E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Hannah Wenn das Herz ruft
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96048-019-8
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-96048-019-8
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Angel DeMarco ist 34 Jahre alt und auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als er mit einer Herzattacke zusammenbricht. Zum ersten Mal kann er nicht vor einem Problem davonlaufen. Zum ersten Mal in seinem Leben spürt Angel DeMarco, der auf der Leinwand die Herzen Tausender erobert hat, wie allein er ist. Allein mit seiner Todesangst und dem Wissen um versäumtes Glück. Jetzt liegt sein Leben in der Hand der einzigen Frau, die ihm jemals etwas bedeutet hat.
Niemals hätte die Kardiologin Dr. Madelaine Hillyard damit gerechnet, ihrer großen Jugendliebe Angel DeMarco jemals wieder zu begegnen. Um ihn, der sie zutiefst enttäuscht hat, zu vergessen, hat sie sich wie eine Besessene in ihre Arbeit am Transplantationszentrum gestürzt. Fast zu spät erkennt sie, welchen Preis sie für ihren Ehrgeiz zahlen muss: Unzähligen Patienten hat sie das Leben geschenkt, doch das Herz ihrer Tochter Lina droht sie zu verlieren …
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Kapitel 1
Reporter hatten das Ereignis jetzt seit Tagen verfolgt. Die Schlagzeilen überschlugen sich. Es gab Andeutungen über Drogenmissbrauch und unsittliches Verhalten der Berühmtheiten, die in die kleine Stadt in Oregon gekommen waren. Es war eine Premierenfeier für einen großen Kinofilm. So etwas hatte es in LaGrangeville noch nie gegeben. In all den Jahren war die Elks Hall nur für ruhige Konferenzen benutzt worden, heute aber dröhnte sie, war von lauter, misstönender Musik erfüllt. Stadtbewohner und Fotografen schwärmten über die schmale Hauptstraße, sahen sich in den verspiegelten Fenstern der vorbeikriechenden Limousinen und warteten darauf, dass etwas Explosives geschah, etwas, das absolut Hollywood war. Aber dennoch, trotz all dieser Artikel und Interviews und Paparazzi, wusste niemand, wie nahe die Schlagzeile des Enquirer an der Wahrheit sein würde: Es war eine zum Sterben schöne Party. Angel DeMarco stieg aus dem vollklimatisierten Kokon der Limousine. Durch einen Nebel von Zigarettenrauch und Nieselregen sah er die Menge, die sich auf der Straße versammelt hatte. Gesichtslose Körper drängten sich hinter einer langen, gelben Polizeiabsperrung. »Er ist es, DeMarco!« Kameras eruptierten in gleißenden Blitzlichtgewittern. Der Regen wirkte surrealistisch, Streifen von regenbogenfarbenem Silber, Pfützen von unglaublichem Licht auf den schwarzen Straßen. »Angel … schau mal her! AngelAngelAngel …« Ihre Bewunderung löste in ihm ein Gefühl von Erhabenheit aus. Gott, wie sehr er es liebte, berühmt zu sein. Er nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette, stieß den Rauch langsam aus und ließ dann mit einem Strahlen das Lächeln aufblitzen, dieses Grinsen, das die Illustrierte People erst letzte Woche als »Zwanzigtausend-Megawatt-Lächeln« bezeichnet hatte. Er winkte. Der graue Faden seines Zigarettenrauchs ringelte sich in die Luft. Er trat beiseite, damit seine Freundin – ihr Name fiel ihm beim besten Willen nicht ein – aus dem Auto steigen konnte. Sie kam langsam heraus. Ein hochhackiger schwarzer Lederschuh und ein langes, aufreizendes Bein schossen aus der Dunkelheit. Ihr Absatz klackte hart auf dem Asphalt. Sie beugte sich vor, schob ihre aufreizende Mähne von wasserstoffsuperoxydiertem Haar heraus, gefolgt von einem prachtvollen, üppigen Dekolleté, und glättete ihr pinkfarbenes Gummikleid, während sie lächelte und winkte. Angel rechnete der Frau hoch an, dass sie wusste, wie sie sich in Szene zu setzen hatte. Er nahm ihre Hand und zog sie auf seine bewundernden Fans zu. Ihre lächerlichen Absätze klackten und rutschten auf dem glatten Asphalt, doch das Geräusch wurde bald von dem Gebrüll der Menge übertönt, als diese merkte, dass er auf sie zukam. Junge Mädchen kreischten und streckten ihre Hände nach ihm aus. Ein paar von ihnen erkannte er wieder – es waren dieselben sommersprossigen Kleinstadtteenager, die die Schule geschwänzt hatten, um ihm bei den Dreharbeiten zu seinem Film zuzuschauen. Sie hatten jeden Tag am Set gestanden, sich hinter den Absperrungen gedrängt, gekreischt und gekichert und geweint, wenn er zum Dreh einer Szene aus seinem Wohnwagen gekommen war. Sie hatten nichts von ihm verlangt, diese unzähligen Bewunderinnen, nichts außer seiner Präsenz. Er konnte wüst sein und unreif und egoistisch, aber es war ihnen egal – wichtig war ihnen nur, dass er auf der Leinwand alles gab. Er schenkte ihnen sein breitestes, verführerischstes Lächeln, ließ seinen Blick über die Menge schweifen. Er schenkte jedem Mädchen einen Augenblick, einen einzigen Herzschlag seiner Zeit, indem er eine nach der anderen, nur sie allein, ansah. »Angel, gibst du uns ein Autogramm? Wie findest du La-Grangeville? Wann wird der Film starten? Wird die richtige Premiere hier sein?« Die Fragen kamen wie immer, schossen wie Pfeile aus dem Regen. Einige hörte er, andere nicht, aber er wusste, dass das egal war. Sie erwarteten keine Antwort, sie wollten einfach in seiner unmittelbaren Nähe sein, sich für eine Sekunde ihres so langweiligen Lebens auch in seinem Hollywoodruhm sonnen. »Angel, darf ich mich mit dir fotografieren lassen?« Er blickte von der Autogrammkarte auf, die er signierte, und sah das junge Mädchen an, das die Frage gestellt hatte. Sie war klein und dicklich, mit Wangen, die wie Porzellan aussahen, und Wellen von gelocktem braunem Haar. Er wusste sofort, was für eine Art Mädchen das war – sie war das Mädchen, das nie zu den tollsten Partys eingeladen wurde und verzweifelt versuchte, so zu tun, als sei ihr das egal. Er kannte das alles nur zu gut. Selbst jetzt noch, Jahre später, konnte er sich daran erinnern, was das für ein Gefühl war, ein unreifer Junge zu sein, der nur von weitem zuschauen durfte. Daran, wie sehr das schmerzte. Er lächelte sie an und ihre Augen weiteten sich überrascht. Sie starrte ihn an als ob er den Mond aufgehängt hätte, und mehr war nicht nötig, das genügte – dieser eine Blick einer Fremden schoss wie eine Droge durch sein Blut. »Aber sicher, mein Schatz. Ich fühle mich geehrt.« Er löste sich von seiner Begleiterin und ging geduckt unter der Polizeiabsperrung hindurch. Er spürte überall Hände an sich, Hände, die über sein Jackett glitten, an seinem Haar zogen. Früher hatte ihn diese unerwünschte Intimität gestört, aber er hatte gelernt, damit zu leben, sogar sie zu lieben, solange sie nicht zu weit gingen. Er schlang einen Arm um das Mädchen und zog es eng an sich, duckte sich unter dem Vorsprung des alten Ziegelgebäudes. Ein anderes Mädchen – hoch aufgeschossen und schlaksig – machte ein Foto von ihnen. »Du siehst umwerfend hübsch aus«, sagte er. Das Mädchen trug ein bodenlanges weißes Satinkleid. »Heute ist Homecoming Party«, lispelte sie und blendete ihn fast mit dem Silber ihrer Zahnspangen. Homecoming – nach Hause kommen. Das hatte er seit langer Zeit nicht mehr gehört, fast ein Leben lang, und plötzlich fühlte er sich alt. Wenn er der Vater dieses Mädchens wäre, hätte er dafür gesorgt, dass sie mit Perlen und glitzernd gekleidet auf diesen Schulball ging. Er überlegte, was das für ein Gefühl sein mochte … Er verdrängte diesen vagen Anflug eines Bedauerns. »Wo ist dein Partner?« Röte stieg in ihre fleischigen Wangen. »Ich habe keinen. Ich und ein paar … Mädchen wollten einfach nur zuschauen. Wir waren im Dekorationskomitee …« Für einen Sekundenbruchteil war er nicht Angel DeMarco, der Filmstar. Er war Angel DeMarco, der Junge, der aus ärmlichen Verhältnissen stammte. »Wo findet der Ball statt?«, fragte er sanft. Sie deutete die Straße hinunter. »In der Highschool … in der Turnhalle.« Ohne weiter darüber nachzudenken, fasste er das Mädchen bei der Hand und führte sie die Straße hinunter. Die Menge wurde still, teilte sich dann vor ihnen. »Angel!« Er hörte seinen Namen, blieb stehen und drehte sich um. Val Lightner, sein Agent und Freund, stand neben der Frau im Gummikleid. Die beiden winkten ihm zu. »Wo willst du hin?«, rief Val, während er seine Zigarette auf die Straße schnippte. »Die warten drinnen auf dich.« Angel grinste. Das war das Größte, wenn man berühmt war – sie warteten immer. »Bin gleich zurück.« Noch immer lächelnd, führte er das von Ehrfurcht ergriffene Mädchen über die Straße. Gemeinsam betraten sie die Turnhalle. Der Raum war mit etwas dekoriert, das ursprünglich wohl eine Unmenge von Toilettenpapier gewesen war. Oben auf der Bühne produzierte die Band eine grauenhafte Version von Madonnas »Crazy for You«. Er hörte Leute keuchen, als er das Mädchen auf die Tanzfläche führte. Finger wurden auf sie gerichtet, Gläser fielen zu Boden. Das Kichern hörte auf. Aber er sah sich nicht um. Er schaute das Mädchen an. Nur das Mädchen. »Darf ich um diesen Tanz bitten?« Sie öffnete ihren Mund, um zu antworten, aber außer einem hohen Quietschen kam nichts heraus. Er nahm sie in seine Arme und tanzte mit ihr die letzten dreißig Sekunden des Liedes, und als es vorbei war, zog er sich zurück. Er fühlte sich überraschend gut, als er die Turnhalle verließ. Die Kinder umschwärmten ihre neue Königin. »Wie rührend«, kam eine Stimme von draußen. Angel zwang sich zu einem Grinsen. »Elf bis siebzehn«, sagte er barsch. »Das ist mein Publikum.« Val schlug Angel auf die Schulter und zog ihn hinaus in die regnerische Nacht. »Du wirst Frauen haben, die bei ›Hard Copy‹ schluchzen, Himmel auch, und Teenager, die dir Einladungen zu ihrem Highschoolball schicken.« »Ja, ja. Ich weiß. Jetzt lass uns auf diese verdammte Party gehen. Ich brauche einen Drink.« Sie rannten über die Straße zurück. Angels Begleiterin stand genau dort, wo er sie zurückgelassen hatte, im Regen. Für einen Sekundenbruchteil wünschte er sich, jemand anderen mitgebracht zu haben – jemand, der wichtig war –, aber er konnte sich niemanden vorstellen, der das hätte sein können. Verärgert über den Gedanken ergriff er die Hand der Frau und zog sie zur Elks Hall. Gemeinsam, die Köpfe vor dem Regen eingezogen, betraten sie das Gebäude und stiegen die wackelige Treppe zu dem riesigen Foyer hinauf. Das schwache Licht der Deckenbeleuchtung fiel auf die düstere Innenausstattung, schuf Nester von trübem Gold zwischen den Schatten....




