E-Book, Deutsch, 301 Seiten
Halbe-Bauer Claire
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95428-796-3
Verlag: Wellhöfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 301 Seiten
ISBN: 978-3-95428-796-3
Verlag: Wellhöfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Claire, 1939 geboren, überlebt Krieg und Nachkriegszeit bei liebevollen Tanten im Elsass. Als der Vater 1949 aus Russland heimkehrt, holt die Mutter, Sängerin am Stadttheater Oberhausen, das Kind ins Ruhrgebiet zurück. Claire fühlt sich fremd in der Enge der Adenauerzeit und zwischen den sich bekämpfenden Eltern. Als Jugendliche wird sie schwanger und fliegt zuhause raus. In Köln lernt sie 1964 bei einem Chansonauftritt in einer Kneipe ihren späteren Mann Theo kennen. Zwei Kinder werden geboren, doch dann politisiert sich Claire und zieht in eine Kommune.
1975 lernt sie in Freiburg die sechzehnjährige Pilar kennen, Kind von spanischen Gastarbeitern, die in der Kindergruppe einer selbstverwalteten Kulturfabrik unbezahlt aushilft. Was Claire in Rage bringt. Zwischen den beiden Frauen beginnt eine zwiespältige Freundschaft, die Pilar bis zu Claires Tod 2007 in Atem hält.
Ulrike Halbe-Bauer, bekannt durch ihre einfühlsamen Biografien bedeutender Frauen der Geschichte, gelingt es einmal mehr, anhand der Lebenslinien ihrer Protagonistinnen das Lebensgefühl einer Epoche mit all ihren Sehnsüchten, Wirrungen und Brüchen heraufzubeschwören.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Claire
Mannheim, 2007
Blauer Himmel, durchzogen von weißen Wölkchen, eine weite grüne Fläche. Neben den paar Büschen hat sich ein Haufen bunt gekleideter Menschen zusammengeballt, die sich zuprosten. Wie wir da mit unseren Pappbechern voll Sekt vor dem kleinen Loch stehen, könnte man uns für Gratulanten des Gewinners einer Golfpartie oder Partygäste halten, die irgendeine durchgeknallte Type auf einen Golfplatz geführt hat. Wenn man genau hinguckt, gibt es jedoch außer dieser kreisförmigen Öffnung auf dem Rasen keine weiteren, nur kleine Steintafeln in regelmäßigen Abständen, in die Namen eingraviert sind.
Nach Party ist uns nicht zumute. Wir stehen schwitzend auf einem Friedhof am Rand von Mannheim, wo Claires Tochter die Urne ihrer Mutter an diesem heißen Sommermorgen gerade in die Erde versenkt hat. Das röhrenförmige, fest verschlossene, helle Holzgefäß, das Michaela hielt, während sie sich über den Rasen auf das schwarze Fähnchen zubewegte, welches das Grab markierte. Dann hat sie die Röhre in beide Hände genommen und sie vorsichtig, ohne ein Wort zu sagen oder darauf zu warten, bis alle das Grab erreicht haben, in die Öffnung gleiten lassen, während die Gespräche um sie herum verstummen. Kein Pfarrer spricht, kein weltlicher Beerdigungsredner, niemand äußert ehrende Abschiedsworte.
Die meisten Anwesenden haben ein paar Blumen in das Loch gesteckt oder etwas Erde hineinrieseln lassen, die in einem Eimer bereitsteht. Haben tschüs, Claire oder mach’s gut, wir werden dich nicht vergessen, gemurmelt, ein stilles Gebet gesprochen, stumm den Kopf gesenkt. Die kleine Punkerin hat einige bunte Muscheln hineingelegt. Das Grab ist nun bis zum Rand gefüllt, obendrauf steckt ein bunter Sommerstrauß. In einigen Wochen wird nur der Stein neben der Urne mit Claires Namen daran erinnern, dass hier ein Mensch beerdigt ist.
Vielleicht ist Michaelas Einfall vernünftig, die Beerdigungsgesellschaft den Sektkarton gemeinsam leeren zu lassen, den sie in der Küche ihrer Mutter gefunden hat. Auf Claires Wohl, wo immer sie sich jetzt befinden mag und in welchem Zustand, ruft Michaela uns mit leicht kieksender Stimme zu. Auf Claires Wohl, antworten wir ernst. Es klingt wie ein Amen, aber unser Trinkspruch passt besser zu Claire, ihrem Leben und ihrem Sterben. Mehrere Jahre lang war sie krank, hat gelitten, alle möglichen Therapien versucht, es nicht glauben wollen und doch gewusst.
In den letzten Jahren gingen ihre Geschäfte schlecht. Wer kauft in Krisenzeiten schon Stoffe – Bett- und Tischwäsche, Handtücher und Geschirrtücher aus Manufakturen in der Toskana und Seidentücher aus einer Weberei in Kambodscha, die nur Einzelstücke aus erlesener Haspelseide produziert? Claire hatte gutsituierte Stammkundinnen, aber irgendwann quollen deren Schränke über und alle ihre Freundinnen waren ausgestattet. Laufkundschaft fand selten den Weg in den kleinen Laden in der Innenstadt, mit dem Claire in den letzten sieben Jahren viermal umgezogen ist, weil die Mieterhöhungen nicht mehr zu bezahlen waren. Umzüge, die kosteten und die Claire aus ihren letzten, allerletzten und allerallerletzten Ersparnissen finanzierte. Und mit der Arbeitskraft von Karl stemmte, ihrem ehemaligen Freund, der noch etwas bei ihr gutzumachen habe. Zum Schluss bot sie ihre Tuche in einem Kiosk in P7 an, der aus zwei Räumen bestand und in Kürze abgerissen werden sollte, um einem glänzenden Turm Platz zu machen.
Claire konnte überzeugend sein, wenn sie dazu aufgelegt war. Dann verließ kaum eine Kundin den Laden ohne Paket unterm Arm, auch wenn sie nichts hatte kaufen wollen. Nein, Claire hatte es ihr nicht aufgeschwätzt. Mit untrüglichem Instinkt hatte sie nach dem farblich passenden Stoff gegriffen und die Frau nur ermutigt, ihn durch die Finger gleiten zu lassen oder über den Arm zu schlingen. Je weniger Claire redete, umso mehr schmeichelte der Stoff der Kundin. Sie ging in dem Gefühl, ein edles Gewebe erworben zu haben, eine Kostbarkeit, die ihre Person aufwertete. Von einer Qualität, die in Deutschland nicht mehr produziert wurde. Wenn Claire dagegen schlechte Laune hatte, konnte sie eine Kundin, die ihr nicht passte, schroff aus dem Laden weisen. Obwohl diese sich bereits für ein Stück entschieden hatte und verstört, kopfschüttelnd oder schimpfend über solch rüdes Verhalten den Laden verließ. Mit Claires gut gemeinten Kommentaren kam ebenfalls nicht jede Kundin zurecht. Teuer sei dieses Badetuch, da könne sie ihr nur recht geben, aber in einem Alter, in dem Sex kaum noch zu den Freuden des Lebens gehöre, tröste dieser Stoff über manches hinweg.
Dann begannen Claires Schmerzen im Kreuz: Sie trage zu viel, die Kisten, ständig wuchte sie Stoffballen aus den Regalen und wieder hinein. Eines Abends, als Claire müde entgegen der Fahrtrichtung in der Straßenbahn stand und in ihrer Handtasche herumsuchte, wurde sie bei einer abrupten Bremsung mehrere Schritte nach vorn geschleudert und prallte gegen die Haltestange. Die Rückenschmerzen verstärkten sich, was niemanden wunderte. Dann gab es die Matratze, die durchgelegen war. Claire stöhnte selten, versprach mir aber am Telefon, sich Krankengymnastik verschreiben zu lassen.
Stattdessen gab sie das Geschäft auf, das sie mit 67 Jahren noch führte. Jetzt mussten sich die Stoffe in Claires Wohnung und Keller quetschen. Und den von Karl, der im gleichen Wohnblock lebte. Beide hatten vor einiger Zeit Zweizimmerwohnungen der Wohnungsgenossenschaft bezogen, die einen Berechtigungsschein voraussetzten. Für Claire war es ein schwerer Schritt, in ein Büro zu gehen und ein Antragsformular auszufüllen. Und dann in den Block mit Wohnungen zu ziehen, in dem zwar auch Türken und Tunesier wohnten, aber vorwiegend Deutsche, alle mit Satellitenschüsseln am Balkon.
Claire machte sich Sorgen um die Stoffe, die in den Kellern vermodern könnten. Die habe sie über Jahre, auf Reisen nach Italien, auf Messen und bei Geschäftsauflösungen günstig erworben; sie stellten einen beachtlichen Wert dar. Sie müsse weiterhin verkaufen, da sie ihre einzige Alterssicherung seien.
Trotzdem wirkte sie erleichtert. Zum Arzt und zur Krankengymnastik ging sie nicht. Keine Zeit. Es gebe etliche Projekte in ihrem Kopf und sie müsse endlich tun, was ihr wichtig sei. Politik, Kultur. Also ging sie zu den Versammlungen des Nachbarschaftsprojektes gegen Spekulation im Viertel, war bei der Besetzung der Knopffabrik dabei, schrieb öffentliche Aufrufe und organisierte Konzerte. Stürzte sich noch einmal aufs Leben, verliebte sich und hoffte, in den Armen des Mannes, den sie auf einer Vernissage kennengelernt hatte, den Schmerz zu überlisten. Der Kiosk in P7 wurde nicht abgerissen, er gammelt bis heute still vor sich hin, denn das Bauprojekt wurde wegen Geldmangels vertagt.
Ein halbes Jahr lang hat Claire mir am Telefon von ihrer neuen Liebe vorgeschwärmt, ihrem Jean Gontier, von seinem Badezimmer und der riesigen Badewanne, in der sie zu zweit liegen konnten, Wein trinken, irgendetwas naschen und vor allem das Treiben der Vögel und Eichhörnchen in den Bäumen vor dem Badezimmerfenster beobachten. Dieser Raum befinde sich im oberen Stockwerk des Hauses, reiche hinauf bis in den Dachfirst. Das Fenster nehme die obere Front des Raumes ein und setze sich in der Dachschräge fort. Sie sähen die Natur wie durch einen Rahmen, der durch den Knick von der geraden Wand zum schrägen Dach verschiedene Perspektiven biete. Dazu verändere sich das Bild draußen ständig. Leicht hingetupfte Flächen, kompakte Farbkleckse, flatternde Vögel, Wind, der die Farbspiele in Bewegung halte. Die Konstruktion setze Kunstverstand voraus. Dazu habe er das Haus mit Bildern von jungen Künstlern ausgestattet, allesamt Genies, Geheimtipps.
Mit Jean Gontier in der Badewanne, das sei etwas ganz Ausgefallenes. Er habe unglaublich geschickte Hände und berühre sie auf eine Weise, die besser als jede Therapie sei. Wenn sie schließlich vor seinem Kamin hockten … Mit ihm könne sie richtig gut reden, meist über Kunst, an der Wohnzimmerwand hänge neben den jungen Künstlern ein echter Richter, die beiden seien früher mal befreundet gewesen.
Jean Gontier, so heißt doch niemand in Deutschland, der Jahrgang 1941 ist, aber seinen richtigen Namen hat Claire nie erwähnt. Dafür seine grau-grünen Augen, in die ich noch nicht habe schauen können, denn er steht seitlich ein Stück vor mir, der Herr Oberstudienrat: schwarzer Rollkragenpulli, graue Cordhose, Halbglatze, weiße, nach hinten bis zu den Schultern flatternde Haare. Natürlich ein weißer Vollbart und eine randlose Titanbrille. Seinen Sekt schlürft er konzentriert. Ein paar Jahre zuvor hätte jemand aus solch bourgeoisem Milieu, beamtet, mit Eigenheim, nur Claires Hohn zu spüren bekommen.
Neben ihm steht Karl, Claires langjähriger Lebenspartner, der nie bei ihr gewohnt hat. Trotzdem war er immer anwesend oder schaute vorbei, wenn ich Claire in Mannheim besucht habe. Auch als sie längst, wie Claire es nannte, Bruder und Schwester geworden waren. Untersetzt, mit kräftigen Muskelpaketen, Hartz-IV-Empfänger, heute in einem abgetragenen Adidas-Trainingsanzug. Verschanzt hinter dicken Brillengläsern scheint er wenig um sich herum wahrzunehmen. Meistens schleppte er Kisten, holte Taschen ab, hängte Lampen um oder schob den Biedermeierschrank von einer Zimmerecke in die andere, bis nach Claires Ansicht das Licht seine Schönheit angemessen betonte. Das konnte sich am folgenden Morgen jedoch verändert haben. Bei Claires Umzügen mit ihrem Geschäft hatte er wohl die Hauptlast zu tragen. Ich habe Karl stöhnen und schimpfen gehört, doch einen Auftrag verweigert hat er in meiner Anwesenheit nie.
Claire behauptete, das liege an seinem Gewissen. Sie habe ihn als Künstler entdeckt, seinetwegen wieder als...




