E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Hanusch Radabenteuer XXL
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8495-9144-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit dem Fahrrad von New York nach Tokio
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-8495-9144-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Florian Hanusch ist seit 1981 aktenkundig und behördlich bekannt. Abitur konnte nachgewiesen werden. Mit 19 Jahren schleuste er sich in die Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen ein, wo er zwei Semester lang als scheinbar harmloser Anglistik-, Französisch- und Spanischstudent lebte. Seit dem Auffliegen seiner Tarnung wurde er häufiger an der TU München gesichtet. Augenzeugen sprechen sogar davon, er habe sich als diplomierter Ingenieur der Landschaftsarchitektur ausgegeben. Seinen Ruf als internationales Chamäleon wurde er durch ein Auslandsstudium an der Université de Montréal in Kanada gerecht. Er soll aber auch schon in Chicago, Los Angeles und Tokio gesichtet worden sein. Neuerdings soll er sich im oberbayerischen Freising aufhalten, um dort Kostenmanagement für Großprojekte zu betreiben. Sachdienliche Informationen zur Person und dessen abenteuerlichen Reiseaktivitäten fördert nun ein unlängst aufgetauchtes Dokument mit dem Namen "Radabenteuer XXL" zutage.
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„Hey Florian, einen wunderschönen guten Morgen. Hast du gut geschlafen?“ Mit diesen Worten werde ich freundlich lächelnd von Heinz begrüßt, der gerade mit einer Tüte duftend frischer Bagels zur Türe hereinkommt und sich zu uns an den gedeckten Tisch setzt. „Und wie gut. Einfach fantastisch. Ich fühle mich wie neugeboren, Heinz. Und jetzt werde ich noch mit einem ausgezeichneten Frühstück von euch überrascht. Einfach super.“ Ich bin wirklich über so viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit in Amerika erstaunt. Martha, seine Ehefrau, hat für uns drei allerhand Köstlichkeiten auf den Tisch gezaubert, die nicht nur gut aussehen, sondern auch genauso gut schmecken. Sie hat keine Kosten und Mühen gescheut, um es dem Gast aus Deutschland so angenehm wie möglich zu machen. Gestern Abend wollte sie auch noch meine nasse Fahrradkleidung waschen, was ich jedoch aus Höflichkeit abgelehnt hatte. Ich bin ja schließlich im Begriff, das größte Abenteuer meines Lebens zu wagen. Wild, hart und entbehrungsreich soll es werden. Todesmutig will ich die Gipfel der Rocky Mountains erklimmen, durch glühend heiße und menschenleere Wüsten fahren und unbewohnte Eilande der Südsee entdecken. Da darf man gerne auf ein bisschen Luxus verzichten. Zumindest habe ich mir das so vorgestellt. Oder weismachen lassen von all den Büchern, die ich vor Reiseantritt als Inspiration gelesen habe. Wie ich mich aber entscheiden würde, wenn in meinen Packtaschen keine frischen Sachen mehr zum Wechseln wären, vermag ich jetzt nicht zu sagen. Martha jedenfalls hat es sich nicht nehmen lassen, meine Fahrradkleidung zu trocknen und heute Morgen akkurat aufzubügeln, um mein Abenteuer - rein wäschetechnisch - zum Erfolg zu führen.
Nach dem Frühstück zeigt mir Heinz sein imposantes Haus samt herrlich angelegtem Garten, der beinahe parkähnliche Ausmaße annimmt. Es liegt nur ein paar hundert Meter von den Steilklippen des Hudson Valley entfernt, von wo aus man die Ausläufer der Stadt New York erblicken kann. Es ist Anfang April und der Garten hat schon einen großen Teil seiner Blütenpracht hervorgebracht. Selbst die Forsythien blühen jetzt schon und erfreuen nach dem langen Winter mit knallig gelben Blüten. Ein wirklicher Augenschmaus. Die Frühlingssonne lässt sich blicken und durchdringt mit ihren Lichtstrahlen den morgendlichen Nebel, der über dem Gras liegt. Wie Scheinwerferlichter fallen sie auf den Garten, um ihn scheinbar für mich in Szene zu setzen. Welch ein wunderschönes, idyllisches Bild, das sich mir an diesem Tag bietet. Ruhe und Stille. Dazu das morgendliche Gezwitscher eines Vogelpaares, das sich im Wettstreit daran misst, wer am längsten und schönsten singen kann. Kaum zu glauben, dass sich auf der anderen Flussseite die Ausläufer der Stadt New York befinden, durch die ich gestern geradelt bin. Wer hätte gedacht, dass der Kontrast zwischen Stadt und Land dermaßen krass ausgeprägt ist? Bedächtige Stille auf der einen, pulsierende Hektik einer Megacity auf der anderen Seite. Nur getrennt durch einen Fluss. Hier der Bundesstaat New Jersey, dort jenseits des Wassers New York. Oder bessergesagt NY. Das klingt nämlich viel cooler, ist kürzer und passt zudem auf jedes Souvenir: I ? NY! Wer kennt diesen Aufdruck nicht? Außerdem lassen sich mit den beiden Buchstaben lustige Abkürzungen bilden, um die Zusammengehörigkeit mit der Stadt auszudrücken. Das NYPD, das New York City Police Department, oder die NYSE, die New York Stock Exchange, sind nur zwei Beispiele. In diesem Zusammenhang wird klar, dass mit dem NYPL im Big Apple also nicht der weibliche Nippel, sondern die New York Public Library gemeint ist. Sorry, NY, wieder solche Wortspiele.
Während wir auf dem Grundstück stehen und in Richtung New York blicken, wird mir klar, welches große Glück ich habe, hier mit Heinz und seiner Familie zu sein. Noch gestern hätte ich nicht daran gedacht, bei fremden Leuten zu nächtigen oder mit ihnen zu frühstücken. Jedenfalls nicht in der Nähe von New York und wahrscheinlich auch nicht gleich am ersten Tag, an dem ich mit dem Rad unterwegs bin. Mein Aufenthalt bei den Minnerops ist das Happy End eines langen und aufregenden Tages auf dem Fahrrad, welcher mir schon zu Beginn meiner Reise den gewünschten Nervenkitzel bereitet hat. Nichts habe ich ausgelassen, um meinen Pulsschlag in die Höhe zu treiben: Das Fahren inmitten der Häuserschluchten Manhattans mit schwerem Gepäck, der starke Autoverkehr, eine Panne auf der Kreuzung einer vierspurigen Straße, der vermeintliche Abbruch der Tour und ein plötzlicher Wetterumbruch mit heftigem Regen und Kälteeinfall. Aber alles der Reihe nach.
Vor vier Tagen stand ich noch, bepackt mit einem Rucksack, zwei großen Reisetaschen und einem noch größeren Fahrradkarton samt Fahrrad, vor dem „immigration officer“ am New Yorker Flughafen, der wohl dachte, ich würde mit all meinem Gepäck für immer in dem Land bleiben wollen. Nachdem ich den guten Mann über mein Vorhaben aufgeklärt hatte, entließ er mich mit einem kurzen „Wow“ ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Oder wie viele Kritiker sagen: das Land der begrenzten Unmöglichkeiten. Dieses Statement hätte ich doch glatt bestätigen können, als ich die Toiletten am Flughafen nach einem langen Flug aufsuchte, der mich erst von Frankfurt nach Island und dann weiter nach New York City geführt hatte. Die Kloschüsseln schienen allesamt verstopft zu sein. Fast bis zum Rand stand das Wasser. Erst in der dritten Kabine fiel mir wieder ein, dass das in den USA der Normalzustand ist. Kurz danach versicherte mir der Busfahrer, er würde an meinem Hotel in der Nähe des Central Park halten, fuhr dann aber geradewegs zur Grand Central Station, dem Hauptbahnhof in Manhattan, von wo ich dann wieder umsteigen musste. Eine logistische Herausforderung mit drei großen Gepäckstücken und einem Tourenrad, um halb zwei Uhr nachts, mitten in einer fremden Stadt, und ohne eine wirkliche Orientierung zu haben. Und dann war da noch diese blöde Eiswürfelmaschine auf dem Hotelflur, die einfach nicht aufhören wollte, lautstark zu summen und mich um den Schlaf und fast um den Verstand gebracht hätte. Am nächsten Morgen hatten die Angestellten übrigens mit einer großen Wasserlache auf dem Teppich zu kämpfen. Ein genervter Hotelgast muss wohl in der Nacht aufgestanden sein und den Stecker aus der Eiswürfelmaschine gezogen haben…
Für die nächsten zweieinhalb Tage stand das obligatorische Sightseeing auf dem Programm. Erst mal musste die Stadt natürlich erkundet werden und ich mich ein bisschen an Land und Leute gewöhnen, bevor ans Radeln zu denken war. New York City war schließlich Neuland für mich. Und laut einhelliger Meinung ist die Stadt ja auch ganz anders als der Rest der USA. Außerdem brauchte ich noch ein wenig Zeit, um mich vom Jetlag zu erholen. „Es langsam angehen lassen“, war also die Devise, obwohl das nicht gerade das richtige Motto für diese Stadt ist. „ I want to wake up in a city that never sleeps“, hatte Frank Sinatra einst in seinem Swingklassiker zum Besten gegeben. Und an anderer Stelle: „I want to be a part of it. New York, New York.”
Ich dagegen wollte nicht nur Teil dieser Stadt werden, sondern bin es auch irgendwie geworden, wenngleich das auch nicht geplant war. Nachdem ich am ersten Tag nach meiner Ankunft den Central Park, die Fifth Avenue mit Trump Tower, St. Patrick’s Cathedral und Tiffany abgeklappert hatte, stand ich vor dem imposanten Rockefeller Center. In diesem Gebäudekomplex ist auch der Fernsehsender NBC zu Hause, der hier auch seine allmorgendliche „The Today Show“ produziert. Angelockt durch eine kreischende Menschenmenge, hüpfende Mädels und zahlreiche Scheinwerfer wurde ich unweigerlich Teil der Sendung, die dort live, im Außenbereich, aufgenommen wurde. Die Zuschauer hielten ihre selbstgemalten, bunten Schilder in die Kameras, auf denen Sätze standen wie „Memphis greets America“ oder „Matt, you are my hero“. Matt Lauer ist die bessere Hälfte der Sendung und ließ es sich nicht nehmen, während der Werbepausen die Hände seiner Fans zu schütteln. Auch mir wurde diese Ehre zuteil. Nur einen Augenblick später waren wir wieder live auf Sendung. Der gute Mann stand genau vor mir, sodass mich die Kamera direkt im Bild mit einfing und ich mein Konterfei im Kontrollmonitor erblicken konnte. 15 Sekunden blieben mir, um Millionen von Leuten vor den Fernsehern mein freundliches Grinsen zu schenken und sie mit einem Wink zu grüßen. Guten Morgen, Amerika. Auf eine gute Zeit in den nächsten Monaten mit dir. Yes folks, I am a part of you now!
Tag drei in New York war nicht weniger ereignisreich als der zweite Tag. Ein bisschen Kunst im Museum of Modern Art hier, ein wenig Kultur mit der Freiheitsstatue da und ein bisschen typisch amerikanisches Essen mit Hot Dog und Cola dort. Besonders eindrucksvoll gestaltete sich der Besuch am Ground Zero, dem Ort, an dem noch vor acht Jahren die...




