Harrison Das Versprechen des Blutes
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8025-9327-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 05, 400 Seiten
Reihe: Elder Races
ISBN: 978-3-8025-9327-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Trotz ihrer Schwangerschaft begibt sich Pia Giovanni, die Lebensgefährtin des Wyr Dragos, auf eine weite Reise, um mit den Elfen zu verhandeln. Doch als die Gespräche zu scheitern drohen, geraten nicht nur Pia und ihre Liebe zu Dragos in große Gefahr, sondern auch das Volk der Wyr selbst.
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Obwohl sie es grässlich fand, so melodramatisch zu sein, war es doch die Wahrheit: Dragos und New York hinter sich zu lassen, fiel Pia so schwer wie kaum etwas zuvor.
Gab es etwas noch Grässlicheres? Oh ja. Es war ihre eigene Idee gewesen, zu gehen. Sie hatte dafür gekämpft – laut, lang und stimmgewaltig.
Und das Allergrässlichste war: Sie konnte nicht mal so tun, als würde sie alle Probleme hinter sich lassen. Das tat sie nämlich nicht. Die Probleme begleiteten sie in einem hübsch abgestimmten Reiseset, weil sie natürlich mit einem Haufen Irrer unterwegs sein musste.
Gerade erst hatte sie sich an den einen Haufen Irrer, die Wyr-Wächter, gewöhnt. Nicht alle mochten sie, aber die meisten hatten sie akzeptiert, mehr oder weniger. Sie bildete sich sogar ein, dass ein paar von ihnen sie wirklich gern hatten, und das beruhte auf Gegenseitigkeit – auch wenn sie in Pias Augen allesamt hochoffiziell verrückt waren. Allerdings war sie sich ziemlich sicher, dass die anderen das Gleiche über sie dachten.
Jetzt musste sie sich mit einem völlig neuen Haufen auseinandersetzen. Alle waren sie frisch und energiegeladen, wohingegen Pia einfach nur verdammt müde und so zickig war, dass sie den Leuten grundlos den Kopf abreißen wollte.
Das würde ihr bestimmt ein paar Pluspunkte einbringen.
Drei Irre fuhren zusammen mit ihr in einem schwarzen Cadillac Escalade. Drei weitere folgten ihnen in einem anderen, ebenfalls schwarzen Escalade. Illegalerweise hatten die beiden SUVs sogar das gleiche Nummernschild und waren auch sonst in jeder Hinsicht praktisch identisch – für den Fall, dass sich die Gruppe aufteilen, und der eine SUV als Lockvogel herhalten musste. Der andere wäre derjenige, in dem Pia gerade innerlich angespannt saß.
In dem Escalade hinter ihnen saßen Miguel, Hugh und Andrea. Miguel hatte nussbraune Haut und dunkle Haare, einen strammen Körper mit schlanken Muskeln und scharfe Augen, die unablässig durch die Umgebung schweiften. Hugh war knochig und eher unauffällig. Er hatte große Hände, einen leicht surrenden schottischen Akzent und eine schläfrige Art, die Pia ihm nicht eine Sekunde lang abkaufte – wenn er nämlich wirklich so schläfrig und langsam wäre, würde er sie nicht begleiten.
Andrea sah aus der Entfernung ziemlich genau so aus wie Pia, was beabsichtigt war. Sie hatte die gleiche eins achtundsiebzig große, langbeinige Statur und die gleichen dichten blonden Haare, die ihr über die Schultern fielen und sich zu einem Pferdeschwanz hochbinden ließen. Andreas Haare waren sorgsam aufgehellt worden, damit sie Pias Blondton entsprachen.
Aus der Nähe hätte man sie nicht verwechseln können. Andrea sah gut fünf Jahre älter aus als die fünfundzwanzigjährige Pia – allerdings war es bei einem Wyr manchmal schwierig, das Alter zu schätzen, und Andrea hätte ebenso gut dreißig Jahre älter sein können. Pias Gesicht war herzförmiger, und Andreas Augen waren nicht mitternachtsblau, sondern grün. Trotzdem beschlich Pia jedes Mal ein unheimliches Gefühl, wenn sie Andrea aus der Ferne sah. Es war, als würde sie ihre eigene Doppelgängerin beobachten.
Die drei Irren in Pias Cadillac waren James, Johnny und Eva. James war der Größte der Gruppe und ziemlich attraktiv. Sein dunkles Haar fiel ihm in die blauen Augen, und die kräftige Nase und Kieferpartie sahen im Profil großartig aus. Daneben wirkte Johnny mit seinen feinen Gesichtszügen und dem hellbraunen Haar so jungenhaft, dass er geradezu unschuldig aussah – noch ein Eindruck, von dem Pia wusste, dass er falsch sein musste.
Dann war da Eva, Alphatier und Kommandantin dieses speziellen Rudels lebensgefährlicher Bekloppter. Eva hatte den amazonenhaft stattlichen Venus-Williams-Stil perfektioniert, ihr gestählter Körper maß eins zweiundachtzig, und über den starken Muskeln spannte sich ebenholzfarbene Haut. Sie hatte schwarze Augen und einen harten Blick, mit dem sie Pia bei ihrer ersten Begegnung so gründlich auseinandergenommen hatte, dass Pia nicht ganz sicher war, ob sie danach alle Teile wiedergefunden und richtig zusammengesetzt hatte.
Die meisten von Pias Begleitern gehörten irgendwie zu den Hunde-Wyr – Wölfe, Promenadenmischungen oder Doggen –, aber es war auch ein geflügelter Wyr unter ihnen, der sie aus der Luft unterstützen würde, falls es nötig sein sollte. Hugh war einer der seltenen, hochgeschätzten Gargoyles des Reichs.
Sie alle stammten aus der Wyr-Version einer Sondereinsatztruppe, der begabtesten und explosivsten Einheit der Armee. In jedem Konflikt waren sie die Ersten, sie waren die Vorhut, die Ranger, die an Orte geschickt wurden, die für normale Soldaten zu gefährlich waren. Sie waren diejenigen, die in den dunklen Ecken patrouillierten und hinter die feindlichen Linien schlüpften, um ihre Gegner von hinten anzugreifen. Noch gefährlicher waren unter den Wyr nur Dragos’ Wächter und natürlich Dragos selbst.
Sie waren nicht gut darin, sich zu fügen. Sie trugen nie Uniform, salutierten nicht und machten sich nicht die Mühe, mit ihrer Meinung zu irgendetwas hinter dem Berg zu halten. Und dass sie von Pia und dem Babysitterauftrag, mit dem sie geschlagen waren, nicht besonders viel hielten, war offensichtlich. Was bedeutete, dass sie alle miteinander eine beschissene Fahrt vor sich hatten, wenn sich nicht etwas änderte.
Die Arme vor der Brust verschränkt, saß Pia auf der Rückbank hinter dem Fahrersitz und sah die schmutzig-weiße Winterlandschaft vorüberziehen. Sie konnte spüren, dass Dragos über ihnen flog, obwohl sie nicht telepathisch miteinander sprachen. Es war alles schon vor einiger Zeit gesagt, gebrüllt und diskutiert worden. Nachdem er den beiden Wagen etwa vierzig Minuten lang gefolgt war, flog er einen Bogen und machte sich auf den Rückflug nach New York.
Pia rutschte rastlos in ihrem Sitz hin und her. Ihr Kopf dröhnte. Aus der Stereoanlage rappte 2Pac »Ballad of a Dead Soulja«. Neben ihr lümmelte sich Johnny in Kampfhose und T-Shirt in seinem Sitz. Er trug die hellbraunen Haare zu einem unordentlichen Zopf zusammengebunden und war in ein Videospiel vertieft.
Eva fuhr, und James gab den Beifahrer, zwischen seinen Stiefeln klemmte ein Gewehr – ein spätes SCAR-Modell (was, wie man Pia gesagt hatte, für Special Operation Forces (SOF) Combat Assault Rifle stand) –, ein Gefechtssturmgewehr für Sondereinsatztruppen. Evas krauses schwarzes Haar war kurzgeschoren, was ihre elegante Schädelform betonte. Als Pia in den Rückspiegel sah, begegnete sie der Spiegelung von Evas herablassendem Blick. Pias bereits stark strapazierte Geduld gab es auf, die Oberhand behalten zu wollen. Sie machte sich davon und nahm Pias bessere Hälfte mit sich.
Sie sagte: »Ich will jetzt Kenny G hören. Oder vielleicht Michael Bolton.«
Johnny hob den Kopf. James wandte sich zu ihr um.
»Du willst mich wohl verarschen«, sagte Eva. Sie wandte sich an James. »Sag mir, dass sie mich verarschen will.«
Pia kam sich kindisch, kleinlich und rachsüchtig vor. Aus der melodramatischen Tussi war eine Zweijährige geworden, und dieses Kleinkind legte gerade einen Trotzanfall hin. Zu James sagte sie: »Schalt um.«
»Die Frau will, dass umgeschaltet wird«, sagte James ausdruckslos. Er hieb auf die Tasten ein. Easy-Listening-Musik schallte durch den Wagen.
»Schöne Scheiße«, murrte Eva. »Wir werden den Rest dieses gottverdammten Tages in einem Fahrstuhl feststecken.«
Auch Pia hasste Fahrstuhlmusik. Lächelnd lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück. Jetzt fühlten sich die anderen genauso mies wie sie.
Der Morgen schleppte sich dahin, während sie Meile um Meile hinter sich ließen und die Stadtlandschaft immer dieselbe blieb. Langweilige Fabrikgebäude aus Backstein, schwarze Eisenbahnschienen, die sich durch schmutzigen Schnee zogen, reihenweise Häuser und hin und wieder ein Einkaufszentrum. Niemand sprach ein Wort, jedenfalls nicht laut. Reibungslos fädelten sich die beiden Cadillacs durch den Autobahnverkehr. Um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, blieben sie nicht die ganze Zeit direkt hintereinander, aber doch immer in Sichtweite.
Während Pia die vorbeiziehende Landschaft betrachtete, kam sie nicht umhin, an das letzte Mal zurückzudenken, als sie diese Strecke gefahren war. Vor sieben Monaten. Jene erste Fahrt war fast das genaue Gegenteil von dieser hier gewesen.
Im vergangenen Mai war sie auf der Flucht gewesen, verängstigt, erschöpft und allein, während um sie herum alles in voller Blüte gestanden hatte. Jetzt hatte sie einen Gefährten, war schwanger – schützend legte sie die Hand auf ihren leicht gewölbten Bauch – und von den besten, wenn auch säuerlichen, Wyr-Bodyguards umgeben, während es draußen saukalt war, weil der Winter New York mit scharfen weißen Zähnen am Schlafittchen gepackt hatte.
Im Gegensatz dazu würde ihr der Januar in Charleston mit Tageshöchsttemperaturen von fünfzehn und Tiefstwerten von drei bis vier Grad angenehm mild vorkommen. Worauf sich Pia am meisten freute, war, dass an der Küste South Carolinas kein Schnee lag. Ende Dezember war New York von einem der schlimmsten Schneestürme seit Beginn der Wetteraufzeichnungen heimgesucht worden, und es würde noch Monate dauern, bis die Schneeberge wieder geschmolzen waren.
Nach neunzig Minuten Fahrt wurde Pia unruhig. »Wir müssen anhalten.«
Wieder sah Eva sie im Rückspiegel an. »Müssen wir das?«, fragte sie mit Babystimme. »Wo würde Madame denn gern anhalten?«
James hob den Kopf und sagte: »Evie.«
»Was?«, fuhr Eva ihn an. »Wir sind gerade mal auf der...




