E-Book, Deutsch, Band 3, 344 Seiten
Reihe: Plaudern über Simenon
Hahn Baden gehen mit Simenon
2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-95495-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Plaudern-Lesebuch
E-Book, Deutsch, Band 3, 344 Seiten
Reihe: Plaudern über Simenon
ISBN: 978-3-347-95495-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ich müsste Potsdamern können, kann ich aber nicht. Oder nur, wenn ich mich ganz dolle anstrenge. Wenn ich ein paar Tage in der alten Heimat war, dann hört man es vielleicht heraus. In der alten Heimat - Potsdam - da wurde das Interesse an Simenon geweckt. Erst waren es die alten Filme mit Jean Richard (ich bin also zu jung für Rupert Davies), später dann die Bücher - die aber in der damaligen DDR eher rar waren. Es ging mit den Maigrets los, später wurde mein Interesse auch an den Non-Maigret-Romanen geweckt. Um meine Sammlung zu vervollständigen, kaufte ich eine Sammlung von fast hundert Büchern auf (für zweihundert Mark, was eine der cleversten Entscheidungen in meinem Leben war). Irgendwann fing ich an, auch diese zu lesen und darüber zu schreiben. Privat? Verheiratet, Dörfler, drei Katzen. 1996 startete die Webseite »Quai des Orfèvres«, die dann später zu maigret.de wurde - eine recht bekannt Webseite unter Simenon-Liebhabern. In den Jahren 2003 bis 2005 war ich an der Produktion der Jahrbücher der (damaligen) Simenon-Gesellschaft beteiligt. Im Jahr 2021 erschien das erste eigene Buch unter dem Titel »Plaudern über Simenon«.
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Vor verschlossener Tür
Zu den Dingen, die ich persönlich als großes Pech bezeichnen würde, gehörte mein plötzliches Ableben am Tag vor meinem Geburtstag. Schließlich hätte meine liebe Frau alle Geschenke gekauft und der Geburtstagstisch wäre gewiss präpariert. Würde sie mich in dem Augenblick einen undankbaren Kerl schimpfen, ich hätte großes Verständnis für sie.
Das habe ich mit meiner Frau besprochen und sie meinte nur »Genau!«. Dabei hielt sich die Hand vor den Kopf und es war ein leichtes Schütteln zu sehen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es könnte sein, dass sie der Gedanke, dass ich meine letzten an meinen Geschenketisch verschwenden könnte, nicht geheuer ist.
Keine Ahnung habe ich, was Théodore Faullain de Banville durch den Kopf ging, als er am 13. März 1891 - einen Tag vor seinem 68. Geburtstag für immer die Augen schloss. Was seine Frau Marie-Élisabeth Rochegrosse, die ihn um dreizehn Jahre überlebte, dazu meinte, ist nicht überliefert.
Die Banvilles stammten von der Küste, hatten sich aber schon lange Zeit vor der Geburt in Moulins niedergelassen. Der Vater war in der Marine gewesen. Offenbar war er viel in der Weltgeschichte unterwegs, denn er erkrankte zweimal an Malaria. Sein Abschied von der Seefahrt wird in Zusammenhang mit den Erkrankungen gebracht. Drei Jahre nach dem Ende seiner Marine-Laufbahn wurde er Vater eines Jungen. Dieser wurde im Alter von sieben Jahren nach Paris gebracht, um dort zur Schule zu gehen. Mit sechzehn entdeckte er seine Liebe zur Literatur, genauer gesagt zur Poesie und versuchte sich an seinen ersten Versen.
Ermutigt wurde er schon früh vom etwa zwanzig Jahre älteren Victor Hugo.
Seine berufliche Laufbahn wurde von der Familie vorgegeben: Banville studierte Jura bis 1842 und schloss das Studium erfolgreich ab. Ein großer Rechtsgelehrter wurde er nicht. Stattdessen entwickelte sich zu einem der bedeutendsten und beliebtesten Poeten seiner Zeit in Frankreich. Er wird den Romantikern zugerechnet, aber auch den Parnassiens, eine Richtung der Lyrik, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich entstand.
Wichtig war den Parnassians Formstrenge und Gefühllosigkeit, was insofern irritieren ist, da er als »Dichter des Glücks« tituliert wurde. Festzuhalten ist auf jeden Fall, dass Banville der Meinung war, dass Realismus in der Lyrik nichts zu suchen habe.
Seiner Feder entsprangen verschiedene Theaterstücke. Ein Roman erschien kurz vor seinem Tod. Darüber hinaus, von irgendetwas muss der Mensch leben, war er für Zeitschriften sowohl als Kritiker wie auch als Kolumnist tätig.
Kein guter Ruf
Das Gymnasium in Moulins hat stattliche 220 Jahre auf dem Buckel. Es gilt als eine der ältesten Oberschulen Frankreichs. Napoléon selbst kam nach Moulins, um die Bildungsanstalt einzuweihen. Das Gelände war zuvor ein Kloster gewesen und so wundert es auch nicht, dass der Schule eine Kapelle angeschlossen war – offiziell gehörte diese bis 1998 zum Schulkomplex. Heute wird die Kirche von der Stadt betreut und ist gelegentlich zu besichtigen.
Wer das Gymnasium in den ersten neunzig Jahren besuchte durfte, hatte es nicht leicht. Es gab weder eine Heizung noch warmes Wasser. Die Toiletten befanden sich nicht im Gebäude. Mit dem Tragen der Schuluniform mochte man sich noch abfinden, die Regeln waren strikt und es herrschte militärische Disziplin.
Mit Beginn der 90er-Jahre des 19. Jahrhunderts wurde das Regime gelockert. Wenn nicht, wäre es auch unverständlich, warum das Gymnasium nach einem der berühmtesten Söhne der Stadt, Théodore de Banville, benannt wurde und nicht nach einem Militär. Der Dichter dürfte es weniger mit der Zucht und Ordnung gehabt haben. Seit 1895 trug das Gymnasium den Namen des Wahl-Parisers.
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In der Liste der ehemaligen Schüler und Lehrer dieser Institution befinden sich zwei, deren Name auch Nicht-Franzosen etwas sagen.(1)
Der erste Name ist mit der jüngeren, leider schrecklichen Geschichte verbunden: Samuel Paty besuchte drei Jahre die Schule. 2020 wurde der Geschichte- und Geografie-Lehrer bei einem Terror-Anschlag beim Verlassen seiner Schule in Conflans-Saint-Honorine (in der Nähe von Paris) ermordet. Ein fehlgeleiteter Möchtegern-Gläubiger enthauptete den beliebten und angesehenen Lehrer.
Der Besuch der zweiten Persönlichkeit war rein fiktiv: Jules Maigret.
Da der Schulbesuch 1899 begann(2), hatte das Gymnasium seinen neuen Namen und er dürfte schon von den ersten baulichen Verbesserungen profitiert haben. Ganz so hart wie in den frühen Jahren können die Schulstunden für den späteren Kommissar nicht gewesen sein.
In Moulins
Bevor ich nun offiziell für verrückt erklärt werde: Moulins ist wirklich ein hübsches Städtchen, anders kann ich es nicht sagen. Der Stadtkern hat die reizenden Fachwerkbauten, die alle Welt toll findet. Die Franzosen selbst, wenn sie nicht gerade in der Großstadt leben, empfinden das als »total normal« und können nicht verstehen, warum manche Menschen über Teich gejettet kommen, um diese hier in Europa zu bestaunen. Geht vermutlich in Deutschland auch manchem so.
Dazu kommen noch ein paar sehenswerte Kirchen und von der Allier hat man einen reizenden Blick auf das Städtchen.
Die Kombination aus »ansprechend« und »klein« ließ mich die Stadt aufsuchen und natürlich auch das Gymnasium. Der Erfolg? Durchwachsen. Vielleicht ist es nicht besonders clever, an einem Freitagnachmittag dort aufzutauchen. Es war der einzige Tag dieses Frankreich-Aufenthaltes, an dem es ausgiebig regnete (und wir waren ohne Regenjacken) unterwegs. Sonst wären wir schon früher vor Maigrets Lernstätte aufgetaucht. Dann marschierten wir auch noch falsch herum um das Karree. Was jedoch nicht ganz stimmt. Heute ist das Portal, über das Maigret die Schule betreten hätte, verschlossen – ich habe diesen Zugang zwar gesehen, aber nicht fotografiert.(3) So bleibt nur eine historische Abbildung, wie sie auf Seite 69 zu sehen ist.
Aber der Reihe nach.
Der heutige offizielle Eingang liegt zentral am Cours Vincent d‘Indy. Vor diesem befindet sich eine Bushaltestelle und der Zugang ist groß genung, dass die Schüler ohne Drängeln in die Schule eintreten können. Das wäre bei dem historischen Zugang nicht gewährleistet.
Kommt man zu einer ungünstigen Zeit, so ist das Tor zu und Eintrittswillige haben zu klingeln, woraufhin ein Summer ertönt. Wer nun meint, es geschafft zu haben, steht vor metallenen Drehtüren, die nur mit einem Ausweis den Eintritt freigeben. Schüler haben den, Maigret-Fans üblicherweise nicht. Vielleicht hätte man sich eine Führung organisieren können, aber an einem Freitag-Nachmittag …
Wir standen nicht vor diesem, sondern kreuzten die Straße Rue du Lycée … und dachten uns: Ja, das wird wohl die Straße sein. Wahr leider ein Fehlschluss, denn die Feldstraße in Kiel führt genauso wenig zu einem Feld, wie die Straßen des Friedens zum Frieden führen. Dabei kamen wir übrigens am Hôtel de Paris vorbei, welches heute ein Mercure-Hotel ist und bei Simenon ebenfalls Erwähnung findet(4) – was ich aber erst entdeckte, als in der häuslichen Bibliothek saß.(3) Wir bogen dann in die Rue de Paris ein und dass man nicht so falsch ist, sahen wir daran, dass wir an der früher zur Schule gehörenden Kapelle vorbeikamen. Nun kommt man zu dem schon erwähnten alten Zugang. Es ist das sogenannte »Ehrenportal« (»Portail d‘honneur du lycée«) und führt in den
Ehrenhof, den ich aber durch Gitter beschauen konnte. Die Unterschiede zu den alten Aufnahmen sind nicht frappierend. Heute stehen in dem Hof Fahrräder. Die hätte man früher vor hochrangigem Besuch beiseite geräumt.
Geht man die Straße weiter herunter, steht man vor einem alten Stadttor (oder was davon übrig ist) und kann sich dann nach links wenden. Damit ist man im Cours de Bercy und findet wiederum keinen Zugang zur Schule. Der kommt erst nach der nächsten Ecke – wenn einem ein Termin, ein Schüler- oder Lehrer-Ausweis fehlt, wird man aber nicht weiterkommen.
So ganz hatte unser Herbergsvater nicht recht mit seiner Antwort auf die Frage, ob man das Gymnasium besichtigen könne – kein Problem, meinte er, das würde gehen. Aber ich empfand es trotzdem nicht als Enttäuschung. Wenn man die Lehrstätte einer fiktiven Figur betrachtet, kann man ein paar Abstriche machen.
Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn ich Harry Potter-Fan wäre. Schwieriger auf jeden Fall.
(1) Die Tatsache, dass die anderen prominenten Herrschaften mir unbekannt erscheinen, wird weniger an deren mangelnden Verdiensten...




