E-Book, Deutsch, Band 120, 64 Seiten
Reihe: Mythor
Haensel Mythor 120: Das Crusenriff
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8453-9872-3
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, Band 120, 64 Seiten
Reihe: Mythor
ISBN: 978-3-8453-9872-3
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Mythor, der Sohn des Kometen, begann vor rund zweieinhalb Jahren seinen Kampf gegen die Mächte des Bösen in Gorgan. Dann wurde der junge Held nach Vanga verschlagen, der von den Frauen beherrschten Südhälfte der Lichtwelt. Und obwohl in Vanga ein Mann nichts gilt, verstand Mythor es nichtsdestoweniger, sich bei den Amazonen Achtung zu verschaffen und den Hexenstern zu erreichen, wo er endlich mit seiner geliebten Fronja zusammenkam. Gegenwärtig befinden sich der Sohn des Kometen und seine Gefährten, zu denen auch Fronja, die ehemalige Erste Frau von Vanga, zählt, inmitten der Schattenzone. Mythor hat mit seiner Schar Carlumen in Besitz genommen, die Fliegende Stadt des legendären Caeryll. Dieses Gefährt des Lichts ist jedoch zum Spielball dunkler Kräfte geworden und hat eine Fahrt angetreten, die ausweglos erscheint. Allerdings ist es Mythors magiekundigen Gefährten inzwischen gelungen, Yhr, die Schlange des Bösen, die Carlumen in ihrem Leib mit sich führt, in Fesseln zu schlagen und Einfluss auf den Kurs der Fliegenden Stadt zu nehmen. Dieser Kurs führt, nachdem man den Stamm der Rohnen gerettet und an Bord genommen hat, Carlumen genau gegen DAS CRUSENRIFF ...
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1.
Inmitten der Düsternis glomm ein Funke vager Helligkeit, dessen Widerschein über Schründe und Schroffen huschte. Mächtige, bleiche Felsen ragten aus dem Dunkel auf; an ihnen brach sich die Strömung der Schattenzone und bildete tückische Wirbel.
Dieses Land war ausgehöhlt vom steten Fluss Schwerer Luft, denn es trotzte seit endlosen Zeiten den anbrandenden Gewalten und wuchs sogar in die Finsternis hinaus. Nur – ein Menschenalter genügte nicht, um den Schatten auch nur eine Handbreit Raum abzugewinnen.
Inmitten des Chaos, inmitten eines steten Kreislaufs von Werden und Vergehen, hatte das Riff Bestand. Sicher, die Strömung wurde manchmal so stark, dass niemand ihr trotzen konnte, doch dafür schien das Land fest verankert zu sein. Irgendwo in unergründlichen Tiefen wurzelten die Felsen, und Dutzende Wagemutiger, die versucht hatten, ihr Geheimnis zu ergründen, waren nie wieder gesehen worden.
Nicht nur Menschen lebten hier. An den mitunter steil abfallenden Hängen hatten sich auch Mischwesen und andere Bewohner der Schattenzone niedergelassen.
Sie nannten ihr Land das Crusenriff, denn schon lange vor ihnen hatten die Crusen von den Felsen Besitz ergriffen – riesige, in Kolonien wuchernde Muscheln, deren Schalen hinreichend Platz boten, um darauf Hütten zu errichten. Es war sogar ein reiches Land, denn die Strömung schwemmte viel Treibgut an.
Doch reich war nicht nur jener, der über Gold verfügte und glitzernde Steine – reich waren auch Männer wie Ioban, deren Erinnerung ein nie versiegender Quell war. Ioban mochte uralt sein, sein schlohweißes Haupthaar, das ihm bis weit über die Schultern reichte, hatte er ebenso wie seinen dichten Vollbart zu Zöpfen geflochten und diese zu kunstvollen Knoten geschlungen. Sein Wams war längst zerschlissen und ließ die einstige Farbenpracht nur mehr ahnen.
Ioban lebte allein in seiner Hütte, die er aus Treibholz auf der Schale einer jungen, kaum zwanzig Schritte durchmessenden Cruse errichtet hatte. Er galt als Weiser und genoss demzufolge einige Achtung, denn er kannte Dinge und Namen, von denen andere nie gehört hatten. Und er verstand es, selbst größere Wunden zu heilen.
Im Grunde seines Herzens war Ioban stets einsam geblieben. Er träumte oft, und nur in seinen Träumen durfte er wirklich glücklich sein. Dann sah er wieder die Sonne, glaubte, ihre wärmenden Strahlen auf der Haut zu spüren, die längst bleich und faltig geworden war. Wenn er anderen von der Freiheit des Himmels erzählte, vom Spiel der Wolken, schüttelten sie verständnislos den Kopf.
Das alles vermisste Ioban. Wenngleich es ihm nicht am Willen mangelte, eine Rückkehr in seine Heimat wenigstens zu versuchen, so doch an der Kraft des Körpers.
Über die östliche Steppe Aylands hallte der Ruf seines Tokapis. Das Tier war schnell und ausdauernd, und die kleine Herde wilder Graupferde, die Ioban jagte, würde ihm nicht entkommen. Ein frischer Wind wehte von Norden her; der Ay verfluchte diese Tatsache, hatten doch die Pferde seine Witterung frühzeitig aufgenommen.
Zwischen den beiden gebogenen Hörnern seines Reittiers spannte sich die Bogensehne. Iobans erster Pfeil traf eines der Graupferde, brachte es aber nicht zu Fall. Laut wiehernd warf es sich herum.
Er wäre ein schlechter Jäger gewesen, hätte er das verwundete Tier sich selbst überlassen, nur um die Herde nicht zu verlieren.
Der Ay trieb sein Tokapi zu noch größerer Eile an.
Das Gelände wurde hügeliger, ausgedehnte Geröllfelder begannen. Nicht mehr weit im Süden erhob sich wie ein drohender Wall die Düsterzone. Etwas Bedrohliches, Furchteinflößendes ging von ihr aus.
Der Ay schleuderte eine Reihe von Verwünschungen gegen die Schattenzone. Er musste das Tier erlegen. Seit mehreren Monden hatte niemand in seinem Dorf mehr frisches Fleisch gegessen – seit die schrecklichen Drei vom Hungerturm alles Vieh davongetrieben hatten.
Der Wind drehte, blies jetzt von Osten her; Staub verschleierte die Sicht. Ioban zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht.
Von irgendwoher erklang ein kurzes, abgehacktes Wiehern. Der Wind trug ihm die Laute zu. Gleichzeitig wusste der Ay, dass er nun die Beute erlegen würde.
Da war ein Licht zu seiner Rechten. Aus den Augenwinkeln heraus nahm er es wahr, aber als er den Kopf wandte, schien es verschwunden.
Hinter einem Hügel wälzte sich das Pferd auf dem steinigen Boden und versuchte so, den abgebrochenen Pfeil in seiner Flanke loszuwerden. Diesmal zielte Ioban sorgfältig und traf.
Da war das Leuchten wieder, nachdem er abgesessen war. Es zog ihn in seinen Bann.
Von einem Herzschlag zum anderen schien die Jagdbeute vergessen. Er wandte sich gen Süden, begann zu rennen, immer schneller, bis sein Atem hart und keuchend ging und es in seinen Lungen wie Feuer brannte.
Das Böse Auge der Quida hatte ihn gerufen; er konnte nicht anders, als diesem Ruf zu folgen. Zu stark war der magische Einfluss, dem immer wieder Ays verfielen.
Plötzlich verlor er den Boden unter den Füßen. Wild mit den Armen rudernd, stieg er höher und höher empor, und die Furcht schnürte seine Kehle zu.
Die Düsternis sog ihn auf, und das letzte, was er wahrnahm, war ein anschwellendes Brausen wie von einem herannahenden Sturm ...
Mit einem heiseren Schrei auf den Lippen schreckte Ioban hoch. Er benötigte eine Weile, um zu begreifen, dass alles nicht wirklich war. Oft träumte er von damals, als ein ungnädiges Schicksal ihn tief in die Schattenzone verschlagen hatte.
Wie lange mochte das inzwischen her sein?
Er wusste es nicht genau, hatte vor Jahren schon aufgegeben, die Tage zu zählen. Es gab nichts mehr außer seinen Erinnerungen, die ihn noch mit der Vergangenheit verbanden.
Nur das Brausen war geblieben. Ioban hob den Kopf und lauschte. Die Geräusche wurden von der im Riff auflaufenden Strömung erzeugt. Zweifellos hatte sie sich verstärkt. Das bedeutete, dass wieder sehr viel Treibgut angeschwemmt werden würde.
Müde erhob sich Ioban und verließ seine Hütte.
*
Die Schlange Yhr, die Caerylls Fliegende Stadt Carlumen in sich trug, hatte sich wieder in die Schattenzone zurückgezogen. Das Steuerpendel war über dem Siebenstern nahezu zum Stillstand gekommen.
»Das bedeutet«, sagte der Kleine Nadomir, »dass wir mit der Strömung treiben. Yhr wird erschöpft sein durch ihre eigene Hinterlist.« Er sagte dies mit lauter werdender Stimme und blickte sich herausfordernd um, doch die Schlange blieb verborgen. Nur ein leises, durchdringendes Zischen antwortete ihm.
»Das klingt spöttisch«, bemerkte Gerrek.
Der Königstroll verzog die Lippen zu einem geringschätzigen Lächeln.
»Und wenn schon. Yhr ist unsere Gefangene, sie hat zu gehorchen, ob es ihr passt oder nicht.«
Die fünf Kristalle des DRAGOMAE ruhten an verschiedenen Eckpunkten des Siebensterns. Zögernd verschob der Kleine Nadomir zwei von ihnen zu den Spitzen hin; die Bewegung des Pendels wurde daraufhin heftiger.
»Etwas hat sich verändert ...«
»Sehr viel sogar«, brummte Gerrek, der sich in der Wand mit Caerylls Lebenskristall spiegelte. »Wäre ich nur in Orphals Reich nebenan geblieben, wo ich endlich meine wirkliche Gestalt als Mandaler zurückerlangte. Du hättest sehen sollen, welch ranker Jüngling ich einst war, ehe diese vermaledeite Hexe mich verwandelte. Und jetzt? Allem Anschein nach bin ich noch hässlicher geworden ...«
»Ganz sicher nicht«, meinte Nadomir. »Hässlicher als du gewesen, kann man überhaupt nicht werden.«
Das Lachen, das sich in die Gesichter seiner Gefährten stahl, ließ Gerrek begreifen.
»Ich verlange Genugtuung«, schrie er. »Du kannst die Waffen wählen, Zwerg.«
Der Königstroll ließ sich Zeit, ehe er sich umwandte, dann sah er den Mandaler von unten herauf treuherzig an.
»Also gut«, nickte er. »Wenn du es nicht anders willst, kämpfen wir mit dem Verstand.«
»Was ...?« Gerrek schluckte krampfhaft, und seine Glubschaugen quollen weit aus ihren Höhlen hervor. »Eigentlich ... ich meine, weshalb sollte ich dich ... wir sind doch Freunde, Nadomir, oder? Entschuldige dich für deine Bemerkung, und ich bin bereit, die Sache zu vergessen.«
»Ich wüsste nicht, weshalb. Du wolltest den Zweikampf, also sollst du ihn bekommen. Niemand wird sagen können, der Kleine Nadomir fürchte sich vor einem Großm...« Gerrek hustete so laut, dass der Rest in dem Lärm unterging.
»Schluss mit dem Blödsinn!«, befahl Mythor. »Sagt mir endlich, wo wir uns befinden.«
Der Sohn des Kometen breitete Caerylls Landkarte auf dem Steuertisch aus; der Königstroll reichte ihm das DRAGOMAE-Bruchstück, mit dem er alle Eintragungen zumindest deuten konnte, die mit bloßem Auge nicht einmal sichtbar waren. Unaufgefordert trat auch Robbin hinzu, der Pfader.
»Diese Linie«, seine dürren Finger huschten über die vergilbte Karte, »bezeichnet den Ast, auf dem wir uns bewegen. Er führt tiefer in die Schattenzone hinein.«
Mythor nickte.
»Hier sind Strudel eingezeichnet und jenes Symbol, das Caeryll häufig für eine unbekannte Gefahr setzte.«
Vor ihren Augen schienen die Eintragungen zu verschwimmen, als würde jeder einzelne Strich in Bewegung geraten. Es war, als blicke man auf die Wogen eines rasch dahinfließenden Gewässers.
»Mir gehen die Augen über«, ächzte Mythor und legte den DRAGOMAE-Kristall zurück. Mit den Fingerspitzen massierte er seine Schläfen....




