E-Book, Deutsch, Band 3, 357 Seiten
Hamilton Totentanz in Peru
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-244-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman: Die Antiquitätenhändlerin ermittelt 3 | Unter Mordverdacht
E-Book, Deutsch, Band 3, 357 Seiten
Reihe: Die Antiquitätenhändlerin ermittelt
ISBN: 978-3-98690-244-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lyn Hamilton (1944-2009) wuchs in Etobicoke, Toronto auf und studierte Anthropologie, Psychologie und Englisch an der University of Toronto. Obwohl sie hauptberuflich in der Öffentlichkeitsarbeit tätig war, galt ihre Leidenschaft der Mythologie und Anthropologie. Ein Urlaub in Yucatán inspirierte sie dazu, ihren ersten Kriminalroman »Die Toten von Mexiko« zu schreiben. Die Website der Autorin: http://www.lynhamiltonmysteries.com/ Bei dotbooks erscheinen von Lyn Hamilton folgende Romane: »Die Toten von Mexiko« »Todesfurcht auf Malta« »Totentanz in Peru« »Ein Mord in Irland« »Todesklage in Italien« »Tod in Schottland«
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KAPITEL 1
»Weh aber euch, Land und Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen«, donnerte der Mann mit erhobenen Armen, wobei seine Augen auf irgendeine ferne Vision gerichtet waren.
»Offenbarung des Johannes 12,12«, murmelte ich vor mich hin. Ich wusste Bescheid: In den letzten drei Tagen, seitdem der Verrückte aus der Nachbarschaft sich unmittelbar vor meinem Geschäft – Greenhalgh & McClintoch – ein kleines Rechteck auf dem Gehsteig abgesteckt hatte, um das Ende der Welt zu verkünden, hatte ich es unzählige Male gehört. Wenn er nicht die Bibel zitierte, trug er ohne Unterlass Shelleys Gedicht Ozymandias vor und beschwerte sich mit Inbrunst über den Teil, in dem Ozymandias den Allmächtigen auffordert, sein Menschenwerk anzusehen und zu verzweifeln. Ich war nicht sicher, was schlimmer war: Shelley oder die Offenbarung.
»Offenbarung 12,12«, dröhnte er, und ich konnte zumindest befriedigt feststellen, dass ich in meinen Kenntnissen über die apokalyptischen Texte rasche Fortschritte machte.
»Zuerst wird ein schreckliches Feuer kommen«, fuhr er fort, und seine Stimme nahm einen milderen Tonfall an, weil er versuchte, eine kleine Gruppe von Touristen in seinen Bann zu ziehen. Das derart bedrängte Quartett versuchte, sich vorsichtig an ihm vorbeizuschieben. Man konnte es ihnen kaum verübeln. Er wirkte schmutzig und ungepflegt und hatte die Augen eines Fanatikers. »Dann sah ich etwas, das einem gläsernen Meer glich und mit Feuer durchsetzt war«, sprach er weiter.
Wieder die Offenbarung, dachte ich.
»Offenbarung 15, Vers 2«, psalmodierte er. »Dann werden die Menschen sterben. Denn der Lohn der Sünde ist der Tod«, fügte er hinzu.
»Römerbrief 6, 23«, sagte ich. Ich konnte mich nicht zurückhalten. Der Mann ging mir auf die Nerven, so kritikwürdig ich die Unfähigkeit der Gesellschaft, mitfühlend mit psychisch Kranken umzugehen, auch fand. Schließlich waren es meine Kunden, die er vertrieb. Es war Touristensaison, und die Leute mieden diesen Straßenabschnitt wie die Pest. Kein Wunder. Auch ich schlenderte gerade auf der anderen Straßenseite umher, in der Hoffnung, dass ihn etwas ablenken würde, damit ich rasch über die Straße und in den Laden laufen konnte, bevor er mich wahrnahm. Ich wusste bereits, was bei meinem Anblick kommen würde: das Buch Jesus Sirach.
»Kaum eine Bosheit ist wie Frauenbosheit!«, brüllte er, als er mich schließlich entdeckte. »Buch Jesus Sirach 25,19.«
Ich zuckte zusammen, eilte an ihm vorbei und lief die Stufen zum Geschäft hinauf.
»Es ist Ihre Schuld!«, schrie er, wobei er mit dem Finger auf mich zeigte und die Augen auf mich geheftet hielt. Ich ging rückwärts die letzten beiden Stufen hinauf und stürzte regelrecht hinein. Die Waagschalen neigten sich zugunsten von Percy Bysshe Shelley.
»Ist alles in Ordnung, Lara? Was ist nur mit diesem grässlichen Mann los?«, seufzte Sarah Greenhalgh, als ich durch die Tür geflogen kam.
»Ich würde sagen, er hat vergessen, seine Medikamente zu nehmen«, meinte Alex Stewart, ein Seemann im Ruhestand, der außerdem mein Nachbar und unsere unentbehrliche Aushilfe im Laden ist. »Vielleicht liegt es auch an der Jahrtausendwende«, fügte er hinzu. »Sie weckt offenbar eine Art primitiver Furcht in uns. Ihr braucht nur mal die Zeitungen anzuschauen! Auf der ganzen Welt machen sich die Menschen Gedanken um irgendwelche Zeichen am Himmel und solche Dinge. Lauter böse Omen, die scheinbar darauf hindeuten, dass uns eine Katastrophe bevorsteht, die alles Leben mit einem Schlag auslöscht.«
»Ich wünschte nur, er würde sich für seine Tiraden eine andere Stelle des Bürgersteigs suchen«, seufzte ich. »Er ist geschäftsschädigend! Trotzdem möchte ich nicht die Polizei rufen. Irgendwie kann er einem ja leidtun.«
Wenn ich heute daran zurückdenke, hatte der Mann jedoch in gewisser Weise recht, auch wenn er eindeutig geistesgestört war. Vielleicht nicht gerade, was die genaue Abfolge angeht. Der Mann in unserem Abstellraum war tot, ermordet, allerdings vor und nicht erst nach dem Feuer. Doch der Teufel – oder zumindest sein irdischer Handlanger – hatte also tatsächlich eine Zeit lang unter uns geweilt. Und – auch wenn es immer noch schmerzt, es zuzugeben – ich muss eine gewisse Verantwortung, eine Art von Schuld einräumen, denn alles, was geschah, war gewissermaßen auf meine Unfähigkeit zurückzuführen, mit einer heiklen persönlichen Situation umzugehen.
Die ganze verfahrene Geschichte begann, zumindest nach den Polizeiakten, damit, dass mein Geschäft verwüstet wurde und beinahe niederbrannte. Meiner Ansicht nach fing alles jedoch schon einige Monate vorher an, als Maud McKenzie überraschend von uns ging.
Maud war die Exzentrikerin von Yorkville, wo sich Greenhalgh & McClintoch befindet. Sie und ihr Ehemann Franklin waren die Besitzer eines seltsamen kleinen Ladens, in dem sie alles Mögliche verkauften: ein paar Antiquitäten, ein wenig Trödel, und der – Gott segne sie – den Namen Old Curiosity Shop trug. Maud und Frank wohnten über dem Geschäft. Sie waren da, so lange ich denken kann. Das Haus, in dem sich der Laden befand, hatte ursprünglich Mauds Familie gehört, und erst viele Jahre später, nachdem ihre Verwandten es verkauft hatten und fortgezogen waren, hatten Maud und Frank es sich leisten können, das alte Gebäude zurückzukaufen. Sie hatten schon hier gelebt, als Yorkville noch ein heruntergekommenes Viertel gewesen war. Sie hatten zugesehen, wie es in den Sechzigern zum kulturellen Zentrum wurde, als all diese großartigen Cafés und Folksänger dort waren, und hatten die Zeiten durchgestanden, in denen die Sechziger hässlich geworden waren und die Drogenszene sich hier angesiedelt hatte. Und als Yorkville seine Renaissance als vornehme Einkaufsgegend erlebte, machten sie genauso weiter wie vorher.
Sie hatten einen relativ lockeren Zusammenschluss von Händlern gegründet, eher eine Art Club zum geselligen Beisammensein als alles andere, dem zahlreiche von uns hiesigen Ladenbesitzern angehörten. Einmal pro Woche kamen wir in der Coffee Mill zusammen und nannten es unser Straßentreffen. Wir koordinierten unsere Weihnachtsdekorationen, richteten einen Fonds ein, um für das Viertel zu werben, kümmerten uns um Fälle von Vandalismus – die üblichen Dinge eben. Doch vor allem plauderten wir gern: darüber, wer gerade renovierte, wer sein Geschäft aufgab, wer eines eröffnete. Ein paar Jahre zuvor, als mein Mann Clive und ich uns gerade trennten und ich das Geschäft verkaufen musste, um ihn auszuzahlen, war auch dies sicher ein Gesprächsthema. Wir wachten über die Straße, als hinge unsere Existenz davon ab, was ja auch tatsächlich stimmte.
Wir waren eine feste kleine Gruppe und alle miteinander befreundet, zum Teil, weil wir in unterschiedlichen Branchen tätig und somit keine direkten Konkurrenten waren. Wir hatten einen Modedesigner, einen Buchhändler, einen Friseur, eine Bastelladenbesitzerin, mein Antiquitäten- und Designgeschäft und einen Wäscheladen. Neuankömmlinge wurden nicht unbedingt ausgeschlossen. Aber bevor jemand neu aufgenommen wurde, war ein einstimmiges Votum erforderlich, und wir entschieden uns nicht besonders oft für eine Abstimmung.
Als Frank starb, führte Maud das Geschäft allein weiter. Wir haben nie herausgefunden, wie sie es schaffte. Vielleicht lief der Laden besser, als jeder Einzelne von uns vermutete. Wenn man intensiv suchte, konnte man zweifellos wahre Schätze dort finden. Doch nach Franks Tod schien sich das Angebot nicht mehr großartig zu verändern.
Als Maud ein wenig, wie sie es nannte, »wackelig auf den Beinen« wurde, verlegten wir unser Kaffeekränzchen in ihre Wohnung, und jeder von uns brachte reihum eine Kanne Kaffee und ein paar Kekse mit. Eines Tages jedoch gingen meine Freundin Moira und ich hinüber, um nach ihr zu sehen, weil der Laden nicht pünktlich geöffnet hatte. Maud, die gelegentlich ihre kleinen »Anfälle« – so bezeichnete sie es – hatte, lag am Fuß der Treppe, die in ihre Wohnung im ersten Stock führte. Ein unglücklicher Sturz, schloss der Gerichtsmediziner. Das Genick war gebrochen, und der Schädel ebenso.
Ich denke, als Moira und ich sie dort liegen sahen, war uns beiden bewusst, dass unser Viertel nie mehr dasselbe sein würde.
Zu unserer großen Überraschung hatten Maud und Frank wesentlich mehr Geld besessen, als wir jemals vermutet hatten. Eine hübsche Summe, genau genommen etwas mehr als eine Million Dollar, und darin war der Verkauf des Gebäudes und des Mobiliars noch nicht eingerechnet. Ein Großteil des Geldes ging an diverse Wohltätigkeitsorganisationen, das alte Gebäude und den Hausrat bekam ein Neffe in Australien, von dessen Existenz wir nichts gewusst hatten, und zusätzlich gab es einen netten kleinen Fonds, der mit der Auflage eingerichtet worden war, dass unsere Kaffeekränzchen – wir waren alle einzeln genannt – einmal im Jahr zu einem Essen in einem Restaurant unserer Wahl zusammenkommen sollte, solange es uns möglich wäre.
In der folgenden Zeit drehten sich die Gespräche fast ausschließlich um Frank und Maud.
»Was meinst du, wo das ganze Geld herkam?«, überlegte ich laut, als Moira morgens auf einen Kaffee vorbeigekommen war, bevor wir unsere Geschäfte öffneten.
»Aus Kapitalanlagen«, vermutete Moira, Besitzerin des hiesigen Schönheitssalons. »Als ich irgendwann bei ihnen vorbeischaute«, fuhr sie fort und tippte dabei mit ihren perfekt manikürten Nägeln leise auf den Tisch, »arbeitete Maud gerade oben an ihrem Schreibtisch. Für mich sah es nach Wertpapieren aus.«
»Aber man muss erst mal Geld besitzen, bevor man es anlegen kann!«, erwiderte ich. »Wenn ich von meinen...




