E-Book, Deutsch, 152 Seiten
Haffner Der Selbstmord des Deutschen Reichs
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-561003-9
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 152 Seiten
ISBN: 978-3-10-561003-9
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
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Sebastian Haffner, geboren 1907 in Berlin, war promovierter Jurist. Er emigrierte 1938 nach England, wo er als Journalist und Schriftsteller arbeitete. 1954 kehrte er als Korrespondent für den »Observer« nach Deutschland zurück und schrieb später für die »Welt« und den »Stern«.
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1 Die außenpolitische Konzeption Adolf Hitlers
Hitlers Reichsidee, eine verblüffende Synthese von Nationalismus und Imperialismus, ist auf der ersten Seite von unübertrefflich formuliert: »Erst wenn des Reiches Grenze auch den letzten Deutschen umschließt, ohne mehr die Sicherheit seiner Ernährung bieten zu können, ersteht aus der Not des eigenen Volkes das moralische Recht zur Erwerbung fremden Grund und Bodens. Der Pflug ist dann das Schwert, und aus den Tränen des Krieges erwächst für die Nachwelt das tägliche Brot.«
Das klingt einigermaßen atemraubend, aber als Wunschziel dürften die meisten Deutschen der zwanziger Jahre wenig daran auszusetzen gehabt haben. Die Verknüpfung von Nationalismus und Imperialismus entsprach dem populären politischen Weltbild der Epoche des Ersten Weltkrieges – nicht nur in Deutschland. Das Zusammenfallen von Staats- und Volksgrenzen wurde allgemein als eine Art Naturrecht empfunden; und als ebenso selbstverständlich sah man den Wettkampf der nationalen Großmächte um territoriale Ausdehnung und Weltreichbildung an, ohne sich viel daran zu stoßen, daß damit den kleineren und schwächeren Nationen das Recht zu eigener Nationalstaatlichkeit inkonsequenterweise wieder abgesprochen wurde.
Die Deutschen, die spät ihren Nationalstaat gegründet hatten, noch später in die »Weltpolitik« eingetreten waren und sich durch den Ausgang des Ersten Weltkriegs in ihren nationalen ebenso wie in ihren imperialen Bestrebungen frustriert und diskriminiert fanden, hatten nichts gegen ein Großdeutsches Reich einzuwenden, dessen Grenze »auch den letzten Deutschen umschließt«, und auch nichts dagegen, daß dieses Reich dann sozusagen wieder in der imperialistischen Weltliga mitspielte. Nur waren ihre Pläne nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg recht bescheiden geworden; zu diesem Traumziel sahen sie keinen erfolgversprechenden Weg. Aber Hitler sah ihn – und als sich dieser Weg dann als gangbar zu erweisen schien, gab es kaum mehr jemanden in Deutschland, der nicht bereit war, ihn mitzugehen.
Auf die kürzeste Formel gebracht, hieß Hitlers außenpolitische Konzeption: Festes Dauerbündnis mit England und Italien; Isolierung und, wenn nötig, kriegerische Ausschaltung Frankreichs; und dann – mit fester Rückendeckung durch England und Italien und unter partnerschaftlicher Beteiligung Polens, Ungarns und Rumäniens – Eroberung, Unterwerfung und Kolonisierung Rußlands.
Diese Konzeption hatte er in den Jahren 1920 bis 1924 nach und nach erarbeitet. In den folgenden fünfzehn Jahren erfuhr sie kaum eine Veränderung. Von 1933 bis 1938 bildete sie das feste Gedankengerüst seiner anfangs höchst erfolgreichen Außenpolitik, wobei nur der Gedanke des »vorbereitenden« Krieges gegen Frankreich mehr und mehr in den Hintergrund trat. Erst 1939 zeigte sich, daß diese Konzeption in einem ihrer Kernpunkte – England – eine verhängnisvolle Fehlkalkulation enthielt.
Der Kern der Hitlerschen Konzeption war die Eroberung Rußlands, aber der neue Dreibund Deutschland-England-Italien war ein ebenso origineller und ebenso wichtiger Baustein seines außenpolitischen Gedankengebäudes. Er bildete die unerläßliche Voraussetzung und Absicherung des Ostzuges, und umgekehrt sollte die ausschließliche Stoßrichtung Deutschlands nach dem Osten und der Verzicht auf jeden anderen territorialen Ehrgeiz auch wieder als Bindemittel für den Dreibund dienen.
Man täte Hitler Unrecht, wenn man diese neuartige Bündnispolitik nur auf ideologische Sympathien mit dem faschistischen Italien und auf Rassenvorurteile zugunsten des »nordischen« England zurückführen wollte. In seinem Konzept steckte durchaus kalt-rationales außenpolitisches Kalkül, freilich auf der Grundlage rein imperialistischen Denkens. »Völkerschicksale werden fest aneinandergeschmiedet«, schrieb er, »nur durch die Aussicht eines gemeinsamen Erfolges im Sinne gemeinsamer Erwerbungen, Eroberungen, kurz einer beiderseitigen Machterweiterung.«[1]
Bündnisse waren für Hitler immer Bündnisse zwischen Räubern – aber zwischen Räubern, die einander nicht ins Gehege kamen und sich bei ihren Raubzügen gegenseitig Rückendeckung geben konnten. So betrachtet, schienen ihm England, Italien und Deutschland als imperialistische Mächte naturgegebene Partner, weil ihre Expansionsbestrebungen in verschiedene Richtungen zielten: England wollte nach Übersee, Italien nach Süden in den Mittelmeerraum, Deutschland aber (in Hitlers Vorstellung) ausschließlich nach Osten, nach Rußland. Man kann nicht sagen, daß das eine ganz unrealistische Vorstellung war.
Hitler war auch – darin zeigte er sich durchaus als Staatsmann – bereit, um der erstrebten deutsch-englisch-italienischen Interessengemeinschaft willen Opfer in Kauf zu nehmen und störende Konfliktmöglichkeiten durch großzügigen Verzicht auszuräumen. »Mit Italien, das seine nationale Wiedergeburt erlebt und eine große Zukunft hat«, schrieb er, »muß Deutschland zusammengehen. Dazu ist nötig ein klarer und bündiger Verzicht Deutschlands auf die Deutschen in Südtirol. Das Geschwätz über Südtirol, die leeren Proteste gegen die Faschisten schaden uns nur, da sie uns Italien entfremden. In der Politik gibt es keine Sentiments, sondern nur Kaltschnäuzigkeit.«
Gegenüber England war sogar noch weit mehr Umdenken und Zurückstecken nötig. »Für eine solche Politik [›Bodenpolitik‹ auf Kosten Rußlands] gab es in Europa nur einen einzigen Bundesgenossen: England. Englands Geneigtheit zu gewinnen durfte dann aber kein Opfer zu groß sein. Es war auf Kolonien und Seegeltung zu verzichten, der britischen Industrie aber die Konkurrenz zu ersparen.« Hitler kleidete seine Argumente hier in die Form einer Kritik an der »Weltpolitik« des kaiserlichen Deutschland und schrieb in der Vergangenheitsform; aber er sprach von der Zukunft, und er hielt sich in den Jahren nach 1933 an sein Rezept: Er blieb immer uninteressiert an Überseekolonien, er beschränkte die deutsche Flotte durch Vertrag mit England auf ein Drittel der britischen, und sogar die industrielle Konkurrenz mit England drosselte er, indem er den deutschen Außenhandel nach Südosteuropa lenkte.
England und Italien waren also für Hitler die Partner und Freunde, die das Deutsche Reich auf seinem Wege zu neuer imperialer Größe brauchte. Frankreich und Rußland waren in seiner Konzeption die unvermeidlichen, vorbestimmten Feinde, die es kriegerisch zu unterwerfen und zu vernichten galt. Dabei bestand aber doch zwischen beiden in Hitlers Gedankengängen ein erheblicher Unterschied.
Die Eroberung, Unterwerfung und deutsche Besiedlung Rußlands war für Hitler das eigentliche, »unverrückbare« Ziel seiner Politik, dem alles andere diente. »Diese Aktion ist die einzige, die vor Gott und unserer deutschen Nachwelt einen Bluteinsatz gerechtfertigt erscheinen läßt.« Um sie drehte sich alles, auf sie war alles abgestellt. Für Hitler lag die deutsche Zukunft in Rußland, so wie sie für Kaiser Wilhelm II. auf dem Wasser gelegen hatte.
Trotz der soviel größeren russischen Bevölkerungszahl, trotz des bekannten russischen Patriotismus und der oft bewährten russischen Kriegstüchtigkeit zweifelte Hitler nicht am Gelingen dieses ungeheuerlichen Eroberungsplanes. »Das Schicksal selbst scheint uns hier einen Fingerzeig geben zu wollen. Indem es Rußland dem Bolschewismus überantwortete, raubte es dem russischen Volke jene Intelligenz, die bisher dessen staatlichen Bestand herbeiführte und garantierte … Das Riesenreich im Osten ist reif zum Zusammenbruch.«
Gerechterweise muß man feststellen, daß die Unterschätzung des bolschewistischen Rußland keine Privatmarotte Hitlers war, sondern damals in der ganzen Welt geteilt wurde. Schließlich war die Erinnerung an das Jahr 1918, als das Riesenreich schon einmal zusammengebrochen und zur wehrlosen Beute Deutschlands geworden war, noch frisch.
Nur die deutsche Niederlage im Westen hatte 1918 die Existenz Rußlands gerettet – und die Wiederholung einer solchen Westniederlage wollte Hitler ja eben durch das Bündnis mit England und Italien von vornherein ausschließen.
Wie auch immer: Rußland war Hitlers eigentliches Objekt, das exklusive Ziel, das er dem erneuerten deutschen Imperialismus setzte. Es war für Hitlers Deutschland und für Hitler selbst ein Feind, nicht weil es ihn bedrohte oder auch nur störte, sondern weil er es haben wollte.
Anders Frankreich. Frankreich war in Hitlers Augen kein künftiger deutscher »Lebensraum«, er wollte es nicht haben, und selbst wenn er von der »Vernichtung« Frankreichs sprach, blieb immer ein wenig unklar, was er sich darunter genau vorstellte. Frankreich war für Hitler ein Feind, weil es einen so riesenhaften Machtzuwachs Deutschlands, wie ihn Hitler plante, aus seiner eigenen Interessenlage heraus nicht dulden konnte und weil es daher für Deutschland bei dem beabsichtigten Ostzug eine Gefahr im Rücken darstellte. Anders als im Falle Englands und Italiens glaubte Hitler nicht, Frankreich seine natürliche Gegnerschaft abkaufen und einen Partner und Raubkumpan aus ihm machen zu können. Daher hielt er einen Krieg gegen Frankreich für unumgänglich; aber eigentliche Kriegsziele verband er damit nicht. Für Hitler war »das ewige und an sich so unfruchtbare Ringen zwischen uns und Frankreich« sinnvoll nur »unter der Voraussetzung, daß Deutschland in der Vernichtung Frankreichs wirklich nur ein Mittel sieht, um danach unserem Volke endlich an anderer Stelle...




