E-Book, Deutsch, 300 Seiten, Format (B × H): 148 mm x 210 mm
Reihe: Bildungsgeschichte. Forschung – Akzente – Perspektiven
Häder / Wiegmann An der Seite gelehrter Männer
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7815-5604-1
Verlag: Verlag Julius Klinkhardt
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Frauen zwischen Emanzipation und Tradition
E-Book, Deutsch, 300 Seiten, Format (B × H): 148 mm x 210 mm
Reihe: Bildungsgeschichte. Forschung – Akzente – Perspektiven
ISBN: 978-3-7815-5604-1
Verlag: Verlag Julius Klinkhardt
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Aus den großen Geschichtserzählungen sind Frauen häufig ausgeschlossen. Sofern sie doch eine Rolle spielen, dann oft als Ausnahmefall. Ihre Leistungen bleiben vielfach im Verborgenen oder werden marginalisiert.
Um das Leben von Frauen als Subjekte ihrer Lebensgeschichte und speziell das von eigensinnigen Frauen „im Schatten“ prominenter männlicher Partner sichtbar zu machen, fand in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin eine interdisziplinäre Tagung statt, deren Vorträge hier dokumentiert und um weitere Beiträge ergänzt wurden. Die Geschichten ranken sich um Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts, die sich an der Seite eines bekannten Forschers oder Künstlers eigenständig wissenschaftlich oder künstlerisch engagierten bzw. das Wirken von Männern durch Tatkraft ermöglicht und bereichert haben. Die Beiträge dokumentieren Variationen der eigensinnigen Interpretation historisch vorherrschender Geschlechtermodelle. Sie zeigen Frauen, die sich gegen gesellschaftliche Rollenzuschreibung zu behaupten suchten und selbstbestimmt eigene Bildungsprozesse beförderten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Sonja HäderUlrich Wiegmann(Hrsg.)An der Seitegelehrter Männer;1
2;Titelei;4
3;Impressum;5
4;Inhaltsverzeichnis;8
5;Sonja Häder und Ulrich Wiegmann: Vorwort;10
5.1;Quellen und Literatur;19
6;Anja Bunzel: Johanna Kinkel als Balladenkomponistin: Rezeptionsgeschichte ex nihilo?;20
6.1;1. Einleitung;20
6.2;2. Rezensionen der Lieder;22
6.3;3. ‚Don Ramiro‘;27
6.4;4. Fazit: Rezeptionsgeschichte ex nihilo?;30
6.5;Gedruckte Quellen;32
6.6;Literatur;32
7;Denise Löwe und Sabine Reh: Das zölibatäre Leben des FräuleinMaria Lischnewska (1854-1938);34
7.1;1. Wer waren die Lischnewskas?;35
7.2;2. Zölibatäre Lebensformen;39
7.3;3. Reformengagement: Vereinstätigkeiten und öffentliche Auftritte;43
7.4;4. Scheitern im Kampf gegen das Zölibat – Sterben in Einsamkeit?;49
7.5;5. Die Kosten einer Lebensform;54
7.6;Quellen und Literatur;55
8;Holger Kliche: „Wir haben doch unsere Zeit ausgelebt...“;59
8.1;1. Breslauer Prägung;60
8.2;2. Beschränkte Aufstiegsmöglichkeiten in Jena;63
8.3;3. Die Auerbachs im Ersten Weltkrieg;67
8.4;4. Anna, Elisabeth Förster-Nietzsche und die Frauenfrage;70
8.5;5. Der Freitod;72
8.6;Quellen und Literatur;73
9;Matthias Steinbach: „Die Frau ist für den Mann da, der Mann für den Staat …“;75
9.1;1. Moderne Wilhelminer;76
9.2;2. Grüblerische Chronistin;80
9.3;3. Ehe, Vaterland, Weltordnung;84
9.4;4. Familienleben im Krieg;91
9.5;5. Umwertung aller Werte „nach unten hin“;96
9.6;Quellen und Literatur;103
10;Walburga Hoff: Im Zwiespalt zwischen Wissenschaft und weiblicher Kulturmission;105
10.1;1. Einleitung;105
10.2;2. Zum Stellenwert empirischer Sozialforschung für das Professionalisierungsprojekt der Wohlfahrtspflege im beginnenden 20. Jahrhundert;108
10.3;3. Die Interpretation objektiver Daten als methodischer Zugang zur biografischen Fallanalyse;110
10.4;4. Zur Lebens- und Berufsgeschichte Marie Baums – Analyse der objektiven Daten;110
10.5;5. Schlussbetrachtungen;124
10.6;Quellen und Literatur;126
11;Eberhard Demm: Schöne Frauen und große Gelehrte. Zum Heidelberger Liebesreigen in Wilhelminischer Zeit;129
11.1;1. Einleitung;129
11.2;2. Die Gelehrten und ihre Ehefrauen;129
11.3;3. Ehefrau und Geliebte: Else Jaffé-von Richthofen;131
11.4;4. Max Weber und Mina Tobler (1911-1919);138
11.5;5. Die Ménage à trois in Weltkrieg und Revolution (1914-1918);140
11.6;6. Die Ménage à Quatre und Mina Tobler (1918-1920);142
11.7;7. Wirkten die Geliebten als Musen?;144
11.8;8. Konklusion: Frauen im Schatten großer Gelehrter;149
11.9;Quellen und Literatur;149
12;Martina Dlugaiczyk: Tina Haim – Tina Haim-Wentscher – Tina Wentcher: Das Bild der Neuen Frau aus drei Perspektiven;151
12.1;1. Prolog;151
12.2;2. Atelierhaus Siegmundshof 11;152
12.3;3. Mit der Schwester zum Erfolg;159
12.4;4. Familien-Aufstellung;160
12.5;5. Von der Lewin-Funcke-Schule ins eigene Atelier;161
12.6;6. Berlin – München – Berlin – Paris;164
12.7;7. Künstlerehepaar;168
12.8;8. Volle Auftragsbücher;171
12.9;9. Expansion;174
12.10;10. Hauptgewinn;177
12.11;11. Ideal artistic partnership;178
12.12;12. Vom Enemy Alien zum Tina Wentcher Price;180
12.13;Quellen und Literatur;182
13;Sonja Häder: Subjektformen, Subjektivierungsprozesse und Beziehungsgeflechte:;186
13.1;1. Problemaufriss;186
13.2;2. Elisabeth Sträter – Herkunft und Familienleben (1892-1910);188
13.3;3. Selbstbildung als Arbeit an sich und Arbeit für andere – Elisabeths Selbst- und Menschenbild formt sich (1910-1915);190
13.4;4. Ehejahre 1: Elisabeth und Hans (1915-1961);196
13.5;5. Eine neue Konstellation: Elisabeth – Hans – Rosemarie (1955-1961);202
13.6;6. Rosemarie Wothge/Ahrbeck: Selbstbehauptung auf dem Weg in die Wissenschaft (1946-1981);210
13.7;7. Ehejahre 2: Rosemarie und Hans (1962-1981);218
13.8;8. Abschließende Betrachtung;222
13.9;Quellen und Literatur;223
14;Reena Perschke: Die Felsbildforscherin Erika Trautmann-Nehring (1897-1968);226
14.1;1. Kindheit in Westpreußen;228
14.2;2. Der Erste Weltkrieg und die Vertreibung nach Brandenburg;229
14.3;3. Ausbildung und Studium in Berlin;230
14.4;4. Eine eigene Karriere als Felsbildforscherin in Frankfurt/Main;232
14.5;5. Der Wechsel zum Ahnenerbe der SS in Berlin;240
14.6;6. Der Impact der Kriegsjahre – Herabstufung von der eigenständigen Forscherin zur Mitautorin;252
14.7;7. Kriegsverluste und Kriegsende;257
14.8;8. Das Fortbestehen der Ahnenerbe-Kontakte;261
14.9;9. Lebensabend und Bestattung in Münster;262
14.10;10. Fazit: eine Forscherin zwischen Chancen, Politik und persönlichen Entscheidungen;265
14.11;Quellen und Literatur;266
15;Ulrich Wiegmann: Melorle und ihr Geliebtester. Nach dem Tagebuch der Leonore Alt (1901-2003);271
15.1;1. Inseldasein und Gewissensnot;275
15.2;2. Getrennt an seiner Seite;277
15.3;3. In der auseinanderstrebenden deutschen Geschichte gefangen;286
15.4;Quellen und Literatur;296
16;Autor(inn)enverzeichnis;298
17;Rückumschlag;300
Denise Löwe und Sabine Reh
Das zölibatäre Leben des Fräulein Maria Lischnewska (1854-1938): „Mensch sein, heißt ein Kämpfer sein“ (S. 33-34)
Mit dieser Haltung trat Maria Lischnewska aus dem Schatten – jedoch nicht dem ihres Ehemannes. Als verbeamtete Volksschullehrerin in Preußen war sie unverheiratet, auch wenn sie in ihrem Anstellungsvertrag 1875 noch nicht den Passus hatte unterschreiben müssen, der ab 1892 in Preußen galt und bestimmte, dass sie bei Heirat entlassen werden konnte und ihre Pensionsansprüche verloren hätte. Eine regelrechte Offensive gegen diese Zölibatsklausel führte sie als zweite Vorsitzende des Landesvereins Preußischer Volksschullehrerinnen auf einer Versammlung am Rande des Internationalen Frauenkongresses im Jahre 19042: „Ich will den Lehrer sehen, dem man eine Stelle auf dem Lande anböte mit der Bedingung, daß er sich zu lebenslänglichem Cölibat verpflichten müsse. Er würde dem Staate den Dienst einfach vor die Füße werfen.“
Für die Öffentlichkeit sichtbar tritt Maria Lischnewska hier aus dem Schatten – aus dem des Staates. Im Rahmen des Familienrechts, wie es im Allgemeinen Preußischen Landrecht und später im BGB festgeschrieben war, galt im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert, dass die Frau ohne Einwilligung des Ehemannes keine Rechtsgeschäfte abschließen durfte; der Mann konnte also zu jedem Zeitpunkt einen Arbeitsvertrag seiner Ehefrau kündigen. Dies war nicht im Interesse des Staates als Arbeitgeber: „Das Recht des Ehemanns über die Gattin kollidierte hier mit dem Anspruch des Staates, frei über seine ‘Staatsdienerinnen’ verfügen zu können“4. Die Zölibatsklausel kann daher als Versuch verstanden werden, die Staatsdienerin aus der Obhut des Ehemannes zu lösen, indem nun auf dem Verwaltungswege zementiert wurde, dass sie einem anderen unterstellt war, nämlich dem Staat.
Maria Lischnewska trat aber nicht nur aus dem Schatten. Vielmehr opponierte sie gegen den Staat und die Begrenzungen, die dieser den Frauen setzte. Sie kämpfte für die Aufwertung ihres Berufsstandes, für gleiche Rechte der Lehrerinnen und die Möglichkeit der Frauen, sowohl Ehefrau und Mutter wie auch als Lehrerin im Staatsdienst tätig sein zu können – und schließlich auch noch für das Recht auf eine erfüllte Sexualität. Das war viel, vielleicht zu viel – in ihren Forderungen war Maria Lischnewska unbequem, durchaus streitbar und bildete auch innerfamiliär einen Gegenpol zu ihren Schwestern Clara und Anna, die ebenfalls als Volksschullehrerinnen arbeiteten. Zwar führten alle drei Frauen ihr zölibatäres Leben gemeinsam, die beiden jüngeren Schwestern scheinen sich mit der Lage aber eher arrangiert zu haben und blieben im Schatten eines Staates, der noch über ihr privates Leben bestimmte. Wie die meisten Lehrerinnen zu dieser Zeit waren sie wohl glücklich über die Möglichkeit, überhaupt einen – und zwar einen geliebten und mit einem Bildungsversprechen verbundenen – Beruf ausüben zu können5; die damit verbundenen Bedingungen und Einschränkungen nahmen sie mehr oder weniger schicksalsergeben in Kauf.




