E-Book, Deutsch, Band 11, 720 Seiten
Reihe: Rachel Morgan
Harrison Blutschwur
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-10531-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Rachel-Morgan-Serie 11 - Roman
E-Book, Deutsch, Band 11, 720 Seiten
Reihe: Rachel Morgan
ISBN: 978-3-641-10531-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rachel Morgan hat es vermasselt: Durch einen Fehler ihrerseits beginnt das Jenseits zu schrumpfen. Sollte es ganz verschwinden, bedeutet das das Ende für Vampire, Feen und Hexen. Als dann auch noch ihr Patenkind von wütenden Dämonen entführt wird, bleibt Rachel nichts anderes übrig, als ins Jenseits zurückzukehren, sich ihren Feinden zu stellen und die Apokalypse aufzuhalten. Unmöglich? Nicht, wenn man Rachel Morgan heißt!
Kim Harrison, geboren im Mittleren Westen der USA, wurde schon des Öfteren als Hexe bezeichnet, ist aber – soweit sie sich erinnern kann – noch nie einem Vampir begegnet. Sie hegt eine Vorliebe für Friedhöfe, Midnight Jazz und schwarze Kleidung und ist bei Neumond nicht auffindbar. Mit ihren RACHEL MORGAN-Romanen hat sie einen internationalen Bestseller gelandet.
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1
»Das ist nah genug. Danke«, sagte ich zu dem Taxifahrer, und er fuhr einen Block vor dem Carew Tower an den Randstein. Es war Sonntagabend, und die schicken Restaurants in den unteren Stockwerken von Cincinnatis bekanntestem Hochhaus waren wegen des March Madness Food Fests gut gefüllt – die Drehtür stand nie still, während lachende Pärchen und Gruppen hinein- und herausdrängten. Einige Gäste hatten sich wahrscheinlich auch die Ausstellung mit Kunst von Kindern angesehen. Doch das gesetzte Paar in Anzug und paillettenbesetztem Kleid, das vor mir aus einem schwarzen Auto stieg, wollte sicher wie ich in das Drehrestaurant.
Ich suchte in meiner lächerlich kleinen Handtasche nach einem Zwanziger und reichte den Schein nach vorne. »Stimmt so«, sagte ich, während ich mein Schultertuch enger zog und mir dabei ein leichter Fliederduft in die Nase stieg. »Aber ich bräuchte bitte eine Quittung.«
Der Fahrer warf mir einen dankbaren Blick zu. Vielleicht war das Trinkgeld etwas zu hoch, aber er war schließlich bis in die Hollows gefahren, um mich abzuholen. Nervös rückte ich noch mal das Schultertuch zurecht und glitt zur Tür. Ich hätte mit meinem Auto fahren können, aber während des Festivals war es fast unmöglich, in der Innenstadt einen Parkplatz zu finden. Außerdem verlor ein Kleid aus feuerfarbener Seide mit Spitzenbesatz einen Großteil seines Charmes, wenn man versuchte, damit aus einem Mini Cooper zu steigen. Ganz abgesehen davon, dass der Wind vom Fluss mir vielleicht mein sorgfältig geflochtenes Haar zerzaust hätte, wenn ich weiter hätte laufen müssen als einen Block.
Ich bezweifelte, dass das Treffen mit Quen heute Abend zu einem Job führen würde. Aber ich brauchte im Moment jeden Steuerabzug, den ich bekommen konnte, selbst wenn es sich nur um eine Taxifahrt handelte. Ein Jahr ohne Steuererklärung, während entschieden wurde, ob ich nun ein Bürger war oder nicht, hatte sich nicht als der Segen erwiesen, für den ich es am Anfang gehalten hatte.
»Danke«, antwortete ich, als ich die Quittung einsteckte. Dann atmete ich einmal tief durch, die Hände im Schoß verschränkt. Vielleicht sollte ich einfach wieder nach Hause fahren. Ich mochte Quen, aber er war Trents oberster Sicherheitschef. Ich war mir sicher, dass er mir einen Job anbieten würde – aber ich war mir ganz und gar nicht sicher, ob ich ihn auch annehmen wollte.
Doch meine Neugier war schon immer stärker gewesen als mein gesunder Menschenverstand. Als der Fahrer mich im Rückspiegel musterte, griff ich nach dem Türöffner. »Was auch immer es ist, ich lehne ab«, murmelte ich beim Aussteigen. Der Werwolf am Steuer lachte leise. Das Türknallen war neben dem lauten Getöse der drei Grufti-Teenager, die sich auf seinen Wagen stürzten, kaum zu hören.
Meine niedrigen Absätze klapperten über den Gehweg. Die kleine Tasche unter einen Arm geklemmt, hielt ich mit der anderen Hand meine Haare fest. Die Tasche war immerhin groß genug, dass meine zugelassene, mit Gute-Nacht-Tränken geladene Splat Gun darin Platz fand. Sollte Quen ein Nein als Antwort nicht akzeptieren, konnte ich ihn immer noch mit dem Gesicht nach unten in seiner Zwölf-Dollar-Suppe zurücklassen.
Ich blinzelte in den Wind und wich den Leuten aus, die auf eine Fahrgelegenheit warteten. Quen hatte mich zum Abendessen eingeladen, nicht Trent. Mir gefiel nicht, dass er glaubte, sich in einem Fünf-Sterne-Lokal mit mir unterhalten zu müssen statt in einem Café, aber vielleicht mochte der Mann ja einfach alten Whiskey.
Ein letzter Windstoß schob mich in die Drehtür, und ich verspürte eine Vorahnung von Gefahr, als der Geruch von altem Messing und Hundepisse in der plötzlich unbeweglichen Luft aufstieg. Dann öffnete sich die Tür auf eine weite Lobby mit viel Marmor. Beim Weg zu den Aufzügen lief mir ein Schauder über den Rücken. Und das lag nicht nur an der Märzkühle.
Das Paar, das ich auf dem Gehweg gesehen hatte, war schon längst verschwunden, und ich musste auf den speziellen Restaurantlift warten. Ich drückte mir die Tasche wie ein Feigenblatt vor den Körper, während ich die anderen Leute beobachtete. In meinem langen, feuerfarbenen Etuikleid fühlte ich mich irgendwie fehl am Platz. Es hatte mir im Laden so fantastisch gestanden, dass ich es gekauft hatte, obwohl ich darin nicht richtig rennen konnte. Teilweise hatte ich heute Abend Quen nur zugesagt, um es tragen zu können. Für meine Arbeit machte ich mich oft schick, aber immer in der Annahme, dass der Abend wahrscheinlich damit enden würde, dass ich vor Banshees weglaufen oder Vampiren hinterherrennen musste. Vielleicht will Quen sich nur nett unterhalten? Aber ich bezweifelte es.
Die Aufzugglocke ertönte, und ich setzte ein Lächeln auf, falls jemand darin stand, das jedoch schnell verblasste, als die Türen sich öffneten und lediglich den Blick auf mehr Messing, Samt und Mahagoni freigaben. Ich trat hinein und drückte den R-Knopf ganz oben auf der Leiste. Vielleicht fühlte ich mich nur deswegen so unbehaglich, weil ich allein war. Ich war diese Woche viel allein gewesen, während Jenks sich bemühte, im Garten die Arbeit von fünf Pixies zu erledigen, und Ivy in Flagstaff weilte, um Glenn und Daryl beim Umzug zu helfen.
Die Geräusche der Lobby verklangen, als die Türen sich schlossen. Ich sah in den Spiegel und schob mir eine Strähne hinters Ohr, die dem lockeren Zopf entkommen war, den Jenks’ jüngste Kinder mir heute Abend geflochten hatten. Wäre Jenks hier gewesen, hätte er mir gesagt, ich solle mich zusammenreißen. Es knackte in meinen Ohren, und ich straffte die Schultern. In den Handlauf des Lifts war ein Muster aus Kraftliniensymbolen eingelassen, aber es war nur ein leichter Euphorie-Zauber. Ich lehnte mich dagegen. Ich konnte heute Abend alle Euphorie brauchen, die ich bekommen konnte.
Als die Türen sich schließlich öffneten und Livemusik in den Raum hallte, hatte ich mich ein wenig entspannt. Himmel, es war nur ein Abendessen. Ich lächelte den jungen Mann am Empfangstisch an. Seine Uniform stand ihm gut, und er hatte die Haare mit Gel nach hinten gekämmt. Hinter ihm erstreckte sich Cincinnati durch die Dunkelheit, und die Lichter der Stadt glitzerten in der Nacht wie unzählige Seelen. Der Gestank und der Lärm waren weit entfernt, sodass man nur die Schönheit wahrnahm. Vielleicht hatte Quen sich deswegen für dieses Restaurant entschieden.
»Ich bin mit Quen Hanson verabredet«, sagte ich und zwang meine Aufmerksamkeit wieder auf den Empfangschef. Alle Tische, die ich sehen konnte, waren mit Leuten gefüllt, die sich an den Festival-Spezialitäten schadlos hielten.
»Ihr Tisch ist noch nicht fertig, aber Mr. Hanson wartet an der Bar auf Sie«, antwortete der Mann. Ich blinzelte bei dem unerwarteten Respekt in seiner Stimme. »Darf ich Ihnen das Schultertuch abnehmen?«
Das wird ja immer besser, dachte ich, während ich mich umdrehte, um die Seide von meinen Schultern gleiten zu lassen. Ich spürte, wie er beim Anblick meiner Rudel-Tätowierung kurz zögerte, und richtete mich zu meiner vollen Größe auf. Ich war stolz darauf.
»Hier entlang, bitte«, sagte er, gab das Tuch einer Frau, nahm eine Papierquittung dafür entgegen und reichte sie an mich weiter.
Ich ließ meine Hüften schwingen, als ich ihm folgte und mühelos auf den sich drehenden Teil des Restaurants überwechselte. Ich war schon ein paarmal hier gewesen, und die Bar lag am anderen Ende. Wir schritten zwischen Tischen hindurch, an denen verschiedenste schicke Leute fürstlich speisten. Das Paar, das das Hochhaus vor mir betreten hatte, saß bereits an seinem Platz. Ihre Gläser waren mit Wein gefüllt, und sie saßen eng nebeneinander, als würden sie sich gegenseitig mehr genießen als den Ausblick. Es war schon eine Weile her, seitdem ich mich so gefühlt hatte, und ich verspürte einen kurzen Stich. Doch ich verdrängte das Gefühl und trat zurück in den unbeweglichen Mittelteil des Restaurants, in dem sich die Bar aus Messing und Mahagoni befand.
Außer dem Barkeeper war Quen die einzige Person an der Bar. Er trug Jackett und Krawatte. Seine Körperhaltung verriet Unsicherheit, denn er stand kerzengerade vor der Bar, statt zu sitzen. Die förmliche Kleidung sah gut an ihm aus, schränkte aber wahrscheinlich seine Bewegungsfreiheit mehr ein, als ihm lieb war. Ich lächelte, als er mit einem Stirnrunzeln an seinem Ärmel zog; er hatte mich noch nicht gesehen. Die Reflexionen im Glas hinter dem Spiegel zeigten die Lichter auf dem Fluss. Quen wirkte erschöpft – wachsam, aber erschöpft.
Nichts entging seinem Blick, und er legte den Kopf schräg, um dem leise gestellten Fernseher in der Ecke über ihm zu lauschen. Dann bemerkte er uns und drehte sich lächelnd um. Ich erwiderte das Lächeln. Ich war wirklich froh, ihn zu sehen. Irgendwie war er für mich zu einer Art Vaterfigur geworden. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass wir im ersten Jahr unserer Bekanntschaft regelmäßig aneinandergeraten waren. Und damit, dass er mich immer noch mühelos mit seiner Magie ausschalten konnte. Außerdem spielte möglicherweise eine Rolle, dass ich ihm einmal das Leben gerettet hatte, während ich das Leben meines richtigen Dads nicht hatte retten können.
»Quen«, sagte ich, als er unnötigerweise sein Jackett und seine Stoffhose...




