E-Book, Deutsch, 380 Seiten
Hamilton Hangover Square
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-908778-42-4
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Geschichte aus dem finstersten Earl's Court
E-Book, Deutsch, 380 Seiten
ISBN: 978-3-908778-42-4
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Patrick Hamilton, 1904 in Sussex geboren, war einer der talentiertesten Schriftsteller seiner Generation. Bereits als Teenager schrieb er experimentelle Lyrik. Nach seiner Schulzeit ging er nach London, wo er sein Geld als Schauspieler und Stenotypist verdiente und in den Morgen- und Abendstunden schrieb. Neben dem Schreiben war seine Lieblingsbeschäftigung, mit dem Fahrrad durch London auf Erkundungstouren zu gehen, wobei sein »unheilbares« Interesse an den finstersten Gegenden der Großstadt ihn nach eigener Aussage mehr als einmal in »äußerst kompromittierende und gefährliche Situationen« brachte. An seinem 21. Geburtstag unterschrieb er den Vertrag für seinen ersten Roman Monday Morning. Weitere folgten. Berühmt wurde er bei uns vor allem mit seinen Theaterstücken Gaslicht (Gaslight) und Cocktail für eine Leiche (Rope), die beide verfilmt wurden, letzteres 1948 von Alfred Hitchcock mit James Stewart in der Hauptrolle. Hangover Square, 1941 in London bei Constable erschienen, ist in England Kult. Der Roman ist ständig lieferbar, Liebhaber jedoch bezahlen für die Erstausgabe von 1941 exorbitante Preise. In seinen letzten Lebensjahren brauchte Patrick Hamilton »den Whisky wie ein Auto das Benzin«. Er starb 1962. Sein Roman Hangover Square erschien im Jahr 2005 erstmals in deutscher Übersetzung, es folgte im Jahr darauf Sklaven der Einsamkeit.
Weitere Infos & Material
1
Klick! … Da war es wieder! Er ging auf dem Kliff von Hunstanton spazieren, und es war wieder passiert … Klick! …
Oder beschrieb man es besser als Riß oder Knacks?
Es war ein Geräusch im Kopf – und doch kein Geräusch. Es war ein Laut, den ein Geräusch hinterläßt, wenn es abrupt aufhört: von dem man kurzzeitig taub wird. So als hätte er sich zu heftig geschneuzt, und die Außenwelt wäre auf einmal dumpf und tot. Dabei war er nicht körperlich taub; doch nur so konnte er begreifen, was in seinem Kopf passierte.
Es war, als sei eine Klappe gefallen. Lautlos, aber so schnell, daß er sich das Ganze nur als Knacks oder Riß vorstellen konnte. Es hatte sich auf sein Gehirn gelegt, so wie sich, ausgelöst durch einen Fremdkörper, plötzlich ein Film auf das Auge legt – der auf der Stelle weggewischt wäre, so sein Gefühl, wenn sein Gehirn nur »blinzeln« könnte. Ein Film. Ja, es war auch wie ein Film – ein Kinofilm. Als habe er gerade einen Film gesehen und urplötzlich sei der Ton ausgefallen. Die Figuren auf der Leinwand bewegten sich weiter, agierten mehr oder weniger einleuchtend, doch bewegten sie sich in einer neuen, stummen, unsagbar unheimlichen Welt. Sein Leben, eben noch ein Tonfilm, war schlagartig zum Stummfilm geworden. Und es spielte keine Musik.
Er hatte keine Angst, denn inzwischen war er daran gewöhnt. Schon im letzten Jahr, in den letzten zwei Jahren war es immer wieder passiert – im Grunde konnte er es bis in seine Kindheit zurückverfolgen. Damals war es nicht so scharf umrissen gewesen, aber wie gut konnte er sich an das erinnern, was er seine »toten« Momente nannte, in denen er nichts normal tun, nichts normal denken konnte, nicht dem Unterricht folgen, nicht spielen, nicht mal seinen Raufkumpanen zuhören konnte. Sie piesackten ihn deswegen, bis man es schließlich einfach hinnahm. »Old Bone« hatte eben einen seiner »bekloppten« Momente. Mr. Thorne war anfänglich voller Sarkasmus gewesen. »Oder genehmigst du dir wieder eine deiner – hm – willkommenen Amnesiephasen, mein lieber Bone?« Doch selbst Mr. Thorne nahm es schließlich einfach hin. »Außergewöhnlicher Junge«, hörte er Mr. Thorne einmal sagen (als der sich außer Hörweite wähnte), »ich halte es in der Tat für ganz und gar echt.« Und statt ihn vor der Klasse als Trottel hinzustellen, hielt er oft inne, sah ihn prüfend, mitfühlend an, forderte ihn auf, sich zu setzen, und bat ohne eine ironische Bemerkung einen anderen Jungen, das zu tun, wozu Bone nicht imstande gewesen war.
»Tote« Momente – ja, schon sein ganzes Leben lang hatte er »tote« Momente, doch damals war er langsam hinein- und wieder hinausgeglitten, sie waren nicht so häufig, so plötzlich, so tot gewesen und hatten ihn nicht so vollständig von seinem anderen Leben abgeschnitten. Sie waren nicht mit diesem sonderbaren »Knacks« über ihn gekommen – das passierte erst seit rund einem Jahr. Zunächst war er etwas beunruhigt gewesen, hatte sogar manchmal erwogen, einen Arzt aufzusuchen. Aber das hatte er nicht getan und würde es nun auch nicht mehr tun, das wußte er. Es ging ihm recht gut, die Sache beeinträchtigte ihn nicht ernstlich. Und es gab zu viel anderes zu bedenken – mein Gott, zu viel anderes zu bedenken!
Und jetzt ging er auf dem Kliff von Hunstanton spazieren, am Weihnachtsnachmittag, und es war wieder passiert. Nach dem Weihnachtsmahl mit seiner Tante war er hinausgegangen, um, wie er ihr gesagt hatte, einen »Verdauungsspaziergang« zu machen. Er trug einen leichten Regenmantel. Er war vierunddreißig und von großer, kräftiger Statur, feist und ungelenk. Er hatte eine frische rote Gesichtsfarbe und einen kleinen Schnurrbart. Seine Augen waren groß und blau und traurig und leicht blutunterlaufen von Bier und Rauch. Er sah aus, als habe er eine billige Privatschule besucht und wolle einem nun gern einen Gebrauchtwagen verkaufen. So wie bestimmte Leute unverwechselbar »nach Rennbahn« aussehen, den Stempel von Newmarket tragen, trug er den Stempel der Great Portland Street. Bei ihm dachte man an Rasthäuser, und von seiner Sorte gibt es Tausende, die in ganz England die Bars von Pubs bevölkern. Sein voller Mund jedoch war eher weichlich als streng. Er hieß George Harvey Bone.
Nur in den wenigen Augenblicken nach dem jähen Übergang – dem Wegfall des Tons, dem Wechsel vom Ton- zum Stummfilm – dachte er heute noch über diesen außergewöhnlichen Wandel nach, der sich in seinem Kopf vollzog, wenn er ihn überhaupt wahrnahm. Bald darauf sah er den Stummfilm – den Stummfilm ohne Musik –, als hätte es nie einen Tonfilm gegeben, als wäre alles schon immer so gewesen.
Ein Stummfilm ohne Musik. Eine bessere Beschreibung dieser wundersamen Welt, in der er sich nun bewegte, hätte er nicht finden können. Er betrachtete vorüberziehende Menschen und Dinge, doch sie hatten keine Farbe, kein Leben, keine Bedeutung – was sie betraf, war er geistig taub. Sie bewegten sich wie Maschinen, ohne Grund, ohne eigenen Antrieb. Er hörte, was sie sagten, er verstand die Worte, er konnte sogar antworten, aber er tat es automatisch, ohne darüber nachzudenken, was sie sagten oder was er entgegnete. Obwohl sie sprachen, war es daher so, als hätten sie nicht gesprochen, sie hatten die Lippen bewegt, waren jedoch stumm geblieben. Sie hatten keine gültige Existenz, waren keine Wesen, die Freude oder Schmerz empfanden. Es gab, genaugenommen, überhaupt keine Empfindungen, keine Freude und keinen Schmerz in dieser Welt; es gab nur ihn – sein trübes, stumpfes, totes Selbst.
Es gab keine Empfindungen, aber es gab etwas zu erledigen. Ausdrücklich, ganz ausdrücklich gab es etwas zu erledigen. Sobald er sich von der Überraschung erholt hatte – doch eigentlich war es gar keine Überraschung mehr –, vom Knacken in seinem Kopf, der Tonunterbrechung, dem jähen Eintritt in eine neue, stille Welt, sobald er sich davon erholt hatte, wurde ihm bewußt, daß es etwas zu erledigen gab. Zunächst kam er nicht darauf, doch das beunruhigte ihn nicht. Er kam nie gleich darauf, aber es würde ihm einfallen: Wenn er sich nicht festbiß, sondern seinen Gedanken freien Lauf ließ, würde es ihm einfallen.
Zwei, drei Minuten lang wandelte er in einem Traum und nahm kaum etwas wahr. Sein Gang entlockte dem Regenmantel ein kurzes, donnerndes Flappen; seine großen Sportschuhe knarrten und knirschten im Gras des Kliffs. Unten zu seiner Linken lag der weite graue Strom des Wash unter dem düsteren Himmel des Weihnachtsnachmittags; zu seiner Rechten lagen die zusammengewürfelten Einfamilienhäuser an den offenen Feldwegen. Einige Paare waren unterwegs, frierend, mutlos, niedergebeugt von der hoffnungslosen Leere und Trübsal der Jahreszeit und der Stunde des Tages. Er kam an einem Schuppen vorbei, um den Kinder herumrannten und mit Spielzeugpistolen aufeinander feuerten. Da fiel ihm ein, ganz mühelos, was er zu erledigen hatte: Er mußte Netta Longdon töten.
Er würde sie töten und anschließend nach Maidenhead gehen, wo er glücklich wäre.
Daß es ihm eingefallen war, erleichterte ihn, denn nun konnte er sich alles genau zurechtlegen. Das tat er gern: Sich etwas zurechtzulegen war, wie sich eine Pfeife anzuzünden, etwas, das er in die Hand nehmen, das er in Angriff nehmen konnte.
Warum mußte er Netta töten? Weil es sich schon zu lange hinzog. Er mußte nach Maidenhead und wieder ruhig und zufrieden werden. Und warum Maidenhead? Weil er dort glücklich gewesen war mit seiner Schwester Ellen. Sie hatten dort zwei herrliche Wochen verbracht, und gut ein Jahr später war sie gestorben. Er würde wieder den Fluß hinunterfahren und dort Ruhe finden. Die Hauptstraße mochte er auch. Er würde nicht mehr trinken – oder nur hin und wieder ein Bier. Aber zunächst mußte er Netta töten.
Die Sache mit Netta zog sich schon zu lange hin. Wann sollte er sie töten? Bald, auf jeden Fall noch in diesem Jahr. Am besten sofort, sobald er wieder in London war – morgen, am zweiten Weihnachtstag, fuhr er zurück. Aber so etwas wollte gründlich geplant sein: Er hatte so viele Pläne, zu viele. Das Ganze war so unglaublich, lächerlich einfach. Deshalb war es so schwierig, den richtigen Plan zu fassen. Man mußte ihr nur von hinten den Schädel einschlagen. Man mußte sie nur auffordern, sich umzudrehen, weil man eine Überraschung für sie habe, und sie dann niederschlagen. Man mußte sie nur ans Fenster locken, damit sie sich unten etwas ansähe, und sie hinauswerfen. Man mußte ihr nur neckisch ein Tuch um den Hals schlingen, mit Hingabe daran herumnesteln und sie erdrosseln. Man mußte sie nur in der Badewanne überwältigen – die Beine nach oben halten und den Kopf nach unten drücken. Alles so einfach: alles so still. Allerdings würde sich die Polizei einmischen – »Fragen stellen« –, das mußte mit bedacht werden. Einmischung oder Fragen waren unerwünscht. Aber die Polizei würde ihn in Maidenhead natürlich auch nicht finden oder zumindest nicht belangen. Nein, da gab es überhaupt kein Problem: Es war »todsicher«, wie man so schön sagt. Dennoch mußte man es planen, und zwar jetzt. Es zog sich schon zu lange hin.
Wann also sollte es soweit sein? Morgen, am zweiten Weihnachtstag, sobald sie sich wiedersahen. Wenn er sie allein zu fassen bekam – warum nicht? Nein, irgend etwas stimmte damit nicht. Was? Was um alles in der Welt war es? … Ja, natürlich: die zehn Pfund. Seine Tante hatte ihm zehn Pfund gegeben. Heute morgen hatte sie ihm zu Weihnachten einen Scheck geschenkt. Er mußte warten, bis er...




