E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Hamann Diebe, Dirnen, Dienstboten
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-903441-42-2
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichten von Menschen am Rande
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-903441-42-2
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Georg Hamann, Mag., geboren in Wien, ist als freischaffender Autor und Historiker seit 20 Jahren auf die Wiener Stadtgeschichte spezialisiert sowie seit Langem in der Erwachsenenbildung tätig.
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2 Die »Hübschlerinnen« von Wien – Prostitution im Spätmittelalter zwischen Toleranz und Ausgrenzung
Endlich war der große Tag gekommen: Der Kaiser kehrte von seiner Krönung zurück. Schon seit Wochen hatte man in Wien von kaum etwas anderem mehr gesprochen, und es war während dieser Zeit sehr geschäftig zugegangen. Der Unrat wurde von den Straßen geschafft, jeder Platz gekehrt und jedes Haus festlich geschmückt. Die Stadt wurde herausgeputzt, so wie man es schon seit Jahren nicht gesehen hatte. Nahe der Burg errichtete man Brunnen, aus denen in Kürze weißer und roter Wein sprudeln sollte, anderswo baute man hölzerne Podeste zur Bewirtung von Festgesellschaften, und auf langen Tafeln richtete man Unmengen an gebratenem und gekochtem Fleisch für das Gefolge der hohen Herrschaften her.
Auch in den Frauenhäusern, den Bordellen der Stadt, ging es in jenen Tagen hoch her. Boten der Stadtregierung hatten den hier arbeitenden Frauen schon vor Längerem große Pakete mit feinstem Samt gebracht, damit sie sich neue Kleider nähen konnten. Der Magistrat legte schließlich Wert darauf, dass auch die Dirnen stilvoll und einheitlich ausstaffiert waren, wenn sie dem Kaiser unter die Augen kamen. Zum großen Empfang am Stadttor und den folgenden Feierlichkeiten waren sie selbstverständlich eingeladen. Als sich der Zug des Kaisers näherte, läuteten alle Kirchenglocken und die Trompeter stießen Fanfaren aus. Die Würdenträger der Stadt und die Abordnungen der Zünfte zogen mit ihren Fahnen den Ankommenden entgegen, ebenso wie Priester mit den wichtigsten Reliquien aus Wiens Kirchen.
Den festlich zurechtgemachten Dirnen war klar: Bald würde es viel für sie zu tun geben. Am Abend waren sie zu den Veranstaltungen in den noblen Patrizierhäusern bestellt, wo sie in Anwesenheit des Bürgermeisters und des Stadtrats Tänze aufzuführen hatten. Die Türen der Bordelle standen jedermann offen, das verlangten die Behörden so. Geld durften die Hübschlerinnen für ihre Arbeit nicht verlangen – abgerechnet wurde später mit dem Magistrat. »Was jeder haben wolt, das gab man Im«, hieß es an solchen Tagen, und »derfft khaine khain Pfening nicht nehmen …, zallets alles von Hof«. Alle wussten, dass mit fortschreitender Stunde die Stimmung immer lauter und aufgekratzter sein würde. In einer solcherart aufgeheizten Atmosphäre ließen sich die ehrbaren Frauen der Stadt besser nicht mehr unbegleitet auf den Straßen blicken.
In einer dicht besiedelten Stadt wie Wien konnte es schon einmal vorkommen, dass man sich über lästige Nachbarn ärgern musste. In der Seilerstätte zum Beispiel regte man sich über das laute Geschnatter auf, das vom dortigen Hühnermarkt durch die Fenster drang, und die Benediktinerpater des Schottenklosters beschwerten sich darüber, dass die Körbe der Marktfahrer den Weg in ihre Kirche blockierten. Ein Hausbesitzer in der Bäckerstraße zeigte seinen Nachbarn an, aus dessen Senkgrube es unerträglich stank, und besonderen Ärger hatten die Minoriten. In unmittelbarer Nähe ihres Klosters, gleich neben ihrer Backstube, lag nämlich ein Freudenhaus, in dem die »Lupae«, die »Wölfinnen« der Nacht, ihre Dienste anboten. Abend für Abend herrschte dort lautstarkes Treiben, worüber die gottesfürchtigen Mönche wiederholt Klage führten.
Damals, in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, war Herzog Albrecht II. (»der Lahme«) österreichischer Landesherr und somit oberste Instanz in solchen Streitfällen. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, den Forderungen der Minoriten nachzukommen und das Bordell einfach schließen zu lassen. Dass er es dennoch nicht tat, lag daran, dass das Haus – das legen die erhaltenen Quellen zumindest nahe – ihm selbst gehörte.
Auf solche unerwarteten Volten stößt man im Mittelalter häufig, und immer wieder scheint die Logik einen Haken zu schlagen, denn: Sollte ein frommer Landesherr nicht eher über Ordnung und sittliches Benehmen seiner Untertanen wachen, als selbst Geld mit dem »sündigen« Treiben zu verdienen? Wie ist zu erklären, dass sogar mancher Bischof des Mittelalters keine großen Skrupel zeigte, Steuern einzunehmen, die aus der Arbeit Prostituierter stammten? Ohne Frage war das viele Geld, das sich mit einem Bordell machen ließ, immer schon ein sehr kräftiger Anreiz gewesen, ein Auge zuzudrücken. Doch es gab noch andere Gründe, aus denen sich die enge Verbindung zwischen Prostitution und Obrigkeiten erklären lässt.
Im 12. Jahrhundert wurden wichtige Weichen innerhalb der römischen Kirche gestellt. Nicht nur einigte man sich damals auf den Zölibat für Priester, sondern auch auf die Festlegung der Sakramente (dogmatisch verankert wurde beides Mitte des 16. Jahrhunderts auf dem Konzil von Trient). Zu den heiligen Sakramenten zählte man jetzt auch die Ehe, sodass sie ab nun Angelegenheit der Kirche war. Diese erhielt dadurch das Recht, in die Partnerschaften der Menschen »hineinzuregieren«, was zwangsläufig Auswirkungen auf deren Sexualität hatte. Die Männer der Kirche waren durch große Körperfeindlichkeit geprägt, speziell was weibliche Körperlichkeit betraf: »Omnia mala ex mulieribus« (»Alles Böse kommt aus den Frauen«), schrieb der Theologe Vincenz von Beauvais, und auch durch Tausende andere Äußerungen ließe sich diese tief sitzende Angst vor der »dämonischen« weiblichen Sexualität belegen. Das eigentliche Idealziel der Kirche waren somit fromme Keuschheit und Enthaltsamkeit. Allein der Gedanke an Geschlechtsverkehr erregte bei vielen Klerikern Abscheu.
Dennoch mussten sie ihn als notwendiges Übel akzeptieren, denn gegen die gottgefällige Zeugung von Nachkommenschaft ließen sich nur schwerlich Argumente finden. Die »fleischliche Verbindung« sollte jedoch kirchlichen Regeln unterstellt sein, weshalb sie etwa an hohen christlichen Feiertagen verboten war. Die Kirche forderte gleichzeitig, dass niemand nur aus Verliebtheit oder gar aufgrund körperlicher Attraktion heiraten solle. Stünde nämlich das Verlangen nach »Fleischeslust« im Vordergrund, wäre das ein Frevel am heiligen Sakrament der Ehe. Dass in diesem Zusammenhang ausschließlich von den sexuellen Bedürfnissen des Mannes die Rede ist, muss nicht eigens betont werden. Frauen (ausgenommen Witwen) mussten bei der Heirat nicht bloß jungfräulich sein, sie hatten sich darüber hinaus ihrem Partner in allen Belangen passiv, duldsam und gehorsam zur Verfügung zu stellen. Als »anständige« Ehefrau und Mutter waren sie dafür – zumindest in der Theorie – vor den Nachstellungen anderer Männer geschützt.
War die Ehe somit die einzig legitime Möglichkeit, Sexualität auszuleben, stellt sich freilich die Frage, wie es um die Unverheirateten stand. Die Zahl der zölibatär lebenden Männer war im Mittelalter nämlich besonders groß, denn wer Frau und Kinder hatte, musste diese schließlich auch ernähren können. Gerade einmal ein Drittel der Bevölkerung war verheiratet und das durchschnittliche Heiratsalter hoch. Neben den Studenten waren es vor allem die vielen Handwerksgesellen, die sich eine Familiengründung schlichtweg nicht leisten konnten. Sie standen unter dem strengen Regime ihrer Meister und waren angewiesen, ein frommes und gottesfürchtiges Betragen an den Tag zu legen. Bedeutete das aber tatsächlich den völligen Verzicht auf Sexualität?
Jeder Geschlechtsverkehr, der außerhalb der kirchlich abgesegneten Ehe stattfand, galt als Unzucht. Dieses Wort bezeichnete nicht bloß eine moralische Schwäche, sondern fungierte als theologischer Kampfbegriff, wurde sie doch als Sünde und als bewusste Abkehr von göttlichen Geboten betrachtet. Das griechische Wort für Unzucht lautete »porneia«, womit nun der Bogen zur Prostitution gespannt wäre, denn eine käufliche Dirne wurde »porne« genannt.
Wäre es nicht naheliegend gewesen, deren Tätigkeit gänzlich zu verbieten? Sie zu verfolgen, wo immer sie auftauchten, und alles daranzusetzen, Prostitution mit Stumpf und Stiel auszurotten? Wider Erwarten zeigten sich sowohl die weltlichen als auch die kirchlichen Autoritäten des Mittelalters recht milde in diesen Fragen, oder besser gesagt: sehr pragmatisch.
Der Mensch galt – infolge der Erbsünde – als schwach und anfällig für das Laster. Er war hin- und hergerissen zwischen Gott und dem Teufel, dessen Verlockungen widerstanden werden musste. Zumindest den Männern sah man jedoch manche Schwächen nach. War es nicht besser, deren sexuelle Triebhaftigkeit notgedrungen zu akzeptieren, als mit aller Gewalt dagegen vorzugehen? Sollte man der männlichen Sexualität – so verwerflich...




