E-Book, Deutsch, Band 2, 350 Seiten
Reihe: Die Society-Reihe
Hall Society - Die Karte des Schicksals
Deutsche Erstausgabe
ISBN: 978-3-641-17880-2
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 350 Seiten
Reihe: Die Society-Reihe
ISBN: 978-3-641-17880-2
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwei Wochen. Länger hat es nicht gedauert, Averys Leben für immer zu verändern. Seitdem weiß sie, dass sie die Nachfahrin einer mächtigen Geheimgesellschaft ist und ihre Mutter von dieser entführt wurde. Sie hat sich in genau den verliebt, den sie nicht haben darf, und einen anderen kennengelernt, der ihr Schicksal sein soll. Und nun muss Avery herausfinden, wie sie ihre Mutter, sich selbst und mal eben den Rest der Welt rettet. Nachdem sie entschieden hat, wer ihre wahre Liebe ist: Stellan oder Jack?
Maggie Hall widmet sich ihrem Faible für ferne Länder und außergewöhnliche Abenteuer, sooft sie kann. Sie hat schon mit Tigerbabys in Thailand gespielt, in Italien gelernt, Pasta zu machen, und ist im Zug durch Indien gereist. Wenn sie nicht gerade quer durch die Welt unterwegs ist, lebt sie mit ihrem Mann und ihren Katzen in Albuquerque, schaut Football, zeichnet und schreibt in ihrem Blog über Jugendbücher.
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KAPITEL 1
TOURISTEN STRÖMTEN DIE steile Treppe zur Basilika Sacré-Cœur hinauf, deren Umrisse an eine Hochzeitstorte erinnerten. Ich presste mich gegen das Geländer, um ihnen aus dem Weg zu gehen. »Bist du sicher, dass wir ihn hier treffen sollen?«
»Auf dem ersten Treppenabsatz westlich des Karussells«, antwortete Jack. »Das ist hier.«
Fröhliche Akkordeonmusik ertönte ganz in der Nähe und ich kam mir vor wie in einem alten Charlie-Chaplin-Film.
»Er kommt zu spät«, sagte ich.
»Du kannst von Kriminellen keine geregelten Arbeitszeiten erwarten.« Jack setzte sich auf die niedrige Mauer, die den Treppenabsatz säumte. Ich ging ungeduldig vor ihm auf und ab und suchte die Gesichter nach jenem korpulenten Mann ab, dem wir vor einer Woche unsere Fotos gegeben hatten, konnte ihn in der üblichen Menschenmenge am Sonntagnachmittag jedoch nirgends entdecken.
Das Akkordeon auf der einige Meter entfernten Terrasse verstummte und zaghafter Applaus ertönte. Hier konnte man zu praktisch jeder Tageszeit Straßenkünstler bestaunen, die mit den unterschiedlichsten Instrumenten musizierten, völlig übertriebene Pantomimen-Shows zum Besten gaben oder Porträts von Touristen zeichneten. Das Viertel hatte sich zu einem Hafen für Schriftsteller und Künstler entwickelt, seit sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ersten Einwanderer hier angesiedelt hatten. Der Montmartre hatte schon Hemingway, Picasso und F. Scott Fitzgerald ein Zuhause geboten.
So wie jetzt auch uns.
Es war inzwischen zwei Wochen her, seit Jack und ich von der Hochzeit geflohen waren, bei der ich Luc Dauphin hätte heiraten sollen, woraufhin der Orden meine Mutter entführt und meinen Freund und Jacks Mentor, Mr Emerson, getötet hatte. Insgesamt also ein eher nicht so toller Tag.
Vor zwei Wochen endete auch unsere Jagd durch halb Europa, nach der uns nur das Armband geblieben war, das ich nun Tag und Nacht am Handgelenk trug, selbst wenn ich schlief. Ich hob den Arm und es erglänzte schwach in der Nachmittagssonne. Das breite Band aus mattem Gold hatte einst Napoleon Bonaparte gehört und war Teil einer Reihe von Hinweisen, die er hinterlassen hatte und die zum Grab von Alexander dem Großen führten.
Das Grab bzw. die Waffe gegen den Orden, die sich angeblich darin befand, war unser einziges Druckmittel, mit dem wir die Freilassung meiner Mom erreichen könnten. Der Orden würde alles dafür tun, damit diese Waffe nicht dem Kreis in die Hände fiel. Ein Teil der Inschrift auf dem Armband – Mein Zwilling und ich – deutete darauf hin, dass es noch ein weiteres identisches Schmuckstück gab. Um das Grab zu finden, mussten wir also erst noch das andere Armband finden.
Wir verkrochen uns nun schon seit zwei qualvollen Wochen in einer winzigen Wohnung am Montmartre und verbrachten unsere Tage damit, verschiedene Museen in ganz Paris und das Internet nach dem Zwilling des Armbands zu durchforsten.
Zwei Wochen, in denen mein Herz jedes Mal zu rasen begann, wenn das Telefon klingelte, weil ich Angst hatte, dass der Orden anrief und uns mitteilte, dass sie meine Mutter getötet hatten, weil wir nicht schnell genug gewesen waren. Ich hoffte jedoch, dass sie nichts dergleichen tun würden, solange wir noch aktiv suchten – warum sollten sie schließlich grundlos ihr eigenes Pfand aufgeben? Jack fürchtete hingegen, dass sie es vielleicht einfach aus einer Laune heraus tun und anschließend auch mich töten oder entführen würden. Für den Orden wäre dies nicht unbedingt die schlechtere Option, denn dann könnte niemand mehr Alexanders Grab finden.
Zumindest arbeitete der Orden bereits daran, dass der Kreis es nicht fand. Anfangs hatten ihre Attentate noch willkürlich gewirkt: ein saudi-arabisches Mitglied des Kreises. Liam Blackstone, ein amerikanischer Schauspieler. Dann ein Angriff auf die Familie Dauphin, bei dem einer der ungeborenen Zwillinge von Madame Dauphin gestorben war. In Wahrheit waren sie jedoch niemals willkürlich gewesen. Das Zwillingsmädchen wäre das erste Mädchen des Kreises mit violetten Augen gewesen – abgesehen von mir. Die restlichen Attentate zielten auf Söhne ab, die möglicherweise der Eine waren, um zu verhindern, dass sie mich heiraten und damit das Mandat erfüllen könnten, wodurch angeblich der Weg zum Grab enthüllt werden würde.
Seit zwei Wochen blickte ich deshalb ständig über meine Schulter und schaute mich nach dem Orden und dem Kreis um, der mich immer noch für sich allein wollte und Jack nach wie vor für einen Verräter hielt.
Ich rieb mir die Augen und ließ meinen Blick über die Menschenmenge schweifen. Genau wie der Rest von Paris gelang dem Montmartre der Spagat zwischen schmuddeliger Großstadt und märchenhafter Kulisse perfekt. Am Fuß der Treppe stand ein Wohnhaus, das an jedem anderen Ort als Schloss bezeichnet worden wäre. Es verfügte über breite gusseiserne Balkone und Türmchen aus dunklem Stein, die in krassem Kontrast zu den schmutzigen Souvenirläden im Erdgeschoss standen, in denen Postkarten, Schals und falsche Sonnenbrillen von Dior angeboten wurden, genau wie meine echte mit den riesigen Gläsern, die ich zur Tarnung trug.
Dieses Viertel war der höchste Punkt von Paris. Anfangs hatte ich eine gute halbe Stunde damit zugebracht, Notre-Dame zu suchen. Inzwischen entdeckte ich die Kathedrale auf Anhieb, obwohl ihre Zwillingstürme zwischen all den anderen cremefarbenen und grauen Gebäuden kaum zu erkennen waren.
»Du hast auch nichts gesehen, als du die Lage ausgekundschaftet hast, oder?«, fragte ich.
Jack schüttelte den Kopf.
Ich wusste, dass er wirklich gut darin war, für unsere Sicherheit zu sorgen. Trotzdem konnte ich einfach nicht aus meiner Haut und blieb übervorsichtig. Wir gingen nie ohne Sonnenbrille und Mütze vor die Tür und versuchten, uns von Orten wie Metrostationen fernzuhalten, an denen es Überwachungskameras gab. »Ich befürchte einfach die ganze Zeit, dass uns irgendjemand finden wird.«
Jack wiegte sich, die Hände auf das Geländer gestützt, vor und zurück, und das Kompass-Tattoo an seinem Unterarm spannte sich. »Ich weiß. Aber sie glauben wahrscheinlich, dass wir mittlerweile längst am anderen Ende der Welt sind, Dim Sum in Shanghai essen oder in Brasilien am Strand liegen. Wir wären schließlich nicht so dumm, praktisch direkt vor der Haustür der Dauphins herumzulungern, richtig?«
Das stimmte zwar, aber genau das war auch unser Problem – und der Grund, warum wir nun hier warteten. Wir hatten inzwischen wirklich ganz Paris durchsucht und seit dieser Woche schlichtweg nichts mehr zu tun, zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.
Narbengesicht, einer der Handlanger des Ordens, rief alle paar Tage an, um sich nach unseren Fortschritten zu erkundigen. Gestern hatte er jedoch zum ersten Mal angespannt geklungen. Der Kommandant, sein Boss, wurde langsam nervös. Er meinte, sie hätten uns bereits zwei Wochen Zeit gegeben, um den Hinweisen zu folgen, und fand, zwei weitere sollten ausreichen.
Uns blieben also nur noch 14 Tage, um ihnen das Grab von Alexander dem Großen zu liefern, mehr nicht. 14 Tage, um etwas zu entdecken, wonach Archäologen und Schatzsucher seit Jahrhunderten ohne Erfolg suchten. Und wenn wir es nicht fanden, würden sie meine Mutter töten.
Nur noch 14 Tage.
Wir mussten weg aus Paris. Wir mussten herausfinden, wo Napoleon das Zwillingsarmband möglicherweise versteckt haben könnte, und dort danach suchen. Museen, Kunstsammlungen, historische Stätten … Es konnte überall auf der Welt sein.
Das Problem war nur, dass ich keinen Reisepass besaß und Jacks überwacht wurde – und sofern man nicht an Bord eines vom Kreis gecharterten Privatjets saß, benötigte man nun mal einen Pass, um das Land zu verlassen. Normalerweise half der Kreis Jack mit allem, was er brauchte, aber diesmal waren wir auf uns gestellt. Nach kurzer Recherche hatten wir direkt in unserer Nachbarschaft einen zwielichtigen Typen aufgespürt, der mit falschen Papieren handelte.
Von der Treppe ging eine schmale mit Cafés gesäumte Straße ab, aus denen sich wacklige Tische über die Pflastersteine ergossen. Dazwischen entdeckte ich endlich das bekannte Gesicht eines untersetzten Typen in fleckigem grauen T-Shirt und Kakihose.
Jack hüpfte von der Mauer und klopfte den Staub aus seiner dunklen Jeans. »Da ist er.«
Ich zog mir den Hut mit der breiten Krempe tiefer ins Gesicht. Wir stiegen die Stufen hinunter und gingen auf eine Bank in der Nähe des Karussells zu. Die Musik erstarb, und ein Haufen Kinder stieg ab, während die nächsten hinaufstürmten.
»Hast du sie?«, fragte Jack.
Der Mann keuchte und strich sich das fettige rote Haar aus dem Gesicht. »Es dauert länger als erwartet«, antwortete er mit starkem französischen Akzent auf Englisch. »Komplikationen.«
»Du hast gesagt, wir kriegen sie diese Woche«, erwiderte ich mit lauter werdender Stimme. »Wie lange noch?«
»Noch eine Woche.« Er wischte sich die Nase ab. »Vielleicht auch zwei.«
Ich biss wütend die Zähne zusammen. Hinter Jacks Schulter war der Akkordeonspieler von einer Opernsängerin abgelöst worden.
»Das ist zu lange«, erwiderte ich. »Geht das nicht schneller? Wir bezahlen auch mehr.« Ich versuchte genervt zu klingen, aber meine Stimme schwankte irgendwo zwischen niedergeschlagen und panisch.
»Non«, antwortete er. »Das ist unmöglich.«
Am liebsten hätte ich laut geflucht, mit...




