E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Hammerl Von Liebe und Einsamkeit
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-218-01030-6
Verlag: Verlag Kremayr & Scheriau
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-218-01030-6
Verlag: Verlag Kremayr & Scheriau
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elfriede Hammerl schreibt Erzählungen, Romane, Theaterstücke, Drehbücher und seit vielen Jahren eine Kolumne für 'profil'. In Deutschland wurde sie durch ihr Drehbuch für den Fernsehfilm 'Probieren Sie's mit einem Jüngeren' (Hauptrolle Senta Berger) und durch ihre Kolumnen in 'stern', 'Vogue', 'Cosmopolitan' und 'Marie Claire' bekannt. Die Autorin erhielt für ihre Arbeit zahlreiche Preise, u.a. den Publizistikpreis der Stadt Wien, den Frauenpreis der Stadt Wien, den Concordiapreis (in der Kategorie Menschenrechte), die Johanna-Dohnal-Anerkennung und den Kurt-Vorhofer-Preis.
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Christl und Ralph
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Wir waren alle etwas überrascht und verwundert, dass Christl meinen Cousin Ralph heiraten wollte. Christl war hübsch und verblüffend gescheit – wenngleich ohne höheren Schulabschluss –, Ralph hingegen groß und gutmütig, aber schwerfällig – ein Tollpatsch in jeder Hinsicht. In unserer Familie war es üblich, etwas Anspruchsvolles zu lernen, Ralph jedoch war gerade so durch die Pflichtschule gekommen, hatte nachher eine Bürolehre gemacht und war schließlich von einem Onkel in dessen Firma angestellt worden. Er sei fleißig und gut einsetzbar, solange man ihn nicht mit schwierigeren Aufgaben konfrontiere, sagte der Onkel. Das Gehalt, das er ihm zahlte, entsprach Ralphs Leistung, es war bescheiden, aber ausreichend, und genügte später sogar, um eine kleine Familie zu ernähren. Unser Onkel vergab keine Almosen, er kriegte was für sein Geld, trotzdem war es beruhigend, dass Ralph bei ihm untergekommen war, weil man davon ausgehen konnte, dass sein Posten, wenn es sich nur halbwegs vermeiden ließ, nicht wegrationalisiert würde.
Ralph war siebenundzwanzig, als er Christl traf, die wenig älter war als er, seine Erfahrungen mit Frauen waren bescheiden, und sie waren enttäuschend. Das kam auch daher, dass er einen Hang zu Mädchen hatte, die eine Nummer zu groß für ihn waren. Ihm gefielen die Schönen, die Kecken, die allseits Bewunderten, die ihn entweder gar nicht beachteten oder lediglich ausnützten. Er spielte den Chauffeur für sie, räumte nach Partys, zu denen er gnadenhalber eingeladen war, das Chaos in ihren Wohnungen auf, besorgte Kinokarten, holte ihre Kleider aus der Reinigung und war doch nie mehr als bestenfalls ein Lückenbüßer, mit dem man betrunken knutschte oder, selten genug, im Bett landete, um es einem untreuen Geliebten heimzuzahlen.
Und dann Christl. Auch Christl war hübscher als der Durchschnitt, keck, lustig, eine, die Aufmerksamkeit auf sich zog, aber sie behandelte Ralph nicht als Notnagel, sondern als ernst zu nehmenden Bewerber.
Sie brachte zwei Kinder mit in die Verbindung, sieben und vier Jahre alt, mit deren Vätern sie ihrerseits kein Glück gehabt hatte. Christl hatte gleichfalls auf die Falschen gesetzt, auf die Begehrten, Leichtherzigen, die nichts anbrennen ließen – einen Musiker, von dem sie ihren Sohn Sascha hatte, und einen Fußballer, dem sie ihre Tochter Nicola verdankte. Weder der Musiker noch der Fußballer brachten es jemals zu nennenswerter Bedeutung in ihrer Profession. Beide zeigten kein Interesse an ihren Kindern, und Geld machten sie schon gar nicht locker für ihren Nachwuchs.
Christl hatte es nicht leicht gehabt, ehe sie Ralph kennenlernte. Ihre Eltern waren längst gestorben, mit anderen Verwandten hatte sie keinen Kontakt, ja, sie wusste nicht einmal, wo es welche gab. Da sie keinen Beruf erlernt hatte, jobbte sie, soweit es die Betreuung ihrer Kinder zuließ. Auch nach der Heirat mit Ralph verdiente sie dazu. Sie putzte abends Büros, während Ralph bei Sascha, Nicola und später bei der gemeinsamen Tochter Melanie blieb.
Unsere Familie fand das einerseits nicht standesgemäß, würdigte aber Christls Fleiß und dass sie zum Familieneinkommen beitrug, statt sich von Ralph erhalten zu lassen.
Ralph war allen drei Kindern ein liebevoller, geduldiger Vater. Und wie es schien, waren Christl und er ein harmonisches Paar, wenngleich ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie einander viel zu sagen hatten. Aber das traf schließlich auch auf andere Paare zu, deren Kommunikation sich im Besprechen des Alltäglichen erschöpft und die damit ganz zufrieden sind.
Nicht, dass wir ständig Kontakt gehabt hätten. Wir sahen einander sporadisch, bei Familienfesten oder im Sommer auf dem Land, wo ein anderer Cousin einen alten Bauernhof gekauft und zu einem großzügigen Ferienhaus umgestaltet hatte. Christl punktete bei solchen Zusammenkünften mit Witz und Schlagfertigkeit, sie passte, wenn man ehrlich war, besser in unseren Akademikerclan als der liebenswerte, aber schlicht gestrickte Ralph. Trotzdem fanden wir inzwischen, dass Christl großes Glück mit Ralph gehabt hatte. Immerhin hatte sie dank ihm samt ihren mitgebrachten Kindern in eine angesehene Familie eingeheiratet, an die sie, seien wir ehrlich, normalerweise keinen Anschluss gefunden hätte.
Sie hat ihnen nie erzählt, dass sie eigentlich gelernte Friseurin ist. Die arme Christl, sagten sie immer, hat keinen Beruf erlernt und muss deshalb putzen gehen. Aber sie hat eine Berufsausbildung, sie hat gelernt, Haare zu färben, zu schneiden und in Form zu fönen. Sie mag ihn nur nicht, ihren Beruf. Sie war nicht gut darin, und er machte ihr keine Freude. Es ging ihr gegen den Strich, dass die Kundinnen erwarteten, das Aussehen ihrer Haare müsse geradezu lebenswichtig für sie sein. Und sie mochte ihre Kolleginnen nicht, ihr säuselndes Getue, als würden sie Tag und Nacht nur an das Wohl der Kundinnen denken. Dabei waren den Kolleginnen vor allem ihre eigenen Frisuren wichtig. Sie arbeiteten wechselseitig aneinander herum, in aufwendigen Prozeduren während und außerhalb der Dienstzeit, und färbten ihre Köpfe in ständig neuen Farben, wie freiwillige Versuchskaninchen.
Ralphs Familie sagte sie nichts von ihrem erlernten Beruf, erstens, weil er sie ohnedies nicht beeindruckt hätte, und zweitens, weil der weiblichen Verwandtschaft zuzutrauen war, dass sie versuchen würde, sich kostenlos von ihr frisieren zu lassen. Ralphs Verwandte verdienten zwar alle gut, aber sie wirtschafteten sparsam, und wenn sie einen Vorteil witterten, zögerten sie nicht, ihn sich zu verschaffen. Das hätte ihr noch gefehlt, für ihre Schwiegermutter und Ralphs Tanten und Cousinen als Haarstylistin zur Verfügung zu stehen.
Sie entschloss sich zum Putzen, als ihr klar wurde, dass sie es als Friseurin nie weiter bringen würde als bis zur kleinen Angestellten in einem unbedeutenden Salon, schlecht bezahlt und vergeblich auf großzügige Trinkgelder hoffend. Sie wusste, wie schicke Frisuren ausschauen mussten, aber sie hatte weder den Ehrgeiz noch die Begabung, sie herzustellen. Die sogenannten Starfriseure mit den eigenen Salons, von denen man in Zeitschriften las und die mit Promis auf Du und Du waren, bewegten sich in einer anderen Welt, in die sie nie Eingang gefunden hätte, dazu fehlte es ihr nicht nur an Talent, sondern auch an kaufmännischen Kenntnissen.
Eigentlich wäre sie gern länger zur Schule gegangen. Sie lernte leicht, vor allem in Deutsch und Englisch war sie gut, wogegen sie es in Handarbeit nie auf einen Einser brachte. Die Mutter steckte sie jedoch ohne viel zu fragen nach der Pflichtschule in eine Friseurlehre. Das war gut gemeint und immerhin mehr, als der Mutter selber vergönnt gewesen war, die sich als Hilfsarbeiterin durchschlagen musste. Der Vater war zu diesem Zeitpunkt schon tot, gestorben an einer Lungenembolie, als sie zwölf war. Er hätte allerdings auch lebendig ihre Ausbildungswünsche nicht unterstützt, für ihn war immer klar gewesen, dass sie so schnell wie möglich Geld verdienen sollte. Wenn er sie beim Lesen eines Buches erwischte, nahm er es ihr weg und forderte sie barsch auf, sich eine Arbeit zu suchen. Bestimmt gäbe es was zu tun, vor dem sie sich drücken wolle. Dem Herrgot den Tag stehlen, nannte er das Bücherlesen.
Dann starb die Mutter, und Christl lernte Micky kennen, und alles war spannend und voll wunderbarer Aussichten, bis ihnen Sascha passierte und sie nachher mit Sascha allein dastand. Trotzdem dachte sie noch lange mit Zuneigung und Wehmut an Micky, während Nicolas’ Vater wenig Spuren in ihrem Herzen hinterlassen hat. Was ihre Gefühle für Nicola nicht beeinflusst. Sie liebt alle ihre Kinder, und wenn sie es genau nimmt, dann ist ihr Nicola sogar am nächsten, vielleicht, weil sie so klug und zielstrebig ist, so, wie sie selbst sein hätte können, wenn ihre Mutter verständiger gewesen und auch noch länger am Leben geblieben wäre.
Beim Putzen war sie weitgehend ungestört. Sie räumte in einer Anwaltskanzlei auf, in der Praxis einer Ärztin, in einem kleinen Verlagsbüro und in einer Steuerberatungsfirma. Wenn sie kam, waren die Beschäftigten meistens weg, manchmal saßen eine Anwältin oder einer der Steuerberater noch an ihren Schreibtischen und brüteten über irgendwelchen Akten. Aber niemand behelligte sie mit Gerede (wie die Kundinnen im Friseurgeschäft), sie konnte effizient und nach eigenem Ermessen ihrer Arbeit nachgehen. Ihre Arbeitgeber schätzten sie und die Bezahlung war gut. Ein paarmal hatten junge Angestellte geglaubt, einen Saustall hinterlassen zu dürfen – Apfelbutzen und halbleere Joghurtbecher in den Papierkörben, dreckige Papierhandtüchter auf den Fußböden der Toiletten oder mit Sandwichresten verstopfte Abflüsse in der Teeküche.
Sie hatte die Chefs höflich ersucht, mit ihren Mitarbeitern ein ernstes Wort zu reden, und es hatte genützt. Christl putzte, was weiß Gott nicht ihr Mädchentraum von einer Zukunft gewesen war, aber sie war in dieser Funktion eine respektierte Institution. Nur Idioten glauben, dass Saubermachen kein Hirn erfordert und dass es demzufolge egal ist, wer sauber macht. Christls Arbeitgeber waren keine Idioten.
Ralph war geduldig mit den Kindern, sie wusste sie gut aufgehoben, wenn er bei ihnen war, er wärmte die Mahlzeiten, die sie vorbereitet, und erledigte die Hausarbeit, die sie ihm aufgetragen hatte. Man musste ihm vorher zeigen, was wie zu tun war. Manches ging kaputt, sobald er sich daran zu schaffen machte. Wenn er die Rollos an den Fenstern herunterzog, leierte er sie entweder aus, sodass sie nicht mehr zurückschnellten, wenn man sie wieder oben haben wollte, oder er riss die Schnüre ab. Seine Ungeschicklichkeit war keine Taktik, er gehörte nicht zu den Männern, die sich im Haushalt...




