E-Book, Deutsch, 455 Seiten
Haeger Die Geliebte des Raffael
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96655-722-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman: Ein historischer Roman über einen der größten Maler der Renaissance und seine verbotene Liebe
E-Book, Deutsch, 455 Seiten
ISBN: 978-3-96655-722-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Diane Haeger studierte Psychologie und Englische Literatur. Sie hat bereits zahlreiche erfolgreiche Romane über faszinierende historische Frauengestalten geschrieben. Bei dotbooks veröffentlichte Diane Haeger ihre mitreißenden historischen Romane über zwei faszinierende Frauen und ihre verbotenen Gefühle für berühmte Männer - Margherita Luti, die große Liebe des Renaissancekünstlers Raffael (»Die Geliebte des Raffael«) und Maria Fitzherbert, die heimliche Ehefrau des britischen Königs IV. (»Die Geliebte des Königs«).
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PROLOG
Rom 1520
Gehüllt in einen Kapuzenumhang aus mitternachtsblauem Samt, lauschte Margherita dem tiefen, wehmütigen Glockengeläut, das zum Morgengebet im Kloster Sant’ Apollonia rief und in der kalten Schreibstube widerhallte. Der edle, an den Säumen mit Gold gewirkte Stoff umgab sie kaskadenartig wie ein blauer Wasserfall und verbarg einen Körper, der ebenso schön wie berüchtigt war.
Sie stand, das Gesicht fast gänzlich umschattet, regungslos auf dem rauen Schieferboden des kargen Raumes, an dessen hohen Kalkwänden ein großes Kruzifix hing. Die beiden alten Nonnen, die in hellgrauer Ordenstracht aus Musselin, mit gestärktem weißem Kragen und schwarzem Nonnenschleier, hinter einem großen Eichenschreibtisch saßen und in diesem Moment aufblickten, konnten nur ihre Augen sehen.
Doch diese Augen, tiefbraun und gesprenkelt mit Gold, sprachen Bände.
Ganz Rom hatte sie gesehen, reproduziert in einem Dutzend verschiedener Kunstwerke: auf Gemälden und Fresken sowie auf Porträts, unschuldig und verführerisch. Am empörendsten jedoch war das Bildnis der Madonna. Dass ein so großer Maestro es gewagt hatte, seine Geliebte zu malen, und dann auf diese Weise!
Margherita sagte nichts. Seit seinem Tod war kein Wort mehr über ihre Lippen gekommen. Eine große Leere hatte Besitz von ihr ergriffen, die selbst jetzt nicht wich, als der gut gekleidete junge Mann neben ihr sich für sie verwendete.
»Es tut mir Leid, Signor Romano, Eurem Wunsch kann nun nicht mehr entsprochen werden. Wir können sie nicht aufnehmen.«
»Aber Maestro Raffael hat schon vor vierzehn Tagen darum ersucht. Ich selbst habe Euch die Bittschrift überbracht!«
»Ich bin daran erinnert worden, dass es nicht üblich ist, eine so anrüchige Frau zu ihrem Schutz in unsere Gemeinschaft aufzunehmen. Besonders da sie nicht gewillt ist, Reue zu zeigen.«
»Es war abgemacht, dass sie nach seinem Ableben hierher kommt! Von einer Reuebekundung als Bedingung war niemals die Rede!«
Die Äbtissin holte hörbar Luft, hustete hinter der vorgehaltenen, äderigen Hand, neigte den Kopf zur Seite und lauschte der Nonne neben sich. Kurz darauf sagte sie ruhig: »Es gab Einwände.«
»Sagt mir, wer, um Himmels willen, kann gegen eine beschlossene Sache protestieren?«
»Kardinal Bibbiena hat mich gestern aufgesucht.«
Margherita war nicht überrascht, diesen Namen zu hören. Erinnerungen flackerten auf, kreisten in ihrem Kopf wie schwarze Krähen. So hat Seine Eminenz doch noch seine Rache bekommen.
»Ihr kennt sicher den Grund seines Einspruchs«, wandte Giulio Romano ein.
»Gewiss. Doch das ändert nichts. Der Kardinal ist ein sehr wohlhabender und mächtiger Mann.«
»Und er hat Signor Raffael sehr reich gemacht.«
»Doch, wie Ihr so weise bemerkt habt, ist Signor Raffael jetzt tot. Und nicht einmal sie kann für immer vor dem Skandal beschützt werden, den die beiden selbst zu verantworten haben.«
Während die zwei gleichmütigen Nonnen sich erneut Blicke zuwarfen, holte Giulio einen schwarzen Samtbeutel mit Goldflorins unter seinem dunklen, mit Silberfäden gesäumten Umhang hervor. Er hatte die letzten zehn Jahre damit verbracht, die Bedürfnisse seines großen Meisters zu antizipieren und wollte nichts mehr, als ihm nach dessen Tod seine Loyalität bezeugen. Mit einer schwungvollen Bewegung warf er den Beutel zwischen die beiden alten Frauen auf den Schreibtisch.
»Einhundert Goldflorins. Und wenn das nicht reicht, habe ich noch mehr. Der Maestro wollte Signorina Luti hier bei Euch in Sicherheit wissen, wenn er –«
Das misstönende Wort sprach er nicht aus, und zwar ihretwegen, wie Margherita wusste. Giulio, ein herzensguter, loyaler Mann mit einem goldbraunen, ebenmäßigen Gesicht und sanftmütigen Lächeln, war zudem selbst ein begabter Maler. Und jetzt lag eine großartige Zukunft vor ihm, wie einst vor Raffael. Diese Tatsache schmerzte, ganz gleich, wie sehr sie Giulio auch mochte.
Margherita war sechsundzwanzig Jahre alt, doch sie fühlte sich älter und erschöpfter als diese beiden betagten Nonnen, die über sie richten sollten. Das war nun ihr Leben. Derjenige, den sie so sehr geliebt hatte und der für sie das Wichtigste in den letzten sechs Jahren gewesen war, lag in einem Marmorsarg, mit siebenunddreißig Jahren viel zu jung gestorben.
Während Giulio sich weiter für sie einsetzte, schloss Margherita einen Moment lang die Augen. Im Grunde kümmerte es sie nicht, was aus ihr wurde. Sie könnte den Rest ihres Lebens im Kloster Sant’ Apollonia verbringen oder aber nach Hause in die Bäckerei ihrer Familie zurückkehren und dort für Aufsehen sorgen – wenn man sie denn überhaupt wieder aufnehmen würde. Und doch hätte es so weit nicht kommen dürfen. Er hätte noch so viel erreichen, noch so viele Gemälde vollenden können. Jetzt würde ein anderer zum Baumeister der neuen Peterskirche ernannt werden, und der große Raffael würde eines Tages nichts weiter als eine Fußnote in der Geschichte des Vatikans sein – wenn es nach Bibbiena ginge.
»Fünfhundert Goldflorins für den Konvent.«
Von dem nüchternen Gegengebot der Nonne aus ihren Gedanken gerissen, sah Margherita erneut hinab auf die spindeldürre, alte Frau mit dem bleichen Gesicht und den tief liegenden dunklen Augen. In Sicherheit wäre sie hier, das schon. Aber dieser Ort war auch ihre Strafe.
»Fünfhundert Florins ... und den Ring.«
Margherita überlief es eiskalt. Diesen Schlag hatte sie nicht kommen sehen. Instinktiv schloss sie die Hand zur Faust, wie zum Schutz des Schmuckstücks an ihrem Finger.
In das fassungslose Schweigen hinein spürte sie Giulios drängenden Blick auf sich, der Forderung zuzustimmen. Er tue nur das, was der Maestro ihm aufgetragen hatte, flehten stumm seine großen graugrünen Augen.
Im Geiste sah Margherita das Gemälde auf Raffaels Staffelei vor sich – ein gerade vollendetes Bildnis ihrer selbst, verführerisch lächelnd und glücklich, ihr gemeinsames Leben noch vor sich. Er hatte sie aufreizend dargestellt, mit einem exotischen Turban ums glänzende Haar gewickelt, den nackten Körper in ein durchsichtiges Stück Gaze gehüllt und am Arm ein Band mit seinem Namen, Raphael Urbinas, als Zeichen seiner Liebe und seines Besitzanspruchs. Ein Manifest, dass sie ihm gehörte, für immer ... und um den Anspruch noch zu untermauern, hatte er ihr kühn den Verlobungsring auf den Finger gemalt.
Bitte gebt ihr stattdessen mehr Florins!, hätte sie am liebsten ausgerufen. Gebt ihr alles, aber nicht diesen Ring! Denn wer außer ihr auf dieser Welt wusste, was er symbolisierte?
»Dreihundert Florins und den Ring. Das ist mein letztes Angebot«, sagte die Nonne, das bleiche Gesicht vollkommen ausdruckslos.
Margheritas Blick fiel auf die geäderten Finger der alten Frau, die sich um die Tischkante krallten. Und auch auf den schlichten Goldring an ihrer linken Hand. So also sah ihre Buße aus: Sie würde das Symbol der unsterblichen Liebe zwischen Mann und Frau, ihren Rubinring von unschätzbarem Wert, austauschen gegen den einfachen Ring der Braut Christi. Die Ironie dieser Tatsache war offensichtlich.
Schließlich einigte man sich, wobei Margherita nichts weiter war als eine stumme Zeugin der Entscheidung über ihre Zukunft. Dann gingen sie und Giulio mit düsterer Miene hinaus und blieben am Klostertor stehen, umgeben von Mauern, deren verblichene Fresken traurig anmuteten. Dort, unter dem Torbogen, sagten sie sich Lebewohl. Als Raffaels getreuester Schüler sie in der orange schillernden Nachmittagssonne fest an sich drückte, spürte Margherita, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Seine Kraft erinnerte sie an Raffael.
»Ich werde Sorge tragen, dass Euer privates Porträt in gute Hände kommt«, flüsterte er ihr ins Ohr.
»Das ist unwichtig. Wie alles andere auch.«
»Sagt so etwas nicht. Ihr seid noch immer eine junge und schöne Frau.«
»Und für immer gebrandmarkt.«
»Das ist nicht wahr.« Er lächelte sie wenig überzeugend an, und sie musste daran denken, dass Giulio sein Herz stets auf der Zunge trug. »Bleibt eine Zeit lang hier, bis sich die Wogen geglättet haben. Ein Jahr, vielleicht zwei. Dann seid Ihr frei für ein neues Leben.«
Doch Raffael hatte sie beide für immer verändert, und der gemeinsame Schmerz war einen Moment lang wie Balsam für ihre Seele. Sie blickte auf in Giulios freundliches, beruhigendes Gesicht.
»Was habt Ihr damit vor?« Sie sprach von Raffaels letztem, sehr sinnlichen Porträt von ihr – das alle ihre Geheimnisse enthielt. Das er ihr zur Hochzeit schenken wollte.
»Wenn die Zeit reif ist, werde ich es in sichere Hände geben. Aber, Euch selbst zuliebe, nicht so, wie es war.« Er hatte das Porträt verändert, um sie zu schützen. Doch obwohl sie das einsah, war der Schmerz darüber groß. Er senkte den Blick. »Kardinal Bibbiena verwünscht euch beide noch immer für das, was ihr seines Erachtens seiner Nichte angetan habt«, sagte er leise. »Ich muss dafür sorgen, dass Eure Feinde besänftigt sind, wenn Ihr eines Tages diesen Ort hier verlasst.«
Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange, doch ihr Gesicht blieb ausdruckslos, denn sie strich mit dem Daumen verzweifelt über den Ring, den Raffael ihr selbst angesteckt hatte und der nur noch kurze Zeit ihren Finger zieren würde. »Vielen Dank, mi amico, aber diesen Ort hier werde ich nie verlassen. Das wissen wir beide.«
»Ich komme in ein paar Tagen wieder, wenn Ihr Euch eingerichtet habt. Dann werden wir darüber reden.«
»Kommt nicht, Giulio.«
»Aber der Maestro würde es wollen ...«
Sie verschloss seine Lippen mit der...




