E-Book, Deutsch, Band 4, 341 Seiten
Hamilton Ein Mord in Irland
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-095-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman: Die Antiquitätenhändlerin ermittelt 4 | Ein keltisches Rätsel und eine tödliche Jagd
E-Book, Deutsch, Band 4, 341 Seiten
Reihe: Die Antiquitätenhändlerin ermittelt
ISBN: 978-3-98690-095-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lyn Hamilton (1944-2009) wuchs in Etobicoke, Toronto auf und studierte Anthropologie, Psychologie und Englisch an der University of Toronto. Obwohl sie hauptberuflich in der Öffentlichkeitsarbeit tätig war, galt ihre Leidenschaft der Mythologie und Anthropologie. Ein Urlaub in Yucatán inspirierte sie dazu, ihren ersten Kriminalroman »Die Toten von Mexiko« zu schreiben. Die Website der Autorin: http://www.lynhamiltonmysteries.com/ Bei dotbooks erscheinen von Lyn Hamilton folgende Romane: »Die Toten von Mexiko« »Todesfurcht auf Malta« »Totentanz in Peru« »Ein Mord in Irland« »Todesklage in Italien« »Tod in Schottland«
Weitere Infos & Material
Kapitel 2 – Die tosende Woge
»Nett«, seufzte ich. »Sehr nett«, fügte ich hinzu. »Wirklich reizende Leute. Für heute habe ich genug von diesem Ort. Was meinst du?«, sagte ich und wandte mich Alex zu, der so wie ich dem unschönen Abgang der Familie zusah. »Komm, ich spendier dir einen Drink im Hotel«, fuhr ich fort. »Rob und Jennifer sind wahrscheinlich auch schon von ihrem Ausflug zurück, dann können sie uns erzählen, was sie erlebt haben. Du kannst hier jetzt sowieso nichts mehr tun, stimmt’s?«
»Das glaube ich auch, aber ich sollte zumindest fragen«, antwortete er und verstaute den Umschlag mit dem obskuren Inhalt in seiner Jacketttasche. Wir sahen uns um, doch Dideldum und Dideldei waren nirgends zu finden. »Ich kann ja später noch einmal anrufen«, sagte er. »Ein Drink, das klingt nicht schlecht.«
Wir waren bereits ein ganzes Stück die Auffahrt entlanggelaufen und hatten fast die Stelle erreicht, an der ich den Mietwagen geparkt hatte, als wir plötzlich hastige Schritte hinter uns hörten und uns umdrehten. Michael Davis lief hinter uns her. »Mr Stewart, Ms McClintoch«, rief er uns zu und winkte. »Warten Sie.« Als er uns erreicht hatte, lächelte er. »Wollen Sie nicht Rose Cottage sehen, Mr Stewart?«, fragte er. »Ich kann Ihnen zeigen, wo es ist.«
Ich sah Alex an und zuckte die Achseln. »Warum nicht? Ist es weit?«
»Nein, gar nicht«, antwortete er. »Es ist nur ein wenig steil, Ms McClintoch«, sagte er und sah zweifelnd auf meine Schuhe.
»Sagen Sie einfach Lara zu mir«, sagte ich etwas schnippisch.
Ich hatte auf meine flachen Alltagsschuhe heute einmal verzichtet und mich für den besonderen Anlass in etwas Passenderes gezwängt. Eine Entscheidung, die ich schon lange bereut hatte.
»Gut, Ms McClintoch«, sagte er und ignorierte meinen Versuch, eine gewisse Vertraulichkeit herzustellen, stattdessen gab er mir das Gefühl, alt zu sein. »Hier entlang.«
Wir gingen hinter dem Haus vorbei hinunter zum Wasser und folgten dann einem Fußweg, der rechts an einem Hügel entlangführte. Der Weg stieg langsam an und bot uns einen wunderbaren Blick über das Meer und die Ländereien von Byrnes Besitz. Auf der einen Seite des Hauses befand sich ein großer Gemüsegarten mit vier quadratischen Gemüse- und Kräuterbeeten, die von einer niedrigen Rosmarinhecke gesäumt waren und von einem Steinweg unterteilt wurden. Ein Bogen, der fast vollständig mit Kletterrosen bewachsen war, führte zu einem Blumengarten, in dem ich unzählige Blumen vermutete. Ein nahezu perfekter Rasen trennte ihn vom Rosengarten auf der einen und einem tropischen Garten mit Palmen und Blumen auf der anderen Seite.
Ich dachte an mein recht ungleichmäßig geschnittenes Gras zu Hause, das ich Rasen nannte, und empfand mehr als nur Neid.
»Gefallen Sie Ihnen?«, fragte Michael. »Ich meine die Ländereien.«
Die Gärten waren wirklich außergewöhnlich schön, und das sagte ich ihm auch.
»Ich bin selbst auch sehr stolz darauf«, grinste er.
»Sind Sie …?«, ich machte eine Pause. Sollte ich nun Gärtner sagen?, fragte ich mich.
»Der Gartenarchitekt«, sagte er. Was sonst, dachte ich. Nur Leute wie ich haben einen Gärtner. Oder besser gesagt, sollten einen Gärtner haben, korrigierte ich mich und musste an meine armseligen Versuche denken, etwas aus meinem Garten hinter dem Haus zu machen. Jemand wie Eamon Byrne hatte natürlich einen Gartenarchitekten.
»Das haben Sie wirklich wunderbar gemacht«, sagte ich. Alex pflichtete mir bei.
»Mr Byrne sagt, dass ich ein Händchen dafür habe«, fuhr er fort. »Hat er gesagt«, fügte er hinzu. »Er hat immer gesagt, dass ich ein Händchen dafür habe.« Einen Moment blickte er nachdenklich über das Meer. »Er konnte ein fieser, alter Scheißkerl sein, ich weiß, aber ich werde ihn trotzdem vermissen.«
»Sind das dort Orchideen?«, fragte ich, zeigte auf den Palmenhain und versuchte, das Thema zu wechseln.
»Richtig«, antwortete er und wandte sich mir wieder zu. »Das hier ist ein winziges Ökosystem«, sagte er. »Ein kleines Tropenparadies, wo man es am wenigsten erwarten würde. Dieser Teil Irlands wird vom Golfstrom erwärmt, die Folge ist, das es hier ein paar recht außergewöhnliche Pflanzen und Tiere gibt.« Während wir unseren Aufstieg zum Hügel fortsetzten, fuhr er fort, sachkundig über die verschiedensten Aspekte des Gartenbaus zu berichten. Ich verstand nun, weshalb Eamon Byrne davon überzeugt war, dass Michael Davis Unterstützung verdiente und noch einmal zur Schule gehen sollte.
Der Pfad schlängelte sich immer weiter vom Haus weg zur rechten Seite des Hügels hinauf, bis wir eine Landzunge hoch über dem Meer erreicht hatten. Der Wind blies uns ins Gesicht, die Wellen brachen sich an den Felsen unter uns, und Unmengen von gelbem Ginster und violettem Heidekraut wuchs so weit das Auge reichte. Ein ganz anderer Augenschmaus im Vergleich zu den sorgsam gepflegten Gärten, die das Haus umgaben. Hier befanden wir uns an der wilden Seite des Hügels. Ich blickte mich um, doch das Haus war jetzt nicht mehr zu sehen. Vor uns standen ein paar verlassene und heruntergekommene Häuser, die keine Dächer mehr hatten.
»Es ist jetzt nicht mehr weit«, sagte Michael. Wir gingen auf dem Pfad weiter, der manchmal für jemanden wie mich, der unter Höhenangst leidet, zu dicht am Abgrund entlangführte. Das Meer lag ziemlich weit unter uns. Hier war es unglaublich schön. Obwohl wir immer noch recht heiteres Wetter hatten, zogen am Horizont bereits die ersten Wolken auf, und der Himmel dort sah sehr dunkel und grau, ja fast schwarz aus. Ab und zu blitzte die Sonne wie ein Scheinwerfer durch die Wolken und bildete unten auf dem Wasser einen hellen Lichtkegel. Ich sah einem Fischreiher bei seinem Sturzflug tief über das Meer zu, als Michael über das Wasser zeigte und plötzlich sagte: »Nächster Halt Amerika.« Wenn ich so darüber nachdachte, stimmte das. Zwischen der Stelle, an der wir standen, und Nordamerika lag nichts als Wasser. »Irgendwann möchte auch ich einmal dorthin fahren«, sagte er wehmütig und fügte dann nüchtern hinzu. »Es wird bald regnen, das Wetter schlägt hier sehr schnell um, wir sollten nicht zu lange bleiben.«
Wo bleiben?, fragte ich mich, doch dann sah ich es: Rose Cottage. Es war nicht wirklich so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Um ehrlich zu sein, passte der Name überhaupt nicht zu ihm. Heidekrauthaus oder etwa Ginster Cottage vielleicht, denn weit und breit war keine einzige Rose zu sehen. Stattdessen standen wir vor einem verwitterten Haus, das ungefähr hundert Meter landeinwärts mit der Front zum Meer und dem Rücken zum Berg stand. Es war klein, überhaupt nicht mit Second Chance zu vergleichen und in vieler Hinsicht recht einfach. Statt des strohgedeckten Dachs, wie ich es mir erträumt hatte, war es mit Schieferplatten gedeckt. Die Außenwände waren weiß getüncht, und vor dem Haus standen zwei ziemlich vergammelte Holzstühle.
Ich sah Alex an. Der Anblick schien ihn versteinert zu haben, so, als könnte er sein Glück kaum fassen. Ihm gefiel es hier, das konnte ich erkennen. Und obwohl ich wusste, dass dies für mich bedeuten würde, zu Hause auf seine Gesellschaft verzichten zu müssen, konnte ich sein Glück nachempfinden.
»Setzen Sie sich doch«, sagte Michael und zeigte auf die Stühle. »Ich hole inzwischen den Schlüssel.« Alex setzte sich auf den robuster wirkenden Stuhl und sah sich um. Ich tat es ihm gleich, ließ meine Blicke zum Meer und dann über das Cottage hinaus zu einer kleinen Baumgruppe schweifen. Als ich wieder zurücksah, bemerkte ich, dass Alex lächelte und zustimmend nickte.
»Ist es nicht großartig?«, sagte ich und freute mich ganz einfach für ihn.
»Ganz wunderbar«, antwortete er, als er endlich seine Sprache wiedergefunden hatte.
Michael suchte weiter nach dem Schlüssel, hob ein paar alte Eimer auf der Veranda hoch und griff in die Dachsparren.
»Was ist los?«, fragte ich ihn.
»Der Schlüssel«, antwortete er. »Normalerweise liegt er immer irgendwo hier herum. Ich nehme doch an, dass Mr Stewart gerne einen Blick hineinwerfen würde.«
Ich drückte gegen die Tür, und sie gab nach. Michael zuckte die Achseln.
»Der Letzte, der hier gewesen ist, muss wohl vergessen haben, abzuschließen. Macht nichts. Hier kommt nie jemand herauf, außerdem befindet sich drinnen nichts von Wert.«
Wir traten ein und standen gleich im größten Raum des Hauses. Das Cottage war zwar nicht unbedingt das kleine Juwel, das ich mir vorgestellt hatte, trotzdem verliebte ich mich auf Anhieb. Links im Raum war ein Steinkamin, auf dessen Sims Kerzenstummel in leeren Weinflaschen standen, deren geschmolzenes Wachs kleine, bienenkorbförmige Figuren am Fuß bildete. Vor dem Kamin stand eine alte Couch, aber nicht mit Chintz überzogen, wie ich sie mir vorgestellt hatte, dafür ziemlich gemütlich, rechts daneben zwei breite Sessel, in die man sich gerne sehnsüchtig fallen ließe. Ein weiterer Sessel stand neben einem der beiden Fenster, die auf das Meer hinausgingen, und war so gestellt, dass man eine gute Aussicht hatte. Und was für eine Aussicht! Man blickte über das Heidekraut zu den Felsen und sah dann, so weit das Auge reichte, nur noch Wasser. Ich sah auf das Meer hinaus. Es war eine Tageszeit, bei der das Licht ganz besonders ist. Obwohl die Sonne schien, wirkten Himmel und Wasser beinahe schwarz, und die kreisenden Möwen hoben sich wie weiße Pfeile vor der nahenden Dunkelheit ab. Plötzlich legte der Wind sich und mit ihm das Kreischen der Möwen.
Die Welt wurde still, es war eine Art düsterer Stille, die wie atemlos wirkte, als warte sie auf etwas Schreckliches, das noch zu geschehen hatte.
Ich...




