Hansen | Der Detektiv von Paris | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Hansen Der Detektiv von Paris

Das abenteuerliche Leben des François Vidocq
1. Auflage, Überarbeitete Ausgabe 2018
ISBN: 978-3-7641-9219-8
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das abenteuerliche Leben des François Vidocq

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-7641-9219-8
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die wahre Geschichte des Mannes, der als Vorbild für Sherlock Holmes diente Paris, 1809. 25-mal ist er schon aus dem Gefängnis ausgebrochen: François Vidocq wird von der Polizei dringend gesucht! Doch dann entwickelt er einen Plan, dem nicht einmal der Polizeidirektor widerstehen kann. Er fängt an, selbst Verbrecher zu bekämpfen - denn wer könnte das besser als er? Mit Spurensicherung, Beschattung und Indiziensammeln revolutioniert er die Polizeiarbeit. Und so beginnt die spektakuläre Karriere des ersten Detektivs der Welt ... - verdeckte Ermittlungen, Tatortsicherung, psychologische Verhöre - FBI und Scotland Yard arbeiten bis heute mit diesen Methoden

Walter Hansen (* 1934) war Redakteur und Ressortchef bei großen Tageszeitungen und ist seit 1970 freier Schriftsteller. Er gewann mehrere Literaturpreise. Hansen ist Mitglied der Karl-May-Gesellschaft.
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»DRAGONERFRANZ« UND ANDERE GAUNER


Über die Prophezeiung der Hebamme wurde später viel gelacht.

François Eugène Vidocq selbst pflegte als berühmter Mann diese Anekdote zu erzählen und hinzuzufügen: »Ich bin weit davon entfernt, zu denken, dass Petrus sich bemüßigt haben sollte, anlässlich meiner Geburt ein solches Feuerwerk zu veranstalten. Aber recht hat sie ja doch behalten, die alte Hexe: Mein Leben war in der Tat stürmisch wie kaum ein anderes.«

Dass François Eugène Vidocq ein stürmisches und abenteuerliches Leben hatte, war allerdings anders zu erklären als mit den Launen der Natur während seiner Geburt: Vidocq lebte in einer Zeit der politischen Umbrüche. Er wurde hineingeboren in das Chaos, das von der Verschwendungssucht der französischen Könige verschuldet war, in eine Welt ohne Ordnung und Gerechtigkeit. Als junger Mann erlebte er die Französische Revolution mit all ihrer Glorie und ihrem Schrecken. Aufstieg und Sturz Napoleon Bonapartes hatten auf sein Leben höchsten Einfluss. Der intrigante Polizeiminister Joseph Fouché – eine diabolische Gestalt der Weltgeschichte – sollte für ihn eine wichtige Rolle spielen. Und schließlich geriet er in das Ränkespiel, das die Zeit nach dem Sturz Napoleons kennzeichnete. Vidocq war nicht der Typ, der sich duckte, sondern einer, der mitmischen wollte im Spiel der Mächtigen. Bestehen konnte damals nur, wer sich durchzusetzen vermochte.

Und sich durchzusetzen, das lernte Vidocq schon als Kind, auf dem Waffenplatz vor dem väterlichen Ladengeschäft.

Dort spielte er mit den Söhnen und Töchtern der Gauner, die mit allen Gemeinheiten und Lastern der Unterwelt vertraut waren, die nichts anderes kannten als Hinterlist, Verlogenheit und Betrug. Es war eine rabiate, egoistische, auf den eigenen Vorteil bedachte Kinderschar, in der Vidocq heranwuchs. Zu prügeln oder geprügelt zu werden – das war das Gesetz der Kinder auf dem Waffenplatz von Arras, dem Spielplatz des kleinen Vidocq.

Der junge Bäckerssohn zog es vor, Prügel auszuteilen, statt einzustecken. Er war ein kräftiger Bursche, überdurchschnittlich groß, breitschultrig wie ein Bauer. Das blonde Haar, das sich auf seinem Kopf kräuselte, hatte einen Stich ins Rote. Seine Lippen waren aufgeworfen. Sein Kinn trug die Narbe eines Faustschlags und die Nase war etwas schräg: Folge eines Nasenbeinbruchs, den er sich bei einer Meinungsverschiedenheit zugezogen hatte.

Auffallend war, dass Vidocq seine Kräfte nie an Schwächeren maß, dass er sich für die Kleinen und Schwachen sogar einsetzte. Von Stärkeren ließ er sich nichts gefallen. Als Zehnjähriger bereits war er dafür bekannt, stets mit gleicher Münze heimzuzahlen. Wer ihm mit Heimtücke kam, den überlistete er. Wer ihn betrügen wollte, den betrog er selbst. Wer ihn zu berauben beabsichtigte, wenn er das Brot aus der väterlichen Bäckerei zur Kundschaft trug, der riskierte blaue Flecken. Und wenn es sein musste, wehrte Vidocq sich auch gegen Erwachsene. Manch schräger Vogel aus der Verbrecherwelt hatte seine Lektion von ihm bezogen und sann auf Rache.

Zwei Männer jedoch gab es, gegen die Vidocq sich nicht wehrte.

Der eine war sein Vater, geizig und jähzornig, freigebig nur mit Ohrfeigen. Undenkbar für seinen Sohn, gegen ihn die Hand zu erheben, auch wenn er noch so ungerecht behandelt wurde.

Der zweite war ein gewisser Jacques de Payant, zehn Jahre älter als der junge Vidocq, ein Dieb und Betrüger, dabei klug, gebildet und vornehm erzogen, denn er stammte aus adliger Familie. Vor einigen Jahren war er aus dem Schloss seiner Eltern in der Nähe von Paris davongelaufen. Hier, bei dem Gesindel, genoss er dank seiner Herkunft und Bildung hohes Ansehen.

Auch Vidocq bewunderte ihn. Vor lauter Begeisterung dachte er kaum noch daran, dass Jacques de Payant ein Verbrecher war. Er ließ sich blenden von dem Auftreten des Aristokraten, der auch in der Gosse von Arras noch den Glanz der vornehmen Welt verkörperte, mit seinen Manieren, seiner Gewandtheit, seiner Bildung. Jacques de Payant beherrschte mehrere Sprachen, er konnte lesen, schreiben und rechnen, ja sogar fechten – seltene Künste in einer Zeit, in der es für die Kinder der Armen keine Schulen gab und nur junge Adlige von Privatlehrern erzogen wurden. Payants Beispiel bewies Vidocq, dass nur Erfolg haben konnte, wer anderen an Wissen und Bildung überlegen war – mit anderen Worten: wer etwas gelernt hatte.

Vidocq wollte Erfolg haben und deshalb beschloss er, Unterricht zu nehmen. Seine Lehrer allerdings musste er sich selbst suchen.

Er begann mit Fechten. Wer Säbel und Florett beherrschte, konnte sich selbst verteidigen. Außerdem war es eine Voraussetzung dafür, von der guten Gesellschaft anerkannt zu werden.

In Arras gab es einen Fechtboden, wo die angehenden Offiziere aus adligen Häusern der Umgebung ihren Unterricht erhielten. Dorthin ging Vidocq, als er zwölf Jahre alt war, im Sommer 1787. Niemand hatte etwas dagegen, dass der Junge mit seiner geflickten Hose und dem zerrissenen Hemd herumstand, zuschaute und aufmerksam verfolgte, was der Fechtlehrer da alles zeigte und erklärte: Schlagabtausch, Körperdrehung, Paraden und Kontraparaden, Schrittwechsel und Scheinangriffe. Vidocq erfuhr, dass die einzelnen Säbelhiebe genau vorgeschrieben waren und besondere Namen hatten: Cercle, Prim, Sekond, Terz, Quart, Quint. Eine Quint beispielsweise war der gezielte Hieb oder Stich aus einer Linksdrehung heraus auf eine von der linken Hüfte zur rechten Schulter des Gegners führende Linie.

Eines Tages ergriff Vidocq einen der umherliegenden Säbel. Er ließ ihn durch die Luft sausen, scheinbar spielerisch und beiläufig, tatsächlich aber führte er exakte Hiebe aus, ganz nach den Vorschriften der Fechtkunst. Zum Spaß forderte er nach einiger Zeit den Fechtmeister zu einem Schlagabtausch heraus. Dieser Mann, ein älterer Offizier, ging nachsichtig lächelnd auf die Herausforderung ein, um dem armen Jungen eine Freude zu machen.

Die beiden stülpten Fechtmasken aus Drahtgeflecht über die Köpfe, zogen lederne Fechtjacken aus schwerem Büffelleder an, Ellenbogenschützer und Fechthandschuhe, damit sich keiner verletzte, und dann ging es los.

Der Fechtmeister gebrauchte den Säbel zunächst nur höchst nachlässig. Doch plötzlich merkte er, dass dieser Knabe Säbelhiebe führte, eine Quint schlug, eine Terz, geschickt und sicher. Erstaunt sah er, wie sein Gegner, der um einen Kopf kleiner war als er, ihn mit Scheinangriffen verwirrte, und ehe er sich’s versah, krachte ihm die Klinge zweimal gegen die Fechtmaske.

»Bravo!«, rief der Fechtmeister. »Du bist ja ein Talent! Wo hast du denn das gelernt?«

»Bei Ihnen.« Vidocqs Stimme tönte dumpf unter der Fechtmaske.

»Das gibt es doch nicht!«, rief der Fechtmeister, der Mühe hatte, weitere Schläge zu parieren. »Du bist doch hier nur herumgestanden. Du musst irgendwo Unterricht genommen haben!«

»Ich habe eben aufgepasst, was Sie gesagt haben, das war alles«, erwiderte Vidocq.

»Alle Achtung! Ich wollte, ich hätte mehrere solcher Schüler.«

Bei diesen Worten ging der Fechtmeister zum Angriff über, doch Vidocq wehrte die Säbelhiebe ab, er tänzelte einige Schritte zurück, ganz vorschriftsmäßig, dann schnellte er überraschend vor – und der Fechtmeister musste wieder einen Hieb einstecken.

Inzwischen waren einige Fechtschüler hinzugetreten. Sie standen im Kreis um die Kämpfer herum, tuschelten, staunten. Der alte Offizier begriff, dass es hier um sein Ansehen als Lehrmeister ging. Er nahm all seine Kunst, die Erfahrung eines jahrzehntelangen, duellerprobten Offizierslebens zusammen und attackierte den Jungen mit einer Serie von Schlägen. Vidocq wehrte sich meisterhaft, er parierte Schlag um Schlag, die Klingen pfiffen durch die Luft, klirrten aneinander, blinkten in den Sonnenstrahlen, die durch das Fenster fielen. Der Fechtlehrer atmete schwer. Nur allmählich gelang es ihm, die Oberhand über diesen Jungen zu gewinnen. Vidocq steckte eine Serie von Hieben ein, fand sich plötzlich in eine Ecke gedrängt und musste aufgeben.

Nach dem Kampf nahmen beide die Fechtmasken ab, die Gesichter erhitzt, rot, schweißüberströmt. Der Fechtlehrer nickte anerkennend, zog die Handschuhe aus und strich sich das graue Haar aus der Stirn.

»Fabelhaft«, sagte er und klopfte Vidocq auf die Schulter. »Aus dir kann ein großer Säbelfechter werden. Wenn es wahr ist, dass du noch nie geübt hast, dann bist du das größte Talent, das ich kenne. Ich werde dich ausbilden. Du kommst jetzt täglich hierher und nimmst an den Übungen teil. Ab sofort.«

Gleichzeitig mit dem Fechten versuchte Vidocq auch Fremdsprachen zu erlernen. Vorerst beherrschte er außer seiner Muttersprache Französisch nur das in Nordfrankreich...



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