Hacker | Die Erdbeeren von Antons Mutter | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Hacker Die Erdbeeren von Antons Mutter


1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-10-400693-2
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-10-400693-2
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Anton ist Arzt in Kreuzberg, mit Sorge sieht er, wie seine Mutter, die in der niedersächsischen Provinz lebt, gegen eine schnell fortschreitende Demenz kämpft. Jedes Jahr schickt sie ihm und seinen Freunden Erdbeermarmelade nach Berlin. Die Erdbeeren wachsen auf dem »Acker«, wie sie ihren Garten nennt, den sie ihr Leben lang mit Hingabe gepflegt hat. Aber in diesem Jahr hat sie die Erdbeeren vergessen. Anton muss erkennen, wie seine Mutter ihm Stück für Stück verloren geht, und mit jeder ihrer Niederlagen verschwindet ein Teil seiner eigenen Existenz: Das vertraute Land der Kindheit. Dann trifft er Lydia und findet nach Jahren des Alleinseins jemanden, mit dem Liebe möglich zu sein scheint. Aber Lydia bringt eine Vergangenheit mit, die in beider Leben mit Vehemenz einbricht. In diesem vielstimmigen Roman gelingt Katharina Hacker das einfühlsame Porträt von Menschen, die zurückblicken müssen, um weitergehen und die zweite Lebenshälfte gestalten zu können. Selten ist so eindringlich über den Verlust einer Welt und den Gewinn einer neuen geschrieben worden.

Katharina Hacker, geboren 1967 in Frankfurt am Main, lebt nach mehrjährigem Aufenthalt in Israel als freie Autorin mit ihrer Familie in Berlin und Brandenburg. 2006 erhielt sie den Deutschen Buchpreis für »Die Habenichtse«. 2015 erschien ihr Roman »Skip« und 2021 das Jugendbuch »Alles, was passieren wird«. Katharina Hacker wurde 2021 mit dem Droste-Preis der Stadt Meersburg ausgezeichnet. Zuletzt erschien ihr Roman »Die Gäste« (2022).
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Der kleine Garten, ein Acker eigentlich, der früher, in Antons Kindheit, ringsum an Felder gegrenzt hatte, jetzt an weitere Vorgärten stieß, nur an seiner Rückseite ins Freie überging, war umgegraben, die Erde sah frisch aus, vereinzelt stakten Gräser hervor, an einer Stelle war ein großer Löwenzahn gewachsen, und nahe am Zaun drängten sich die weichen Blätter von Beinwell.

Muß raus, brummte Helmer, der Bauer, der inzwischen eine kleine Gärtnerei betrieb. Das wächst, da haben Sie keine Vorstellung von! Er bückte sich, grub mit den Fingern, riß drei der langen Wurzeln aus. Immer das gleiche, wird man nie wieder los.

Anton stand neben ihm und blinzelte in das diffuse Licht.

Wie alt sind Sie jetzt eigentlich? fragte Helmer.

Dreiundvierzig, antwortete Anton.

Na auch schon. Und keine Kinder, und die Schwester immer noch in Amerika?

Immer noch, sagte Anton.

Da haben Sie für Ihre Eltern ja Zeit.

Ich bin Arzt, wandte Anton ein.

Paßt doch. Helmer schaute zu ihm, in seinen Augen mischten sich Kummer und ein freundlicher Spott.

Erst die Erdbeeren, sagte Anton.

An den Sträuchern, die in kleinen, schwarzen Töpfchen darauf warteten, wieder eingesetzt zu werden in die Erde, hingen schon grüne Früchte. Helmer schüttelte den Kopf. Anton wollte in zwei Wochen wiederkommen, und dann wieder zur Ernte.

Wässern kann ich sie Ihnen, heute und morgen, daß ein paar angehen. Stroh können Sie hintun nächstes Mal, sagte Helmer. Ist gut gegen die Fäule. Und gegen Schnecken. Viel werden wird das aber trotzdem nicht.

Sie war so unglücklich, sagte Anton. Sie kennen doch meine Mutter. Immer gefaßt. Aber diesmal hat sie geweint am Telefon, weil sie vergessen hat, die Erdbeeren zu pflanzen.

Und was wollen Sie ihr weismachen?

Daß es nicht zu spät ist. Daß sie es nicht vergessen hat.

Ob es richtig war, mit einer Lüge jemanden zu trösten oder glücklich machen zu wollen? Er würde seiner Mutter vorschlagen, in den Garten zu gehen, um nach den Erdbeeren zu schauen. Ihre Angst spürte er, eine Unruhe, die sich verbarg, immer wieder aufbrach, mit einem erschrockenen Reflex.

Er hatte sich zu Bett gelegt, als sie in sein Zimmer kam.

Anton?

Er sah im unregelmäßigen Licht der Straßenlaterne, die, von einer Weide halb verdeckt, vor dem Fenster stand, ihr Gesicht. Es sah männlich aus. Grobe, obenhin zusammengesetzte Flächen, scharf voneinander abgesetzt, nur die Augenpartie war verschwollen.

Mein Kind, sagte sie. Er kam sich groß vor. Da er schnell gewachsen war (mit dreizehn war er schon einen Meter achtzig groß), hatten seine Eltern ihm zum zwölften Geburtstag ein Erwachsenen-Bett geschenkt, auf das er stolz gewesen war. Das erste Jahr, bis zu seinem dreizehnten Geburtstag, war großartig, sein Zimmer war das Zimmer nicht eines großen Jungen, sondern eines jungen Mannes. Er hatte sich so danach gesehnt, ein junger Mann zu sein. Er war ein guter Sportler, ein Schwimmer und Basketballspieler, von seiner Schwester verehrt. Von ihren Mitschülerinnen, zwei Jahre jünger als er, verehrt. Sein Haar war hell, im Nacken und an den Schläfen gelockt. Wenn er Fotos von damals sah, staunte er selbst, was für ein hübscher Junge er gewesen war.

Dann wurde er dick. Keiner konnte sich erklären, was geschah. Seine Mutter war verzweifelt.

Die Kleider paßten in der Länge, denn er wuchs nicht mehr so rasch, sie waren aber alle eng und bald zu eng.

Sie nahm ihn mit einkaufen, sie fuhren zusammen nach Braunschweig. Sie nahm ihn mit, während sie all die Jahre zuvor für ihn ohne weiteres ausgesucht hatte, was ihm gefiel.

Sein Bund mit der Welt war zerfallen.

Kam seine Mutter mit einer Tüte von P&C, zog er sich in sein Zimmer zurück. Er legte sich auf sein Bett, aber auch das Bett verriet ihm den Verlust. Er hatte die harte Matratze geliebt, die präzise, kühle Berührung an seinem fast mageren Körper. Jetzt ließ sich nicht mehr bestimmen, wie er auflag. Er verschwamm, er fand sich nicht mehr. Auch nicht im Auge seiner Mutter. Sie erkannte ihn selbstredend, doch in ihrem Auge las er Unruhe und Verwirrung. Nicht er, sein Körper entfernte sich von ihr.

Als seine Mutter sich zu ihm an den Bettrand setzte, spürte er an seinem lange schon wieder schlanken Körper genau die neue Verteilung des Gewichtes. Er schaute sie an.

Das Gesicht eines Mannes, herb und unzugänglich. Sie seufzte. Mein Junge, murmelte sie leise. Ich mache mir solche Sorgen um dich.

Anton lag still, er war verlegen.

Du solltest heiraten, sagte sie. Ich bin hier so alleine. Und dein Vater ist keine große Hilfe.

Sie streichelte Antons Hand.

Deine Schwester, sagte sie plötzlich, ist noch so klein, ich habe immer Angst, daß sie aufhört zu atmen.

Caroline? fragte Anton. Er sah, wie seine Mutter den Kopf wiegte.

Morgens, wenn ich in ihr Zimmer gehe, liegt sie so still da. Dein Vater auch, übrigens.

Übernächste Woche komme ich wieder, sagte Anton, und bald können wir die Erdbeeren ernten, dann komme ich auch.

Wo sind die Erdbeeren?

Draußen auf dem Acker. Antons Augen hatten sich an das Licht gewöhnt, er sah, wie flach das früher widerspenstige Haar seiner Mutter jetzt an ihrem Kopf anlag, so daß er größer und kantiger erschien.

Seine Mutter nickte, murmelte etwas, dann sagte sie lauter, der Acker, den haben wir gekauft, damit euch nichts zustoßen kann, wenn es nichts zu essen gibt. Den Acker müßt ihr immer behalten, versprichst du mir das?

Aber ja, Mama.

Sie beugte sich zu ihm, er dachte, sie werde ihn auf die Stirn küssen, statt dessen sank ihr Kopf bis auf das Kopfkissen. Dann schreckte sie hoch, sie stand hastig auf.

Gute Nacht! Sie sagte es, als sie schon an der Tür war. Anstatt hinauszugehen, blieb sie jedoch, wo sie war, einen verstörten Augenblick lang, tastete die Tür hinauf und hinunter, unsicher anscheinend, was sie suchte.

Er war erleichtert, als sie hinausgegangen war und ihre Schritte sich entfernt hatten. Als Kind war das der ängstlichste Moment gewesen. Von Caroline, die doch im Nebenzimmer schlief, hatte er tatsächlich meist keinen Laut gehört. War seine Mutter den Flur entlang und wieder hinuntergegangen, ins Wohnzimmer, wo sein Vater vor dem Fernseher saß, ein Buch in der Hand, nachdenklich in sich versunken, weder lesend noch auf die Bilder, die sich vor ihm bewegten, achtend, dann bedeutete die Stille, daß Anton verlassen war von allem, was ihm Trost hätte gewähren können. Später, als erwachsener Mann, alleine in einem zu großen Bett liegend, hatte er sich gefragt, welche Einsamkeit die größere war, die des Kindes, das in Tränen ausbrechen wollte und es nicht wagte aus kluger Furcht, dem größten Schrecken zu begegnen, nämlich der Untröstlichkeit. Oder die Einsamkeit des Mannes, die endgültig schien. Und auch eine Art der Untröstlichkeit war, mithin.

Am nächsten Morgen fand er den Frühstückstisch für Vier gedeckt. Der Schrecken traf ihn unvorbereitet. Dann fragte er sich, wer fehlte. Caroline? Oder Lydia?

Neben dem überflüssigen Teller lag eine Papierserviette, an seinem Platz eine Serviette aus Stoff mit dem alten silbernen Serviettenring.

Seine Mutter kam lautlos herein, während er den Tisch betrachtete. Oh! rief sie aus. Habe ich jemanden vergessen?

Er drehte sich zu ihr. Alles Herbe war aus ihrem Gesicht verschwunden und verlegener Liebe gewichen. Ach, sagte sie, bist du alleine gekommen? Ich dachte, du bringst deine Freundin mit.

Das nächste Mal vielleicht, antwortete er. Für wen ist denn der vierte Teller?

Der vierte Teller? Sie schaute zum Tisch und zu ihm zurück.

Nach dem Frühstück wollte ihn sein Vater ein Stück begleiten. Zum Bahnhof vielleicht, sagte er, und holte seinen Mantel aus dem Schrank, obwohl es warm war. Ja, zum Bahnhof und wieder nach Hause, wiederholte er. Sie standen in der Haustür nebeneinander, sein Vater war jetzt kleiner als er, sie sahen einander aber ähnlich, Anton hatte silberblondes, sein Vater weißes Haar, Antons Mutter schaute sie verwirrt an. Wilhelm, sagte sie dann. Ja, Hilde, sagte er. Die beiden Männer gingen durch den Vorgarten davon.

Anton hatte seinen Vater am Arm gefaßt, sie drehten sich um und wollten winken, als seine Mutter aus dem Fenster etwas rief, Anton! Anton! Lachend hielt sie ihren Arm mit seiner Tasche durchs Wohnzimmerfenster. Du hast etwas vergessen, du hast deine Tasche vergessen! Sie verschwand, einen Moment später tauchte sie in der Haustür auf, sie lief ihnen entgegen wie eine junge Frau, ihr Mann fing auch an zu lachen und Anton auch, du hast etwas vergessen! riefen seine Eltern und umarmten ihn noch einmal zum Abschied. Wilhelm legte seine Hand auf die Schulter seiner Frau. Jetzt bleibe ich bei dir.

Bringst du mich nicht zum Bahnhof? fragte Anton.

Ach ja, sagte Wilhelm. Du mußt ja zum Bahnhof.

Und sie gingen ein zweites Mal los. Es waren nur zehn Minuten bis zum Bahnhof, man konnte gerade noch die große Tanne im Garten seiner Eltern sehen.

Weißt du, wie du nach Hause kommst? fragte Anton seinen Vater.

Ja, sagte sein Vater ruhig. Er schaute Anton in die Augen, als könnte er herauslesen, was er verloren hatte. Der Zug näherte sich, hielt.

Willkommen in Calberlah! tönte es aus dem Lautsprecher.

Anton stieg ein, sein Vater stand zu nahe an der Lichtschranke, die Tür konnte sich nicht schließen, der Bahnwärter rief in den Lautsprecher, nun geben Sie doch endlich die Türen frei!

Du mußt zurücktreten, Papa, sagte Anton.

Ach ja? fragte sein Vater ironisch.

Die Türen, sagte Anton. Sonst geht die Tür nicht zu.

Könnte der Herr freundlichst einsteigen oder einen Schritt zurücktreten? rief der...


Hacker, Katharina
Katharina Hacker, geboren 1967 in Frankfurt am Main, lebt nach mehrjährigem Aufenthalt in Israel als freie Autorin mit ihrer Familie in Berlin und Brandenburg. 2006 erhielt sie den Deutschen Buchpreis für 'Die Habenichtse', zuletzt erschienen der Roman 'Skip' (2015) und das Jugendbuch 'Alles, was passieren wird' (2021).

Katharina HackerKatharina Hacker, geboren 1967 in Frankfurt am Main, lebt nach mehrjährigem Aufenthalt in Israel als freie Autorin mit ihrer Familie in Berlin und Brandenburg. 2006 erhielt sie den Deutschen Buchpreis für 'Die Habenichtse', zuletzt erschienen der Roman 'Skip' (2015) und das Jugendbuch 'Alles, was passieren wird' (2021).



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