E-Book, Deutsch, 286 Seiten
Hagner Der Geist bei der Arbeit
2. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8353-0667-7
Verlag: Wallstein Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection
Historische Untersuchungen zur Hirnforschung
E-Book, Deutsch, 286 Seiten
ISBN: 978-3-8353-0667-7
Verlag: Wallstein Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection
Michael Hagner, geb. 1960, ist Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich. Veröffentlichungen: Homo cerebralis. Der Wandel vom Seelenorgan zum Gehirn (1997), Ansichten der Wissenschaftsgeschichte (Hg., 2001), Einstein on the Beach. Der Physiker als Phänomen (Hg., 2005).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Inhalt;5
2;Einleitung;7
3;Brave Neuro Worlds;17
3.1;Jahrhundert des Gehirns?;17
3.2;Voraussagen: Mogelpackungen und Trojanische Pferde;22
3.3;Die Uneinheitlichkeit des Wissens, oder: Das Gehirn als Fetisch;26
3.4;Konstruktionen der Hirnforschung: Das Richtige im Falschen und das Falsche im Wahren?;29
3.5;Revolutionen in den Neurowissenschaften;34
4;Von stotternden Aufklärern und stockenden Sprachmaschinen;38
4.1;Sprachen im Gehirn;38
4.2;Berliner Sprachdebatte I (vor 1800);41
4.3;Gehirn und Sprache in Paris (1808/1861);49
4.4;Berliner Sprachdebatte II (vor 1900);53
5;Wandel und Beharrlichkeit in der Geschichte der Migräne;59
5.1;Migräne als physisches und kulturelles Phänomen;59
5.2;Eine sehr kurze Geschichte der Migräne von der Antike bis zum 19. Jahrhundert;62
5.3;Wissenschaftlermigräne, oder: Die Experimentalisierung des eigenen Lebens;69
5.4;Gelehrtenmigräne: Mythos, Metapher und Katharsis;77
5.5;Gendermigräne;80
5.6;Historische Diagnosen, subjektive Zickzackmuster und das Gehirn;84
6;Kriegsgesichter, Kriegsgehirne. Zur Deformation des Kopfes im Ersten Weltkrieg;94
6.1;Kriegsversehrte: Eine Ortsbestimmung;94
6.2;Gesichtsschüsse;100
6.3;Gehirnschüsse;115
7;Vsevolod Pudovkins Mechanik des Gehirns – Film als psychophysiologisches Experiment;124
7.1;Eine filmische Experimentalanordnung;124
7.2;Aufmerksamkeit als Gegenstand der Psychophysiologie des Films;128
7.3;Natur, Labor, Klinik, Filmstudio;133
7.4;Reflexologie und Film;138
8;Anthropologische Objekte. Die Wissenschaft vom Menschen im Museum;143
8.1;Schädel in der Unterwelt;143
8.2;Anthropologische Schädel;145
8.3;Knocheninszenierung;152
8.4;Bolschewistengehirne;157
8.5;Was tun mit anthropologischen Objekten?;160
9;Der Geist bei der Arbeit. Die visuelle Repräsentation cerebraler Prozesse;164
9.1;Hirnbilder;164
9.2;Morphologische und funktionale Visualisierungen des Gehirns;170
9.3;Homunculus cerebri;180
9.4;Neuroimaging als nach innen gewendete Physiognomik;187
10;Bilder der Kybernetik: Diagramm und Anthropologie, Schaltung und Nervensystem;195
10.1;Das Bild einer Wissenschaft der Modelle;195
10.2;Kybernetik und Anthropologie;201
10.3;Schaltung und Nervensystem;205
10.4;Kybernetische Antiphysiognomik;209
10.5;Anthropologie und Kybernetik;216
10.6;Ikonophilie der Hirnbilder;219
11;Gedankenlesen, Gehirnspiegel, Neuroimaging. Einblick ins Gehirn oder in den Geist?;223
11.1;Das Unheimliche;223
11.2;Hervorgezerrte Gedanken;226
11.3;Das Regime der Optik;228
11.4;Gedanken und Gehirnströme;238
11.5;Gedankenlesen heute;241
12;Epilog, oder: Willensfreie Menschen im Labor, Fallibilismus und die neue Biologie des Geistes;246
13;Nachbemerkung und Drucknachweise;261
14;Literaturverzeichnis;263
15;Abbildungsnachweise;280
16;Personenregister;281
(S. 7)
Dem Geist bei der Arbeit zusehen – das ist eine Formulierung, die ein großes Versprechen enthält. Man hat sie in den letzten Jahren häufiger gehört, wenn von den neuen visuellen Untersuchungsmethoden der kognitiven Neurowissenschaften die Rede war. Mit Hilfe des Neuroimaging, so heißt es immer wieder, werden Stoffwechselprozesse und neuronale Aktivitätsmuster in Echtzeit abgebildet, die einen unmittelbaren Einblick geben in die Welt des Denkens und der Gefühle.
Man könnte daraus den Schluß ziehen, daß diese neuen Verfahren das Fenster zu den geistigen Prozessen geöffnet haben und daß sich Neurowissenschaftler überhaupt erst seit wenigen Jahren trauen, Phänomene wie Bewußtsein, Emotionen, Gedanken oder Vorstellungen zu ihrem Untersuchungsgegenstand zu machen. Eine solche Sichtweise, die durch manche euphorische Rhetorik über eine Revolution in den Neurowissenschaften und durch Online-Datenbanken genährt wird, die höchstens 10 Jahre alte Literatur enthalten, ist irreführend.
Hirnforscher haben sich schon lange vorher für den Geist bei der Arbeit interessiert. Sie verfügten nicht über die gleichen Technologien wie ihre Nachfolger heute, doch ihre theoretischen Annahmen, Hypothesen und Absichten waren kaum weniger ambitioniert. Auch sie betrachteten den Geist als ein biologisches Phänomen, das den quantitativen Verfahren der Naturwissenschaften zugänglich ist.
Wie lassen sich aus diesen Ähnlichkeiten, die noch keine unmittelbare Nachbarschaft bedeuten, Verbindungspfade finden zwischen der vergangenen und der heutigen Forschung?
Gewiß versteht man die Entstehung, Durchsetzung, Veränderung, Zirkulation und Verabschiedung einer Idee, eines Modellobjekts oder eines Verfahrens nur in einem jeweiligen historischen Kontext. Weder die computergestützte Technologie des Neuroimaging noch die molekularbiologische Untersuchung synaptischer Prozesse sind aus historischen Ereignissen herzuleiten, die länger als 30 bis 40 Jahre zurückliegen.
Auch die allgemeine gegenwärtige Faszination von der Hirnforschung ist nicht unmittelbar aus der Vergangenheit ableitbar, sondern kann nur aus Bedürfnissen und Interessen der Gegenwart heraus erklärt werden. Trotz dieses Umstands sollte das, was diese gegenwärtigen Forschungen inklusive ihres öffentlichen Zuspruchs ausmacht, nicht auf ihre technologischen Bedingungen und auch nicht auf wirkliche oder vermeintliche neue Entdeckungen und Erkenntnisse reduziert werden.
Auch heute noch sind Postulate, Theorien und Werte forschungsrelevant und öffentlichkeitswirksam, die weiter zurückreichen und bereits mehrere historische Konjunkturen hatten, dann zurückgedrängt wurden und nach einer gewissen Latenzzeit in etwas veränderter Gestalt wieder hervorgeholt wurden.
Daten, die mit den allerneuesten technologischen Verfahren erhoben werden, finden sich zum Teil in einem Interpretationshorizont wieder, der wesentlich älter ist. Wie sind solche Überlagerungen von verschiedenen Zeitschichten in einer Wissenschaft erklärbar? Am ehesten dadurch, daß man von längerfristigen Phänomenen ausgeht, die über ihre jeweilige historische Implementierung hinaus stabil bleiben, wobei Stabilität nicht bedeutet, daß sie zu jeder Zeit die gleiche erkenntnisleitende Funktion hätten.
Insofern unterscheiden sie sich von Naturgesetzen, Regeln oder Gleichungen, denen eine stärkere Robustheit bzw. Unveränderlichkeit zugesprochen wird. Mir geht es hier um bestimmte Annahmen, Sichtweisen, Deutungsangebote und Zukunftsvisionen, die nicht für die gesamte Hirnforschung verbindlich sind. Doch in den kognitiven Neurowissenschaften begründen und unterhalten sie Traditionen, und sie bewirken, daß Forschungsprojekte, selbst wenn sie in einem ganz anderen Zusammenhang entstanden sind, sich dieser Traditionen bewußt oder unbewußt bedienen.




