E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
Hanel Liebe, Zimt und Zucker
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8437-1285-9
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
ISBN: 978-3-8437-1285-9
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Julia Hanel, geboren 1987 in Ansbach, studierte Germanistik in Bamberg und arbeitete danach als Redakteurin in Fulda. Heute lebt und arbeitet sie in Würzburg.
Autoren/Hrsg.
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1.
Eine Woche zuvor
»Cappuccino und Expresso, bitte.«
Wer in einem Coffeeshop arbeitet, lernt fürs Leben: 86,9 Prozent aller Menschen können kein Italienisch.
»Für hier oder zum Mitnehmen?«
»Zum hier«, antwortet der Mann auf der anderen Seite des Tresens.
86,9 Prozent können weder Italienisch noch Deutsch.
»Klein, mittel oder groß?«
»Normal.«
»Also klein?«, hake ich nach.
»Na, normal.«
Er sieht mich verständnislos an, und ich zwinge mich zu einem freundlichen Lächeln, einem, bei dem man sogar meine Zähne sieht. Routiniert schiebe ich eine kleine weiße Tasse unter den Vollautomaten, der wuchtig vor mir thront. So routiniert, als hätte ich mein Leben lang nichts anderes gemacht. Als wäre es meine Berufung, kleine weiße Tassen unter Vollautomaten zu stellen.
»Das ist doch aber der kleine«, bemerkt der Kunde grimmig, während sein wurstiger Zeigefinger auf die brummende Maschine deutet, aus der gerade ein brauner dünner Strahl in die Tasse schießt und kleine Dampfwolken dabei erzeugt. Er ist groß und kräftig und sieht in seinem neongelben T-Shirt aus, als hätte er eine ganze Packung Textmarker zum Frühstück vertilgt.
»Ja, Sie haben normal gesagt.«
»Ich will aber den in der größeren Tasse, den mittleren!«
Er bläst die Backen wie ein Hamster auf, während auf seiner Stirn eine feine Ader hervortritt.
»Normal ist immer klein«, erkläre ich geduldig – zum gefühlten dreiundvierzigsten Mal in dieser Woche und füge ein gemurmeltes »zumindest bei uns« hinzu, weil mir diese Regel selbst nicht ganz einleuchtet. Aber wer längere Zeit in einem Coffeeshop arbeitet, lernt schnell, dass der Ausdruck normal so ziemlich alles heißen kann.
»Bei mir heißt normal aber mittel.«
»Tut mir leid, aber bei uns bedeutet normal immer klein.«
»Dann müssen Sie das schon hinschreiben«, wettert er.
Ich kämpfe gegen den Drang an, »Expresso« zu sagen, dass es keinen Sinn macht, unsere Kunden darauf aufmerksam zu machen, dass normal bei uns klein bedeutet, denn dann müsste ich ihm auch gleich erklären, dass normal nicht einmal auf unserer Karte steht, und dann würde er mir womöglich empfehlen, normal in die Karte aufzunehmen, und ich müsste diesen Vorschlag respektvoll ablehnen und wieder mein Zahnpasta-Lächeln aufsetzen, das mir erschreckenderweise von Tag zu Tag leichter fällt.
»Das gebe ich gern an meine Chefin weiter.«
So gern, wie Menschen Marder unter ihren Autos hervorspringen sehen.
»Expresso« scheint für den Augenblick besänftigt, legt den passenden Betrag an Münzen auf den Tresen und balanciert die beiden Tassen ungelenk an Tisch drei, wo seine Frau geradezu ekstatisch mit dem Zuckerstreuer über ihren Cappuccino herfällt. Wahrscheinlich wünscht er sich in diesem Moment, sie würde sich nur einmal in ihrem Leben so auf ihn stürzen.
Ich kehre den beiden den Rücken zu und räume das Geschirr in die Spülmaschine, das mein Kollege Moritz zu so instabilen Türmchen gestapelt hat, dass ein einziger falscher Handgriff alles zum Einsturz bringen könnte. Ein bisschen wie beim »Jenga«-Spielen. Und wenn’s schiefgeht, wie bei einem Polterabend.
»Da fehlt noch Ma-ze-do-nia.«
Ich weiß schon, bevor ich mich umdrehe, wer am Tresen steht und die Silben dieses Wortes so lange dehnt, als bestünden sie aus extra elastischem Kaugummi. Als ich nicht reagiere und fieberhaft überlege, was ein Balkanstaat mit Cappuccino zu tun haben könnte, bringt »Expresso« wieder den Wurstfinger ins Spiel und deutet auf die Coffee-Flavour-Flaschen, die in allen erdenklichen Farbtönen in einer akkuraten Reihe hinter mir auf einem Regal stehen.
»Das da«, murrt er ungeduldig.
»Meinen Sie die Flavours?«
Als mir das Wort »Flavours« über die Lippen kommt, rümpft er verdrießlich die Nase, als hätte er eine Allergie gegen die englische Sprache.
»Ja, meine Frau will dieses Mazedonia in ihren Cappuccino.«
Mein Blick wandert zu der Ansammlung von Flaschen, vorbei an Vanille, Haselnuss, Amaretto, Karamell, Irish Cream, Tiramisu und … Macadamia.
»Meinen Sie Macadamia?«
»Hab ich doch gesagt.«
Nein, haben Sie nicht, möchte ich ihm ins Gesicht schreien. Stattdessen antworte ich mit ruhiger Stimme, dass das einen Aufpreis von 20 Cent macht, während das Lächeln auf meinem Gesicht so anstrengend wird, dass ich darüber nachdenke, mir in Zukunft eine Heath-Ledger-Gedächtnisfratze um die Mundwinkel zu malen und als Joker aufzutreten. Seine wurstigen Finger schieben wieder Münzen über den Tresen, bevor er mit Argusaugen beobachtet, wie ich zweimal auf den Spender drücke und ein goldbrauner Strahl Macadamia-Flavour in die Tasse seiner Frau schießt. Das Aroma steigt mir angenehm in die Nase und lässt mich an frisch gebackenen Nusskuchen denken. Er brummt etwas, das wie »Danke« klingt, und trägt seine Tasse davon.
»Einmal das Angebot der Woche. Diesen Cappuccino Tiramisu.«
Eine ältere Dame mit grauer Föhnwelle lächelt mich höflich an und erinnert mich dabei ein wenig an meine Großmutter aus Husum, die ich nur von Fotos kenne, weil sie vor meiner Geburt an Einsamkeit gestorben ist. So erzählte mir jedenfalls mein Vater die Geschichte, als ich ein kleines Mädchen war, aber ich glaube, es lag eher am Alkohol, den sie während der Einsamkeit getrunken hat.
Ich habe die Dame mit der Föhnwelle noch nie zuvor gesehen, was nicht allzu ungewöhnlich ist, da gerade einmal zwei Wochen vergangen sind, seit ich zum ersten Mal Milch hinter diesem Tresen geschäumt habe – seit ich Kafka gegen Kaffee getauscht habe. Dennoch habe ich mich bereits an viele Gesichter der Menschen gewöhnt, die hier täglich ein und aus gehen. Der Anzugträger, der ein großes Glas Wasser zum Espresso bestellt, es dann aber nie anrührt, die langhalsige Frau, die immer viermal auf den Süßstoffspender drückt, die Schüler, die verlegen kichern, wenn sie Amaretto-Flavour ordern, weil sie denken, er enthalte Alkohol, die Dame im Hosenanzug, die immer schwarzen Kaffee bestellt und ihn heimlich mit Schnaps aus ihrem Flachmann streckt.
»Macht dann bitte 2,20.«
»Das ist aber günstig«, murmelt die alte Dame überrascht und kramt mit zartrosa lackierten Nägeln in einer altmodischen Geldbörse aus Krokodilleder, die größer ist als die Mehrheit meiner Handtaschen. Nachdem sie gefühlte fünf Minuten gekramt hat, drückt sie mir zwinkernd drei Euro in die Hand und murmelt etwas, das wie »Trinkgeld« klingt und wohl auch so viel bedeuten soll.
»Sie verdienen ja sicher auch nicht die Welt«, fügt sie mit dem gutmütigen Zwinkern älterer Damen hinzu und verstaut ihre Riesengeldbörse in einer Tasche mit goldener Schnalle.
Acht Euro fünfzig die Stunde, und wenn’s gut läuft Trinkgeld. Aber das sage ich nicht. Stattdessen kippe ich den Rest der Milch in das kleine Metallkännchen und drehe die Düse voll auf. Ich mag das Zischen, das sich wenige Sekunden später einstellt und die Milch heiß und cremig werden lässt. Es ist eine Wissenschaft für sich, den perfekten Schaum zu kreieren. Einen Schaum, der so fest ist, dass er wie geschlagene Sahne aussieht. Wie frisch gefallener Schnee.
»Ist das eigentlich ein Beruf, was Sie da machen?«, fragt die ältere Dame skeptisch, während ich den Schaum auf ihren Cappuccino gieße. Ich nicke bestätigend, doch das scheint sie nicht zu befriedigen.
»Dann machen Sie den ganzen Tag Kaffee? Von morgens bis abends?«
Ihre Skepsis hat sich in Fassungslosigkeit verwandelt. Ich nicke ein zweites Mal und hoffe, die entwürdigende Fragestunde zur Trostlosigkeit meines Daseins auf diese Weise beenden zu können.
»Sie haben wohl keinen Schulabschluss?«, fragt sie mit bedauernder Stimme, während sich echtes Mitleid in ihren von tiefen Falten umgebenen Augen spiegelt.
»Doch, doch, ich habe einen Schulabschluss«, erkläre ich ihr mit hochroten Wangen. »Sogar einen Hochschulabschluss«, füge ich kleinlaut hinzu und zerstöre ihr Weltbild nun endgültig.
»Und warum arbeiten Sie dann in diesem … Kaffeegeschäft?«
Gute Frage. Warum arbeite ich, Marit Jansen, 28 Jahre, frischgebackene Diplom-Literaturwissenschaftlerin mit einem Master in Anglistik, in einem »Kaffeegeschäft« in der Provinz? Warum sitze ich in diesem Moment nicht vor einem Stapel Bücher in der Bibliothek meiner Hamburger Universität und schreibe an den ersten Seiten meiner Promotion über die Darstellung der Liebe in Kafkas Romanen? Lange Geschichte. Sie beginnt mit Zimtschnecken und endet mit einer Tür, die sich vor meiner Nase schließt.
»Na ja, es macht mir einfach Spaß.«
Genauso viel wie Fensterputzen, Impfungen und Anträge ausfüllen.
Immerhin lässt sie mich in Ruhe und greift nach ihrem Cappuccino.
»Und das Tiramisu?«
»Das ist im Cappuccino.«
Ihre dünnen Augenbrauen heben sich fast bis zum Haaransatz. Sie starrt erst mich, dann die Tasse an.
»Sie haben das Tiramisu in meinen Cappuccino … gekippt?«
»Äh, ja«, erwidere ich verständnislos, während ihr die Freundlichkeit wie eine Maske vom Gesicht zu rutschen scheint.
»Und wie soll ich es jetzt essen?«
Ich erkläre ihr geduldig, dass mit dem Tiramisu ein Flavour für den Cappuccino gemeint...