E-Book, Deutsch, 392 Seiten
Hammer Die Nacht der Herbstwende
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-8857-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 392 Seiten
ISBN: 978-3-7693-8857-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tanja Hammer ist ein Frühlingskind aus dem Jahr 1982 und kam in Essen zur Welt. Kindheit und Jugend verbrachte sie mit der Nase in Büchern, wann immer sie die Gelegenheit dazu bekam. In dieser Zeit erwachte ihre Leidenschaft für das Phantastische. Schon damals entstanden ihre ersten eigenen Abenteuer. Allerdings blieben sie lange Zeit nichts weiter als ein Erlebnis in ihrem Kopf. Die Idee, etwas davon aufzuschreiben, kam erst viel später. Genauer gesagt dauerte es bis zum Jahr 2012, ehe sie damit begann, ihre Geschichten auf Papier zu bannen. Ihr Leben abseits von Schwertern und Magie verbringt sie mit Mann und Hund im schönen Bochum. Sie liebt das Lesen noch immer, malt gerne, tobt sich hin und wieder an der Spielkonsole aus, mag Serien und Filme und versucht, beim Bogenschießen in die Fußstapfen ihrer Charaktere zu treten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
PROLOG
Trübselig betrachtet der hochgewachsene Mann das Schlachtfeld. Ein scharfer Wind zerzaust ihm das aschblonde, kinnlange Haar, treibt ihm einzelne Strähnen vor die hellgrünen Augen. Neugierigen Fingern gleich zerren die Böen an seinem grau gegerbten Ledermantel und seiner schlichten schwarzen Kleidung darunter. Gerinnendes Blut vermischt mit vom Kampf aufgewirbeltem Staub befleckt seine dunklen Stiefel. Es spiegelt sich auf seiner Seele, jagt ihm einen bitterkalten Stich ins Herz. In der Nähe ballen sich schwere Wolken zusammen. Die Luft riecht nach Regen. Er schaut zum Himmel hinauf, teilt ein leises Seufzen mit dem Wind. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Land die erlittenen Verluste mit süßen Tränen beweint. So wie es jedes Mal geschieht, wenn er sein Werk vollendet hat.
Er gibt sich einen Ruck, bewegt sich bedächtig zum Zentrum der erkalteten Schlacht. Inmitten der Toten sinkt er auf ein Knie nieder, drückt die Hand flach auf einen Flecken Erde, der vom Verderben unberührt geblieben ist. Es ist die Linke. Jene, die näher am Herzen liegt. Obwohl der Boden warm und trocken ist, fährt ihm ein frostiger Schauer den Rücken hinunter. Was er hier angerichtet hat, war notwendig. Dennoch schmerzt ihn jedes einzelne Leben, das er nehmen musste. Zu sehr erinnern ihn die Gefallenen daran, warum er heute auf diesem Kampfplatz steht.
Verächtlich lacht er auf.
Reue.
Sie nagt an ihm, aber sie beginnt bereits zu verblassen. Er weiß, dass er daran nichts ändern kann. Genauso, wie er weiß, dass er sich um ihr Verschwinden nicht scheren wird, sobald es geschehen ist. Sie nennen ihn schließlich nicht umsonst ein Monster.
»Mir ist klar, dass ausgerechnet ich der Letzte bin, der zu euch sprechen sollte«, flüstert Arkjen Vargos dem knochenharten Lehm unter ihm zu. »Die Geister wollen mich nicht hören. Niemand im Orâ will das. Lasst mich euch trotzdem sagen, dass kein Krieger des heutigen Tages in Vergessenheit geraten wird. Was ihr mir an verbliebener Lebenskraft hinterlassen habt, dient keiner geringeren Sache als Xârthriens Schutz. Das wisst ihr.« Er zuckt mit den Schultern, kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken, so fehl am Platz es auch sein mag. »Ist ja nicht so, dass das nach fünfhundert Jahren was Neues wäre.«
Mit einem harten Räuspern ermahnt er sich, die Geister der Gefallenen respektvoll zu behandeln. Noch ist er dazu in der Lage. Ein Zustand, den er schätzt, wenngleich er dessen Dahinscheiden ebenso wenig betrauern wird, wie das der Reue. Ein kaltes Herz ist der Preis, den seine besondere Verbindung zum Erdatem ihn kostet. Er zahlt ihn gern, wenn er auf diese Weise dafür sorgen kann, dass sich Xârthriens dunkelste Tage niemals wiederholen.
»Bitte verzeiht, das war unangebracht«, fährt Vargos fort. »Ich danke euch für eure Gabe, Soldaten aus Phan. Wirklich. Auch wenn ihr ziemlich überheblich wart.«
Er spürt, wie eine weitere Schicht Mitgefühl und Anstand von ihm abblättert. Viel ist jetzt nicht mehr übrig. Er beißt sich auf die Zunge, reißt sich zusammen. Es stimmt, dieses Heer war überheblich. Die Männer verspotteten ihn vor und während des Kampfes, ja, sogar noch während sie starben. Sie zeigten ihm ihre blanken, hässlichen Hintern, beleidigten seine Mutter, verhöhnten seinen Vater und noch vieles mehr, wofür er keine Aufmerksamkeit mehr verschwenden will. Nichts anderes taten sie mit seiner Truppe ? den Dreißig, wie Arkjen sie nennt. Also verzichtete er auf die Illusion, einige seiner Männer an den Gegner zu verlieren, damit die Gefallenen in der Jenseitswelt behaupten können, einen guten Kampf geschlagen zu haben. Wahrscheinlich werden sie lügen, wenn sie mit ihren Ahnen an der Ewigen Tafel der Herrin des Orâ sitzen. Doch das ist jetzt nicht mehr wichtig. Bedeutsam ist, dass er sich an den Überresten reiner Lebenskraft laben konnte, die die Soldaten ihm hinterlassen haben. Dass er dadurch wieder jung geworden ist. Dass er weitere fünfzig Jahre überdauern kann, ohne vom Erdatem getötet zu werden. Ganz gleich, wie viele Glyphen seine Haut zieren.
Neun. Das ist die Zahl, die ein Gezeichneter an Glyphen tragen kann, ohne um sein Leben fürchten zu müssen. Erscheint das zehnte Zeichen auf seinem Körper, ist er dem Tod geweiht. Es können Jahre vergehen, bis die zehnte Glyphe den Gezeichneten niederringt, oder es dauert nur wenige Monate. Manche zögern den Zeitpunkt ihres Ablebens hinaus. Sie beginnen, wie die Ungezeichneten Eisen zu tragen, um sich vom Erdatem abzuschotten. Andere wiederum vergessen jede Zurückhaltung und heißen ihr Ende mit offenen Armen willkommen. Als Arkjen mit Erlangung seiner zehnten Glyphe zum Erzgezeichneten wurde, gehörte er weder der einen noch der anderen Sorte an. Er hielt an seinen Gewohnheiten fest, wollte das Leben auskosten bis zum Schluss. Er wollte auf nichts verzichten und zufrieden sterben. Diese Tage liegen lange zurück. Sehr, sehr lange.
Er lächelt.
Es schmeckt bittersüß.
»Die Wenigsten bekommen das, was sie sich wünschen«, murmelt er. »Tja, wem sag ich das, hm?«
Sanft tätschelt er den Boden, bedankt sich ein letztes Mal bei den neuen wie den alten Geistern, die tief in der Erde unter ihm ein glückliches Jenseitsleben führen. Er ist für zahlreiche von ihnen verantwortlich, doch diese Vorstellung bereitet ihm keine nennenswerten Schmerzen mehr. Vargos merkt, dass sein kaltes Herz allmählich zurückkehrt. Seine volle Macht wird es erst dann erlangen, wenn er den ersten auf die Verjüngung folgenden Gedanken wirkt. Dieser Moment ist unausweichlich. Und er ist viel zu nah.
Langsam richtet er sich auf, lässt abermals den Blick schweifen. Die Dreißig sind auf sein Geheiß hin mit der Suche nach möglichen Überlebenden beschäftigt und haben sich auf dem Schlachtfeld verstreut. Weder sie selbst noch ihre weißen Hemden, scharlachroten Togen und einfachen Sandalen tragen Spuren des gefochtenen Kampfes.
Kein Dreck. Kein Blut. Keine Schramme.
Gar nichts.
Arkjen weiß, dass es an diesem Tag niemanden gibt, dem sie den Übergang in den Orâ erleichtern können. Trotzdem hebt er den Befehl nicht auf. Die Distanz zu seinen Männern macht es ihm leichter, Abschied zu nehmen. Nur mit einem möchte er ein letztes Wort wechseln, ehe er sie fortschickt und sich in die Einsamkeit seiner Heimat zurückzieht.
»Jarran! Komm mal her!«
Er lauscht seiner Stimme, die angenehm rau über die Ebene rollt. Keine Sekunde später ruckt einer der Männer herum und eilt herbei.
»Arkjen«, sagt er, als er den Erzgezeichneten erreicht. »Was gibt es, mein Freund?«
»Fragen«, erklärt Vargos einsilbig.
»Ah. Na, dann immer raus damit.«
Wieder huscht ein Lächeln über Arkjens Gesicht. Jetzt ist es eines der angenehmen Sorte. Jarran Kassios und ihn verbindet vieles. Als junger Bursche, gerade zwölf Jahre alt und noch grün hinter den Ohren, kam Kassios zu den Gezeichneten vom Quelltempel bei Agris, und Vargos erklärte sich bereit, ihn zu unterrichten. Über die Jahre wurden aus Schüler und Lehrer enge Freunde. Nicht zuletzt deshalb blieb Jarran nach dem Ende seiner Ausbildung in Agris und trat der Quellwache bei. Zur selben Zeit erhielt Arkjen die Lizenzierung zum Hauptmann. Mit Kassios als erstem Mitglied begründete er jene Truppe, die Jahre später als die Dreißig bekannt wurde. Niemand ist je aus dem Verbund ausgetreten. Zu fest hat das gemeinsam Erlebte die Männer zusammengeschweißt, denn Xârthrien war noch nie ein friedliches Land. Entsprechend häufig ziehen Gezeichnete der Quellwache an der Seite der Soldaten ihrer Heimat in einen Krieg.
»Wenn ich dich darum bitten würde, mich umzubringen«, sagt Vargos, schiebt die Hände in die Manteltaschen und fixiert einen Punkt in weiter Ferne, »würdest du es tun?«
»Bist du verrückt? Nein!«
»Und wenn ich es dir befehle?«
»Ich werde dich nicht umbringen. Niemals.«
»Natürlich.« Der Erzgezeichnete stößt ein Seufzen aus. Er kann nicht sagen, ob es aus Erleichterung, aus Enttäuschung oder aus der Erfüllung seiner Erwartungen gewachsen ist. Dessen ungeachtet grinst er schelmisch. »Natürlich würdest du das nicht tun. Was hab ich mir nur dabei gedacht?«
Kassios erwidert das Grinsen. »Nicht viel, offensichtlich.«
Das heitere Gefühl, das die Brust des Erzgezeichneten erwärmt, ist nur von kurzer Dauer. Schon einen Wimpernschlag später verhärtet sich seine Miene. In der verzweifelten Hoffnung, dem Untergang zu entkommen, bäumt sich die Reue noch einmal auf.
»Ich bin ein Ungeheuer, Jarran«, sagt er leise. »Ein verdammter Schlächter. Ich bin die Luft nicht wert, die ich atme. Ich bin das Blut nicht wert, das an meinen Händen klebt. Und ich bin die Treue nicht wert, die ihr Dreißig mir entgegenbringt. Ich sollte sterben. Besser gestern als heute. Besser vor hundert Jahren, als vor fünfzig.«
»So viel Schwachsinn hab ich ja schon lange nicht mehr gehört«, erwidert...




