E-Book, Deutsch, Band 1, 100 Seiten
Reihe: Z'21
Harich Z'21 - Lea
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-945814-26-0
Verlag: Alea Libris
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Stuttgart
E-Book, Deutsch, Band 1, 100 Seiten
Reihe: Z'21
ISBN: 978-3-945814-26-0
Verlag: Alea Libris
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Stuttgart 2021 - die Landeshauptstadt ist abgeriegelt. Niemand kommt hinein, niemand kommt heraus, die Einwohner wurden evakuiert. Doch nicht alle haben Stuttgart verlassen. Lea, eine junge Frau, hat sich in der Staatsgalerie verschanzt und sie zu einer todsicheren Festung umgestaltet. Sie baut Todesfallen für die Infizierten, die ihr alles genommen haben, was ihr wichtig war. Sie muss jeden Tag um ihr Überleben kämpfen. Doch die Ereignisse spitzen sich zu und Lea ist sowohl auf die Hilfe ihrer Bekannten innerhalb der Quarantänezone Stuttgart wie auch auf die Hilfe von außen angewiesen.
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Leas Körper protestierte. Jeder Knochen tat ihr weh, ihre Muskeln waren steif und die seelische Erschöpfung, die sich wie ein schwerer Mantel über sie legte, sobald sie ein wenig zur Ruhe kam, ließ sich nur schwer bekämpfen. Langsam öffnete sie die Augen und wollte aufstehen. Sie brauchte einige Sekunden, um sich zu orientieren und sich daran zu erinnern, wo sie war und warum. Nacht für Nacht träumte sie denselben Traum. Sie träumte von dem Tag, an dem sich ihr Leben für immer verändert hatte. Als sich das Leben aller für immer veränderte. Sie träumte von dem Tag des Ausbruchs der Epidemie.
Sie verscheuchte die Erinnerung, wischte sie mit einem Kopfschütteln fort. Nein, das war nicht der richtige Zeitpunkt, um sich von so etwas ablenken zu lassen. Zumal ihr nur wenig Zeit blieb, um ihr Geheimnis vor Andreas zu bewahren. Vorsichtig nahm sie seinen Arm von ihrer Hüfte und legte ihn auf die Decke. Bemüht, ihn nicht zu wecken, stand sie auf. Als das Feldbett quietschte, erschrak sie, hielt inne und lauschte. Doch Andreas gab nur einen lauten Schnarcher von sich und Lea stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Leise schlich sie zu den Monitoren, öffnete die Schublade und zog aus einem präparierten Buch ein Walkie-Talkie hervor. Immer wieder warf sie einen prüfenden Blick auf Andreas - wenn er sie erwischte, würde sie in Schwierigkeiten stecken. Wie zum Geier sollte sie ihm das auch erklären? Sie wusste ja selber nicht, warum sie sich noch auf dieses Spielchen einließ oder überhaupt eingelassen hatte.
Lea biss sich auf die Lippe. Diese Heimlichtuerei ging ihr eigentlich gegen den Strich. Es war einfach nichts, was sie gerne tat. Doch nur so hatten sie die Tage nach dem Ausbruch überleben können - vor allem, als ihr Vater dann gestorben war. Sie suchte den Raum ab, der nur spärlich durch die hereinfallenden Sonnenstrahlen erhellt wurde. Grau in Grau - immer wieder ein Abenteuer sich da zurechtzufinden. Lea schlich vorsichtig zur Tür, betete, dass Andreas vom Quietschen nicht aufwachen würde, und drückte den Knopf. Langsam, quälend langsam schwang die Sicherheitstür auf, natürlich nicht, ohne schrille Töne von sich zu geben. Mit einem Satz schlüpfte Lea durch den Spalt, drückte hastig die Zahlenkombination - wobei sie sich vor lauter Nervosität vertippte - und eilte den Korridor entlang, hinüber zur Galerie. Das Walkie-Talkie knackte, als Lea es einschaltete. Unangenehm laut hallte das Geräusch von den Wänden wider.
»Lea?«
Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, als sie Max‘ Stimme hörte.
»Bin auf dem Weg. Tut mir leid, dass ich spät dran bin, aber ich habe ...« Lea schwieg und dachte kurz nach. »Verschlafen. Weißt ja, ist alles nicht ganz so einfach. Ich bin gleich da. Treffen wir uns in der ägyptischen Abteilung?«
»Bei deiner Stacheldrahtfalle? Ich bin auf dem Weg.«
Mit einem Mal wurde ihr leicht ums Herz. Max, der Soldat, der an jenem Tag an ihrer Seite geblieben war, als sie ihren Vater verlor. Max, der seitdem immer in Kontakt mit ihr stand und ihr half, sie mit alldem zu versorgen, was man in den verlassenen Gebäuden nicht fand. Dafür verschaffte sie ihm genügend lebende Exemplare von ihnen, damit die Forscher des Militärs ein Gegenmittel finden konnten. . Dass er dadurch ihr Vertrauen gewonnen und sie ihn in all ihre Geheimnisse in der Galerie eingeweiht hatte, war der Nebeneffekt gewesen. Max konnte sich seitdem problemlos hineinschleichen und sie musste nicht ständig hoffen, dass Andreas nicht auf ihn traf. Allerdings flackerte manchmal der Funken des Misstrauens auf, ob sie ihm gänzlich vertrauen konnte. Es wäre ein leichtes für ihn, sie zu verraten. Doch ihr Vater schien so etwas bereits geahnt zu haben. In seinen Sachen hatte sie einen Brief gefunden, der einen Notfallplan offenbarte, der sie erschreckte, aber gleichzeitig mehr als retten würde. Lea hoffte nur, ihn nie zu benötigen, auch wenn sie nicht wusste, was sie mit anstellen sollte. Schlimm genug, dass sie immer wieder etwas zu essen besorgen musste!
»Fuck!«, fluchte sie, als sie um die Ecke bog und auf irgendwas Nassem ausrutschte. »Was zur Hölle …?« Unter Schmerzen rappelte sie sich auf, rutschte noch einmal weg. Ihre Kleidung wurde nass, Feuchtigkeit drang durch den Stoff. Angewidert rümpfte Lea die Nase und begriff langsam, wo sie gelandet war. Rote, schon leicht geronnene Flüssigkeit. Ein starker Verwesungsgeruch und etwas, das seltsam süß und verlockend roch. Blut. Das Blut eines Infizierten. Angeekelt robbte sie von der Blutlache weg, versuchte, sich die blutgetränkten Hände an der Hose abzuwischen, doch ihre Jeans war bereits vollgesogen.
»Alles in Ordnung bei dir?« Max‘ Stimme klang besorgt. Lea sah entschuldigend zu ihm auf, während sie seine Hand ergriff und sich aufhelfen ließ. Seine Haut war warm, und dank ihr ebenfalls rot. Lea murmelte ein leises »Sorry«, doch Max winkte ab. Er schien Schlimmeres gesehen und erlebt zu haben.
»Ja. War nur etwas überraschend.« Sie rümpfte die Nase. Klasse! Sie stank schon wieder wie einer von ihnen. »Ihnen scheint die Stacheldrahtfalle einfach nicht zu bekommen.«
»Sieht ganz danach aus.« Das Grinsen in Max‘ Gesicht hellte Leas Stimmung auf. Vorsichtig näherten sie sich dem leblosen Körper, der sich im Überlebenskampf immer weiter in den Stacheldraht verstrickt hatte. Leas Blick wanderte über den Infizierten. Der Draht hatte die Haut aufgerissen. Getrocknete Blutspuren zogen sich wie ein grauenhaft faszinierendes Muster über seine fahle Haut. Immer wieder hörte man ein Tropfen – das Blut rann weiter aus der leblosen Hülle. Seine Hände hatten sich um ein Drahtgeflecht verkrampft. Blutige Klumpen. Sein Bauch war aufgerissen, seine Eingeweide hingen wie ein Haufen tropfender Wollfasern heraus. Neben ihr begann Max zu würgen.
»Also ...«, überlegte sie. »Wäre der da noch menschlich, wäre er jetzt sowas von tot.« , fluchte sie innerlich. »Aber bei denen weiß man ja nie. Wenigstens haben sie früher als Veganer ein gesundes und nachhaltiges Leben geführt!«
Max lachte, so dass es von den Wänden widerhallte. »Das ist immer noch der größte Witz dieser Katastrophe. Veganer, die zu Untoten werden!«
»Ja, man kann das durchaus mit Humor sehen«, antwortete sie trocken. »Allerdings frag ich mich, wie das passieren konnte. Wird Zeit, dass ihr bald mal 'ne Antwort darauf findet.«
»Dafür brauchen wir die aber lebend.«
Lea streckte Max die Zunge raus. »Ich find das ja auch nicht gut. Die Haut von dem ist zu nichts zu gebrauchen und sein Blut hat er ja auch fröhlich über den Boden verteilt. Super Sache, sag ich dir! Das macht mir auch das Geschäft kaputt!« Sie seufzte. Ihre Drahtfalle war zwar effektiv, aber das Aufräumen hinterher war immer so mühsam und ekelhaft. Die Hautfetzen in den Stacheln, das Blut - es war alles, nur kein Spaziergang. Prüfend wanderte ihr Blick über die Drahtseile, die an den Statuen des Anubis festgemacht waren. Egal, von welcher Seite die Infizierten kamen, sie konnten den über Kreuz gespannten Drahtseilen nicht ausweichen. Immerhin hatten Andreas und sie die ägyptische Abteilung so umgeräumt, dass an jeder Ecke eine solche Falle angebracht werden konnte und die wertvollen Kunstschätze Gänge bildeten, die einen Ausweg unmöglich machten. Max wusste Bescheid, Andreas auch - es war die einzige Falle, die sie ihm gezeigt hatte, zumindest in der Staatsgalerie. Mit geübtem Griff kletterte sie die Anubisstatue zu ihrer rechten hinauf und faste vorsichtig an das Drahtnetz. Sie hatte gelernt, dass es nicht nötig war, beide Enden zu lösen. Als sich die Spannung löste, musste sie sich zur Seite drehen und ihr Gesicht schützen. Wie ein Peitschenhieb schlug der Draht aus, kratzte mit einem schaurigen Geräusch über die Statue, und Staub rieselte herunter.
»Woah! Das war knapp! Wäre schade um dein hübsches Gesicht gewesen.«
»Spar dir dein Süßholzgeraspel und hilf mir lieber«, grunzte sie und sprang von der Statue. »Ich brauch die Haut. Für alle Fälle.« Sie kniete sich neben dem Infizierten, beäugte ihn vorsichtig, um zu sehen, ob er auch wirklich tot war. Max, der mit geladener Waffe hinter ihr stand, gab Lea Sicherheit.
»Krass! Ich hätte auch vegan leben sollen! Hätte mir als Teenager einiges an Peinlichkeiten erspart. Pickel und so Scherze.« Sie berührte die weiche, makellose Haut des Infizierten. »Es ist unglaublich, wie robust das Virus die Haut gemacht hat. Weich, geschmeidig und widerstandsfähig. Das ideale Verbandsmaterial. Und hervorragend für Taschen.«
»N‘ bisschen eklig ist das schon, das ist dir schon klar, oder?«, hörte sie Max sagen, während sie mit geübter Hand die Haut vom Fleisch trennte. Fasziniert starrte sie auf die Masse vor ihr. Das Virus hatte die Muskeln schwarz gefärbt, die Adern durchsichtig werden lassen und dem Blut einen verlockend süßen Duft verliehen. Unwillkürlich knurrte ihr Magen. Jeder Infizierte roch anders. Dieser hatte den Duft von Schokolade in seinem Blut. Von sündhaft leckerer, verboten teurer Schokolade.
»Lea?«
»Max, sei einfach still.« Lea schloss die Augen, atmete durch den Mund, um Max nicht zusätzlich zu verstören, und arbeitete einfach weiter. »Willst du das Fleisch mitnehmen? Könnte ganz interessant sein. Viruszusammensetzung und so?«
»Also manchmal frag ich...




