Haferburg | Wohn-Haft | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 520 Seiten

Haferburg Wohn-Haft

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-939832-62-1
Verlag: KUUUK
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 520 Seiten

ISBN: 978-3-939832-62-1
Verlag: KUUUK
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wohn-Haft ist ein Roman, der auf einer wahren Geschichte basiert. Der Leser taucht in den Alltag der DDR-Jahre ein. Er begegnet Menschen, die in dieses Land hineingeboren wurden und die sich hinter der Mauer einrichten müssen. Manche sind stark, wie die junge Lehrerin Sigi, deren Schicksal wie zufällig mit dem System kollidiert. Liebe trifft auf Dummheit und Hass. Manche sind zu schwach, den Verlockungen der Menschenfänger zu widerstehen. Wir lernen den blonden Wikinger Paul kennen, den das System zum Verräter an sich selbst und seinen Freunden macht. Manni, die Hauptfigur, begehrt auf. Aus dem Mitläufer wächst ein Mann, der versucht zu widerstehen. Wer sich nicht beugt, muss zerbrochen werden. Er wird verraten, zersetzt, gefangen und eingekerkert. Wir leiden mit im aussichtslosen Kampf des Einzelnen gegen das übermächtige System.

Die Geschichte bietet aber auch Einblicke ins Innenleben eines schier allmächtigen Apparates. Fasziniert folgen wir den Bonzen und Schergen bis in den Kopf hinein. Spitzel sind auf Spitzel angesetzt. Abgestoßen lesen wir von der Intelligenz des Bösen, von dessen Gemeinheit und Schläue. Eine Lehrstunde über totalitäre „Systeme“, wie sie als Gesamtheit funktionieren, samt genauer Beschreibungen einzelner Rädchen. Der Autor erzählt packend von menschlichen Stärken und Schwächen in einem menschenverachtenden System, dass man fast atemlos weiterliest. Dieser Roman ist so gesättigt mit realem Leben, dass man den Takt der untergegangenen Welt beim Lesen nachspüren und nacherleben kann. Wir werden erfahren, was wir eigentlich schon immer ahnten – am Ende sind Menschlichkeit und Liebe stärker als jede Diktatur.

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Zielgruppe


1. Alle Menschen, die sich für das reale (alltägliche) Leben in der DDR interessieren.
2. Alle Menschen, die lesen wollen, warum Menschen auf den Gedanken zur Flucht kommen.
3. Alle Menschen, die quasi originale Dokumente der Stasi als Teil eines Romanes lesen wollen.
4. Alle Menschen, die wissen wollen, wie der Alltag in einem Atomkraftwerk der DDR war, aus Sicht der Ingenieure und Berufstätigen dort.
5. Alle Menschen, die über einen Fluchtversuch lesen wollen.
6. Alle Menschen, die etwas über die schlimmen Haftbedingungen in Hohenschönhausen (Berlin) lernen mögen.
7. Alle Menschen, die auch in die Köpfe von Funktionären eintauchen wollen, weil der Roman verschiedene Personengruppen wiedergibt.
8. Alle Menschen, die lesen wollen, wie man in der DDR sich überhaupt ein klappriges Häuslein renovieren konnte und Baustoffe dafür zu organisieren versuchte.
9. Alle Menschen, die ein breites Bild von den Lebensgefühlen diverser Menschen im Norden der DDR (Raum Greifswald) bekommen möchten.

Weitere Infos & Material


Vorwort


Von Wolf Biermann

Wenn ich demnächst in die Höllen des Himmelreichs komme, werde ich dem gehörnten Gott eine gute und eine schlechte Nachricht überbringen können, denn ich habe die Lektion auf Erden am eigenen Leibe: in der Nazizeit und dann in Ost und West erlebt. Die gute Nachricht: Eine Diktatur macht nicht aus allen Menschen Schweine. Die schlechte: Eine Demokratie macht nicht aus allen Schweinen Menschen.

Den ersten Teil dieser dialektischen Erfahrung liefert uns nun mein Freund Manfred Haferburg schwarz auf weiß, denn er hat einen besonders häßlichen und verrückten Teil seiner DDR-Geschichte schön vernünftig aufgeschrieben. Ich hätte sogar ein ideales Motto für sein Buch:

Wir achten eine Geschichte, die einmal die unsrige war, viel zu wenig, und doch werden die Zeittropfen, durch die wir schwimmen, erst in der Ferne der Erinnerung zum Regenbogen des Genusses.

Jean Paul, Roman „Hesperus oder 45 Hundposttage“

Dieses Wort vom genialen Frühromantiker paßt wie die Faust aufs Auge zu den Erinnerungen des AKW-Ingenieurs aus der DDR. Seine Geschichte nennt der Autor einen Roman. Er liefert uns, ganz nebenbei, eine aufschlußreiche Innenansicht eines realsozialistischen Kernkraftwerkes russischer Bauart. Und die Klarnamen darin hat er offensichtlich enigmatisiert. Ich vermute den Grund: der Autor will womöglich leidige Prozesse wegen Beleidigung und Verleumdung mit Zeitgenossen vermeiden, Rechtsstreit mit den immer noch lebenden Untoten der verreckten DDR-Diktatur. „Zeittropfen“ – dieses Wort von Jean Paul gefällt mir. Es erinnert ja auch an den Vierzeiler des jungen Hölderlin:

Wie schnell ists ausgeronnen

Diß karge Tröpfchen Zeit

Dann mischt in unsre Wonnen

Sich nimmer Harm und Leid.

Schön altmodisch also, dieses Wort „Zeittropfen“ ! Heute, zweihundert Jahre später – wie Brecht schrieb: „in den finsteren Zeiten“ – sind die Tropfen besonders blutrot vom millionenfach vergossenen Blut des 20. Jahrhunderts, sind ein ganzes Totes Meer voll salziger Tränen, sind pisse-gelb und todes-angstschweiß-naß. Und trotz alledem sind die hier dokumentierten DDR-„Zeittropfen“ für mich beim Lesen des Buches „ ... in der ... Erinnerung zum Regenbogen eines Genusses“ geworden. Es ist allerdings der knochenkarge Genuss an der Wahrheit über die Diktatur – oder wie mein toter Freund Jürgen Fuchs es treffend nannte: die Wahrheit über „Die Landschaften der Lüge“ .

Der Autor hatte mich nun aber nicht um irgendein passendes Motto gebeten, sondern um einen Freundschaftsdienst: ein Vorwort zum Leseranlocken. Das Motto für seinen Doku-Roman bastelte er sich selber, eine Art Blanko-Allerwelts-Widmung:

Für alle diejenigen, die trotz ihrer Angst

der Diktatur des Proletariats

die Stirn geboten haben

Sympathisch! Ja ja, und anrührend! Beim zweiten Lesen provoziert diese Formulierung dann aber doch meinen Einspruch. Was der Autor Manfred Haferburg da die „Diktatur des Proletariats“ schimpft, das war im Osten Deutschlands, genau so wie in der Sowjetunion, wohl eine Diktatur. Aber es war eine Diktatur nicht des, sondern eine über das Proletariat. Der deutsche Realsozialismus existierte von Anfang bis Ende nur als eine totalitäre Diktatur mit besonderer Härte gegen das arbeitende Volk. Dieses Ulbricht-Honecker-Mielke-Krenz-Gysi-Regime, das Manfred Haferburg hier schildert, war eine rotlackierte Menschenbrechmaschine in sowjetischer Lizenz gebaut. Das Volk schuftete in Volkseigenen Fabriken, die ja nie dem Volke gehörten. Und die DDR war auch ein brutales Joch für all die entbauerten Bauern in der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft), die zu sozialistischen Leibeigenen geprügelt worden waren. Die DDR war freilich auch ein Kontroll- und Strafapparat gegen die Intellektuellen. Und all den prometheuselnden Poeten und picassoversauten Malern und west-dekadenten Musikern wurde fürsorglich nicht die gallige Leber, sondern das Herz jeden Tag aus dem Rippenkäfig gerissen und gefressen, das erledigten Mielkes Aasgeier der Gehirnpolizei.

Mir gefällt, daß der Haferburg in seinem Motto schreibt: „Für alle diejenigen, die trotz ihrer Angst ...“ Das ist ein tapferes Bekenntnis zur Angst auch der Mutigen, zur Furcht der Widersacher, zum Zittern der Rebellen und zum Recht auch der Freiheitskämpfer auf Feigheit.

Dieses Dilemma ist jeden Tag neu zu lösen: Wer hat wen? Habe ich die Angst, oder hat die Angst mich! Und genau davon erzählt dieses Buch: vom Mut eines widerspenstigen Angsthasen, eines halb angepaßten Rebellen, eines wunderbar unzuverlässigen Freigeistes, eines Ingenieurs im größten Atomkraftwerk, im Prestige-AKW der DDR, in Lubmin bei Greifswald.

Haferburgs Geschichte muß von mir im Vorwort weder nachbereitet noch vorgekaut werden. In meinem Tagebuch von vor vielleicht zehn Jahren fand ich eine Notiz:

Als Pamela und ich vorgestern, am 21. Januar, aus Paris mit Air France zurück nach Hamburg flogen, saß direkt vor uns ein Mann, etwa Anfang 50. Ob seine Kummerfalten im Nacken vorn im Gesicht Lachfalten sind, konnte ich von hinten nicht erkennen. Und weil er so lässig Französisch parlierte, mit der Stewardess, hatte ich ihn für ’n Franzosen gehalten. Lässig charmant und hilfsbereit reagierte er, als noch eine junge Musikerin kam und ihren sperrigen Cello-Koffer ungeschickt auf seinen Schoß knallte. Er half ihr beim Festschnallen des Instruments ...

Und dann, bei der Landung auf dem Flughafen in Fuhlsbüttel, die Anschnallzeichen erloschen mit einem „Bling-Bling“, da sprach er mich an: „Herr Biermann ...“ Also doch ein Deutscher!

Und sogar ein Ostdeutscher! Er sei Ingenieur für Kernkraftwerke. Er reise durch die Welt als technischer Kontrolleur für die Sicherheit in AKWs, Europa, Asien, sogar in den USA ... und er sei grade auf dem Weg zu einer Inspektion des Atomkraftwerkes Brokdorf, hier an der Elbe ... und er kenne meine Lieder auswendig ...

„Oh ...“, spottete Pamela, „gegen das AKW Brokdorf hat mein Mann damals mitdemonstriert ! Und trotzdem ist er für die Nutzung der Atomkraft ...“

Nun rappelte der junge Graukopf uns eine Kurz-Vita runter. Als wir dann unten auf die Koffer warteten, erzählte er, daß er in Dresden studiert habe und daß er ... auch im Zusammenhang mit dem Fall Biermann, in der DDR großen Ärger hatte, weil er für‘n paar Freunde bei Gelegenheit meine verbotenen Lieder sang. Sein schlimmstes Verbrechen aber: er trat als leitender Ingenieur nicht in die SED ein. Und noch schlimmer: Er weigerte sich, ein IM des MfS zu werden.

Dann sei seine Flucht über die Tschechoslowakei in den Westen mißlungen. Den Knast in der CSSR überlebte er nur knapp: da ging es noch brutaler zu, weil archaischer, als in der DDR. Dann die fein-infamere U-Haft bei der Stasi Hohenschönhausen. Ihn rettete 1989 die sanfte Revolution vor einer langen Haftstrafe.

Ihm wurden damals in den Tagen der sogenannten Wende plötzlich in der Zelle die Augen verbunden. Dann habe man ihn wie einen Blinden über Flure und Treppen in den Keller geführt ... eine dunkle Todesangst habe ihn überflutet. Er konnte die Situation nicht versteh’n. Eine Tiefgarage. Man drückte ihn in einen Personenwagen. Man fuhr mit ihm durch die Stadt ... Dann kurzer Stopp. Irgendwer stieß ihn dann aus dem Wagen auf die Straße ... Er riß sich die Binde von den Augen und fand sich nun irgendwo in Berlin. Ostberlin? Nein, Westen?

Das ist eine groteske Konstruktion: Ein eigensinniger Kernkraft-Ingenieur wird unkonventionell entsorgt wie ein radioaktiver Brennstab im Mülleimer.

Natürlich hat mich seine Story berührt und neugierig gemacht: den wollte ich gern mal wieder treffen und in Ruhe.

Ich drückte ihm enpasssant meine frische CD „Heimkehr nach Berlin Mitte“ in die Hand, die ich – wie immer – zufällig in der Tasche hatte. Und dazu auch das Neueste: ein kleines blaues Büchlein vom 2001-Verlag, darin abgedruckt fünf brisante Briefe. Den ersten hatte ich von Paris aus an meinen einstmaligen Fürsten, Erich Honecker, geschrieben. Der zweite war ein Bittbrief an Kanzler Kohl um den Freikauf eines Gefangenen aus dem VEB-Knast. Dann ein Brief an Roberts Witwe Katja Havemann, ein vierter Brief an die DDR-Mutter Theresa des Menschenhandels, den Rechtsanwalt Dr.h.c. Vogel. Und zum Schluß eine peinliche Epistel an den bayrischen Medienmafioso Beierlein wegen der „Internationale“ ...

Und ich krakelte dem Ostmenschen beim Aussteigen schnell noch meine eMail-Adresse dazu. Dann rutschten endlich die Gepäckstücke auf dem Fließband vorbei, und wir verloren einander aus den Augen.

Schon zwei Tage nach dieser Begegnung landete seine digitale Mail in meinem Computer. Und als pdf dazu ein Riesenmanuskript. Es war die ungewaschene Rohfassung einer Erzählung über seine Erlebnisse in der DDR. Ich habe ein Drittel des Manuskripts am selben Abend gelesen und war tief bewegt.

Manfred Haferburg – er nennt sich im Buch Manni Gerstenschloß – schreibt wahrhaftig und schnörkellos. Dieser Zeitzeuge macht es goldrichtig, er vertraut auf die Phantasie der verrückten Wirklichkeit, die meistens phantastischer ist, als manche Schriftsteller und Schraftstuller sich ausdenken.

*

Das Ganze erinnert mich nebenbei an ein vergessenes Lied, das der tapfere DEFA-Regisseur Frank Beyer 1965 im Sommer von mir haben wollte. Immerhin: eine...


Haferburg, Manfred
Manfred Haferburg wurde 1948 im Osten Deutschlands geboren. Er wuchs in Sachsen-Anhalt auf und studierte in Dresden. Er arbeitete im Kernkraftwerk Greifswald, dem damals wohl größten Atomkraftwerk der Welt. Durch seine sture Weigerung, in die SED einzutreten, fiel er der Staatssicherheit auf. Als er sich auch noch weigerte, Spitzel zu werden, erklärte ihn die Partei zum Staatsfeind. Von seinem besten Freund verraten verlor Manfred erst seinen Beruf, dann seine Familie und zuletzt die Freiheit. Ein Irrweg durch die Gefängnisse des sozialistischen Lagers begann, der im berüchtigten Stasigefängnis Hohenschönhausen endete. Hier gehörte er zu den letzten Gefangenen, die von der Stasi entsorgt wurden. Manfred Haferburg lebt heute mit seiner Frau in Paris.



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