E-Book, Deutsch, 152 Seiten
Haderer Ein Apfeljahr und andere Versprechen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7099-8473-4
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 152 Seiten
ISBN: 978-3-7099-8473-4
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Georg Haderer, geboren 1973 in Tirol, lebt heute in Wien. Nach einer Schuhmacherlehre blieb er nicht bei seinen Leisten, sondern ging in die Werbebranche und von dort weiter ins Lehramt. Mit fünfzehn war seine Liebe zur Literatur bereits so groß, dass er sein erstes Bücherregal (Fichte) baute, um über 500 Bücher unterzubringen. Heute gesellen sich dazu seine eigenen Kriminalromane: Bei Haymon ließ er Major Schäfer (sechsmal) und Philomena Schimmer (einmal) Verbrecher*innen jagen. Im Herbst 2025 erscheint mit 'Ein Apfeljahr und andere Versprechen' sein erster Erzählband. www.georghaderer.com
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Bardo
Ich stand an dieser scheinbar ins Nichts führenden Landstraße und hatte mehr Zeit zum Nachdenken, als mir guttat. Korrigiere, die meiste Zeit stand ich nicht, sondern saß auf meinem Tramperrucksack. Nach etwa einer halben Stunde hatte ich wie immer das Intervall zwischen den Fahrzeugen gecheckt gehabt; groß genug, um mich nicht in diesen nervigen Auf-nieder-auf-nieder-Modus zu versetzen, up down, up down, warum musste ich jetzt an eine sadistische New Yorker Fitnesstrainerin denken, ich war noch niemals in NY, ich kannte nicht einmal eine heimische Fitnesstrainerin, egal, warum nicht im Sitzen den Daumen in die Luft halten? Erstens Selbstrespekt, zweitens Ausstrahlung. So ein Straßenrand hat ohnehin etwas Abgehängtes, trostloses Zwischenreich, geschotterter Bardo – wer sich da nicht auf dem Sprung zeigt, kann auf die Kartontafel gleich schreiben. Auch wenn Autostopper nicht in die Kategorie dynamische Start-upper fallen, sollte man schon andeuten, dass man noch Ziele und einen gewissen Zeitdruck hat. Vor was weiß ich wie vielen Wochen bin ich im Mercedes SL Cabrio eines Werbers mitgefahren, der mir ernsthaft Ratschläge zur Message so einer Tafel erteilt hat. Storytelling wäre essenziell in jeder Beziehung, hatte der Koksopa gemeint. : Mau. : besser, aber unter Umständen auch tricky wegen sexueller Konnotation. Volltreffer, ein Schwein, wer da nicht stehen bleibt, und bei Schweinen will man ohnehin nicht einsteigen, oder?, chr, chr, hö, hö, oh Mann, Macholache plus Eau-de-Zitrus-Zeder-Ziegenbock-Aroma, das nicht einmal das Cabrio wegblasen konnte, Werber produzieren echt ihr eigenes Klischee, aber Ledersitze können solche Charaktermacken etwas kompensieren, da bin ich tolerant. Wwromm, donnerte wie aus dem Nichts gekommen ein LKW vorbei, mazedonisches Kennzeichen, Südbalkan, üble Zeitgenossen, Deoverweigerer, außerdem miese Sexisten, sorry, aber manche Vorurteile werden durch Erfahrung zu Fakten, jetzt egal, ich hielt mich ohnehin an einer Position auf, die nicht vorteilhaft war, um von einem LKW mitgenommen zu werden: Links stieg die Straße an, rechts stieg die Straße an, da nahmen die Fahrer lieber den Schwung mit, als ihre 20-Tonner nur wegen der Chance auf ein wenig Gesprächsabwechslung abzubremsen. Wäre also besser gewesen, mich weiter oben zu positionieren, aber die nächste Etappe wollte ich ohnehin per PKW nehmen. Ich hob meinen rechten Arm und schnüffelte an meiner Achsel, nichts, seltsam, eigentlich sollte ich gehörig müffeln. Wieso hatte ich bei meinem letzten Quartiergeber nicht geduscht? Nach so einer Abschiedsparty mit Southern Comfort, Koks und MDMA, dazu viel Schweiß, weil: die letzte Nummer, an die ich mich erinnere, oder war das woanders gewesen?, . Trotzdem hatte ich mich kurz nach sechs in die Küche geschlichen, einen halben Liter Multifrucht-Saft getrunken, zwei Bananen eingesteckt und Adios. War irgendwas passiert, das mich nach nur zwei Stunden Blackout in die Flucht geschlagen hatte? Es klingt wahrscheinlich seltsam, aber ich weiß nicht mehr, wann ich schlafe. Irgendwann vor, was weiß ich, einem halben Jahr, einem Jahr?, habe ich aufgehört, mich ans Einschlafen und Aufwachen zu erinnern. Ich weiß noch, wo es mir zum ersten Mal passiert ist: Villefranche-sur-Mer, Nähe Nizza. Habe ich ein paar Tage bei einem Ehepaar verbracht, das, na ja, strange. Die Frau hat mich in Ventimiglia aufgelesen, schwarzer Land Rover, perfekt klimatisiert, das spürt man, wenn man es leicht mit den Nebenhöhlen hat, auf halber Strecke hat sie mir vorgeschlagen, kurz baden zu gehen, kleine versteckte Bucht, , es war wirklich genial, zehn Minuten einen steilen Waldpfad hinab, und dann dieser türkise Flash, weg mit Shorts und T-Shirt, Plantsch! Im Wasser hab ich gequietscht, dass es mir danach peinlich war, aber darüber musste ich mir keine Gedanken machen, weil sie plötzlich mit dieser Handycam dastand, mich abfilmte, und mit ihrem starken Akzent sagte, als wäre ich ein Model, oder oder was auch immer sie da meinte. Später habe ich es herausgefunden, als ich mich in ihrer Villa einquartiert hatte: Mit dieser Schauspielerin wollte sie mich vergleichen, Brigitte Bardot, , hatte ihr Mann geantwortet, was die beiden nicht davon abgehalten hat, mir zwei Filme mit ihr vorzuführen, und, weiß ich nicht mehr. Wie viele Filme ich bei den beiden geschaut habe, alleine die gesamte Romy-Schneider-Kollektion, an die ich den Mann wiederum erinnerte – fuck, glauben Sie, ich könnte mich an seinen Namen erinnern!? – war’s Alain?, und ihrer Rosalie?, nein, da verwechsle ich was, wenn man sich einen Film nach dem anderen reinzieht, tropft das in die Wirklichkeit, das vermengt sich wie Milch im Tee, Braun und Weiß gleich Beige oder so, Mensch, was ich heute zusammendenke, totale Synapsenorgie. Jetzt hab ich’s: Max und Valérie, so hießen sie, hey, das reimt sich, könnte die erste Zeile von einer Serienkiller-Ballade sein, oder so, Schluss jetzt, sonst driftest du noch in eine Psychose und dann kommen wieder die Männer in den weißen Hosen und Poloshirts, unter denen sich der Bizeps spannt. Fuck, wieso geht’s mir jetzt plötzlich so dreckig? Hat sich wohl das letzte Mikrogramm vom Ecstasy ins Nichts verstoffwechselt. Schluss mit der schönen Weltverbundenheit. Dann stehe ich wieder allein und arschverlassen da. So wie ich eben dastehe, an diesem verfickten Straßenrand, an dieser verfickten Straße, . Johny Cash, seriously? Was kommt als Nächstes? An der Nordseeküste? Mein Religionslehrer im Gym hat mir einmal, als ich offensichtlich down war, gesagt, dass ich vor dieser Dunkelheit nicht davonlaufen kann. Weil sie mich einholt oder weil sie in mir ist? Weiß ich nicht mehr, diese Menschen, die es vielleicht gut mit mir meinten, waren für mich so was wie halbperverse Paolo Coelhos mit peinlichen Insta-Mom-Sprüchen, und so weiter, solche mindfulness messages, da kommt mir das Kotzen, apropos: Ich hab so einer Tussi im Tesla wirklich in den Fußraum gekotzt, nachdem sie mich eine halbe Stunde lang mit Achtsamkeit, Jetzt-Fokus und irgendwelchen Dankbarkeitsübungen vollgesülzt hatte, boah, hat die mich einfach aus ihrer E-Karre getreten, von wegen radikale Akzeptanz. Was soll ich sagen, ich hab das Kampf-oder Fluchttier in mir. Und das hebt nicht nur die Schnauze, wenn die Situation brenzlig wird. Drei Tage am selben Platz, mit denselben Leuten, und die Haare im Nacken stellen sich auf. Holla, da rollt ein blitzblauer Geländewagen an, Toyota?, nein, Nissan Pathfinder, bremst sich ein, als ich ihn schon aufgegeben habe, und fährt in die Ausweiche 50 Meter weiter. Hm, Zwiespalt, während ich langsam meinen Rucksack schultere und lostrabe. Blitzblau gehört nicht zu meinen favorisierten PKW-Farben, da mischt sich das Bieder-Beständige mit dem Cholerischen, klassischer Drängler und Radfahrergefährder, und in der Kombi mit einem Mittelklasse-Japaner: nach unten spucken und nach oben schleimen. Die Fahrertür geht auf, ein Glatzkopf mit HTL-Brillengestell und Camp-David-Poloshirt springt heraus, im Laufschritt um den Wagen herum, stellt sich an die Böschung, Gürtel auf, Schwanz heraus und pisst in die Pampa. Fuck, das ist ja doppelt toxische Männlichkeit! Ich möchte ihm was Obszönes zurufen, aber erstens fällt mir nichts ein und zweitens ist mein Mund staubtrocken, der Pisser würdigt mich nicht einmal eines Blicks, bin ich unsichtbar?, schüttelt ab, steigt wieder ein, Staubwolke. Egal, Kismet, wie der türkische LKW-Fahrer immer wieder sagte, der mich damals von Lindau hinauf in den Norden mitnahm, die lustigsten acht Stunden on the road, die ich jemals erlebt habe, seinen Namen hab ich trotzdem vergessen. Ich sollte mal einen Psychiater fragen, ob es so was wie Reisedemenz gibt, kann ja nicht sein, dass ich so gar nichts mehr speichere, aber ich war in Nizza, oui, Madame. Also kommen wir zwei Stunden nach dem Zwischenstopp in Villefranche-sur-Mer an, Designervilla, 50er-Jahre, berühmter Architekt, Name vergessen, und Valérie zeigt mir ohne Umschweife ein Gästezimmer, ob es mir gefiele, als hätte ich gebucht, sogar mit eigenem Bad, Dingsbums-Dusche, Sie wissen schon, da drin sollte ich später mit Max, aber von Anfang an. Erst einmal Antipasti-Teller und eisgekühlte Ingwerlimo am Pool, dieses geile Nadelbaum-Aroma, das es so nur am Mittelmeer gibt, anderswo sicher auch, aber da war ich halt noch nicht, zirp zirp von den Grillen, ein Lorazepam und ich hätte sicher so was wie absolutes Glück empfunden, aber diesen letzten Rest an Anspannung, Dorn in der Amygdala, den wurde ich ohne Chemie nie los, und zu diesem Zeitpunkt erschien es mir zu früh, Valérie um ein Temesta zu fragen oder ihr Bad zu durchsuchen, erst einmal die Lage abchecken, vielleicht war die Sache mit der Kamera ja völlig harmlos, vielleicht war sie ja Modelscout oder Schauspielagentin, ha, das wäre was, vom Straßenrand nach Cannes, goldene Palme für die neue Bardot, dream on. Aber die nächsten paar Tage, traumhaft. Am ersten Abend kam Max,...




