E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Häusler Verstehen Sie Schulz
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95890-157-5
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie der mächtigste Mann der SPD wurde, was er ist
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-95890-157-5
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Kanzlerkandidatur passiert einem nicht einfach so – man wird dafür geformt. Das gilt auch für Martin Schulz. Immense Wirkkräfte machten das Nachkriegskind aus Würselen erst zu dem Menschen, dem die SPD-Genossen und immer mehr Wähler den Sieg gegen Angela Merkel zutrauen. Um diese Kräfte aufzuspüren, tauchte der Journalist Martin Häusler tief ein in die Strukturen des Familiensystems Schulz. Er konnte zahlreiche Belastungen durch die Weltkriege und die damit von Martin Schulz übernommenen Familienaufträge zutage fördern. Und er stieß auf Seelenverwandte, ohne die Martin Schulz niemals den Weg nach oben geschafft hätte. Für diese systemische Schau ließ sich Martin Schulz selbst ins Herz blicken, dafür lieferten Familienmitglieder, Freunde und Weggefährten kostbare Erinnerungen. Aus den vielen Mosaiksteinen hat Martin Häusler ein klares Gesamtbild über Persönlichkeit und Politik des neuen SPD-Vorsitzenden geformt. Wodurch wurde er nur so kämpferisch? Was entfachte seinen politischen Gestaltungswillen? Wo liegen die Sedimente für seine roten Linien, wo die Quellen für seine sprachliche Brillanz? Verstehen Sie Schulz! "Alles, was meinem Großvater viel wert war, ist zu seinen Lebzeiten gestorben. Und meine arme Mutter, sie hat so gelitten unter dem Tod ihres Bruders. Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie sehr ich da mitgelitten habe. Ja, diesen Familienauftrag nehme ich auch heute noch wahr. " Martin Schulz Niemand ist getrennt von den Erlebnissen, Prägungen und Haltungen seiner Familienmitglieder. Auch Martin Schulz kann man nur verstehen, wenn man ins Vermächtnis seiner Ahnen schaut. Ihm selbst werden diese Zusammenhänge erst klar, als er als arbeitsloser, depressiver und von allen verlassener Alkoholiker im tiefsten Tal seines Lebens hockt und um seine eigene Identität ringt. Von da an geht es nur bergauf.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
EINFÜHRUNG
Seine Stimme bebt, stellenweise wird sie brüchig; hört man genau hin, muss Martin Schulz mehrmals im Satz kurz Luft holen. Sein Herz schlägt ihm sprichwörtlich bis zum Hals. Derart hat man ihn in seiner gesamten Zeit im Europäischen Parlament nicht reden hören. Seine sonst so sichere Sachlichkeit ist einem gewaltigen Gefühl gewichen, das Martin Schulz nur mit Mühe im Zaum halten kann. Es ist ein Gefühl von Entrüstung, mehr noch: Wut, noch eher: Abscheu. Der 9. März 2016. Der Straßburger Plenarsaal ist voll besetzt. Am Morgen hatte es eine Debatte über einen bevorstehenden EU-Türkei-Gipfel gegeben. Dabei beschimpfte der griechische Abgeordnete Eleftherios Synadinos von der rechtsradikalen Partei Chrysi Avgi (»Goldene Morgenröte«) die Türken aufs Übelste. Er nannte sie »geistige Barbaren, Schwindler, gottesverachtend und schmutzig« und verglich sie mit »Hunden«, gegen die nur die Sprache der Faust helfe. Martin Schulz, zum Zeitpunkt der Äußerung nicht im Parlament, war das zu Ohren gekommen, woraufhin er sich entschloss, Synadinos einen unmissverständlichen Denkzettel zu verpassen. Nicht irgendwann, sondern jetzt, unmittelbar, und auf großer Bühne. Dafür kam nur ein Mittel der Sanktion infrage: der Platzverweis. Entschlossen betritt Martin Schulz nach der Mittagspause das Rund des Saals, setzt sich auf den Sessel des Parlamentspräsidenten und bittet um Gehör. Er spricht von einem »Zwischenfall«, zu dem es gekommen sei, zitiert mit einem Pathos des Angewidertseins die Worte des Griechen, bewertet diese als »schwerwiegende Verletzung der Werte und Grundsätze der Union« und verkündet dann seine »Sofortmaßnahme«, nämlich den Ausschluss von der Sitzung. Er erklärt: »Ich glaube, dass systematisch der Versuch unternommen wird, rote Linien zu überschreiten, um den Rassismus hier salonfähig zu machen.« Rigoros lässt Schulz keine Debatte zu seiner Entscheidung zu, bittet nach mehrmaliger Aufforderung den Saaldiener, Synadinos hinauszugeleiten. Breiter Applaus für den Deutschen, vereinzelte empörte Zwischenrufe für den Griechen. Diese Episode, die ein persönliches Nachspiel zwischen Schulz und Synadinos hat (nachzulesen ab Seite 157), zeigt wie keine andere, was passiert, wenn rote Linien überschritten werden, die Martin Schulz für sich gezogen hat. Sie macht deutlich, durch welche Schlüsselreize ein zwar grundsätzlich emotionaler, aber sonst doch in sich ruhender und besonnen agierender Politiker an den Rand der Contenance gebracht werden kann. »Das war ein Frontalangriff«, erklärt er seine Reaktion für dieses Buch, »ein Frontalangriff auf alles, was mir heilig ist.« In der Politik hört man häufiger von roten Linien. Meist werden sie aus strategischem Kalkül gezogen, um dem Gegner zu zeigen: bis hierhin und nicht weiter. Der gesamte Kalte Krieg funktionierte so. Barack Obama bezeichnete im Syrienkrieg einen möglichen Chemiewaffeneinsatz Assads als Überschreiten einer roten Linie. Und ein ehemaliger Kurzzeitbundespräsident meinte so etwas Ähnliches wie eine rote Linie, als er einem ehemaligen Chefredakteur ins Handy dröhnte, dass nun der Rubikon überschritten sei. Die rote Linie aber, von der Martin Schulz im Fall Synadinos spricht, hat weder mit Strategie noch mit Abschreckung zu tun, sondern orientiert sich an moralischen Wertmaßstäben. An den moralischen Wertmaßstäben Europas, aber vor allem an denen von Martin Schulz. Nur wodurch sind sie bedingt? Bedachte politische Handlungen wie auch Kurzschlussreaktionen kann man nicht wirklich nachvollziehen, ohne die genaue Prägung ihrer Akteure zu kennen. Der wohlbehütet aufgewachsene John F. Kennedy hatte völlig andere rote Linien als der ebenso wohlbehütet aufgewachsene Richard Nixon. Der Charismatiker Charles de Gaulle agierte völlig anders als der Charismatiker Nicolas Sarkozy. Und Helmut Kohls überhebliche Bimbespolitik rührte von anderen Ursachen her als Gerhard Schröders überhebliche Bastapolitik. Was genau also treibt Martin Schulz an? Was muss er erlebt bzw. realisiert haben, um so zu reagieren wie im Fall Synadinos? Und welche Auswirkungen wird das auf die Politik des Bundes- oder Vizekanzlers haben? Dass Martin Schulz Sozialdemokrat ist, erklärt noch nicht viel. Seine laufend zitierte Vita – vom Sitzenbleiber über den Buchhändler zum Kanzlerkandidaten – auch nicht. Aber schon das Geburtsjahr verrät, welche Verhältnisse Martin Schulz geprägt haben müssen. Der Mann aus Würselen gehört der Generation der sogenannten Nachkriegskinder an. Auf die Welt gekommen am 20. Dezember 1955 – Deutschland ist Weltmeister, erlebt das Wirtschaftswunder, wurde gerade in die NATO aufgenommen –, kann er zwar in der Gnade aufwachsen, dass er nicht wie seine Großeltern, Eltern und Geschwister das Grauen der beiden Weltkriege bzw. die jeweils nachgehende Armut miterleben musste. Doch ist er auch als Nachgeborener wesentlicher Teil eines Familiensystems, das hochgradige Traumatisierungen in sich trägt und damit immer auch ihn belastet. Die moderne Psychoanalytik weiß inzwischen, dass es längst nicht die von den Kriegsteilnehmern gewonnene und verbreitete Erkenntnis »Nie wieder Krieg« allein ist, die die Folgegenerationen prägt. Sie hat herausgefunden, dass die in den Weltkriegen mannigfaltig von Opfern wie Tätern erlittenen seelischen Schocks deren Angehörige in Deutschland und Europa nachhaltig unbewusst beeinflusst haben und bis heute beeinflussen. »Traumatische Erfahrungen, die von Betroffenen nicht verarbeitet und integriert werden können, bleiben nicht nur für diese selbst eine lebenslange Belastung«, schreibt Angela Moré, Professorin für Sozialpsychologie an der Leibniz Universität Hannover im Journal für Psychologie. »Sie zeigen sich auch in den Träumen, Fantasien, im Selbstbild, emotionalen Erleben und unbewussten Agieren ihrer Nachkommen. Sowohl bei psychischer Krankheit der Eltern, bei Erfahrungen von Misshandlung und Missbrauch wie auch bei Kriegs- oder Foltererfahrung treten transgenerationale Übertragungsphänomene in den nachfolgenden Generationen auf.« Diese Übertragungen finden nicht bloß statt durch Offensichtliches wie die Erziehung, das Beobachten von Verhaltensweisen und Haltungen der Eltern oder das Reagieren auf deren Emotionen, sondern ebenso durch Vererbung – und zwar auf körperlicher Ebene über eine durch die Traumatisierung veränderte DNA wie wohl auch auf seelischer Ebene über ein unterbewusstes Feld, das alle Mitglieder einer Familie – ob tot oder lebendig, ob nah oder fern – miteinander verbindet. Von dem zuletzt genannten Übertragungskanal gehen zumindest systemisch arbeitende Familientherapeuten aus. Die stark nachwirkenden Opfer- wie Täterenergien findet man in nahezu jeder deutschen Familie. Mit allen daraus hervorgehenden Konsequenzen: Krankheiten, Süchten, Bindungsunfähigkeiten, Persönlichkeitsstörungen, Identitätsproblemen, Unnachgiebigkeiten, Dünnhäutigkeiten, Aggressionen, Marotten, Komplexen – im Falle der fortgesetzten Konfrontationsvermeidung mit der Vergangenheit wohlgemerkt. Gerade deutsche Politikerkarrieren – also Berufswege, die in einer Machtbranche von ganz unten bis weit hinauf in eine Sphäre führen, wo kleine Äußerungen und Handlungen von großer Tragweite sein können – verleiten dazu, genauer auf die Einflussfaktoren zu schauen. Vor allem bei einem, dem Journalisten wie Jan Fleischhauer die Anziehungskraft eines Karl-Theodor zu Guttenberg attestieren. »Schulz ist der Guttenberg der Linken. Alle Erlösungshoffnungen ruhen auf Martin Schulz«, sagte Fleischhauer Ende Januar 2017 im Talk von Maybrit Illner, kurz nachdem die Kanzlerkandidatur des SPD-Mannes bekannt geworden war. Er verfüge über den perfekten sozialdemokratischen Lebenslauf inklusive Vom-Buchhändler-zum-Popstar-Romantik. »Da gehen die Herzen auf.« Er sei aber, so Fleischhauer, in erster Linie ein Medienphänomen, erschaffen gerade von den Hauptstadtjournalisten, die ihn liebten. So ein Guttenberg-Vergleich, das klingt erst mal schräg, und im Studio sorgte die Bemerkung durchaus für Schmunzeln. Aber neben der schnellen Pointe unterstellt sie Martin Schulz eine Persönlichkeitsstruktur, die zu einer ähnlich schlagartigen Entzauberung führen könnte wie im Fall Guttenberg. Wo der Vergleich seitdem im Raume schwebt: Schauen wir uns das doch mal genauer an. Die Berliner Psychotherapeutin Gabriele Baring hat sich in ihrem Buch »Die geheimen Ängste der Deutschen«, in dem es um die Konsequenz vererbter Kriegstraumata geht, u.a. mit dem Familiensystem des durch die Lügen um seine plagiierte Doktorarbeit gescheiterten Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg auseinandergesetzt. Die vielen Verwicklungen und Tragödien in der Verwandtschaft des elitären Sprösslings (darunter Vertreibung, gefallene Väter, Exekutionen, Hochzeiten mit Nachkommen von Kriegsverbrechern) setzt Baring in Verbindung mit seinem selbst verschuldeten Absturz als Minister, und sie stellt eingedenk der Erkenntnis über die Weitergabe der Gefühle unverarbeiteter Kriegsgräuel die Frage: »Wie sollte Karl-Theodor zu Guttenberg als Erwachsener bestehen? Wie viele widersprüchliche Familienaufträge muss er haben, mit welchen und wie vielen Vorfahren ist er verstrickt? Viele Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, empfinden ihre Position als Pyrrhussieg. Jahrelang haben sie sich bemüht, nach oben zu kommen. Doch oben angelangt, stellen sie erschrocken fest, dass sie nun ein Leben führen, das sie eigentlich gar nicht wollen.« Es könne gut sein, so Baring, dass zu Guttenberg nicht die Kraft zur willentlichen Befreiung gehabt habe. Denn handelte es sich bei seinem Karrierestreben um einen Familienauftrag, also um die geistige Hinterlassenschaft...