E-Book, Deutsch, Band 3, 448 Seiten
Reihe: Die Society-Reihe
Hall Society - Das Ende der Welt
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-17881-9
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 448 Seiten
Reihe: Die Society-Reihe
ISBN: 978-3-641-17881-9
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Avery West hat alles verloren: ihre Mutter, die gerade erst gefundene Familie und den einen Jungen, dem sie trauen konnte. Dafür bekommt sie nun: unermessliche Macht, eine Beziehung, die jedes echte Gefühl, das sie je hatte, infrage stellt und eine unmögliche Mission. Um sich selbst zu retten, müssen Avery und ihre Freunde Jack und Stellan in einem Wettlauf mit der Zeit das Grab Alexander des Großen finden. Und darin werden sie entweder den Schlüssel zur Rettung der Welt finden – oder zu deren Zerstörung.
Maggie Hall widmet sich ihrem Faible für ferne Länder und außergewöhnliche Abenteuer, sooft sie kann. Sie hat schon mit Tigerbabys in Thailand gespielt, in Italien gelernt, Pasta zu machen, und ist im Zug durch Indien gereist. Wenn sie nicht gerade quer durch die Welt unterwegs ist, lebt sie mit ihrem Mann und ihren Katzen in Albuquerque, schaut Football, zeichnet und schreibt in ihrem Blog über Jugendbücher.
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KAPITEL 1
BEI NACHT, IN DER DUNKELHEIT, schaffte ich es einfach nicht, sie loszuwerden.
Die Schreie. Das herablassende Grinsen auf Cole Saxons Gesicht. Das erste bellende Husten meiner Mutter, als ich es noch nicht begriffen hatte. Und das zweite, als es mir klar wurde. Ihr blutüberströmtes Gesicht. All die Menschen, die um mich herum zu Boden fielen und an ihrem eigenen Blut erstickten, wegen meinem.
Und auch wenn ich wach war, krallte sich mein Hirn in diesen Erinnerungen fest und spielte mir Streiche.
So wie jetzt auf dieser Party: Der junge Mann, der mir aufgefallen war, war klein, hatte dunkles Haar und trug einen Smoking. Ich konnte nur seinen Rücken sehen, als er von der Bar zum Rand des Anwesens schlenderte und über die funkelnden Lichter von Jerusalem blickte.
»Kuklachka«, flüsterte Stellan mir ins Ohr.
Ich zuckte zusammen. Aus der geringeren Entfernung erkannte ich, dass die Haare des Mannes lockiger waren, als ich geglaubt hatte. Länger. Schließlich drehte er mir doch das Gesicht zu, während er einen Schluck von seinem Champagner trank. Es war nicht Cole Saxon. Keiner von ihnen war hier. Ich hätte froh darüber sein sollen, denn wenn die Saxons tatsächlich hier aufgetaucht wären, hätte dies nichts Gutes bedeutet.
Ich drehte mich zu Stellan um. »Was?«
Er legte besitzergreifend eine Hand auf meinen Rücken und lehnte sich ganz dicht zu mir. »Ich habe dich gefragt, ob du vielleicht nackt mit mir in den Springbrunnen hüpfen willst. Diese Party könnte ein bisschen mehr Leben vertragen.« Ich starrte ihn mit leerer Miene an. Er seufzte. »Ich habe dich gefragt, ob du zufällig gesehen hast, ob die Rajeshs eingetroffen sind, während ich mich mit Elodie unterhalten habe.«
Ich hätte über seinen Witz lächeln sollen. Genau das beabsichtigte er schließlich: mich lockerer zu machen, damit ich so aussah, wie ein Mädchen in einem Cocktailkleid auf einer Party eben aussehen sollte. Aber mein Gehirn wusste einfach nicht mehr, wie es bestimmte Gefühle erzeugen sollte. Ich verzog daher angestrengt das Gesicht und hoffte, dass mein Ausdruck freundlicher und weniger roboterhaft wirkte, als er sich anfühlte. »Nein. Ich glaube nicht, dass sie schon hier sind. Vielleicht sollten wir mit jemand anderem anfangen.«
Stellan machte sich noch nicht einmal die Mühe, ein falsches Lächeln aufzusetzen.
Ein Feuerwerk explodierte, laut genug, um die Erde zum Beben zu bringen. Ganz in der Nähe, direkt neben dem Springbrunnen, über den Stellan eben noch gescherzt hatte, blickten Jack und Elodie in den Himmel empor. Elodie lehnte sich zu Jack, um ihm etwas zuzuflüstern, und zuckte dabei kaum merklich zusammen. Ihre Schusswunde war noch immer nicht ganz verheilt, sodass sie nach wie vor nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte war. Das passte ihr gar nicht. Trotzdem war sie heute Abend hier. Für uns. Genau wie an jedem anderen Tag. Im vergangenen Monat waren sie und Jack als unsere Freunde an Stellans und meiner Seite gewesen. Heute Abend waren sie als unsere Hüter hier.
Diese Party war eine Feier, bei der wir die Ehrengäste waren. Morgen würden wir offiziell als die dreizehnte Familie in den Kreis der Zwölf aufgenommen werden.
Es war nun schon fast einen Monat her, seit meine Mutter gestorben war. Seit Cole Saxon das Virus in einem überfüllten Saal bei der Pariser Modewoche freigesetzt und damit meine Welt – die ganze Welt – auf den Kopf gestellt hatte. An jenem Abend hatten wir dem Rest des Kreises verkündet, was die Saxons wirklich getan hatten. Wir hatten ihnen erzählt, wie meine Halbgeschwister Lydia und Cole – mit dem Segen unseres Vaters Alistair – Kreismitglieder auf der ganzen Welt getötet und dem Orden, den Erzfeinden des Kreises, die Schuld dafür in die Schuhe geschoben hatten. All das mit dem Ziel, im Kreis dadurch so viel Angst und Schrecken zu verbreiten, dass er sich geschlossen hinter sie stellen würde. Wir hatten ihnen erzählt, dass sich die Saxons nun im Besitz einer biologischen Waffe befanden, durch die weitere Angriffe für sie noch leichter durchzuführen waren.
Was wir ihnen nicht erzählten, war, dass diese biologische Waffe aus unser beider Blut bestand.
Stellan und ich waren der Eine und das Mädchen mit den violetten Augen. Das Paar, von dem im Mandat die Rede war, einer Prophezeiung, an die der Kreis seit Jahrtausenden glaubte. Wir hatten jedoch vor einiger Zeit herausgefunden, dass die darin erwähnte Vereinigung, von der der Kreis glaubte, sie würde ihm schier grenzenlose Macht verleihen, in Wahrheit etwas anderes bedeutete, als sie bislang angenommen hatten: Wenn Stellans und mein Blut miteinander vermischt wurden und ein nichts ahnendes Mitglied des Kreises es in irgendeiner Form zu sich nahm, wurden dadurch unkontrollierbare innere Blutungen ausgelöst und der Betroffene starb innerhalb weniger Minuten.
Die nächsten Feuerwerkskörper erleuchteten eine Brücke in der Ferne. Etwas näher wurden die Mauern der Altstadt von Jerusalem in verschiedene Violetttöne getaucht. Einer von ihnen hatte exakt die Farbe meiner Augen.
Anfangs hatte mich das überschwängliche Luxusleben des Kreises fasziniert: die Wohnung im Louvre. Der Ball im Eiffelturm. Ein Feuerwerk über der ganzen Stadt für eine private Feier. Inzwischen erkannte ich jedoch, dass das alles nur Schall und Rauch war. Dieser Prunk sollte den Kreis nur daran erinnern, wie bedeutend er war.
Und wir steckten nun mittendrin.
Ich hatte den vergangenen Monat in der Hoffnung verbracht, es würde nie so weit kommen.
Dem Kreis zu offenbaren, wer wir waren, war die einzige Möglichkeit gewesen, die Saxons zur Rechenschaft zu ziehen und sie davon abzuhalten, noch mehr Menschen zu verletzen. Doch seit sich meine Wut und Angst allmählich in Trauer und Benommenheit verwandelten, wollte ich das, was damit einherging, immer weniger. Sicher, als offizielle Familie des Kreises anerkannt zu werden, würde uns mehr Macht verleihen, und in gewisser Hinsicht betrachtete ich dies durchaus als erstrebenswert. Aber es würde auch politische Kämpfe und Gefahren mit sich bringen und mich – das war das Allerschlimmste – in eine hübsche kleine Schachfigur dieser Welt verwandeln, die mir alles genommen hatte.
Doch trotz all unserer Bemühungen war es uns nicht gelungen, die offizielle Aufnahme in den Kreis noch weiter hinauszuzögern. Und wie sich herausstellte, war das auch gut so. Wir brauchten etwas, das nur der Kreis uns geben konnte, und auf diese Weise würden wir es bekommen.
Auf der anderen Seite des Gartens erkannte ich Laila Emir und ihren kleinen Bruder. Sie starrten uns an. Stellan hatte sie ebenfalls gesehen. Er strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr und lächelte. Ich schmiegte mich in seine offene Handfläche und lachte kokett.
Hinter den Emirs entdeckte ich auch Daniel Melech in der Menge. Er warf uns einen finsteren Blick zu. Die Melechs hatten diese überschwängliche Feier zwar organisiert, weil sich die Stätte für die Initiationszeremonie hier in Jerusalem befand, aber sie waren auch die Familie des Kreises, die den Saxons gegenüber am loyalsten war. Ihr Sohn Daniel stand vor allem Lydia sehr nahe.
Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als das Messer, das in einer Scheide an meinem Bein steckte, an Daniels Kehle zu drücken und ihn zu zwingen, mir zu verraten, wo sich meine Schwester befand. Ich wollte ihm sagen, dass ich seit Wochen davon träumte, meinem Bruder eine Kugel in den Kopf zu jagen und dass er selbst an allem, was sie taten, eine Mitschuld trug, weil er ihnen half, sich weiter zu verstecken.
Mir war vage bewusst, dass ich mich für diese Gedanken selbst verachten sollte. Aber alles, was ich empfand, war Leere. Seit jenem Abend kam ich mir vor wie ein Roboter, in den nur ein einziger Befehl einprogrammiert war: Halte sie auf. Töte sie. Ich könnte lügen und behaupten, dass ich damit nur verhindern wollte, dass sie noch mehr Menschen verletzten. Und natürlich wollte ich das. Aber in Wahrheit war die einzige echte Emotion, die hin und wieder das Gefühl der Leere durchbrach, der Drang, das Leben der Saxons genauso zu zerstören, wie sie meins zerstört hatten.
Eine violette Feuerwerksrakete explodierte. Goldene Bogen spannten sich über den Himmel und ergossen sich über die Stadt wie die Äste einer Trauerweide. Ein Oooooh ging durch die Menge.
Ich drehte uns ein wenig mehr in Daniel Melechs Richtung und streichelte mit den Fingern zärtlich an Stellans Arm auf und ab, während ich den Blick über die Gäste schweifen ließ. Die meisten Familien des Kreises, auf die wir gewartet hatten, waren inzwischen eingetroffen.
Als wir von dem Virus erfahren hatten, hatten wir auch noch etwas anderes erfahren: Es gab ein Heilmittel. Napoleon hatte es jedoch im Grab zurückgelassen. Ich befürchte, dass es alles nur schlimmer machen würde, hatte er geschrieben.
Er hatte recht.
Mithilfe des Virus konnten sich die Saxons die Kontrolle über den Kreis erschleichen – oder sie mit Gewalt an sich reißen. Im Idealfall hätten wir das Virus natürlich einfach zerstört, aber das war unmöglich – wir waren das Virus. Und sämtliche Bemühungen der Wissenschaftler, die wir angeheuert hatten, damit sie es in unserem Blut deaktivierten, waren erfolglos geblieben. Es gab nur noch eine Möglichkeit.
Lydia hatte mich wochenlang jeden Tag angerufen, nachdem meine Mutter...




