E-Book, Deutsch, 185 Seiten
Haberich Dionysische Nächte
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96145-066-4
Verlag: Engelsdorfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Anthologie Jung Wien '14
E-Book, Deutsch, 185 Seiten
ISBN: 978-3-96145-066-4
Verlag: Engelsdorfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Enthalten sind vielfältige und vielschichtige Texte zu rauschhaften Zuständen in jeder Form - vom Drogenwahn bis zum Gefühlsrausch, mal euphorisch, mal brutal ernüchternd. Auf den Feiern der Dionysos-Kulte tanzte man nackt im Fackelschein und verzehrte, zu religiöser Ekstase hochgepeitscht, ein lebendig gevierteiltes Opfertier. Bei den Dionysien - den olympischen Spielen des Theaters - kürte man nach einem mehrtägigen Wettbewerb die beste Tragödie, aber auch die beste Komödie Griechenlands. Dionysos war ebenfalls der Gott des Lärms und der Gelage. Die talentierten Mitglieder der einzigen Gruppe für junge Autoren in Wien stellen sich mit ihren lesenswerten Beiträgen vor.
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FILMREIF
Meine Freunde James und Maya, zwei Amerikaner, lebten zur Miete in einem Haus im Norden des Bundesstaates New York, nahe der kanadischen Grenze. Sie lebten in der Wildnis, durch beträchtliche Waldstücke von den Nachbarn getrennt. Strom und Telefon gab es dort oben, aber das waren die einzigen Spuren moderner Zivilisation. Weder Fernseh- noch Handyempfang reichten bis in diesen äußersten Winkel des Landes, und Internetkabel würden wegen der logistischen Schwierigkeiten wohl nie gelegt werden können.
Nachts war es vollkommen dunkel, es sei denn der Mond schien. Das bedeutete freilich wunderbar klare, dem Stadtbewohner unvorstellbar weite Sternenhimmel, ohne jede elektrische Beleuchtung – außer vielleicht den Wohnzimmerlampen eines gegenüberliegenden Camps am See. Es war ruhig in der Dunkelheit, denn kein Verkehrslärm drang bis hier hinaus. Diese fast perfekte Stille gibt es, wie ich behaupten möchte, nur noch an wenigen Orten in der westlichen Hemisphäre, und nicht wenige urbane Zeitgenossen, die mit Musik- und Fernsehberieselung aufgewachsen sind, würde sie nervös machen. Das einzige, was man nachts hören konnte, war vorsichtiges, immer wieder aussetzendes Rascheln in den Büschen, von den Waschbären, Hasen, Stachelschweinen, Rehen oder Bären, die im Finstern durch den Wald streunten.
Das nächste Dorf, in dem vielleicht dreitausend Seelen lebten, erreichte man über unbefestigte Landstraßen. Dort gab es einen Supermarkt, Kirchen, eine Bibliothek, ein Krankenhaus, einige Motels, einige Kneipen, einfache Gaststätten, Tankstellen und einen Liquor Store. Drei Stunden südlich, auf der Interstate, lag Albany, die Hauptstadt des Bundesstaates, und weitere vier Stunden entfernt davon tobte das glitzernde, geschäftige, kosmopolitische Leben einer der Hauptstädte der Welt, New York.
Es war ein Sommerhaus, in dem James und Maya wohnten, denn im Winter konnte man wohl im Dorf, aber nicht in den Wäldern leben. Die Isolierung war nicht dicht genug, die Heizungen nicht stark genug, die ungeteerten Straßen unter mindestens einem Meter Schnee begraben und der See, wegen dem man in erster Linie dort hinausfuhr, von einer dezimeterdicken Eisschicht überzogen.
Die beiden waren ein junges Paar, unverheiratet übrigens, aber sie lebten schon seit Jahren zusammen. James hatte dunkelblondes, fast braunes Haar, etwas volle Züge, grüngraue Augen, eine längliche Nase und einen kleinen, geschwungenen Mund. Es war eine Angewohnheit von ihm, wenn er nachdachte, seine Unterlippe einzuziehen und daran zu kauen.
Maya war eine blühende, brünette Schönheit. Ihre Haut war hell, aber nicht blass. Über ihre angedeuteten Wangenknochen spähten forsche, neugierige, dunkelblaue Augen in die Welt, die mehr beobachteten, als sie mitteilte. Ihre Nase formte eine schmale Brücke zum Mund, der etwas zu breit war, und wenn er lächelte, gerade Zähne entblößte, die wie die gepflegte Sammlung eines ordnungsliebenden Menschen aussahen. Sie hatte ein Grübchen im Kinn, das man bei Männern als Doppelkinn ausgelegt hätte, ihr aber ausgezeichnet stand. Sie strich sich nicht oft durchs schulterlange, schoko-ladenfarbene Haar, sondern warf es meist mit einem kurzen Ruck des Kopfes zurück und ließ es dabei bewenden. Die schöne Unordnung ihres Haars machte ihr gar nichts aus – sie wusste wohl, dass es etwas Attraktives an sich hatte – und wenn ihr dunkle Strähnen ins Gesicht hingen, ebenso wenig.
James verdiente sein Geld, indem er fürs größte Einrichtungs- und Gartenmöbelmagazin des Landes schrieb. Maya arbeitete freiberuflich und führte für verschiedene Unternehmen, wenn sie sie gerade brauchten, Interviews und Übersetzungsprojekte ins Spanische durch.
Aber ich wollte eigentlich etwas erzählen. Was für ein Sommer das war, dort oben in den Wäldern, in den Bergen, am See. Und was für eine Geschichte ist dort oben passiert. Sie war durch und durch filmreif.
Eines Tages, nachdem Maya ihren Morgenkaffee in die Küche getragen hatte, sah sie durchs Fenster einen fremden Mann im Garten stehen. Sie war überrascht und beunruhigt.
„Was will er nur?“ murmelte sie zu sich selbst.
Der Mann spazierte in aller Ruhe durch den Garten, als gehörte er ihm, reckte den Kopf in die Höhe, um die Baumkronen zu taxieren, griff in die Sträucher und rieb die Blätter zwischen den Fingern, wie um sie zu prüfen.
Ist er am Ende geistig behindert, oder aus der Irrenanstalt ausgebrochen? Sie hielt kurz inne und überlegte, ob sie James anrufen sollte, beschloss aber dann, unverzüglich nach draußen zu gehen.
„Ah! Es lebt also doch jemand hier.“ rief der Herr fast jovial aus, als er sie auf sich zukommen sah. Schon der Ton seiner Stimme machte ihre schlimmsten Befürchtungen zunichte.
„Sie entschuldigen, hoffe ich, dass ich so unverhohlen Ihr privates Eigentum betrete. Ich habe keine Klingel gesehen und auf mein Klopfen hat niemand reagiert. Also habe ich mir erlaubt, schon einmal einen Blick in Ihren übrigens sehr gut gepflegten Garten zu werfen.“
„Danke! Aber wie kann ich Ihnen denn helfen?“ wollte sie wissen. „Was möchten sie denn in meinem Garten?“
„Helfen können Sie ganz sicher.“ gab der Unbekannte zurück, der, wie sie nun erkennen konnte, zwar unrasiert war, aber über ein gutmütiges Gesicht verfügte. Seine braune Lederjacke, das marineblaue Hemd mit dem silbernen Karomuster und die eingetragenen Chinos flößten ihr aus irgendeinem Grunde Vertrauen ein.
„Mein Name ist Sapman,“, fuhr er fort, „Walter Sapman, von den Metropolitan Studios in New York. Oh, pardon me –“ Er wäre um ein Haar in die Begonien getreten.
„Das macht nichts – mit den Blumen, meine ich. Sie kommen vom Film?“
„Ja, wir drehen und suchen einen geeigneten Drehort für die nächste Folge.“
„ – davon hab’ sogar ich gehört. Mein Freund und ich schauen nicht oft fern, wissen Sie.“
„Ja, die Serie ist eines der profitabelsten von Sundown Cinema, dem Privatsender. Fünfzehn Prozent des Umsatzes, jeden Abend zwanzig Millionen Zuschauer. Deshalb muss die nächste Staffel nahtlos an die erste anknüpfen.“
„Ach so!“
„Ihr Haus und seine Lage sind jedenfalls wie geschaffen für das, was wir uns in der nächsten Episode vorstellen. Es wurde in den 1920ern gebaut?“
„1927, vor der Depression.“
„Noch besser – die Giebelform und die Anordnung der Fenster deuten darauf hin. Ein Haus aus dieser Epoche ist unerlässlich. Wären Sie bereit, es uns für drei Drehtage zu überlassen? Sie würden selbstverständlich dafür entlohnt werden.“
„Nun, drei Tage scheinen eigentlich vertretbar. Nehmen Sie denn das ganze Haus auseinander? Werde ich’s nachher wiedererkennen?“ „Das werden Sie. Wir stellen eigens Leute dafür ein, die bewohnte Häuser, wenn wir dort drehen, in ihrem ursprünglichen Zustand dokumentieren und dafür verantwortlich sind, dass alles hinterher wieder genau an seinem Platze steht. Durch unsere Firma sind Sie gegen Schäden in Millionenhöhe versichert. Wenn wir streichen müssen, beauftragen wir eine Malerfirma, mit der wir seit 1996 zusammenarbeiten, Ihre Räume wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen, ohne jeden Kostenaufwand für Sie.“
„Das klingt recht interessant. Lassen Sie uns doch ins Haus gehen, für das Sie so schwärmen, und dort alles weitere besprechen. Kann ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten?“
„Nur wenn ich Ihnen keine Umstände mache. Ich verstehe, dass dieser Besuch für sie überraschend und vielleicht ungelegen kommt –“
Maya wehrte ab und führte ihn hinein. „Das hätte ich Ihnen schon zu verstehen gegeben, wenn Sie ungelegen gekommen wären.“
„Gut. In dem Fall nehme ich lieber eine Tasse Tee.“
„Wie trinken Sie ihn?“
„Zwei Stück Zucker und eine halbe Scheibe Zitrone, bitte.“
***
Abends saß sie mit James unten am See. Der Wind hatte nachgelassen und zeichnete nur noch fein ziselierte Wellenlinien auf das Wasser. Die Tannen, Buchen und Birken wiegten sich in dieser sachten Brise. Der Himmel war noch blau und fast wolkenlos.
Sie tranken Cocktails nach dem Essen: Sie einen Mojito, er einen Martini. Sie hatte ihm in wachsender Aufregung von Mr. Sapmans Besuch erzählt, wobei sie hier und da einige Details vergessen hatte.
„Weißt du etwas von der Handlung, die bei uns gedreht werden soll?“, fragte James nach einem Schluck seines Getränks. So stark war es, dass er die Zähne blecken und die Lippen nach innen kehren musste.
„Keine Gewalt, keine Schüsse – das hat mir Walter Sapman zugesichert. Es geht eigentlich nur um eine Szene, um eine Verführung. Eine Frau, die eine Schwäche für die Hauptfigur hat, wartet in unserem Wohnzimmer auf ihn –“
„No sex on the sofa.“ unterbrach James sie.
„In unserem Bett auch nicht?“
„Machst du Witze?“
„Schon gut, das habe ich ihm von vorneherein klar gemacht. Sie umwirbt ihn – auf dem Sofa – er lehnt sie ab, wie Humphrey Bogart, und vielleicht mischt sie ihm zum Schluss etwas Gift in den Tee. Das ist alles.“
„Das ist alles? Na, das klingt harmlos genug. Und drei Tage brauchen sie dafür? Fast etwas lang, für die paar Minuten.“
„Nun, die paar Minuten müssen natürlich perfekt sitzen. Da planen sie zur Sicherheit noch einen zusätzlichen Drehtag ein. Wenn du bedenkst, wieviel wir dafür kriegen – also, von mir aus könnten sie eine Woche bleiben.“
...



