E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Hacker Der Bademeister
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-400937-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-10-400937-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Katharina Hacker, geboren 1967 in Frankfurt am Main, lebt nach mehrjährigem Aufenthalt in Israel als freie Autorin mit ihrer Familie in Berlin und Brandenburg. 2006 erhielt sie den Deutschen Buchpreis für »Die Habenichtse«. 2015 erschien ihr Roman »Skip« und 2021 das Jugendbuch »Alles, was passieren wird«. Katharina Hacker wurde 2021 mit dem Droste-Preis der Stadt Meersburg ausgezeichnet. Zuletzt erschien ihr Roman »Die Gäste« (2022).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
I
Ich bin der Bademeister, ich habe nie viel gesprochen. Das Schwimmbad ist geschlossen. Seit Wochen steht das Gebäude leer.
Einsturzgefahr! Vor der Schwimmhalle steht ein Schild. Einsturzgefahr! Betreten der Schwimmhalle verboten!
Ein Placken Putz ist aus der Wand gebrochen.
Der Hausmeister hat nicht lange gezögert. Rasch war die Bauaufsicht verständigt, um die Statik der Schwimmhalle und des Schwimmbeckens zu untersuchen. Die Zuständigen haben gleich gesehen, dass der Verfall unaufhaltbar ist, das Becken sich gesenkt hat.
Ich habe nie viel gesprochen, aber in allem, was das Schwimmbad angeht, kenne ich mich besser aus als jeder andere. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht.
Sie dürfen sich vom derzeitigen Zustand des Schwimmbads nicht täuschen lassen.
Der beginnende Verfall sollte die Schließung rechtfertigen. Da man die Entscheidung im Herbst getroffen hat, unmittelbar vor dem Winter, ist der Verfall rasch vorangeschritten. Ein Gebäude, das nicht beheizt wird, fängt Feuchtigkeit, und bisher unversehrte Wände beginnen zu schimmeln. Hätte ich nicht in den vergangenen drei Wochen die Öfen geheizt, wären womöglich die Rohre, in denen noch immer Wasser steht, eingefroren und geplatzt. Die Überschwemmung würde sich erst in der Schwimmhalle und dann im Keller ausbreiten und die Heizanlagen zerstören. Das Wasser würde bis auf die Straße laufen. Die Folgen einer Überschwemmung sind unabsehbar.
Ich bin dafür verantwortlich, dass keiner ertrinkt. Das tiefe Becken und der Nichtschwimmerbereich müssen deutlich getrennt sein.
Ein Placken Putz war oberhalb der Kacheln aus der Wand herausgebrochen, der Zustand des Gebäudes und die Statik des Schwimmbeckens mussten untersucht werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchung anzuzweifeln, maße ich mir nicht an. Als Bademeister ist man für die Sicherheit der Badegäste und für die Qualität des Wassers zuständig. Ich möchte mich nicht beklagen, dass man es mir unmöglich machte, das Wasser in gutem Zustand zu halten. Die gefallenen Entscheidungen konnte ich nicht abwenden, und ich selbst habe das Wasser abgelassen.
Ich habe nie viel gesprochen, keiner durfte das erwarten, aber was notwendig war, habe ich laut und deutlich gesagt: Achtung Nichtschwimmer! An seiner tiefsten Stelle ist das Becken drei Meter tief.
Dem unbeteiligten Auge mag das Volks- und Schwimmbad wie ein altes oder sogar veraltetes Gebäude erscheinen. Es ist fast hundert Jahre alt, Anfang des Jahrhunderts wurde es eröffnet, und in den ersten Jahren lag die Zahl der Benutzer bei dreitausend Badegästen in der Woche. Die Heizanlagen wurden vor fünfzehn Jahren erneuert, und obwohl die Öfen noch bis heute mit Kohle beheizt werden, waren die Luft- und Wassertemperaturen immer angenehm. Nur Böswilligkeit wird behaupten, das Schwimmbad sei heruntergekommen. Mängel, die ich nicht abstreiten möchte, werden durch die Besonderheiten der Architektur und der Ausstattung aufgewogen.
Ich gehe davon aus, dass Sie von solcher Böswilligkeit frei sind. Ich habe nie viel gesprochen und mir während meines Berufslebens die strengste Zurückhaltung auferlegt. Aber es ist notwendig geworden, diese Zurückhaltung zu durchbrechen. Seit Wochen kümmert sich, wie ich bezeugen kann, niemand um die Belange des Schwimmbads. Ich habe Gründe, anzunehmen, dass Sie mich hören und werde Ihnen den Zustand des Bads schildern. Wenn ich mich auch un-rechtmäßig hier aufhalte, können Sie doch an meiner Kompetenz nicht zweifeln. Ich bin der Bademeister, mein ganzes Leben habe ich hier verbracht.
Man hat verschiedentlich versucht, mich zu verleumden. Das ist ungerecht. Ich habe nie viel gesprochen, und wenn ich die Angewohnheit habe, mit mir selbst zu sprechen, geht das niemanden etwas an. Keiner ist ertrunken. Wochen habe ich damit zugebracht, schweigend in der Schwimmhalle zu sitzen und das Wasserbecken zu betrachten. Eine dünne Schicht Staub bedeckt die Kacheln, schwärzlicher Staub, in dem meine Schritte Abdrücke hinterlassen haben. Vom Rand sieht man deutlich, wo ich die Treppen hinuntergegangen bin und weiter, durch den Nichtschwimmerbereich und durchs ganze Becken. Die länglichen, türkisen Kacheln sind versetzt angeordnet; unter dem Wasser erzeugte ihre absichtlich ungleichmäßige Färbung den Eindruck eines natürlichen Gewässers. Der Staub erstickt jetzt die Farben, dämpft sie zu einem stumpfen Grau, das durch meine Fußabdrücke unterbrochen wird. Seit fast hundert Jahren gibt es dieses Schwimmbecken, die Fliesen hatten all die Jahre unbeschadet überstanden. Das Material, mit dem sie verfugt sind, hält dem Wasser stand, aber Luft und Staub zerstören es, und die Fliesen lösen sich, klappern, wenn man darübergeht, und zerspringen. Sie müssen alle diese Einzelheiten kennen. Wenn nicht bald etwas geschieht, ist der Verfall unaufhaltsam.
Heute früh ist ein zweiter Placken Putz aus der Wand gebrochen. Ich habe das Geräusch gehört. Als es – vor Wochen – zum ersten Mal geschah, war ich gerade einen Augenblick hinausgegangen, der Hausmeister allein in der Halle. An einen Zufall glaube ich nicht mehr.
Erst gab es einen Aufprall, danach spritzte etwas auseinander. Das Geräusch klang nicht viel anders, als wenn ein großer, flacher Gegenstand ins Wasser fällt. Aber das Schwimmbecken ist leer.
Als ich an die betreffende Stelle lief, sah ich aus den Augenwinkeln wieder Bewegungen oben auf der Galerie. Ich weiß nicht, was das bedeutet, doch es gehen hier seltsame Dinge vor. Mein ganzes Leben habe ich alles im Auge behalten und darauf geachtet, dass keiner ertrinkt. Jetzt huschen dort oben, und manchmal auch am Beckenrand, Gestalten hin und her, als wären die Badegäste zurückgekehrt. Mir ist das nicht recht, denn wenn ich rufe, antwortet keiner. Auf der Galerie sitzen sie, auf den Holzbänken mit den hohen Lehnen und beugen sich erwartungsvoll über die Brüstung, als wollten sie mich beobachten. Das Licht in der Halle ist schwach. Ich wage nicht, die Beleuchtung einzuschalten, und die Glasbausteine des Lichtbogens an der Rückseite sind verschmutzt, so wie die Milchglasscheiben im Heizungskeller. Selbst am Tag wird es nicht mehr hell. Der Erdboden unter dem Schwimmbad gibt nach, und das Becken sinkt allmählich tiefer.
Die statischen Untersuchungen haben das ergeben, deswegen musste ich das Wasser ablassen. Ohne Widerrede habe ich es getan, obwohl die Beauftragten, die kamen, um die Statik zu prüfen, lange im Büro der Verwalterin Frau Karpfe blieben und nur einen Blick in die Schwimmhalle warfen. Ich kenne die Halle seit fast vierzig Jahren und habe nichts bemerkt, was man mit bloßem Auge bemerken könnte. Noch immer glaube ich nicht, dass sich das Becken abgesenkt hatte. Erst in letzter Zeit macht sich eine Veränderung bemerkbar. Das Gebäude senkt sich mit dem Erdboden.
Es würden Irrtümer und Unregelmäßigkeiten von allein ans Licht kommen, glaubte ich. Aber die Jahre sind vergangen, und es wurde kein Bademeister eingestellt. Ich wollte nie Bademeister sein, ich hatte andere Pläne. Bis ein neuer Bademeister gefunden sei, müsste ich bleiben, ließ man mich wissen. In all den Jahren sagte ich nichts dazu.
Ich habe Gründe, anzunehmen, dass Sie mich hören.
Als ich heute das Geräusch hörte, begriff ich gleich, was es hervorgerufen hatte, und ich lief hin, sah den Placken Putz und Farbe, groß wie zwei Köpfe, und in der Mauer über dem Pfeiler klaffte ein Loch. Gerade oberhalb eines der Pfeiler, wie beim ersten Mal, da, wo die Wand nicht gefliest ist, wo ein kleiner Vorsprung den Pfeiler vom Bogen absetzt. Ich erinnerte mich daran, dass der Hausmeister damals den Dreck hinausgetragen hatte, obwohl er sonst mit seinen eigenen Händen nie etwas anrührte und immer mich oder eine der Putzfrauen rief, wenn eine Verschmutzung zu beseitigen war. Für einen Augenblick war ich nicht in der Halle, sondern im Heizungskeller, um Klaus ein Handtuch zu geben, das ein Badegast vergessen hatte, denn im Keller befindet sich der Schrank für Fundsachen. Während ich wartete, bis Klaus seine Hände vom Kohlenstaub gereinigt hatte, schaute ich auf seine zwei Aquarien und sah, dass in dem größeren nur noch sechs Fische hin und her schwammen. Ich habe gestern einen gegessen, sagte Klaus, der meinen Blick bemerkte, und grinste. Nur schade, dass es keine Karpfen sind. Er hat die Verwalterin Frau Karpfe und den Hausmeister nie leiden können. Spitzel sind sie alle beide, ich sage dir, sie haben noch immer Wanzen hier versteckt. Sie sitzen im Büro und hören sich an, was in der Schwimmhalle geredet wird, du solltest besser aufpassen.
Aber ich hatte nie etwas zu verbergen. Warum sollten sie das tun? antwortete ich Klaus jedes Mal. Doch jetzt habe ich gesehen, dass über den Pfeilern die Wand anders gefärbt ist, als hätte sich jemand daran zu schaffen gemacht, und zweimal ist ein Placken Putz an gerade dieser Stelle herausgebrochen.
In jahrelanger Übung habe ich gelernt, nicht nur zu sehen, was ich in den Blick nehme, sondern auch alles, was am Rand geschieht. Man kann nicht gleichzeitig dreißig Schwimmer im Auge behalten, ein Becken, das zwanzig Meter lang ist, überblicken, wenn man nicht lernt, die unscheinbarste Bewegung an den verschwommenen Rändern des Sehfeldes wahrzunehmen. Sicher und ohne zu stolpern bin ich um das Becken herumgegangen, habe aus den Augenwinkeln sogar die Eingänge zu den Auskleidekabinen und die Galerie gesehen. Jetzt geraten mir die eigenen Füße ins Blickfeld, und das ist ein Teil der Unordnung, die um sich greift. Früher habe ich Badesandalen, selten nur die weißen Turnschuhe getragen, frühmorgens oder abends, wenn keine Schwimmer mehr im Wasser waren. Inzwischen sind sie vom...




