E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Reihe: Digital Edition
Hale Die Sehnsucht des Gouverneurs
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7515-0673-1
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Reihe: Digital Edition
ISBN: 978-3-7515-0673-1
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Die jungen Damen auf dem Brautschiff wollen heiraten, nicht rumhuren.' Erbost weist Jocelyn den arroganten Sir Robert Kerr, Gouverneur von Halifax, zurecht. Aber je länger ihre Schützlinge an Land nach Ehemännern suchen, desto neugieriger fragt Jocelyn sich: Warum hat der attraktive Robert eigentlich keine Gattin?
Deborah Hale konnte es nie richtig glauben, wenn ihre Eltern erzählten, sie hätte schon mit sieben Monaten zu sprechen begonnen. Aber wie auch immer, eines ist sicher: Deborah liebt es, Geschichten zu erzählen, seit sie denken kann. In ihrer Jugend las sie unendlich viele Romane über das Meer und schrieb auch mit einer Freundin zusammen ein Buch über Piraten, als sie beide dreizehn Jahre alt waren. Auf den Geschmack gekommen, schrieben beide einzeln weiter und lasen ihre Werke gegenseitig, nur um sich zu bestätigen, welch brilliante Autorinnen sie beide seien. Nun, damals war das ganz sicher noch nicht so. Ein großes Steckenpferd von Deborah war Familiengeschichte; zehn Jahre lang dauerte es, bis sie alles lückenlos beisammen hatte und wusste, dass ihre Vorfahren im 18. Jahrhundert aus Britannien nach Kanada ausgewandert waren. Dieses interessante Hobby von Deborah Hale brachte ihr nützliches Wissen über die Gesellschaft der damaligen Zeit. Dieses Wissen konnte sie ab 1992 besonders intensiv nutzen, als sie ihren ersten historischen Liebesroman schrieb. Diesen überarbeitete sie zwei Jahre später noch einmal, als sie von der Organisation der Romance Writers of America erfuhr. Aber ihre Bemühungen wurden nicht sofort mit Erfolg gekrönt. Erst als weitere unzählige Verbesserungen und Kritiken das Werk geformt hatten, war es soweit: Deborah Hale gewann 1997 den Golden Hearts Award der Romance Writers of America für die beste historische Romance. Dadurch war sie in die Topliga ihrer großen Vorbilder aufgestiegen und überglücklich. Außerdem bedeutete der Preis ein riesen Sprungbrett für ihre Karriere; sie wurde von einer Agentur unter Vertrag genommen und begann, für Harlequin Enterprises Canada zu schreiben. Sie bekam endlich die große Unterstützung, auf die sie die ganze Zeit gehofft hatte. Deborah Hale ist seit siebzehn Jahren verheiratet. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Nova Scotia - zwischen der geschichtsträchtigen ehemaligen Garnisonsstadt Halifax und dem romantischen Annapolis Valley.
Weitere Infos & Material
1. KAPITEL
Halifax, Neuschottland, Mai 1818
Sir Robert Kerr war gerade damit beschäftigt, den Vierteljahresbericht für das Ministerium zu verfassen, als es laut an der Tür seines Arbeitszimmers klopfte.
„Kommen Sie herein, Duckworth.“ Der Gouverneur warf seinem Sekretär einen finsteren Blick zu. „Habe ich nicht ausdrücklich Anweisung gegeben, dass …“
„Sie nicht gestört werden wollen, Eure Exzellenz?“, beendete der junge Duckworth den Satz, was in heiklen Situationen eine ärgerliche Angewohnheit von ihm war.
Doch für heute waren keine besonderen Schwierigkeiten zu erwarten – jedenfalls, sofern der Gouverneur nicht etwas Wichtiges übersehen hatte. Doch das jungenhafte Gesicht seines Sekretärs hatte eine rote Färbung angenommen, und seine Stimme klang atemlos. „Genau diese Anweisung haben Sie gegeben, Sir, außer für den Fall, dass sich eine größere Katastrophe anbahnt.“
Der Gouverneur lächelte gequält und legte die Schreibfeder beiseite. Das mit der „größeren Katastrophe“ hatte er scherzhaft gemeint, doch sein Humor war noch nie recht verstanden worden.
Als Sir Robert sich vom Stuhl erhob, verspürte er einen stechenden Schmerz im Nacken. Er rieb über den angespannten Muskel. Wie viele Stunden hatte er jetzt schon wegen des verdammten Berichts über dem Schreibtisch gebeugt verbracht? Vielleicht würde ihm ein wenig Bewegung guttun.
„Verraten Sie mir, mit welcher schrecklichen Katastrophe unsere schöne Kolonie heute fertigwerden muss?“ Er folgte dem Sekretär hinaus in das Vestibül. „Brennt die Brauerei? Werden wir von einer ausländischen Flotte überfallen? Ist der Bischof ausgerutscht und ins Hafenbecken gestürzt?“
„Nichts dergleichen, Eure Exzellenz.“ Erneut schien Duckworth die Ironie in den Worten des Gouverneurs entgangen zu sein. Er reichte Sir Robert dessen Hut. „Sie sollten besser mitkommen und es sich selbst ansehen, Sir.“
Kaum hatte Duckworth diesen Vorschlag unterbreitet, drehte er sich bereits um und eilte aus der Eingangstür des Government House. Sir Robert blieb wenig anderes übrig, als ihm nachzugehen, wenn er seine Neugier befriedigen wollte. Leise murrend setzte der Gouverneur seinen altmodischen Dreispitz auf. Warum war Duckworth derart aufgeregt? Und weshalb sprach er so verlegen und rätselhaft darüber?
Die beiden Wachtposten, die den Haupteingang des Government House bewachten, tuschelten miteinander, als der Gouverneur nach draußen trat. Als sie ihn auf der Treppe erblickten, nahmen sie sofort Haltung an.
„Einer von Ihnen bleibt hier, der andere kommt mit mir.“ Sir Robert winkte den größeren der beiden Männer zu sich. „Möglicherweise brauche ich Ihre Unterstützung.“
„Jawohl, Sir!“, erwiderten die Wachen wie aus einem Mund.
Sir Robert sah den Eifer im Blick seines Begleiters aufblitzen und erkannte eine Spur von Enttäuschung bei dem Soldaten, dem er befohlen hatte, zurückzubleiben. Er an ihrer Stelle hätte genau entgegengesetzt reagiert. Seine Karriere in der Armee hatte ihn gelehrt, vorsichtig zu sein, wenn man nicht genau wusste, was auf einen zukam.
Als er die Hollis Street in nördlicher Richtung entlangging, schmerzte die alte Fußverletzung, die er in der Schlacht bei Vitoria erlitten hatte, wie es häufig bei feuchtem Wetter der Fall war. Er schenkte dem unangenehmen Pochen keine weitere Beachtung und zog angesichts des stürmischen Frühlingswindes den Hut tiefer in die Stirn. Er konnte sein Tempo nicht verringern, ohne Gefahr zu laufen, Duckworth aus dem Blick zu verlieren, der gerade um die Ecke in die Salter Street einbog. Von dort ging es direkt bergab zur Werft von Powers. Was für ein Problem hatte die morgendliche Flut angespült?
Offenbar war Sir Robert nicht der einzige Einwohner von Halifax, der sich darüber Klarheit verschaffen wollte. Beinahe so viel Schaulustige hatten sich am Kai der Werft eingefunden wie im letzten Jahr, um ihn bei seiner Ankunft in der Kolonie willkommen zu heißen.
„Aus dem Weg!“ Angriffslustig bemühte sich der Wachsoldat, den er vom Government House mitgebracht hatte, sich und ihm einen Weg durch die Menge zu bahnen. Entweder gefiel es dem jungen Soldaten einfach, Zivilisten herumzukommandiere oder er wollte selbst einen guten Blick auf die Geschehnisse erstreiten. „Machen Sie Platz für Seine Exzellenz Gouverneur Kerr!“
Sir Robert stellte sich auf das Schlimmste ein, als er den Kai hinunterschritt. Er schaute auf den Hafen von Halifax und sah … absolut nichts Ungewöhnliches.
Ein kleines Schiff hatte am Kai angelegt, die Segel waren zusammengerollt, und es schaukelte sanft auf den Wellen. Die Hestia segelte unter britischer Flagge, wie er alsbald ebenso aufatmend wie überrascht feststellte. Das bedeutete, dass es sich weder um ein Piratenschiff noch um ein fremdländisches Schiff handelte.
Nein, es sah genauso aus wie Hunderte andere Schiffe, die hier im Laufe des Jahres anlegten und Fracht entluden oder Passagiere beförderten. Was hatte so viele ehrliche Bürger von Halifax dazu veranlasst, sich vor der Werft von Powers zu versammeln, um einem ganz gewöhnlichen Schiff beim Löschen der Ladung zuzusehen?
Ein helles Flattern sprang dem Gouverneur ins Auge. Jemand stand auf dem Schiffsdeck und winkte mit einem Taschentuch. Sir Robert nahm das Deck genauer in Augenschein. Eine große Anzahl junger Frauen stand dicht gedrängt an der Reling und blickte erwartungsvoll auf die Menge am Kai. Die leuchtenden Farben ihrer Hüte und Tücher bildeten einen festlichen Kontrast zu den nüchternen Braun- und Grautönen des Schiffsrumpfes.
„Was zum Teufel …?“, flüsterte er.
Doch es war, als ob der Wind … oder irgendetwas anderes … ihm diese Worte wieder zurück in den Mund wehte.
Eine Frau balancierte über die Gangway. Einer der Männer von der Schiffsbesatzung bot ihr Hilfe an, doch sie schüttelte seinen Arm ab und setzte den Weg allein fort, obgleich das Schiff bedrohlich schwankte. Der Wind bauschte ihr buttergelbes Kleid und gab den Blick auf ein Paar wohlgeformte Fesseln frei.
Sie setzte mit der eleganten Anmut einer Tänzerin einen Fuß vor den anderen, und dennoch wirkten ihre Bewegungen so stramm und entschlossen, als ob sie ein General wäre, der seine Truppen inspiziert. Dieser Widerspruch verunsicherte Sir Robert ebenso wie die gesamte Situation.
Sobald die Dame den Kai erreicht hatte, warf sie einen Blick auf die Menschenmenge und lächelte. Just in diesem Moment fiel ein vereinzelter Sonnenstrahl durch die dahinjagenden Wolken, brachte das aufgewühlte Wasser des Hafens von Halifax zum Funkeln und ließ die Frau in dem gelben Kleid erstrahlen.
Das Gemurmel der Menge verstummte.
„Wie entzückend!“, sagte die Frau, als schien sie laut auszusprechen, was Sir Robert gerade über sie gedacht hatte. „Sie haben eigens ein Begrüßungskomitee für uns arrangiert, um uns zu empfangen!“
Bevor jemand sie eines Besseren belehren konnte, ergriff sie erneut das Wort. „Gewiss sind Sie alle sehr erleichtert, dass wir endlich angekommen sind. Ich hoffe, Sie haben sich nicht zu große Sorgen gemacht, dass wir Schiffbruch erlitten hätten. Auch wenn ich gestehen muss, dass es während unserer Reise Situationen gab, in denen ich ein solches Unglück ernsthaft befürchtet habe.“
Sir Robert überlegte, ob er sich zwicken sollte. Die vergangene halbe Stunde besaß die verwirrenden Eigenschaften eines Traums. Vielleicht war er beim Verfassen des Berichts an seinem Schreibtisch eingeschlafen und träumte dies alles nur.
Er starrte die Frau vor sich an und lauschte ihrer bezaubernden Stimme. Es tat ihm leid, aufwachen und zurück an die Arbeit zu müssen. Gewiss konnte es nichts schaden, noch ein paar Augenblicke in diesem Traum zu verweilen, der plötzlich so angenehm geworden war.
Um die Frau genauer zu betrachten, trat er einen Schritt vor. „Ich fürchte, hier muss ein Irrtum vorliegen, Madam.“
Er beugte sich vor, um ihr die Hand zu geben und war erstaunt, wie tief er sich bücken musste. Aus der Entfernung hatte ihre majestätische Haltung sie viel größer erscheinen lassen. Jetzt, da er sich auf sie zubeugte, wurde ihm bewusst, was für eine kleine und zarte Person sie war. Unsinnigerweise verspürte er den Drang, sie zu beschützen, obgleich er gar nichts über sie wusste – nicht einmal ihren Namen.
„Was für eine Art von Irrtum?“, fragte die Dame. „Wurden wir etwa nicht erwartet?“ Sie sah ihn fest an.
Sir Robert wurde das Krawattentuch am Hals zu eng, und ein kurzer Schwindel erfasste ihn, der ihn fast ins Schwanken brachte. Was zum Teufel war in ihn gefahren?
Er hatte noch nie in seinem Leben auf die Augenfarbe einer Frau geachtet. Jetzt konnte er nicht anders, als davon Notiz zu nehmen. Ihre Augen waren von einem hellen, lebhaften Braun mit goldenen und silbernen Einsprengseln, die an die Sprenkel einer Forelle erinnerten. Sie sah ihn verwundert, aber auch ein wenig belustigt an. Oder vielleicht erwiderte sie mit ihrem Blick auch nur die neugierige Faszination, die sich seiner bemächtigt hatte.
Aber das war Unfug! Er war nie ein Mann gewesen, den Frauen in dieser Weise betrachteten. Die wenigen Damen, die seine Wege kreuzten, machten sich selten die Mühe, überhaupt aufzusehen. Doch Sir Robert war das lieber so gewesen, bis er in diese Augen gestarrt hatte …
„Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, wer Sie sind oder weshalb Sie in meine Kolonie gekommen sind, Madam?“ Allerdings wollte er es herausfinden – vor allem, wer sie war.
...



