beinahe vergessenen Herzschlags. Carlings Blick verlor sich im Ungewissen, während sie sich auf diese atemberaubende Flamme in ihrem Inneren konzentrierte.
Kurz bevor sie wieder ganz davon eingehüllt wurde, fiel ihr etwas Merkwürdiges auf. Im Haus war kein Laut zu vernehmen, keine Bewegung von anderen Vampyren, kein Funken menschlicher Gefühle. Nichts als der stoßweise Atem von Rhoswen, die zu ihren Füßen kniete, und die leisen, zufriedenen Geräusche eines Hundes, der sich hinter dem Ohr kratzte, ehe er sich in seinem Kissen auf dem Boden einen gemütlichen Liegeplatz zurechtwühlte. In ihrem langen Leben war Carling die meiste Zeit von Schakalen umgeben gewesen – begierig darauf, sich von den Resten zu ernähren, die von den Tischen der Mächtigen und Magiebegabten abfielen. Aber irgendwann im Laufe der letzten Woche hatten all ihre Diener und Speichellecker die Flucht ergriffen.
Manche Wesen hatten im Gegensatz zu anderen einen gut entwickelten Selbsterhaltungstrieb.
»Ich würde vorschlagen, dass du härter an deinem Urteilsvermögen arbeitest«, sagte sie zu Rhoswen.
Every little thing is going to be all right. Alles wird wieder gut.
Erst vor Kurzem hatte Rune Bob Marley zitiert, als Niniane Lorelle in ihrem Leben an einem Tiefpunkt gestanden hatte. Niniane war eine junge Fee, eine entzückende Frau, und lange Zeit eine enge Freundin gewesen. Zufällig war sie jetzt außerdem die Königin der Dunklen Fae und der letzte Neuzugang auf der Liste der zehn mächtigsten Personen Amerikas. Rune hatte Bob in ihrem Gespräch erwähnt, um sie zu trösten, nachdem bei einem Anschlag auf ihr Leben...




