E-Book, Deutsch, 369 Seiten
Hall Das Geheimnis des Lords
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96148-816-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 369 Seiten
ISBN: 978-3-96148-816-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Constance Hall lebt mit ihrer Familie in Richmond, Virginia. Sie hat bereits zahlreiche Romane unter ihrem eigenen Namen und unter Pseudonymen veröffentlicht; unter anderem schrieb sie erfolgreiche Filmromane. Ihre große Leidenschaft gilt aber dem Historischen Roman, und ganz besonders hat es ihr das 19. Jahrhundert angetan. Bei dotbooks veröffentlichte Constance Hall ihre historischen Liebesromane »Das Verlangen des Marquis«, »Der Herzog und die Schöne« und »Das Geheimnis des Lords« - auch als Sammelband unter dem Titel »Regency Secrets« erhältlich - sowie das romantische Lesevergnügen »Der Ritter und die stolze Lady«.
Weitere Infos & Material
Kapitel 2
Regan erreichte rasch die Stelle, an der der Mann vor ihren Augen von der Klippe gestürzt war, aber sie brauchte all ihren Mut, um sich über die Kante zu beugen und nachzusehen. Was, wenn er unten auf die Felsen aufgeschlagen war? Vor vielen Jahren war sie einmal Zeuge geworden, wie ein Steinmetz von einem Gerüst gestürzt war, als er die Verzierungen der Westminster Abbey restauriert hatte. Überall war so viel Blut gewesen.
Schließlich wagte sie doch den Blick nach unten und sah, dass der Mann sich nur mit den Fingerspitzen an die Felsen klammerte.
Sie konnte wieder atmen.
»Wollen Sie die ganze verdammte Nacht dastehen und mich anglotzen?«, knurrte er durch zusammengebissene Zähne, so dass sein schottischer Akzent kaum wahrzunehmen war.
Regan zuckte bei seinem wütenden Ton zusammen. »Das hatte ich eigentlich nicht vor.«
Dann kniete sie sich hin, umfasste seine Handgelenke und zog. Sie spürte, wie sich die Sehnen in seinen Handgelenken spannten, und ihr wurde klar, dass er sie, wenn er jetzt wegrutschte, mit in die Tiefe reißen würde.
»Vorsichtig«, flüsterte sie.
Sein Gewicht war jetzt keine Last mehr, und sie erkannte, dass er ohne ihre Hilfe die Klippe hochkletterte. Sein Mantel hatte sich vorne geöffnet und sie konnte sehen, wie sich die Muskeln seines Brustkorbs unter dem weißen Leinenhemd spannten. Er war schlank und muskulös und hatte kein Gramm Fett zu viel.
Er schob sich über die scharfe Kante und schwang die Füße auf festen Boden.
Regan stieß den Atem aus und ließ seine Handgelenke los. »Kommen Sie, ich helfe Ihnen beim Aufstehen.«
Er winkte ab, verzog aber das Gesicht, als er sein rechtes Bein belastete.
Warum benahm er sich so kühl? Regan runzelte die Stirn. Immerhin hatte sie ihm gerade das Leben gerettet. »Haben Sie Ihr Bein verletzt?«, fragte sie besorgt.
Er antwortete nicht, nahm nur seinen Stock, der am Rand der Klippe zu Boden gefallen war, und richtete sich auf.
Der Fremde ragte nun in seiner ganzen stattlichen Größe vor ihr auf. Regan legte den Kopf in den Nacken und sah zu ihm hoch. Sein Gesicht lag im Schatten, so dass sie nur die hohen Wangenknochen, die tief liegenden Augen und das Grübchen in seinem Kinn sehen konnte. Sie spürte die Feindseligkeit, die von ihm ausging.
»Ich – ich habe Sie nicht erschrecken wollen«, stieß sie mit plötzlich trockener Kehle hervor. »Ich dachte, Sie wollten in die Tiefe springen.«
»Das wollte ich nicht.« Er verlagerte mehr Gewicht auf seinen Stock.
»Aber Sie sind an den Rand getreten ...«, Regans Stimme verklang, als sie die weiße Strähne in seinem Haar dicht über der rechten Schläfe bemerkte. Sie dachte an das, was die Jungen über den Fluch erzählt hatten, und platzte heraus: »Sie müssen –«
»Der Verrückte MacGregor sein.« Er nickte leicht, und das Mondlicht glitzerte in den schwärzesten, ausdruckslosesten Augen, die sie je gesehen hatte.
»Das ... t-tut mir alles s-so Leid«, stotterte sie.
Aus schmalen Augen sah er sie an. »Fremde sind auf meinem Land nicht willkommen. Was wollen Sie hier?«
»Ich ... ich ...« Regan spürte, dass er kurz vor dem Explodieren war, und wich zurück.
Eben hatte er sie noch beobachtet, im nächsten Moment schoss sein Arm vor.
Regan duckte sich und machte einen Satz.
Seine Finger berührten noch ihren Hinterkopf und zogen dabei den Kamm aus ihrem Haar. Lange, blonde Locken fielen ihr über den Rücken.
Wieder griff er nach ihr.
Regan wich nach rechts aus, denn sie wusste, dass er seine rechte Hand nicht einsetzen konnte, solange er damit den Stock hielt. Die Überlegung erwies sich als richtig, und sie kam an ihm vorbei.
»Ich werde Sie finden!«
Sein Ruf zerrte an ihren Nerven. Die Wut in seiner Stimme verriet ihr, dass er keinen Höflichkeitsbesuch plante – falls er sie je finden würde. Sie hörte nicht auf zu rennen, bis ihre Füße schmerzten, ihre Lungen kurz vor dem Platzen standen und ihr Herz wie verrückt schlug. Das Schicksal war ihr gnädig gesonnen gewesen, als es zugelassen hatte, dass sie dem Verrückten MacGregor entkam. Beim nächsten Mal würde sie nicht so viel Glück haben.
***
Lachlan Nail Alden MacGregor, der zehnte Herr von Druidhean, sah den Kamm auf dem Boden schimmern und hob ihn auf. Behutsam zog er das eingravierte Elefantenmuster nach.
Das Bild der blonden Locken, die über den Rücken des Mädchens tanzten, hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt, und noch immer meinte er die seidige, verlockende Berührung ihrer Haare an seinen Fingern zu spüren. Seine Fingerspitzen pulsierten bei der Erinnerung.
Er dachte daran, wie sie von der Kante der Klippe zu ihm heruntergeschaut hatte. Noch immer spürte er ihren weichen Griff, dachte er an ihre kleinen Brüste, die sich an das Mieder des schwarzen Kleides gedrängt hatten bei dem Versuch, ihn hinaufzuziehen. Ihr Mut war bewundernswert. Ohne an ihre eigene Sicherheit zu denken, hatte sie ihm die Hände gereicht, um ihn zu retten. Noch nie war er einer so mutigen Frau begegnet.
Er hob den Kamm an sein Gesicht und atmete tief den Fliederduft ein, der noch daran hing; ein köstlich weiblicher, sinnverwirrender Duft. Es war sechs Monate her, seit er den Duft einer Frau gerochen hatte. Viel zu lang.
Mit reuigem Grinsen ließ er den Kamm in seine Manteltasche gleiten und wandte sich zum Gehen, als er etwas Dunkles innerhalb des Steinkreises entdeckte. Schwer auf seinen Stock gestützt humpelte er die Felsen hinunter. Jeder Schritt verstärkte den Schmerz. Beim Fall hatte er sich ausgerechnet das Bein verletzt, das ihn ohnehin schon sein halbes Leben zum Humpeln zwang. Sonst wäre ihm dieses Mädchen nicht entschlüpft.
Er trat in den Kreis und ging auf das Bündel zu. Die Steine dämpften die Melodie der Wellen, die unter ihm an die Felsen schlugen, dafür verstärkten sie das Geräusch seines Stocks auf dem Boden, bis es ihm wie das stete Schlagen einer Trommel in den Ohren klang. Er hatte die erstaunliche Akustik innerhalb des Steinkreises ganz vergessen, ebenso wie die verwirrende Unsicherheit, die ihn jedes Mal befiel, sobald er die Grenze zum Inneren übertrat.
Er hob das Bündel auf und fand eine kleine Axt und eine Schaufel darin. Weil das Mädchen so spät noch unterwegs gewesen war, hatte er angenommen, dass sie sich mit ihrem Liebhaber hatte treffen wollen. Aber Liebende brauchten kein Grabwerkzeug. Er schloss den kleinen Rucksack wieder und schwang ihn sich über die Schulter.
Er musste sie davon abhalten wiederzukommen. Sein Instinkt verriet ihm, dass sie zurückkommen würde. Innerhalb des Kreises lauerte Gefahr. Die dunklen Kräfte, die hier zirkulierten, hatten den Wahnsinn der MacGregors verursacht, der auch in seinen Adern floss. Er seufzte, dann umfasste er seinen Stock fester und machte sich auf in Richtung der Ställe des Schlosses.
***
Regan galoppierte auf ihrem Maultier Vespertine die südwestliche Straße entlang. In der Ferne ragten die Berge wie die Buckel eines Riesendrachens auf. Zu ihrer Linken floss der Sleat dahin. Am Horizont konnte sie sehen, wo Wasser und Himmel zusammentrafen. Meilen entfernt an der Sleatmündung glomm das Licht des Leuchtturms wie ein Glühwürmchen in der Dunkelheit.
Mittlerweile war der Himmel so bedeckt, dass die Sterne nicht mehr zu sehen waren. Als Regan auf die Insel gekommen war, hatte sie sich an das unvorhersehbare Wetter hier gewöhnen müssen. Innerhalb von Minuten konnte dicker Seenebel das Land überziehen und alles verhüllen. Sie konnte die Feuchtigkeit in der Dunkelheit riechen und spürte sie auf Haar und Wangen.
Der Wind trieb ihr die langen Haare auf den Rücken. Sie dachte daran, wie MacGregors Finger ihr den Kamm aus den Haaren gezogen hatten, und sie erschauerte. Rasch schob sie die Erinnerung beiseite, und eine andere trat an ihre Stelle.
Es war jetzt zwölf Jahre her, aber es kam ihr vor, als wäre es gestern gewesen. Sie war wieder im Zimmer ihrer Mutter. Der vertraute Duft nach Rosenwasser hing in der Luft. Der Duft folgte Lady Candance Southworth, wo immer sie hinging, und er hing noch im Raum, wenn sie ihn schon längst wieder verlassen hatte. Bis heute konnte Regan den Duft nicht wahrnehmen, ohne den Schmerz des Verlustes zu spüren. An jenem Nachmittag bürstete ihre Mutter ihr das Haar und steckte es dann wie ihr eigenes zu der Frisur einer Lady hoch. Ihre Mutter lächelte sie an und sagte: »Entzückend, Reggie. Eines Tages wirst du eine schöne junge Dame sein.«
»Glaubst du wirklich, Mama?« Regan war überzeugt, dass ihre Mutter das nur sagte, um nett zu ihr zu sein. Sie wusste schließlich, dass sie keine Schönheit war.
Ihre Mutter beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Wange. »Zweifele nie daran. Ich schenke dir diesen Kamm, und immer, wenn du ihn trägst, soll er dich daran erinnern, dass du meine Tochter bist und von einer der besten Familien Englands abstammst.«
»Das werde ich nicht vergessen, Mama.«
Nachdem Regan das Zimmer verlassen hatte, roch sie den Rosenduft ihrer Mutter in ihrem Haar. Er haftete auch dem Kamm an, aber nicht lange genug. Einen Monat später starb ihre Mutter.
Wenn Regan den Kamm trug, machte sie sich nie vor, eine Schönheit zu sein. Alle Kindheitsillusionen waren mit ihrer Mutter gestorben. Doch der Kamm war eine der wertvollsten Verbindungen zu ihrer Mutter. Sie durfte so ein Erinnerungsstück nicht verlieren. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft, wenn sie ihren Mut zusammengerafft hatte, würde sie zurückkehren und den Kamm suchen.
Bei dem Gedanken an eine Rückkehr zu Castle Druidhean erschienen wieder die finsteren Züge Lord MacGregors vor ihr. Wieder meinte sie die düster-bizarre Aura zu spüren,...




