Hahn | Eine Vorzeigefamilie | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 356 Seiten

Hahn Eine Vorzeigefamilie

Schein und Sein meiner Eltern
2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7583-8659-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Schein und Sein meiner Eltern

E-Book, Deutsch, 356 Seiten

ISBN: 978-3-7583-8659-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Vorzeigefamilie - Schein und Sein meiner Eltern Eine Familie aus dem Bilderbuch: Ein studierter Chemiker mit Doktortitel und eine ebenso fleißige wie fromme Ehefrau, perfekte Umgangsformen. Dazu drei Söhne, brav, gehorsam und pflegeleicht. Das jedenfalls ist das Bild, das die Außenwelt zu sehen bekommt. Doch hinter den verschlossenen Türen fällt die Maske. Eine Ehe, die nicht funktioniert, Alkoholismus, Demütigung, emotionale Kälte und Gewalt. Drei Brüder als zitternde Untertanen in einer Atmosphäre ständiger Angst. Wer in dieser Familie Liebe finden will, muss tief graben ... Eine deutsche Zeitreise über fünf Jahrzehnte: berührend, skurril, amüsant, erschütternd und tröstlich. Rochus Hahn arbeitete lange Jahre als Drehbuchautor für Film und Fernsehen. Aus seiner Feder stammen die Drehbücher zu "Das Wunder von Bern", "SketchUp", "Der Geschmack von Apfelkernen" Als Horst Brack, "der Bestrafer" moderierte R.Hahn 1989-1991 das Wrestling-Format "Catchup" bei RTL plus. Seit 2015 schreibt Rochus Hahn Unterhaltungs-Romane. Unter dem Pseudonym R.P. Hahn erscheinen Rügen-Krimis des Autoren bei Piper.

Rochus Hahn arbeitete über 30 Jahre als Drehbuchautor für Film und Fernsehen. Aus seiner Feder stammen die Drehbücher zu "Das Wunder von Bern", "SketchUp", "Der Geschmack von Apfelkernen" u.v.m. Er moderierte 1989-1991 das Wrestling-Format "Catchup", bei RTLplus als "Horst Brack, der Bestrafer". Seit 2015 schreibt er Romane. Unter anderem erschien das Abenteuerbuch für Mädchen "Die Silvergirls reiten wieder" und der Reiseroman "Die Kunst, Elch-Urin frisch zu halten". Unter dem Pseudonym "R.P. Hahn" schreibt Hahn eine auf Rügen spielende, fortlaufende Krimireihe wie "Der Korndämon" oder "Der Dünenteufel". Mit der vorliegenden biografischen Betrachtung seiner Eltern "Eine Vorzeigefamilie" verlässt Rochus Hahn zum ersten Mal die Belletristik und setzt sich mit seiner Familiengeschichte auseinander. Rochus Hahn ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit seiner Familie in Fulda.

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2. Kapitel: Neuanfang in Deutschland Eine neue Arbeitsstelle hatte mein Vater bereits in der Heimat, nur eine Wohnung fehlte noch. Deswegen kamen wir zuerst bei meinen Großeltern in Braunschweig unter. Anna Winner war aus der mütterlichen Linie und wir nannten sie „Große Oma“. Zu dieser Zeit lebte auch Opa Franz noch, ein gemütliches Dickerchen, das immer eine Zigarre im Mund hatte. Er war aber nicht der Chef im Ring. Anna Winner, eine resolute pommernstämmige Frau, gab den Ton an. Sehr groß war die Altbauwohnung im Altewiekring nicht, doch wir blieben dort einige Wochen, bis geklärt war, wo wir unterkommen würden. Das war noch eine Zeit, in der wir Kinder in Konservendosen pinkeln musste, wenn das Klo besetzt war, was schon mal vorkam. Und Toilettenpapier gab es auch nicht, mein Opa riss Zeitungen und Illustrierte in handliche Fetzen und man putzte sich damit die Kehrseite. Im Braunschweiger Land lebte auch Gerd Winner, der jüngere Bruder meiner Mutter. Er war zu der Zeit mit seiner ersten Frau Ingema zusammen und bereits in der Kunstszene etabliert. Mit seinen Siebdrucken von den „London Docks“ hatte er sich einen Namen gemacht, es gab schon Bildbände von ihm. Eigentlich waren Gerd und Ingema für uns Onkel und Tante, aber mein Vater bestand in seiner Verschrobenheit darauf, dass wir sie „Oheim“ und „Muhme“ zu nennen hätten. Das war sein Humor. Große Oma war tiefgläubig und hatte das an ihre Kinder weitergegeben. Deswegen war bei uns der sonntägliche Kirchgang obligatorisch. Die Messen wurden zu dieser Zeit noch in Latein abgehalten und ich fand sie furchtbar. Man war gezwungen, eine Stunde still zu sitzen und den immer gleichen Sermon über sich ergehen zu lassen. Auch mein Vater gesellte sich beim sonntäglichen Kirchgang dazu, aber es kam mir nicht so vor, als sei er bei der Sache. Es schien, als sei die Messe für ihn eine ähnlich nötige Pflichterfüllung wie die Abgabe der Steuererklärung. Vielleicht spielte mein Vater auch deswegen mit, weil es meiner Mutter sehr wichtig war. Sie nickte stets zu allem, was er sagte, aber bei einem Verstoß gegen die Christenpflicht ging sie auf die Barrikaden. Eine spirituelle Ader konnte ich in dieser Zeit bei meinem Vater nicht erkennen. Ich sah zwar, wie er in der Kirche sein Gebetbuch hielt, aber in seinem Alltag draußen spielte das Thema „Gott“, so wie ich es erlebte, nicht die geringste Rolle. Sehr viel später in seinem Leben, da ging er bereits auf die Siebzig zu, erzählte er mir, dass ihm bei einer Pilgerreise nach Fatima „die Augen geöffnet worden waren“. Ab da wurde er dann fromm. Folglich war sein Glauben vorher eher eine äußerliche Haltung gewesen. In der Zeit, in der wir im Altewiekring wohnten, gab es einmal einen Sonntagsausflug zum Löwenwall in Braunschweig. Dort steht ein Obelisk mit Steinlöwen drumherum. So lustig wie ein Rummelplatz mit Karussells und Autoscooter war das nicht. Meine Eltern forderten uns Kinder auf, doch auf die Löwen zu klettern, was wir taten. Ich hätte mir etwas Spannenderes vorstellen können, aber die Großen waren sich einig, dass es das Schönste für uns Kinder gewesen war, auf den Löwen zu reiten. Wir wurden nicht gefragt. Ich erinnere mich gut an diesen Tag, denn ich fing mir meine allererste Ohrfeige ein. Mein Vater verweigerte mir einen Wunsch, woraufhin ich sagte: „Du bist gemein“. Unvermittelt ohrfeigte er mich. Der herbe Schlag war aus dem Nichts gekommen. Ich war geschockt und konnte nicht sagen, womit ich diese Handgreiflichkeit verdient hatte. Ich reagierte eingeschüchtert und sagte nichts mehr. Insgeheim fand ich die Ohrfeige ungerecht. Diese Episode ist für mich um so bedeutsamer, weil ich weiß, dass mein Vater diese Züchtigung danach vergessen hat. Für mich, den kleinen Jungen, galt das nicht, das hat sich unauslöschlich eingeprägt. Angeblich sollen Elefanten nie vergessen, wenn sie jemand misshandelt. Ich weiß nicht, ob das stimmt, ich bin aber überzeugt, dass es für Kinder gilt. Jeder Schlag, den ich in meinem Leben bekommen habe, war eine Erschütterung meines ganzen Weltbildes und hat mich sehr lange nicht losgelassen. Die Eilenriede
Die Wohnung in der Eilenriede war unsere erste Bleibe in Hannover. Ich weiß das noch gut, weil dort unsere andere Großmutter bei uns einzog, Treppchen, die Kleine Oma. Elisabeth Hahn war eine sanfte Frau mit einem großen Herzen. Ich war gerne bei ihr. Mit Treppchen stand auch mein Vater in gutem Einvernehmen. Und ihr gegenüber saß ihm der Schalk im Nacken. Kleine Oma war eine Verfechterin von „guter Butter“. Margarine sah sie als neumodische Verirrung, die kam ihr nicht aufs Brot. Auch Große Oma sagte nicht einfach nur „Butter“, nein, man sprach nur von „guter Butter“. Mein Vater, der den Errungenschaften der Moderne als Chemiker recht aufgeschlossen gegenüberstand, schlug Treppchen vor, Margarine einfach mal zu probieren. Das lehnte die alte Frau ab. Bei uns gab es zum Abendbrot nämlich keine Butter, nur Rama. Die, mit ihren ungesättigten Fettsäuren, stand im Ruf, viel gesünder zu sein als gute Butter. Eines Abends bestrich mein Vater eine Brotscheibe mit Rama und servierte sie Treppchen, ohne das zu erwähnen. Da die Rama-Butter-Diskussion zwei Tage vorher stattgefunden hatte, war das Thema bei allen noch präsent. Nach dem Essen fragte mein Vater seine Mutter scheinheilig, wie das Brot ihr denn geschmeckt habe. Treppchen, in der Annahme eine Scheibe mit Butter gegessen zu haben, meinte, dass es heute besonders gut gewesen sei. Da trumpfte mein Vater lachend auf und verriet ihr, dass er Rama genommen hatte. Ich habe Kleine Oma nie böse gesehen, aber an diesem Abend war sie es. Sie schimpfte mit meinem Vater und bedingte sich aus, dass er in Zukunft nichts anderes als gute Butter auf das Brot streichen sollte. Mein Vater versprach es lachend, er hatte ja seine kleine Genugtuung gehabt. Ronnenberg
In der Eilenriede wohnten wir nicht lange, nicht einmal ein Jahr. Wir packten bald wieder unsere Sachen und zogen um. In Ronnenberg, einem Ort an der Peripherie Hannovers, begann eine längere Phase der Beständigkeit. Hier blieben wir über fünf Jahre. Es nahte die Zeit meiner Einschulung. So richtig heiß auf das Lernen war ich nicht, doch mein Vater machte uns schnell klar, was er von uns erwartete: In der Schule hatten wir uns anzustrengen. Mein Vater verließ an Arbeitstagen um halb acht das Haus und kam um siebzehn Uhr wieder. Anders als ich es heute von meiner Gegenwartsfamilie kenne, gab es am Abend Brot mit Belag. Mein Vater aß gerne Käse- oder Mettbrote, die er mit Zwiebeln belegte und mit süßem Paprika bestreute. Dazu genehmigte er sich ein kühles Bier. Er trank Herrenhäuser Pilsener, das damals noch nicht „premium“ war. Das Trinkgefäß seiner Wahl war eine Tulpe. Als Kriegskind war ihm der „Kampf dem Verderb“ in Fleisch und Blut übergegangen. Das führte dazu, dass er die Bierflaschen am Ende kopfüber in das dünnwandige Glas setzte, was eine wacklige Angelegenheit war, aber dazu führte, dass auch der letzte Tropfen den Weg ins Glas fand. Mein Vater, den wir Jungen nur „Daddy“ nannten, was ein Überbleibsel aus unserer Zeit in den USA war, trank jeden Abend vier Flaschen von seinem Herrenhäuser Pilsner. Manchmal gab es noch scharfen „Ratzeputz“ dazu oder einen Sliwowitz, aber richtig betrunken war mein Vater nie. Er ging zeitig zu Bett, meist zwischen 21 und 22 Uhr. Trotz des Rausches fand er nur schwer in den Schlaf. Und über die Nacht war er viel auf den Beinen. Er musste mehrmals zur Toilette, was natürlich an dem guten Pilsener lag Mein Vater rauchte auch. Das war mehr ein Prestige-Ding als eine Passion. Er wählte keine gängige Marke wie HB, Roth Händle oder Peter Stuyvesant, nein, es musste schon exklusiver sein. Seine Wahl fiel auf „Simon Arzt“, eine filterlose Zigarette mit ovalem Querschnitt, die in Blechschachteln gehandelt wurde und viel teurer war als normale Glimmstengel. Dabei handelte es sich um eine Orientzigarette, die man nur in speziellen Geschäften kaufen konnte. Mein Vater rauchte einmal in der Woche zwei Stück davon, natürlich am Sonntag. Dieses Ritual zelebrierte er richtig, denn er sah sich, nach seinem Auswanderer-Abenteuer, als einen Mann von Welt. In dieser Zeit war es noch kein Thema, dass man in seinen eigenen vier Wänden nicht rauchte, auch dann nicht, wenn man eine Familie hatte. Zwei Zigaretten in der Woche schlugen auch nicht groß zu Buche, es stank bei uns nicht nach Tabak. Als die Orientzigaretten wegen ihrer Schadstoffe irgendwann in den Achtzigern verboten wurden, stellte mein Vater das Rauchen kurzerhand ein. Ich weiß nicht, ob mein Vater schon immer zum Jähzorn geneigt hatte, aber nach der Rückkehr in die Heimat saß die Hand bei ihm locker. Er schlug uns, wenn wir nicht parierten, nicht jeden Tag, auch nicht jede Woche, aber oft genug, dass wir begannen, mächtig Respekt vor ihm zu haben. Irgendwann lebten wir dann in einer steten Atmosphäre der Angst. Es gab Dinge, die er nicht duldete. Dazu gehörte Albernheit. Ich würde meinen...



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