E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
Gutenrath 110
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8437-0236-2
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Bulle hört zu - Aus der Notrufzentrale der Polizei
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
ISBN: 978-3-8437-0236-2
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Cid Jonas Gutenrath, geboren 1966, war Heimkind, Türsteher, Marine-Taucher, Bundesgrenzschützer, Streifenpolizist und Zivilfahnder, bevor er ein Jahrzehnt lang Notrufe in der Berliner Einsatzzentrale entgegennahm. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern vor den Toren Berlins.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Willkommen in der Anstalt
»Hell’s Kitchen« – okay, kein Amtsdeutsch. Aber ein Begriff, der die Atmosphäre an diesem Ort recht treffend beschreibt. Mein Arbeitsplatz, korrekt »Dienststelle«, ließe sich als Mischung zwischen Operationszentrale eines Kriegsschiffes und Bahnhofshalle bezeichnen. Offiziell trägt er das schlichte Kürzel »PELZ«, was für den Zungenbrecher Polizeieinsatzleitzentrale steht.
Stellen Sie sich einen Raum vor, der in etwa halb so groß wie ein Fußballfeld ist und ansonsten den Charme eines Arztpraxiswartezimmers aus den achtziger Jahren versprüht. Inklusive Holztäfelung und Bepflanzung – Gummibäume natürlich. Besagte Holztäfelung, habe ich gehört, sei eigentlich eine Schall und Temperatur absorbierende Spezialbeschichtung. Muss ein Gerücht sein. Obwohl, wir wollen fair sein: Man darf insgesamt schon von einem gewissen Maß an »Hightech« sprechen, wenngleich beispielsweise die ständig verwirrte Klimaanlage (weil einer der grünen Deppen wieder mal ein Fenster geöffnet hat) ausschließlich dafür da ist, dass sich die Computer wohl fühlen.
Der Saal hat zwei einander gegenüber angeordnete Sektionen, die man grob als Notrufannahmeplätze (ANP = Annahmeplatz) und Funkplätze (ELP = Einsatzleitplatz) bezeichnen kann. Intern gern »Bäckerei« und »Konditorei« genannt, wobei die Meinungen darüber, was was ist, stark auseinandergehen. Insgesamt gibt es knapp vierzig Tische, gespickt mit Elektronik, quäkenden Lautsprechern und altmodischen schwenkbaren Schirmlampen. Jeder dieser Plätze ist mit einem Grünling besetzt, der am Einsatzleitplatz seine Schwierigkeiten hat, Funk, Telefon und Computer gleichzeitig zu bedienen, es aber meist irgendwie trotzdem schafft.
An einem solchen Arbeitsplatz sieht man sich vier Computermonitoren, drei getrennten Telefonanlagen, diversen Tastaturen, einer Raumgegensprechanlage sowie etwa hundert verschiedenfarbig blinkenden Tasten ausgeliefert. Um ein Maximum an Verwirrung zu stiften, ist alles komplett vernetzt. Das Highlight der Ausstattung ist ein ergonomisch geformter, rollbarer Bürostuhl, der, genau genommen, niemals richtig kalt wird. Denn hier herrscht Dauerbetrieb, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.
Die Menschen an diesen Tischen, die bei all der Technik fast deplatziert wirken, lassen sich je nach Gemüt und Auftragslage in panischer Betriebsamkeit oder souveräner Gelassenheit beobachten. Es gibt viele Raucher, einige Herzattacken pro Jahr – und doch ist dies für Adrenalinfreunde, Computerfreaks und Strategiefans ein schöner Platz. Wir haben übrigens auch einen Defibrillator an der Wand hängen …
Anzuführen wären noch diverse angeschlossene Alarmsysteme, auf die ich aber nicht näher eingehen kann. Erstens sind sie schrecklich geheim, und zweitens bin ich schlicht zu dämlich und kenne mich damit kaum aus. Es gibt auch ein an der Decke montiertes Blaulicht von der Sorte, die wir sonst auf den Einsatzwagen spazieren fahren. Legt immer genau dann los, wenn eine der in Berlin zahlreichen mobilen Einheiten einen speziellen Alarmknopf drückt, was so viel heißt wie: »HILFE – HILFE – HILFE! Ich kann nicht mehr sprechen und mich auch nicht verteidigen.« Hat in der Regel eine massive Polizeischau zur Folge, wird aber nicht selten bloß durch zu dicke Finger ausgelöst.
Das Ganze hat etwas von einer geschlossenen Anstalt. Wir Schutzpolizisten werden nämlich beschützt von speziellem Wachpersonal. Rein kommt man nur durch eine der zahlreichen Sicherheitsschleusen mit codiertem Chip. Argwöhnisch belinst durch neugierige Kameras. Der Saal an sich, die »Käseglocke«, ist eingefasst mit Panzerglas. Manche behaupten hartnäckig, all der Aufwand wird nur getrieben, damit wir hier nicht abhauen können …
Im Zentrum befindet sich die sogenannte »Mittelinsel«. Dort thront die Führung, inklusive Hofstaat. Regiert wird dieser Bienenstock von einer Frau. Zumindest die Schicht, in der ich mich befinde. Sie ist der lebendige Beweis dafür, dass eine Frau in diesem Land alles erreichen kann. Sie benimmt sich wie John Wayne, sieht allerdings mehr aus wie Kirk Douglas. Rote Haare, vorgeschobenes, energisches Kinn und wache, gefährliche Augen. Typ Raubvogel halt. Sie führt mit eiserner Hand circa sechzig Männer, von denen einige regelrecht Angst vor ihr haben. Herrlich! Man mag über sie sagen, was man will, aber: Sie ist in der Lage, unangenehme Entscheidungen zu treffen. Eine Eigenschaft, die heutzutage selten ist. Außerdem fährt sie dieses Schiff »Berlin« recht souverän. Zwar gibt es, auch in den Abend- und Nachtstunden, Instanzen über ihr; zunächst aber ist sie – egal ob Bombendrohung, Massenschlägerei oder Amoklauf – der organisatorische Boss.
Und doch, ich mag sie nicht. Obwohl ich ihr das, gleich zu Anfang ihrer Dienstaufnahme in meiner Schicht, ins Gesicht gesagt habe, bin ich immer noch hier. Das sagt eigentlich sehr viel über die Frau aus. Wäre es doch zumindest theoretisch im Bereich ihrer Möglichkeiten, mich als Streifenpolizist in das schöne Kreuzberg versetzen zu lassen. Fakt ist: Sie verdient Respekt. Egal, ob man auf Kirk Douglas mit Ohrringen steht oder nicht.
Vielleicht noch ein paar Eckdaten: Aus circa 3000 Notrufen pro Tag in Berlin werden durchschnittlich 1500 Polizeieinsätze gebacken, die dann mit mehr oder weniger Erfolg serviert werden. Glaubt man den Medien, kommen ausschließlich Heldentaten oder Mist dabei heraus. Meistens Mist natürlich.
Und doch haben all die vielen kleinen, vermeintlich belanglosen Fälle dazwischen nicht nur ihren Unterhaltungswert, sondern gehen auch mal ans Herz. Wenn man denn eins hat.
Der geschilderten Szenerie entsprechend geht es in dieser Höhle nicht gerade wie in einem Meditationsraum zu. Der normale Lärmpegel dürfte locker bei 70 Dezibel liegen, wobei wir ja leider nicht von einem konstanten Geräusch sprechen. Außerdem schreit eigentlich fast immer gerade irgendjemand. Damit meine ich nicht nur die Anrufer, die aus Angst, Aufregung oder Wut nicht selten ins Telefon brüllen. Nein, auch der »grüne Mülleimer« ist nach dem zehnten »Arschficker« oder »Nazischwein« gelegentlich mal voll und steigt mit ein. Meist vortrefflich in dieser Art der Kommunikation trainiert. Sind doch mehrere Jahre Schutzmannerfahrung auf der Straße sowie Fremdsprachenkenntnisse für den Job hier gefordert.
Aus Verzweiflung wird auch manch einer der Grünen zuweilen laut, weil der Anrufer im Alkoholdunst oder Todeskampf einfach seinen Standort nicht verständlich herausbringt. Dann gibt es noch jene Unsympathen in Uniform, die manchmal Menschen anbrüllen, die es weder verdient haben noch im Moment verkraften können. Solche Polizisten verschwinden aber glücklicherweise mittelfristig wieder, aufgrund natürlicher Auslese. Womit wir tief im Thema Qualifikation beziehungsweise Eignung stecken. Die Begriffe klingen ähnlich, umschreiben aber trotzdem nicht das Gleiche. Man kann durchaus qualifiziert sein und sich trotzdem nicht eignen, wie ich finde. Hat maßgeblich mit Emotion und Fingerspitzengefühl zu tun, was für den Job ja eigentlich Grundvoraussetzung ist.
Dennoch gibt es den einen oder anderen Lehrgang, der uns für den Job als Polizei-Telefonistin fit machen soll. Herausheben möchte ich eigentlich nur einen, den sogenannten »Erstsprecherlehrgang«. Dieser folgt dem Prinzip, dass derjenige, der den Bombendroher oder Selbstmörder als Erster am Telefon hat, auch bei ihm bleibt, bis die Sache ausgestanden ist. Mit welchem Ausgang auch immer. Selbst wenn das in letzter Konsequenz bedeutet, dass man unter dem Tisch in eine Flasche pullert oder, zivilisierter, auf ein Funkgeschirr umschaltet.
Allzu viel darf ich aus verständlichen Gründen nicht aus dem Nähkästchen plaudern, aber ein bisschen wird wohl erlaubt sein. Man bekommt vom Dozenten zum Beispiel gesagt: »Fixieren Sie einen beliebigen Punkt an der Wand, und halten Sie einen exakt dreiminütigen Monolog zu dem Thema Kopfsalat. Nicht länger, nicht kürzer, ohne sich zu wiederholen. Ansatz beliebig.« Da waren sie bei mir, dem dreifachen Vater und geübten Gutenachtgeschichtenerzähler, natürlich genau an der richtigen Adresse. Obwohl, den Kopfsalatkönig nach genau drei Minuten sein Reich zurückerobern zu lassen war dann doch nicht so leicht. Aber Sie verstehen schon, oder? Es geht um Lösungsansätze, um Kommunikation, um Manipulation, Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Allerdings rührend, wenn nicht gar naiv der Gedanke, dass solche Fähigkeiten Menschen einfach beizubringen sind.
Böse ausgedrückt, ist unser Ziel also, sich verbal in das Vertrauen eines Menschen zu schleichen, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen oder etwa einen Zugriff zu ermöglichen. Positiv ausgedrückt, ist unser Ziel, die Beweggründe und den Charakter eines Menschen auszuloten, um ihm zu helfen. Und sei es nur, indem man ihn daran hindert, etwas zu tun, was er nie wieder rückgängig machen kann, sosehr er es vielleicht auch möchte. Klingt gleich viel netter, was? Ob ich zum Erreichen dieses Zieles nun der Michael bin, der selbst seit drei Jahren trockener Alkoholiker ist, oder der Lars, dem aufgrund des Schichtdienstes die Frau abgehauen ist und sogar die Kinder mitgenommen hat, ist doch mit Verlaub gesagt scheißegal.
Für alle verschreckten Beamtenseelen: Diese Sicht der Dinge oder Berufsmoral ist natürlich auf meinem eigenen Mist gewachsen. Die Firma hält mich selbstredend nicht zum »Lügen« an. Aber ich lasse niemanden sterben, ohne alles versucht zu haben. Steht der Gesprächspartner unter Drogeneinfluss oder hat er große Angst oder Schmerzen, wird die Sache schwieriger, ist aber...