E-Book, Deutsch, 544 Seiten
Hamann Kronprinz Rudolf
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-903441-24-8
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Leben
E-Book, Deutsch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-903441-24-8
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Brigitte Hamann (1940-2016), Dr., in Essen geboren, studierte Germanistik und Geschichte in Münster und Wien und wurde 1965 durch Heirat Österreicherin. 1978 dissertierte sie über das Leben von Kronprinz Rudolf. Spezialisiert auf die österreichische Geschichte bis 1914, legte sie zahlreiche Publikationen, insbesondere zur Geschichte der Habsburger, vor, darunter: »Kronprinz Rudolf. Ein Leben«, »Elisabeth. Kaiserin wider Willen«, »?Meine liebe, gute Freundin!? Die Briefe Kaiser Franz Josephs an Katharina Schratt«, »Elisabeth. Bilder einer Kaiserin«.
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KINDHEIT AM WIENER KAISERHOF
Die Zeiten waren so schlecht, daß der 28jährige Kaiser Franz Joseph kurz vor der dritten Niederkunft seiner Frau in den amtlichen Zeitungen den Willen kundtat, »daß auch bei diesem freudenreichen Anlasse jede kostspielige Festlichkeit unterbleiben, wohl aber auf die Armen und Nothleidenden Rücksicht genommen werden möge«.1 Die Revolution von 1848/49 hatte das Land erschöpft. Die Militärausgaben für das gewaltsame Niederhalten großer unruhiger Provinzen wie Oberitalien und Ungarn erforderten riesige Summen. Ein zu kostspieliges Fest und vor allem höfischer Prunk hätten bei den vielfach belasteten Untertanen nur zu leicht der Funke zu neuen Unruhen werden können.
So aber wurde die Geburt des Kronprinzen Rudolf am 21. August 1858 in Laxenburg bei Wien zum »wahren Feste der Humanität«, wie der »Pester Lloyd« befriedigt konstatierte. Wie der Kaiser es wünschte, gaben die Reichen den Armen wenigstens aus diesem patriotischen Anlaß Almosen. Großgrundbesitzer und Bankiers spendeten für hilfsbedürftige Wöchnerinnen, Findelkinder, Sieche und arme Offizierswitwen. Bäcker verschenkten Brot, einige Gemeinden gaben Brennholz gratis ab. Soldaten erhielten da und dort eine Extraration Fleisch oder Wein. Der Kaiser stiftete in Wien ein neues Krankenhaus, das »Rudolfsspital«, für »mindestens Ein Tausend Kranke ohne Unterschied der Angehörigkeit und Religion«. Die Gemeinde Wien erhielt außerdem noch 20 000 Gulden »vorzugsweise auf die Unterstützung der bedrängten Gewerbs- und arbeitenden Klassen, dann der verschämten Armen«.
Auch die Provinzen nahmen an der Freude des Kaisers teil. Zehn Studienplätze an der Theresianischen Akademie wurden für Jünglinge aus Kroatien und Slawonien, der serbischen Woiwodschaft, dem Temeser Banat und Siebenbürgen gestiftet. Zehn hinterlassene Töchter verdienter Beamter und Militärs aus denselben Ländern erhielten Versorgungsstipendien. Erzherzog Albrecht, der älteste Agnat der Habsburger und Generalgouverneur des 1849 mit Hilfe der russischen Armee besiegten Ungarn, spendete für die Armen von Ofen-Pest. Erzherzog Ferdinand Maximilian, der jüngere Bruder des Kaisers und Generalgouverneur im nur mit größter Mühe und Militärgewalt stillgehaltenen Oberitalien, spendete für die Armen Mailands und Venedigs.
Der Habsburgerhof konnte befriedigt die Festtagsfreude einer Bevölkerung registrieren, die in den letzten dreißig Jahren kaum Patriotismus gezeigt hatte. Ob diese patriotischen Freudenbeweise, von denen die streng zensurierten Zeitungen der Monarchie viel Aufhebens machten, wirklich Aussagewert für die Beliebtheit des jungen Kaiserpaares und des Hofes hatten, bleibe jedoch dahingestellt.
Jedenfalls erfreuten sich vor allem die seit jeher schaulustigen Wiener an den traditionellen Bräuchen, die einer Kronprinzengeburt folgten: Zwanzig Kanonen teilten von den Wällen der alten Stadtmauer das frohe Ereignis mit 101 Böllerschüssen mit. In den großen Städten der Monarchie – Wien, Ofen-Pest, Prag, Mailand, Venedig, Triest, Lemberg, Krakau – waren zumindest die Kasernen, Schulen und Amtsgebäude beleuchtet und beflaggt. Alle in der Monarchie vertretenen Religionen und Konfessionen – römische und griechische Katholiken, griechische und russische Orthodoxe, Lutheraner, Calvinisten, Juden, Mohammedaner – feierten Festgottesdienste. Die Theater gaben Festvorstellungen, deren Ertrag den Armen gespendet wurde. Unter den Spendern war auch »Herr Johann Nestroy, Direktor und Pächter des k. k. privaten Theaters in der Leopoldstadt«. Die Strauß-Dynastie wahrte die Familientradition, große Ereignisse zum Anlaß für Kompositionen zu nehmen, mit dem »Österreichischen Kronprinzen-Marsch« und der »Laxenburger Polka« von Josef Strauß.
Der so vielfach gefeierte und angedichtete Säugling bekam von seinem Vater den Orden des Goldenen Vlieses in die Mahagoni-Wiege gelegt. Seine Titel waren: »Rudolph Franz Carl Joseph, des Kaiserthumes Österreich Kronprinz und Thronfolger, königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, der Lombardei und Venedigs, von Dalmatien, Croatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien. Erzherzog von Österreich. Ritter des Goldenen Vlieses.«
Die prunkvolle Taufe in Laxenburg war gleichzeitig eine politische Demonstration gegen die freiheitlichen Ideen des Jahres 1848. Kardinal Rauscher bekräftigte in seiner Ansprache die enge Verbindung zwischen Staat und Kirche: »Österreich ist als ein Hort der Kirche und der Gesittung, als ein Hüter des Friedens und der Gerechtigkeit zwischen den Osten und Westen gestellt … Diesem Berufe getreu vertreten Ew. Majestät die Grundsätze, von deren Siege das Heil der Gesellschaft abhängt, in einer Gährung der Geisterwelt, welche den Lebensbedingungen des Staates gilt, und nicht blos dann, wenn sie auf der Gasse tobt, gefährlich ist.«
Die mit Hilfe von Polizeispitzeln (»Naderern«) überwachte Opposition der Verfassungstreuen konnte nur versteckt äußern, welche Hoffnungen sie auf den Kronprinzen setzte. So teilte zum Beispiel ein Herr Jos. A. M. der »Wiener Zeitung« ein lateinisches Gedicht mit, dessen Übersetzung im Kleindruck zu lesen war: »Sei vielmal gegrüßt, kaiserlicher Prinz! Österreichs aufgehendes Morgenroth!«
Dieser Satz beleuchtet den Unterton des so plötzlich aufgeflammten Patriotismus der Völker der Donaumonarchie. Ein Kronprinz war geboren, und an diesen schwachen Knaben knüpften sich von nun an die Hoffnungen der unzufriedenen, aber loyalen Bürger der Monarchie. Selbst die Ungarn schlossen sich von diesen Gefühlen nicht aus. Sie machten aus dem Namen Rudolf ein Anagramm: fordul – es ändert sich.2
Der Journalist Moriz Szeps faßte diese Gefühle später in einem Brief an Rudolf zusammen: »Als wäre es heute, so steht der 21. August des Jahres 1858 mit allem seinem festlichen Gepränge in den Straßen, den Musikbanden, welche durch dieselben zogen und den jubilirenden Volksmassen vor den Augen. Die Leute in den politisirenden Caffee- und Wirtshäusern munkelten allerlei von einer großen Amnestie aus Anlaß der Geburt des Thronfolgers und wenn es ganz sicher schien, das heißt, wenn kein ›Naderer‹ zu fürchten war, so fielen wohl auch die Worte ›Constitution‹, ›Aufklärung‹, ›Freiheit‹, ›Gleichberechtigung‹. ›Das kommt mit dem Kronprinzen‹, flüsterte man sich zu und stieß die Gläser aneinander, ›denn jetzt heißt es die Zukunft des kleinen Prinzen sicher stellen und das geht heutzutage ohne Constitution, Aufklärung und Freiheit nicht mehr.«3
Wesentlich nüchterner schrieb später die »Deutsche Zeitung«: »Das Volk liebt die Kronprinzen, weil es Hoffnungen auf sie setzt, die sich leider nur selten verwirklichen. Ein Volk im Ganzen hat immer etwas Kindliches, daher ist dieses Vertrauen in die Zukunft, gleich der Zuversicht des Lotteriespielers, einmal den großen Treffer zu machen, wohl erklärlich.«4
Das Jahr 1848 war unvergessen, als der Kaiser mit Kartätschen sein rebellisches Volk bezwungen und die verfassunggebende Versammlung in Kremsier mit Waffengewalt aufgelöst hatte, von den Bluturteilen gegen die ungarischen Rebellenführer ganz zu schweigen. Selbst die auf gezwungene Verfassung hatte Franz Joseph 1852 wieder aufgehoben und alle Versprechungen, dem Volkswillen entgegenzukommen, nicht gehalten. Der junge Kaiser war absoluter Herrscher, von keiner Volksgewalt kontrolliert. Er war oberster Kriegsherr, und die Armee war die Stütze seines Thrones. Diesem Heer verdankte es Franz Joseph, daß sein Reich (wenigstens gebietsmäßig) ungeschmälert die Revolution überstanden hatte. Er zeigte seine Dankbarkeit, indem er sich völlig mit dieser Armee identifizierte, stets in Uniform auftrat, was die Bevölkerung von den früheren Kaisern nicht gewöhnt war und als Soldatenspielerei verspottete.
Wie ernst dem jungen Kaiser die Liebe zu seiner »braven Armee« war, mag man aus dem Armeebefehl ersehen, den er gleich nach der Geburt seines Sohnes erließ: »Ich will, daß der durch...




