Hanson | Familie mit Herz 90 | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 90, 64 Seiten

Reihe: Familie mit Herz

Hanson Familie mit Herz 90

Manchmal holt der Tod auch Engel
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7517-0653-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Manchmal holt der Tod auch Engel

E-Book, Deutsch, Band 90, 64 Seiten

Reihe: Familie mit Herz

ISBN: 978-3-7517-0653-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Blaulicht und Martinshörner aus allen Richtungen. Schreie, Tränen, Entsetzen. Menschen, die wie festgenagelt mitten auf dem Platz des Grauens stehen und nicht wissen, was sie tun sollen.
'Schicksalsschläge müssen ja etwas ungeheuer Faszinierendes haben, wenn sie einen nicht persönlich treffen', schimpft der Mann im Trenchcoat angewidert und will einen Bogen um die Unfallstelle machen. Doch dann sieht er ein kleines, hölzernes Kreuz am Straßenrand mit der Aufschrift Alina, dreizehnter März und erstarrt. Vor seinem inneren Auge spielt sich plötzlich Furchtbares, Unaussprechliches ab - der leuchteng gelbe Regenmantel auf der Straße, das kleine selbstgenähte Teddybärchen ... und das Blut, überall Blut! Das Opfer ist Alina, drei Jahre - seine Tochter ...

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Manchmal holt der Tod auch Engel

Sie durfte nur drei Jahre alt werden ...

Von Barbara Clemens

Blaulicht und Martinshörner aus allen Richtungen. Schreie, Tränen, Entsetzen. Menschen, die wie festgenagelt mitten auf dem Platz des Grauens stehen und nicht wissen, was sie tun sollen.

»Schicksalsschläge müssen ja etwas ungeheuer Faszinierendes haben, wenn sie einen nicht persönlich treffen«, schimpft der Mann im Trenchcoat angewidert und will einen Bogen um die Unfallstelle machen. Doch dann sieht er ein kleines, hölzernes Kreuz am Straßenrand mit der Aufschrift Alina, dreizehnter März und erstarrt. Vor seinem inneren Auge spielt sich plötzlich Furchtbares, Unaussprechliches ab – der leuchtend gelbe Regenmantel auf der Straße, das kleine selbstgenähte Teddybärchen ... und das Blut, überall Blut! Das Opfer ist Alina, drei Jahre – seine Tochter ...

Bis nachts um vier hatte sie gearbeitet, und jetzt, gegen sieben Uhr dreißig, als der Wecker klingelte, rieb sie sich wie ein müdes, kleines Kind über die Augen, um das frühe Märzlicht nicht in ihre Iris blicken zu lassen.

Sie setzte beide Füße auf den Boden, zerrte das verknautschte Nachthemd bis zu den Waden herunter und begann, auf dem Skizzenblock, der grundsätzlich neben ihrem Bett lag, die ersten Striche eines neuen Entwurfs zu ziehen.

Mareike, die Bärenmutter, dachte sie und probierte aus, ob ihr Morgenlächeln schon gelang. Es klappte noch nicht ganz, doch je mehr sie von den Gelb- und Brauntönen der Farbstifte benutzte, umso fröhlicher fühlte sie sich.

Ein neuer Bär entstand, knuddelig und dickbäuchig, mit spitzer, dunkler Nase und schläfrigen Augen. Ein Ohr war noch ganz schlaff, das andere zögerte, sich vollends aufzurichten. Jetzt der Arm! Er musste sich hochheben, und die Faust sollte im müden Auge herumreiben.

Welcher Arm und welche Faust?

Mareike schmunzelte. Natürlich der linke Arm – das sah unbeholfener aus ... und ein wenig trotzig auch.

»Sehr schön!«, urteilte sie zufrieden. Sie sprach oft mit sich selbst, wenn sie malte. »Aber das reicht noch lange nicht!«

Sie zeichnete ein zerwühltes Bett mit herausblitzendem, knallrotem Inlett, richtig bärig und mopsig, ein Fenster, durch das die Sonne schien und einen wackligen Stuhl mit lauter herumliegenden Bärenkleidern.

Es wusste doch jeder, dass die Familie Petz zur Unordnung neigte ...

»Noch besser!«, lobte Mareike sich selbst.

Aufs Fensterbrett kam der scheußliche Wecker, der – laut der Ausrufe- und Zickzackzeichen um den Alarmknopf – grauenvolle Geräusche von sich gab.

Und Bärchen rieb seine Augen. Sooo müde war er! Und nun sollte er aufstehen, um seinen Zottelkopf draußen am Brunnen frischzumachen.

Mareike jubelte. Das wäre ein neues Bild!

Bärchen beugte sich tief über den Brunnen, während sich der wohlbeleibte Bauch, die Bärenbeine und Bärenfüße gegen die Steine pressten.

»Mama?«

Auf bloßen Füßen tappte Alina herein. Sie war drei Jahre alt und liebte Teddybären, die gemalten von ihrer Mutter ebenso wie all die geknüpften aus den Geschäften und die selbstgebastelten und handgenähten aus Knete, Ton und Stoff. Kein Wunder, denn die kleine Tochter der »Bärenmutter«, wie Mareike, die Grafikerin, überall genannt wurde, wuchs ja mit der Großfamilie Petz auf.

»Mama?«

Alina hopste hoch. Die kleinen Arme schlangen sich um Mareike, und für einen Augenblick war für beide nichts anderes wichtig als das geliebte Morgenritual: Das Kind verteilte feuchte Küsse auf die Wangen der Mama.

»Der is' von Pulle«, sagte Alina dabei.

Pulle war ihr absoluter Bärenliebling, denn er hatte nur Unsinn im Kopf.

»Der is' von Mocki«, erklärte sie und verzog ihr Gesicht griesgrämig dabei.

Mocki war ein ziemlich zickiger Altbär, der in seiner Waldhöhle lebte und niemandem verriet, dass er selbst Bienen züchtete.

»Und der is' von Knollo!«

Knollo war ein Schlingel, der hinter jedem Rock her war. Der einzig unverheiratete! Er weigerte sich strikt, sich der Bärenfamilienordnung zu unterwerfen. Die hieß ja bei dem Stamm der Petzes: Man heiratete früh und zeugte lauter braune Wuschelkinder, damit die braunen Kolosse des tiefen Waldes auch ja nicht ausstarben.

Mareike hatte Knollo nach der letzten unerfreulich geendeten Affäre mit einem ledigen Mann erfunden ...

»Muss ich in den Kindergarten?«

Mareike seufzte. Auch das – die Frage und ihre Reaktion darauf – gehörte zum Morgenritual.

»Ja«, erwiderte sie entschlossen. Und wie an jedem Tag fügte sie in Gedanken hinzu: Diese Regelmäßigkeit tut uns beiden gut. Ich kann besser arbeiten, wenn ich dich gut aufgehoben weiß. Und du vergisst beim Spiel mit den anderen Kindern eher, dass ...

Nein, sie mochte es nicht benennen. Zu nah war das alles noch: Die Trennung von Steffen, die endlosen Gespräche, in der sie beide versucht hatten, die Distanz zwischen ihnen durch Worte zu füllen.

Als ob Worte ausdrücken konnten, was sie beide empfanden! Sie hatten beide tiefes Erschrecken über die Fremdheit zwischen ihnen gefühlt.

Wenn einem morgens am Frühstückstisch jemand gegenübersaß, der das Ei auf eine Weise köpfte, die Mareike nicht länger ertrug, der den Honig von der Brotscheibe heruntertröpfeln, grundsätzlich einen Löffel Zucker in der Kaffeetasse ankleben ließ, der krachend in einen Apfel biss ... ihr blieb nur, die schmale Speichelspur an seinem Mundinneren zu verfolgen.

Sie schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen zu vertreiben.

»Duschen!«, forderte Alina, und auch hieraus machten sie ein »Bären«-Spiel, rissen sich die Nachtkleider vom Körper und verfolgten einander durch die große, fast leere Wohnung, dem Badezimmer entgegen.

»Erst warm!«, verlangte das kleine Mädchen, und stand kichernd und bibbernd dort an der Kachelwand, den Körper mit den Händen bedeckend.

Gegenseitig spritzten sie sich nass, schäumten sich ein, schrien beim kalten »Abguss«, rubbelten sich trocken, ein kleines und ein großes Mädchen ..., und beide sahen sich in ihrer Zartheit, den jetzt dunkel wirkenden, blonden Haaren und den hellblauen Augen sehr ähnlich.

Dort auf dem Glasbord stand die Mini-Bärenriege. Mareike hatte sie aus alten Wolldecken geknüpft. Mit den runden Bäuchen, den winzigen Glasaugen und den karierten Schals der Wintersaison sahen sie putzig und einmalig aus.

Ja, die Bären schauten immer zu! Was Mareike und ihr kleines Mädchen auch taten – immer waren die Pulles und Mockis und Knollos dabei ...

???

Kurz vor neun Uhr schlüpfte Mareike in ihren grünen Parka und half ihrer kleinen Tochter, den gelben Regenmantel anzuziehen. Die Sonne war verschwunden. Schwere, dunkle Regenwolken hingen über der Großstadt.

So verließen sie die große Altbauwohnung, die nicht mehr lange ihr Zuhause sein würde. Nach der Trennung von Steffen hatte Burmeester, der Hausbesitzer, die Miete erhöht. Nur so? Oder weil er, der Fiesling, wie alle im Haus ihn nannten, alleinlebende Frauen – alleinerziehende Mütter erst recht! – nicht um sich duldete?

Der Mieterverein hatte nichts ausrichten können. Die Vergleichsmieten sprachen sogar für die Erhöhung. Die alte Frau Peters aus dem Parterre war schon ins Seniorenheim gezogen. Und das, obwohl die Einundsiebzigjährige mit den vielen Interessen nicht recht in das winzige Zimmer in der angeblich zukunftsweisenden Altenwohnheim-Anlage passte.

»Ist alles so schrecklich perfekt hier!«, hatte sie ganz leise gesagt, als Mareike sie am letzten Sonntag besuchte. Dann hatte sie eine unauffällige graue Klappe in der Wand geöffnet und auf den »Essenslift« gezeigt.

»So sparen die heutzutage an Personal, Frau Krogmann. Alles läuft automatisch. Wenn ich sterbe, piept wahrscheinlich ein Blinklicht irgendwo an einem Computer, und dann scheppert ein Roboter heran und ... entfernt mich!«

Ja, bald würden sie ausziehen müssen! Nicht, dass Mareike an dieser Wohnung in der Stresemannstraße besonders hing. Tausende von Lastwagen donnerten über die vier Fahrspuren; es gab keine Bäume, keine Sträucher hier, und manchmal, wenn ein schwerbeladener Tankwagen um die Ecke schnaufte, zitterten sogar die Tassen auf dem Tisch.

Nur: Wohin sollte sie gehen...... mit dem Kind und der Bärenfamilie? Welcher Vermieter nahm eine Freiberuflerin wie sie, ohne garantiertes Monatseinkommen und in ungeklärter Trennungssituation lebend?

Sie drückte auf die Fußgängerampel an der Ecke. Alina hopste auf und nieder, ohne ihren fast lebensgroßen Pulle, genäht aus Stoffresten, dabei aus den Augen zu lassen.

Die Ampel sprang auf grün um. Wie immer prüfte Mareike nach, ob nicht irgendein Farbblinder oder Eiliger sein Rot übersehen hatte.

»Komm, Spatz!«, sagte sie.

In...



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