E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Hallervorden Meine erstaunlichen Alltagsabenteuer
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7116-0710-2
Verlag: novum Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-7116-0710-2
Verlag: novum Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Skurrile Begebenheiten auf der Theaterbühne. Eine charmante Begegnung, aus der eine Frühstücksfreundschaft erwächst. Ein Campingausflug der etwas militärischen Art. Und zahlreiche schöne Erinnerungen voller Herz und Humor. Dieter Hallervorden nimmt sein Publikum mit auf eine urkomische Entdeckungsreise durch seinen Alltag. Mit unnachahmlichem Humor und charmanter Schlagfertigkeit erzählt er von den großen und kleinen Abenteuern, die ihm im Laufe seines Lebens begegneten - skurriler und amüsanter, als man es sich vorstellen kann. Stets findet er das Komische im Alltäglichen und garantiert zahlreiche Schmunzler. Von kuriosen Bekanntschaften bis hin zu amüsanten Missverständnissen - weil immer noch das Leben selbst die witzigsten Geschichten schreibt!
Autoren/Hrsg.
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PROLOG Glückspilz? Ich war stets mehr vom Glück als vom Pech verfolgt. Am 5. September 1935 hatte ich allerdings gleich die erste Auseinandersetzung mit meiner Mutter. Ohne jegliche Vorwarnung setzte sie mich einfach an die frische Luft! Meine äußere Erscheinung war auch nicht gerade ein Hingucker: kreisrunde Omme mit kahlem Fliegenlandeplatz. Ich sah aus wie eine rosa gebleichte Bowlingkugel. Mein alter Herr – so hieß das damals, wenn man von seinem abwesenden Vater sprach – und seine bessere Hälfte – wie man die Ehegattin nannte – überschütteten mich jahrelang mit einer Flut an Liebe und Fürsorge. Man hätte es wahrscheinlich schlechter treffen können. Also: Schwein gehabt! April 1945 – das Kriegsende nahte! Als 9-jähriger Pimpf – nach jahrelang erfolgreicher Gehirnwäsche durch die Hitlerjugend und Lehrerschaft – begrüßte ich die nach Quedlinburg einrückenden Panzer der Amerikaner so, wie man es mir beigebracht hatte. Ich streifte mir einen im Keller gefundenen Armeemantel mit Hakenkreuzbinde über, der mir bis zu den Knöcheln reichte. So ausstaffiert stellte ich mich vor unserer Unterkunft auf die Straße, riss den rechten Arm zum Hitlergruß empor und schrie den amerikanischen Soldaten auf ihren Panzern zu: »Sieg Heil!« Ein gespenstisch verkleideter Dreikäsehoch zeigte einer Weltmacht mal kurz, was ’ne Harke ist … Man hätte sich nicht wundern müssen, wenn ein GI, der womöglich vor Kurzem durch Heckenschützen seinen besten Kameraden verloren hatte, entnervt die Kontrolle verloren und mein Lebenslicht zum Erlöschen gebracht hätte. Es war mein Vater, der mich von der Straße holte und in Sicherheit brachte. Überlebt! Also: Schwein gehabt! Juni 1949 – nachdem ich mich acht Jahre mit Lehrern beiderlei Geschlechts rumgeärgert hatte, bestand ich die Abschlussprüfung tatsächlich als Bester des Landkreises. Dabei halfen mir Geschicklichkeit, Adlerauge sowie professionelle Täuschungsmanöver – umgangssprachlich auch Abschreiben genannt. Den Weg zur Oberschule, die zum Abitur führte, verbarrikadierte mir jedoch die Schulbehörde, weil meine Eltern vor Jahren den falschen Beruf ergriffen hatten. Arbeiter- und Bauernkinder wurden nämlich bevorzugt. Von der Kommunalverwaltung erhielten meine Eltern die ultimative Aufforderung, mich bei einem volkseigenen Betrieb in die Lehre zu geben. Mein Vater erbrachte mal wieder den Nachweis seines Rückgrats, verweigerte die Zustimmung, rannte von einer Behörde zur nächsten und setzte sich durch: Ich durfte noch mal vier Jahre die Lehrer ärgern! Kaum vorzustellen, wenn ich mit meinen ungeschickten Händen tatsächlich Handwerker geworden wäre! Die Kunden hätten garantiert wenig zu lachen gehabt. Was ich als Maurer angerichtet hätte, wäre bestimmt einzuordnen unter dem Titel »Einstürzende Neubauten«. Also: Schwein gehabt! März 1953 – ein gewisser Josef Wissarionowitsch Stalin hatte ins Gras gebissen, um sich die Radieschen mal von unten anzusehen. Auf dem Portal des Anhaltischen Theaters in Dessau war ein Sarg positioniert. Bedeckt mit dem Banner der ruhmreichen Sowjetunion. Alle Schüler mussten am leeren Sarg vorbeidefilieren und als Zeichen der Ehrerbietung ihre Mützen ziehen. Ich verweigerte mich. Der Klassenlehrer Löffler bedeutete mir: Entblößter Kopf beim Passieren des Sarges gleich Abitur. Bedeckter Kopf beim Passieren des Sarges gleich mangelhaftes Klassenbewusstsein gleich Abitur adé! Der 17-jährige Dickschädel behielt die dämliche Mütze auf seiner Birne und konnte im Nachhinein einem Mitschüler dankbar dafür sein, dass der ihm die Kappe vom Kopf geschlagen hatte … Eine vor einem leeren Sarg durch die Luft segelnde Mütze verschaffte mir die Voraussetzung fürs Studium. Also: Schwein gehabt! Frühling 1956 – nach zwei Jahren meines Studiums der Romanistik wurde ich beim Besuch von Mitgliedern der Kommunistischen Partei Frankreichs als Dolmetscher eingesetzt. Da der begleitende Wachhund in Form eines SED-Bonzen des Französischen so wenig mächtig war wie eine afrikanische Antilope des Chinesischen, nutzte ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Chance, meine systemkritischen Anmerkungen einzuflechten. Übersah aber leider dabei, dass bei einer internationalen Tagung in den Blumenarrangements, die die Tische schmückten, Mikrofone versteckt waren, die für den Mitschnitt des Symposions sorgten. Ein mir wohlgesonnener Techniker machte mich verstohlen darauf aufmerksam, ich täuschte bei den Genossen gekonnt Unwohlsein vor, verschwand von der Tagung und entfleuchte in sprichwörtlicher Windeseile nach Westberlin. Meine Zimmerwirtin aus Friedrichshain schrieb mir wenig später, dass kurz nach meinem Auszug zwei Herren aufgetaucht waren, die mich zu einem Spaziergang abholen wollten und leicht verärgert schienen, mich nicht anzutreffen. Der Stasi gerade mal noch eben von der Schippe gesprungen. Also: Schwein gehabt! Sommer 1960 – als ich mich entschloss, meine Doktorarbeit über Charles Maurras und die Action française nicht zu Papier zu bringen, sondern lieber mein Kabarett »Die Wühlmäuse« zu gründen, war das eine sehr schwere Entscheidung. Denn an den Scheidewegen des Lebens stehen ja bekanntlich keine Wegweiser. Aus heutiger Sicht: Wenn ich mich weiter delektiert hätte an der Tatsache, dass das lateinische a in offener Silbe im Französischen zu e diphthongiert, wäre ich eingegangen wie eine Primel. So aber strahlte ich wie eine Ballerina-Rose! Gesund, blühfreudig, robust und widerstandsfähig! Tja: Schwein gehabt! Herbst 1974 – nach etwa vierzehn Jahren politischem Kabarett war mir nach Fremdgehen zumute. Weg von der Satire, hin zu Nonsens! Weg vom Scharfsinn, hin zum Blödsinn. Aus meinen Sketchen entstand die Fernsehserie »Nonstop Nonsens« – und machte mich schlagartig bekannt wie einen bunten Hund. Dazu noch zu einem bunten Hund, der vom Publikum bundesweit geliebt wurde. Da hätte der bunte Hund als Satiriker aber lange drauf warten können. Also: Schwein gehabt! Sommer 1999 – es näherte sich der Sprung ins nächste Jahrtausend. Die Wühlmäuse hatten damals erst vierzig Jahre auf dem Buckel, als ich mich entschloss, das Portemonnaie noch mal zu öffnen und das Domizil zu wechseln. Raus aus der Nürnberger Straße und rein an den Theodor-Heuss-Platz. Leicht übertrieben ausgedrückt: Tausche Currywurstbude gegen Hotel Adlon! Mehr Plätze, ansteigende Bestuhlung, bessere Sicht, größeres Foyer, Drehbühne, modernere Technik! Viele Kollegen erhoben warnend den Zeigefinger, manche tendierten fingermäßig auch mehr zur Schläfe. »Biste jetzt total übergeschnappt? Vom Zentrum nahe Tauentzien an die Stadtgrenze? Wer soll denn da hinkommen?« Die »Wühlmäuse« gaben die eindeutige Antwort: Wir existieren in unserer schnelllebigen Zeit nun schon mehr als 64 Jahre. Ohne jede Subvention! Und spielen zumeist vor ausverkauftem Haus! Trotz aller Unkenrufe der Schlauberger war ich dann wohl letztendlich doch der optimistische Besserwisser … Tja: Schwein gehabt! Sommer 2009 – öfter mal was Neues! Ich übernahm – nein, nicht mich – sondern das traditionsreiche Berliner
Schlosspark Theater. Ich sanierte es nach dem Motto: »Hier soll mein Geld begraben werden!« Ein 74-jähriger Prinz küsste das Theater aus dem Dornröschenschlaf. Leidenschaftlich! Mittlerweile darf ich das Zepter schon in der 16. Spielzeit schwingen – womöglich auch, weil der Spielplan bisher nicht so schlecht gewesen sein mag. Ich weiß: Erfolg ist die Belohnung für schwere Arbeit. Aber ich gehöre nicht zu dieser Art Künstlern, denen der Erfolg zu Kopfe steigt. Denn das funktioniert immer nur dann, wenn der dazu benötigte Hohlraum vorhanden ist … Zum Erfolg gibt es keinen Fahrstuhl; man muss die Treppe benutzen … Stufe für Stufe! Das beherzige ich seit Jahren – und mein geliebtes Schlosspark Theater blüht und gedeiht! Also: Schwein gehabt! Februar 2015 – wer hätte das gedacht? In doch recht fortgeschrittenem Alter treffe ich ein Wesen, das mich in seinen Bann zieht. Als eigentlich schüchterner Mensch lehne ich mich ziemlich weit aus dem Fenster und spreche sie an. Stotternd natürlich! Das scheint sie zu amüsieren. Wir kommen ins Gespräch. Sie weiß schon, wer sie da vollquatscht, hat aber noch keines meiner Werke gesehen. Weder im Fernsehen noch im Kino. Aber sie nimmt die Einladung zum Besuch meines Soloprogramms im Theater an. Damit beim nächsten Treffen kein Mangel an Gesprächsstoff aufkommt, schaut sich meine Flamme im Kino den Film...