Haas | Schurkenstraße 7 | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Haas Schurkenstraße 7


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-423-42819-4
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-423-42819-4
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In dieser Straße stimmt was nicht! Als Lina neu in die Schurkenstraße zieht, merkt sie gleich, dass hier etwas nicht stimmt. Das reizende Lächeln der Nachbarin ist eigentlich ein fieses Haifischgrinsen, und der angeblich so nette Edi Ebsbeck kann seine Finger beliebig verlängern und zu einem Schlüssel verformen. Wie gut, dass Lina den Jungen Wendelin trifft, der auch schon gemerkt hat, dass die Bewohner etwas im Schilde führen. Zusammen ersinnen die Kinder einen Plan.

Meike Haas studierte Germanistik, Philosophie und Buchwissenschaften und arbeitete als Journalistin. Heute lebt sie mit ihrer Familie als Kinder- und Jugendbuchautorin in München.
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Die Nachbarin


»Ich will aber nicht!« So tönte es am ersten Mittwoch der Sommerferien durch eine schmale Straße in einem hübschen Vorort von Hannover. Die Stimme drang aus dem Innern eines blauen Kleinwagens, der sich gerade in Bewegung setzte. Er zuckelte einem großen Umzugslaster hinterher, und zwar in Richtung Autobahn. »Keiner hat mich gefragt!«

Die Stimme gehörte Lina Schmidt. Lina war zehn Jahre alt, hatte fast genau 17 Sommersprossen auf der Nase, trug die dunkelblonden Haare in einem Pferdeschwanz und saß auf der Rückbank.

Halt, das war es eben: Lina saß nicht, sie war festgeklemmt. Eingepackt zwischen dem Rest-Mobiliar, das nicht mehr in den großen Umzugslaster gepasst hatte. Von rechts drückte eine Pappkiste, links schob sich ein Stuhlbein in ihre Seite. Auf Linas Schoß lag ein Sofapolster, ein kleiner Teppich, ein Beutel mit einzelnen Socken und schließlich– direkt vor ihrem Gesicht– ihre Bettdecke mit dem Sternenmuster.

Sie fühlte sich wie ein gefesselter Schwerverbrecher. Das lag nicht nur am Festgeklemmtsein. Viel schlimmer war, dass sie gegen ihren Willen in dieses Auto verfrachtet worden war. Dass sie in ein neues Haus gebracht wurde. Wie in ein Gefängnis. Das fand Lina unglaublich gemein!

Dabei hatte sie nichts verbrochen. Gar nichts. Was konnte denn sie dafür, dass ihr Vater eine neue Stelle angenommen hatte? Und dann noch in einer Stadt mit dem furchtbaren Namen Würgelsheim an der Graus?

»Papa hätte doch auch daheim am Museum bleiben können!«, rief sie nach vorne.

»Lina. In Würgelsheim wird er Direktor!«, antwortete die blonde Frau auf dem Beifahrersitz mit säuselnd sanfter Stimme. Sie hieß Katja Schmidt und war Linas Mutter. Katja sprach oft säuselnd und sanft.

Lina mochte das nicht. Sie hatte längst herausgefunden, dass diese sanfte Stimme nur eine Tarnung war, um möglichst unauffällig unangenehme Befehle zu geben.

»Na und?«

»Du musst das verstehen: Für ihn ist das eine einmalige Chance.«

»Für mich ist es eine einmalige Katastrophe!«

Lina drehte ihren Kopf zur Seite und wollte sauer aus dem Fenster schauen. Sie sah aber nur ein mittelbraunes Quadrat aus Holz. Das war die Unterseite des Hockers, dessen Bein ihr in die Seite stach. Auf der anderen Seite sah sie ein hellbraunes Rechteck aus Pappe. Das war der Umzugskarton.

Also schloss Lina die Augen und war im Dunkeln sauer.

Der Umzugslaster und das kleine blaue Auto tuckerten unterdessen weiter. Sie fuhren auf die Autobahn hinaufund 219 Kilometer später verließen sie sie wieder. Sie erreichten Würgelsheim, fuhren auf der Ringstraße um die Altstadt herum und näherten sich der Brücke über die Graus. Kurz danach wurde Lina seitlich gegen die Pappkiste gepresst. Offenbar hatte ihr Vater das Auto in eine Kurve gelenkt.

Sie öffnete die Augen und knurrte leise in die Sternendecke hinein: »Wo sind wir?«

»Schon fast da! Wir biegen gerade in die Schurkenstraße ein.«

»In die… was?« Es war das erste Mal, dass Lina den Namen hörte.

»In die Schurkenstraße.«

»Schurkenstraße?!«

»Genau: In die Schurkenstraße«, bestätigte ihre Mutter.

»Was ist denn das für ein Gruselname! Da will ja wohl keiner wohnen! Das ist schauderhaft und unheimlich und…!«

»Ach Lina! Schurken hat doch nichts mit Schurken im Sinne von Ganoven zu tun! Nein. Karl Friedrich Schurken war ein ganz berühmter Arzt und Wissenschaftler im 18.Jahrhundert.« Katja kannte bei fast jedem Straßennamen den dazugehörigen Menschen und seine Bedeutung, denn sie war nicht nur Linas Mutter, sondern auch Dozentin für Geschichte. Kurz blitzte in Lina die Frage auf, wo denn ihre Mutter jetzt arbeiten würde, wenn sie nicht mehr an der Universität in Hannover unterrichtete? Aber dann fand sie das sehr nebensächlich.

»Egal! Ich will nicht in die Schu…«

Zu spät. Wenn Linas Mutter einmal beim Thema Geschichte war, hörte sie so schnell nicht wieder auf: »Meines Wissens hat er bahnbrechende Dinge entwickelt. Ich glaube im Bereich der beweglichen Prothesen. Das sind künstliche Körperteile, weißt du? Naja, letztlich ist er dann im Kerker gelandet. Zu viel Erfolg ruft die Neider herbei. Das war damals schon so.«

Lina interessierte die Schurken-Geschichte nicht.

»Aber…«, begann sie noch einmal. Doch genau in diesem Moment rutschte sie nach vorne und musste in die Decke beißen. Ihr Vater hatte gebremst. Der Wagen hielt vor ihrem neuen Haus.

Vor der Schurkenstraße Nummer7.

Die Eltern stiegen aus. Lina blieb sitzen. Aus Protest.

Von draußen hörte sie die Stimme ihrer Mutter: »Hübsch, oder?«, und dann ein zufriedenes Grummeln. Das kam von ihrem Vater. Er redete nie viel (außer wenn er von seiner Arbeit erzählte), sondern beteiligte sich mit Seufz- und Räusperlauten an den Unterhaltungen der Familie. Linas Mutter war so daran gewöhnt, dass sie darauf antwortete wie auf einen normalen Satz: »Ja, find ich auch. Richtig schön!«

Lina schob die Sternendecke auf den frei gewordenen Beifahrersitz und zwängte sich selbst zwischen den Vordersitzen hindurch. Über den Fahrersitz kletterte sie ins Freie. Sie ging aber nicht zu ihren Eltern, die noch immer Hand in Hand in den Anblick des Hauses versunken waren. Sie schaute auch nicht den Möbelpackern zu, die jetzt gerade die Klappe des Umzugslasters öffneten, sondern stellte sich in die Straßenmitte und drehte den Kopf in alle Richtungen.

Sie würde schon etwas finden, das weder hübsch noch schön war! Etwas Schauderhaftes und Gruseliges. Etwas, das einen Rück-Umzug nach Hannover unbedingt notwendig machte. Und zwar auf der Stelle!

Links sah sie drei Häuser, rechts vier. Der Himmel spannte sich weit und blau über den Dächern. In den Gärten standen alte Bäume. Vögel sangen, Schmetterlinge flatterten und aus dem geöffneten Fenster der Nummer4 drang herrliche Klaviermusik.

Eigentlich gab es nichts zu meckern. Nichts Bestimmtes jedenfalls. Oder? Da raschelte etwas in der Hecke vor der Nummer4. Ein Tier?

Auf jeden Fall huschte da etwas hinter den Zweigen entlang. Was denn? Zwei Beine… genau: Menschenbeine in Pluderhosen! Und darüber? Kein Oberkörper? Sie kniff die Augen zusammen, aber da war die Gestalt schon in den Tiefen des großen Gartens verschwunden. Wahrscheinlich war es jemand mit einer Jacke in Tarngrün gewesen, dachte Lina.

Aber jetzt! Aus Haus Nummer4 trat eine Frau. Sie war seltsam! Ihre Haare schwebten, ja sie stiegen sogar langsam in die Höhe und bildeten wolkenhafte Muster.

Ach nein. Das war nur der Rauch der kleinen Pfeife, an der die Frau jetzt zog. Sie blies eine weitere Wolke in die Luft, schaute nicht zu Lina hinüber, sondern verschwand in die andere Richtung.

Gab es sonst noch etwas? Das Haus direkt nebenan war sehr, sehr sauber und ordentlich, der Rasen millimeterkurz gemäht und in den Blumenbeeten standen die Tulpen wie Soldaten beim Appell. Linas Blick wanderte weiter zum Haus schräg gegenüber. Ein ultramoderner Kasten aus Stahl und Glas, bei dem man in das spärlich möblierte Wohnzimmer hinein- und auf der anderen Seite wieder hinausschauen konnte.

»…ein Mädchen, appetitlich, appetitlich…«, hörte sie da eine Stimme hinter sich. Eine tiefe Stimme. Ein Mann, dachte Lina, und stellte sich automatisch einen langen Bart und düstere Augen vor.

»…wippender blonder Pferdeschwanz, etwas dünne Ärmchen. Neue Nachbarn, na mal sehen, wie lange die es aushalten. Hahaha…« Das Lachen klang wie ein gurgelnder Abfluss. Lina lief es kalt den Rücken herunter. Sie drehte sich um.

Auf der anderen Straßenseite sah sie ein niedriges Haus mit hexenhäuschenhaftem Fachwerk. Aus dem Fenster im Erdgeschoss schaute eine Frau. Hatte sie gesprochen?

Während Lina noch zweifelte, öffnete die Frau schon wieder ihren Mund und fragte mit derselben tiefen Männerstimme: »Und du gehörst dazu? Die Vorigen hatten auch ein Kind. War aber, glaube ich, ein Junge.«

Die Frau hatte sich ein rotsamtenes Polster aufs Fensterbrett gelegt und darauf breitete sich ihr Oberkörper so weich und füllig aus wie Schlagsahne auf einem Kuchen. Die Haare steckten in einem violetten Turban, der Mund war dunkelrot angemalt. Nase, Wangen und Kinn wölbten sich wie Kissen darum herum. Und die Augen schauten aus blauen Lidschattenfeldern aufmerksam– nein: neugierig– her.

Lina sagte erst mal nichts.

»Schüchtern? Na, das war der Vorige gar nicht. Der redete immer wie ein neunmalkluger Professor. Hatte etwa dein Alter. Komm doch mal her.« Sie hob ihre Hand. Mindestens zwei Ringe pro Finger steckten daran und der Zeigefinger machte lockende Bewegungen.

Lina wollte eigentlich nicht. Aber aus irgendeinem Grund machte sie trotzdem ein paar Schritte auf die seltsame Frau zu.

»Welcher Vorige?«, fragte sie und hörte, wie ihre Stimme zitterte.

»Na der Sohn der Familie, die zuletzt drin gewohnt hat. Wie hießen sie noch mal? Zöttel… Zockel… So ähnlich wie Zotteltier.« Beim Überlegen wölbte die Frau ihre rot geschminkten Lippen vor und zurück, sodass es aussah, als kämpften zwei dicke Würmer miteinander.

»Und wo sind die Zotteltiers jetzt?« Linas Stimme klang schon fester.

Die Frau lachte tief und gurgelnd. »Woher soll ich das wissen? Weg, davon. Hat ja noch nie jemand besonders lange in der...


Haas, Meike
Meike Haas studierte Germanistik, Philosophie und Buchwissenschaften und arbeitete als Journalistin. Heute lebt sie mit ihrer Familie als Kinder- und Jugendbuchautorin in München.

Renger, Nikolai
Nikolai Renger, studierte Visuelle Kommunikation. Seit seinem Abschluss arbeitet er sehr erfolgreich als Illustrator für Verlage und Agenturen in Karlsruhe.

Meike Haas studierte Germanistik, Philosophie und Buchwissenschaften und arbeitete als Journalistin. Heute lebt sie mit ihrer Familie als Kinder- und Jugendbuchautorin in München.



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