E-Book, Deutsch, Band 6, 287 Seiten
Harding Die Teufelsjagd
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96655-990-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Fall für Hugh Corbett, Meisterspion von Edward I - Band 6 | Erstklassige Mittelalterspannung
E-Book, Deutsch, Band 6, 287 Seiten
Reihe: Ein Fall für Sir Hugh Corbett
ISBN: 978-3-96655-990-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Paul Harding - auch bekannt unter seinem Pseudonym Paul Doherty, wurde 1946 in Middlesbrough geboren und studierte Geschichte an der Liverpool University und in Oxford. Unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte er zahlreiche Bücher, so zum Beispiel mehrere historische Krimi-Reihen, für welche er vielfach ausgezeichnet wurde - unter anderem mit dem Pulitzer Preis. Viele seiner Fälle basieren auf ebenso wahren wie schockierenden Ereignissen. Die Website des Autors: www.paulcdoherty.com/ Bei dotbooks erschien die mittelalterliche Spannungsreihe um den englischen Meisterspion Hugh Corbett: »Die Tote im Kloster« »Der Kapuzenmörder« »Der Mörder von Greenwood« »Das Lied des Todes« »Der Schwur des Templers« »Teufelsjagd«
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Prolog
»Ein gewaltsamer, plötzlicher Tod«, hatte Pater Ambrose, der Gemeindepfarrer von Iffley, erklärt, »soll jede lebende Menschenseele auf Gottes schöner Erde ereilen.«
Piers, der Ackerknecht, lehnte gegen einen Pfeiler der Gemeindekirche und lauschte im Halbschlaf der Predigt oder warf Edigha, der Tochter des Schmieds, heiße, lüsterne Blicke zu. Er hatte die flachshaarige Edigha beim Dorfbrunnen näher kennengelernt. Sie hatten sich an den Galgen vorbei aus dem Dorf gestohlen in ein Feld mit reifem Korn. Kichernd hatte Edigha Piers hinter sich hergezogen.
»Ich sollte nicht mitgehen«, flüsterte sie, und ihre blauen Augen strahlten freudig. »Mein Vater wartet auf mich!«
»Dein Vater löscht gerade die Asche in seiner Schmiede«, erwiderte Piers mit einem so breiten Grinsen, daß seine schadhaften Zähne sichtbar wurden, »während dort unten die Flammen meiner Liebe, Edigha, um so heißer brennen.« Er wiederholte Worte, die fahrende Sänger in der Goat’s Head Tavern zu einem der Schankmädchen gesagt hatten, als er vergangenen Montag nach dem Pflügen dort eingetreten war. Piers’ kurze elegante Rede hatte den gewünschten Effekt. Edigha kicherte und trottete weiter neben ihm her. Mit gesenkten Köpfen bewegten sie sich durch ein Meer aus reifem Korn. Kaninchen und Mäuse brachten sich aufgescheucht in Sicherheit, und über ihnen suchten die Waldtauben pfeilschnell dem Schatten eines kreisenden Habichts zu entkommen. Piers blieb stehen und schaute zu ihnen auf. Aus einem seltsamen Grund erinnerte er sich an die Worte Pater Ambroses: Der Habicht schwebt vor einem blauen Himmel und wartet, um sich dann auf seine Beute hinabzuwerfen und sie zu töten. Piers schauderte es.
»Was ist los?« Edigha drückte sich an ihn. »Ist das Feuer schon erloschen?« Sie legte ihre Arme um ihn und berührte mit einer Hand seine Leiste. »Wir müssen bei Sonnenuntergang zurück sein«, flüsterte sie.
Piers starrte in die Sonne, die, ein glühender Feuerball, gerade unterging und den Himmel rot verfärbte. Er drehte sich um und schaute in Richtung des kleinen Gehölzes, und die Brise fuhr ihm durch die Haare.
»Irgendwas stimmt nicht«, flüsterte er. »Es ist so still.«
»Du machst mir angst«, gab Edigha nicht ganz ernst zurück, ließ sich jedoch von seiner Stimmung anstecken. Sie hatte sich ein Schäferstündchen mit Piers vorgestellt, aber hier draußen im im Winde raschelnden und schwankenden Korn war sie sich ihrer Sache nicht mehr so sicher. Sie schaute auf die Bäume. Da drinnen würde es kühl und dunkel sein, und ihr wurde plötzlich ganz mulmig, als ihr klar wurde, daß sie denselben Weg zurücknehmen mußten. Falls sie jemand sah, dann würde am Dorfbrunnen und im Goat’s Head noch wochenlang geflüstert und gespottet werden.
»Können wir nicht den kleinen Pfad zurücknehmen?« murmelte sie.
»Dort kann man uns sehen.« Piers nahm ihre Hand.
Er wollte schon anfangen zu rennen, aber da erinnerte er sich an die unheimlichen Geschichten. Ralph, der Vogt, hatte mit einem Krug in der Hand in der Schenke gestanden und flüsternd von den zerstückelten Leichen erzählt, die in den letzten Wochen in den Wäldern bei der Stadt gefunden worden waren.
»Geblutet haben sie wie abgestochene Schweine«, hatte Ralph warnend gesagt. »Das Blut floß wie Wein aus einem zerbrochenen Krug. Die Köpfe waren an den Haaren an Ästen aufgehängt.« Ralph hatte warnend einen Finger erhoben. »Das sind diese verdammten Tagediebe!« hatte er geschrien. »Diese sogenannten Gelehrten aus der Stadt mit ihrer Hochnäsigkeit.«
Alle hatten genickt. Oxford war ein seltsamer Ort – eine Stadt mit eigenen Rechten und Privilegien, mit eigenartigen Gerüchen und unerwarteten Eindrücken. Alle Städte waren schlimm, überall eingebildete Händler und durchtriebene Kaufleute, aber Oxford mit seinen Gelehrten, darunter viele Fremde, die sogar aus dem Ausland übers Meer gekommen waren, war schlimmer als Sodom und Gomorrha, das hatte zumindest Pater Ambrose behauptet. Die Gelehrten waren mit ihrer Vogelsprache und bunten Kleidern wie leibhaftige Teufel. Gelegentlich kamen sie nach Iffley und stolzierten, Messer und Schwerter in den Gürteln, umher wie die Pfauen. Sie begafften die Mädchen und sahen sich nach etwas zum Stehlen um. Natürlich gab man jetzt diesen Studenten die Schuld an den verstümmelten Leichen, die auf dem Land in der Umgebung der Stadt gefunden worden waren.
»Wenn sie schon so scheußliche Morde verüben«, hatte der Müller Bartholomew geknurrt, »dann sollten sie wenigstens ihre eigenen umbringen.«
»Aber warum? « war ihm Pater Ambrose ins Wort gefallen.
»Ich habe gehört, bei den Toten hätte es sich um Bettler gehandelt. Manche behaupten auch«, hier senkte er die Stimme zu einem Flüstern, »sie seien für fürchterliche satanische Riten mißbraucht worden.«
»Piers! Piers!«
Der Ackerknecht erwachte aus seinen Gedanken.
Edigha fingerte an den Schnüren ihres Mieders, und seine Lust entflammte erneut.
»Komm!« murmelte er mit heiserer Stimme. Er berührte sanft ihre üppigen Brüste und fuhr anschließend mit den Fingerspitzen um ihre schlanke Taille. Dann zog er sie an sich. »Du bist unwiderstehlich!«
»Ich werde doch deine Frau, oder?« fragte ihn Edigha dringlich und hielt seinen Blick mit ihren blauen Augen fest. »Das hast du gesagt. Du wirst dich mit mir verloben. Vor der Kirche und noch vor Allerheiligen?«
Piers beugte sich hinab, um sie zu küssen, machte dann aber einen Satz. Er riß den Kopf hoch und schaute nach oben. Ein Tropfen Blut fiel auf sein Gesicht, und eine Feder schwebte nach unten. Ein Habicht hatte sich auf seine Beute geworfen. Piers wartete nicht länger. Schließlich könnte Edigha es sich anders überlegen. Sie eilten weiter durch das Kornfeld und blieben nur ab und zu stehen, um sich zu umarmen und zu küssen. Mit seinen verschwitzten Fingern machte sich Piers an den Schnüren von Edighas Mieder zu schaffen. Endlich hatten sie den Waldrand erreicht und traten in das kühle grüne Dunkel. Piers zog Edigha auf sich herab. Sie kicherte und wehrte sich, befreite sich und rannte davon. Piers seufzte. Mädchen taten das immer. Sie verwandelten das Werben so in ein Jagdspiel. Piers stand auf und lief hinter ihr her. Auf einer kleinen Lichtung bekam er sie zu fassen. Er seufzte zufrieden. Ihre Haare hatten sich gelöst und hingen herab – goldene Wogen, die ein gerötetes und schweißglänzendes Gesicht umrahmten. Darin leuchteten ihre blauen Augen. Er nahm ihre Hand und zog sie an sich. Sie gingen zwischen den Bäumen hindurch. Er begann sie zu küssen und atmete dabei den süßen Duft ihrer Haut ein. Aus der Halsbeuge leckte er ihr den Schweiß. Plötzlich erstarrte Edigha. Sie stieß ihn weg und trat einen Schritt zurück. Ihr Blick war auf etwas hinter ihm gerichtet. Gleichzeitig wurde sie aschfahl. Dann schloß sie fest die Augen, schnappte entsetzt nach Luft und stieß seltsame Geräusche aus.
»Was ist los, Liebe. Was ist los?«
Sie hob etwas die Hand. Piers drehte sich langsam um, als wüßte er schon, was für ein Anblick ihn erwarte. Anfänglich sah er nichts, aber dann schaute er hoch. Aus einer alten Eiche ragte ein Ast heraus wie ein Speer, und an seinem Ende baumelte an den eigenen Haaren ein abgetrennter Kopf. Piers trat einen weiteren Schritt heran. Die Augen waren halb geöffnet, die grauen Wangen eingefallen, der Mund hing offen wie bei einem geschlachteten Stück Vieh. Der Hals, unsauber vom Rumpf getrennt, war blutverschmiert. Piers schluckte trocken. Seine Beine begannen zu zittern. Edigha nahm ihn bei der Hand, und sie drehten sich um, um dem Schrecken und dem Wald zu entfliehen.
In der Sparrow Hall in der Nähe der Turl Street in Oxford hatte der Tod ebenfalls seine Fratze gezeigt. Der Archivar Ascham wußte, daß er sterben würde. Vom Schmerz verkrümmt lag er da und rang nach Luft. Er wollte sich zu einem Schrei zwingen, wußte aber, daß das sinnlos war. Niemand würde ihn hören, denn Türen und Fenster waren geschlossen. Lautlos war der Tod durch die Luft gekommen. Der Armbrustbolzen hatte ihn voll in der Brust erwischt.
Ascham wußte, daß er im Sterben lag. Er hatte den Geschmack von Blut auf der Zunge und weiter hinten im Hals salzig und wie Eisen. Höllische Schmerzen schüttelten ihn. Er schloß die Augen und murmelte die Worte des Confiteor, das Gebet um die Vergebung Gottes: »Herr, mein Gott, vergib mir alle meine Sünden und alle Sünden meiner Jugend ...« Er verlor sich in Gedanken, obwohl sein Körper vor Schmerzen zitterte. Bilder aus der Vergangenheit tauchten vor seinem inneren Auge auf – seine Mutter, die sich über ihn beugte, die Rufe seines Bruders, seine ersten Jahre in Oxford, sorgenfrei und voller Leben. Das Mädchen, das er beinahe geheiratet hätte und schließlich doch mit traurigen Augen und fassungslos zurückgelassen hatte. Henry Braose, seinen großen Freund, den Gelehrten, Soldaten und Gründer von Sparrow Hall, in der er nun im Sterben lag. Es gab jetzt so viel Böses! Groll, Wut und Haß. Der Bellman bekannte sich öffentlich zur Bösartigkeit des Teufels und versuchte alles zu zerstören, was Henry aufgebaut hatte.
Ascham öffnete die Augen. In der Bibliothek war es dunkel. Erneut versuchte er zu schreien, aber jeder Laut erstarb auf seinen Lippen. Die Kerze flackerte unter ihrem Metallschirm auf dem Tisch und gab nur wenig Licht. Er sah das Stück Pergament, das sein Angreifer auf den Tisch geworfen hatte. Ascham verstand jetzt, was zu seinem Tod geführt hatte. Er hatte die Wahrheit herausgefunden, war aber so dumm gewesen, über seine Nachforschungen zu sprechen. Wenn er doch nur eine Feder hätte! Er griff nach der sprudelnden Wunde in seiner Brust. Seine Tränen liefen hinunter, als er über den Fußboden...




