Gustafsson | Der Dekan | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Gustafsson Der Dekan


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-446-25237-0
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-446-25237-0
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Spencer C. Spencer, Professor der Philosophie und im Büro des Dekans tätig, ist geflohen. In einer heruntergekommenen Pension am Rande der Wüste notiert er die unerhörten Begebenheiten der letzten Jahre. Es geht um Mary Elizabeth, die einen modernen Faust schreiben will, um verschwundene Schriftsteller, um erhängte Universitätspräsidenten und um Leben und Tod. Ein philosophischer Thriller: spannend, intelligent und komisch.

Lars Gustafsson (1936-2016) war einer der bedeutendsten Autoren Schwedens. Der Romancier, Lyriker und Philosoph lebte und lehrte lange Zeit im Ausland, u.a. an der University of Texas in Austin. Hinzu kamen mehrere Forschungsaufenthalte in Berlin, Bielefeld und Tübingen. Sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, 2009 erhielt er die Goethe-Medaille, 2015 wurde ihm der Thomas-Mann-Preis verliehen. Bei Hanser erschienen zuletzt Der Dekan (Roman, 2004), Risse in der Mauer (Fünf Romane, 2006), Die Sonntage des amerikanischen Mädchens (Eine Verserzählung, 2008), Frau Sorgedahls schöne weiße Arme (Roman, 2009), Alles, was man braucht. Ein Handbuch für das Leben (mit Agneta Blomqvist, 2010), Das Lächeln der Mittsommernacht. Bilder aus Schweden (mit Agneta Blomqvist, 2013),  Der Mann auf dem blauen Fahrrad (Roman, 2013), der Gedichtband Das Feuer und die Töchter (2014), Doktor Wassers Rezept (Roman, 2016) und Etüden für eine alte Schreibmaschine (Gedichte, 2019).
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Ein Auftrag


[]


Es gebe, sagte der Dekan, nur einen Buchladen in der ganzen Stadt, der es haben könnte.

Ich verstand sofort, welchen er meinte. Es war natürlich jener Buchladen. Ich fragte höflich, wann er es bräuchte, und bekam eine ziemlich überraschende Antwort:

– O nein. Ich brauche es überhaupt nicht. Ich habe es gelesen. Sie brauchen es.

Gegen fünf machte ich mich also mit meinem alten Mazda Pick-up im zunehmenden Verkehr ins südliche Austin auf. Vorbei an mexikanischen Läden von der Sorte, die magische Salben verkaufen, piñatas für die Geburtstagsfeste der Kinder, Traumdeutungsbücher, Anleitungen in der Liebeskunst und eigenartig gewürzte Bonbons, in buntes Papier aus Yucatan gewickelt, vorbei an lustigen kleinen Restaurants mit echter mexikanischer Küche, gebratenem Zicklein und all den anderen Köstlichkeiten, vorbei an Autowerkstätten, die fast in rostigen alten Karosserien, Ölfässern und Autoreifen zu ertrinken scheinen, Herbergen für illegale Arbeitskräfte, individuell oder in Gruppen von bis zu dreißig Mann zu mieten, alle im Schatten sitzend und rauchend, in der Hoffnung auf Jobs, ja, an all dem vorbei und hinein in Viertel mit zunehmend kleineren, kastenartigen Häusern unter einem dichter werdenden Dach von immer tieferem Grün.

Der Buchladen hatte nicht viel, was ihn nach außen hin als Buchladen kenntlich machte. Es war ein kleines Haus unter hohen Pecanbäumen wie die anderen. Ein Haufen von großen, leeren Kartons in der Garageneinfahrt. Dort dürfte schon lange niemand mehr ein Auto abgestellt haben.

Ich öffnete die Außentür, die nur die Mücken abhalten sollte, und fand die richtige Tür offen. Es gab so viele Bücher da drinnen, daß man sich in schmalen Gängen zwischen Regalen und Stapeln bewegen mußte. Der Bücherstaub ließ mich niesen. Ich hatte immer schon ein kräftiges Niesen, und das Geräusch brachte jemanden in einem Hinterzimmer in Bewegung.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber aus dem Hinterzimmer kam Mary Elizabeth, gerade so selbstverständlich, als hätte sie immer da gesteckt.

[]


– Anthony T. Winnicott?

– Ein interessanter Schriftsteller.

– Haben Sie schon was von ihm gelesen?

– Ja, unter anderem Das ist schon ein sehr ungewöhnliches Buch. Diese Idee, daß die materielle Welt wirklich nur eine Illusion sei. Eine Illusion, die nur dazu diene, uns gefangenzuhalten.

– Die haben andere auch schon gehabt.

– Aber keiner hat sie richtig konsequent verfolgt. Außerdem muß man sagen, daß er unglaublich misanthropisch und pessimistisch ist. Er hält die Menschheit für einen Fehlschlag.

– Sie haben nicht zufällig seinen Band mit Kurzgeschichten gelesen?

– Nein.

– Den habe ich hier. Aber er ist ziemlich teuer. Er ist nur in einer einzigen Auflage erschienen, in einem kleinen Verlag in San Francisco. heißt er. Soll ich ihn heraussuchen?

– Gern.

Ich war immer noch leicht benommen von dem Wiedersehen mit Mary Elizabeth. Ich hatte vergessen, wie interessant sie war.

– Eigentlich hatte ich ein anderes Anliegen. Unser Dekan Professor Paul Chapman meint, ich solle unbedingt ein Buch mit dem Titel lesen. Es geht offenbar um Fliegenpilze. Und um Schamanismus. Ich habe keine Ahnung, warum er will, daß ich es lese. Vielleicht will er mich loswerden. Aber das wäre doch überraschend.

– Mal sehen, ob ich es finde, sagte Mary Elizabeth.

Als sie sich über die Kästen mit den vergilbten und abgegriffenen Karteikärtchen beugte, konnte ich nicht umhin, ihre schmale elegante Hüftlinie zu beobachten, die sich unter den verschlissenen Jeans abzeichnete.

Zwischen den Brüsten – klein und fest unter einem ausgewaschenen hellblauen Pulli – hing ein kleiner Fisch aus Gold an einer sehr dünnen Kette aus demselben Material.

– Da! Phantastisch – wir haben es! Wie konnte Professor Chapman das wissen? 1913 in Leipzig gedruckt, mit gut erhaltenem Einband. Hier steht es.

– Ich nehme es. Ich freue mich über dieses Wiedersehen, Mary Elizabeth.

– Ich auch. Deswegen bin ich heute auch hier. Sonst wäre der Laden geschlossen.

In diesem Augenblick wurde mir klar, daß ich dieses Mädchen wirklich haben wollte.

Aber auch, daß es nicht ganz leicht sein würde.

– Was tun Sie da in Ihrem Hinterzimmer? Gibt es irgendwas Spannendes?

– Eine Menge. Zum Beispiel die Science-fiction-Romane von Anthony Travis Winnicott.

Ich hatte von ihnen gehört. Winnicott war hier in der Stadt ziemlich bekannt gewesen, besonders in den achtziger Jahren. Er besaß ein Antiquariat, und man sah ihn oft auf dem Campus, vor allem in der Bibliothek. Es wurde viel über ihn geredet. Es hieß, er hätte eine Art mystisches Erlebnis gehabt, mit dem er zurechtzukommen versuchte. Ein regelrechter Kreis hatte sich um ihn gebildet, hippieartige Typen, die Haare im Stil der Sechziger zu einem Pferdeschwanz gebunden. Vermutlich mit einigen recht exklusiven Drogengewohnheiten. Und alle stark mit religiösen Problemen beschäftigt. Menschen, die an Utopien geglaubt haben und aufhören daran zu glauben, werden ja leicht fromm.

Später verschwand er und hinterließ eine Dame, die wahrscheinlich seine Ehefrau war. Ein schweigsames Mädchen von kleiner Statur. Vermutlich sehr intelligent, aber nicht gesprächig. So hieß es jedenfalls.

Es muß irgendwann Anfang der neunziger Jahre gewesen sein.

Ich hatte das gelesen, eins von diesen Büchern, die eine alternative Weltgeschichte entwerfen und in denen Hitler und anderen Größen der Weltgeschichte ganz andere und unbedeutende Rollen zugeteilt werden, während unbekannte Personen die Welt beherrschen und sie in noch seltsamere Richtungen lenken. ist ja in seiner unwahrscheinlichen Länge ein faszinierender Romantitel. Aber ich muß gestehen, daß ich es nicht einmal geschafft habe, mich durch die Einleitung hindurchzukämpfen. Sie war so eigentümlich philosophisch und entwickelte auf so sonderbare Weise die Theorie von Parallelwelten, daß ich das Buch zur Seite legte, ehe ich überhaupt zur eigentlichen Handlung gelangt war.

Immerhin verstand ich, daß eine der Hauptpersonen ein ostsibirischer Schamane war, der vor ein, zwei Jahrtausenden lebte. Wie alle wirklich großen Schamanen mußte er drei Tage lang kopfüber in einem Baum hängen, um anschließend in die Unterwelt hinabzusteigen. Was ihm dort begegnete, weiß ich nicht, aber ich erinnere mich, daß ich den Eindruck hatte, das Ganze sei vermutlich eine Spur zu intellektuell für mich.

Jetzt nahm ich aufs Geratewohl ein paar von seinen Romanen aus dem Regal. Winnicott ist aller Wahrscheinlichkeit nach tot. Es ist immer ein sonderbares Gefühl, wenn man ein Buch von jemandem in der Hand hält, der tot ist. Nicht ein Buch von Goethe oder Aristoteles. Ich meine ein Buch von jemandem, den man kannte und der jetzt tot ist.

Was sind sie?

Die Bücher: so etwas wie Fußabdrücke im Sand? Oder Wiedergänger? Eine Art von altertümlichen, verschwommenen Fotografien?

– Eins von Winnicotts Büchern handelt von einem Geheimagenten, sagte Mary Elizabeth. Er hat den Auftrag, ins Zentrum einer nicht näher bezeichneten islamischen Militärdiktatur vorzudringen und dem Diktator so nahe wie irgend möglich zu kommen, um ihn dann zu ermorden. Er muß die Sprache perfekt beherrschen – Arabisch oder etwas Ähnliches –, und er muß dem Diktator eine selbstmörderische Ergebenheit und eine totale Identifikation mit all seinen Idealen erweisen. Während er die ganze Zeit gegen ihn arbeitet. Auf äußerst diskrete Weise. Aber du solltest es selber lesen. Hier ist das erste Kapitel. »In der Bibliothek« heißt es. Es handelt davon, wie der Geheimagent seinen Auftrag erhält.

Eigentlich habe ich keine Zeit, sagte ich. Aber laß mich jedenfalls einen Blick hineinwerfen.

– Es ist nicht sicher, daß Sie heute abend noch zu etwas anderem kommen, wenn Sie mit diesem Buch anfangen. Setzen Sie sich her zu mir, da haben Sie besseres Licht.

– Und was tun Sie unterdessen?

– Rechnungen schreiben.

– Nichts Schlimmeres?

– Nein, was sollte übrigens schlimmer sein?

– Was weiß ich!

– Wissen Sie, was ich glaube? Es hat nie einen Winnicott gegeben!

– Und wer hat seine Bücher geschrieben?

– Raten Sie mal!

*

Was meinen wir damit, daß etwas natürlich ist? Mir ist einmal eine Öko-Fanatikerin begegnet, die hartnäckig behauptete, Kernreaktionen seien so unnatürlich. Ich möchte wissen, ob sie irgendwann ihre grünen Jalousien hochgezogen und für einen Augenblick zum nächtlichen Sternenhimmel aufgeschaut hat. Ich frage mich, ob es überhaupt etwas Unnatürliches geben kann? Ist die Natur nicht insgesamt im Grunde genommen äußerst unnatürlich? Eine Ausnahme von dem einzig Natürlichen, dem einzig wirklich Wahrscheinlichen, das selbstverständlich die Leere ist.

Es ist schrecklich: In meinem Kopf herrscht seine Art zu denken. Ich versuche mit allen Mitteln, zu mir selbst zurückzufinden, aber es ist die Stimme des Dekans, die ich höre. Ein wenig nasal überheblich, mitunter ironisch, und manchmal mit einer Art von trockener Kälte, die einem durch Mark und Bein geht, wenn man erst einmal gelernt...


Reichel, Verena
Verena Reichel, 1945 geboren, wurde für ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis. Sie übersetzte u.a. Ingmar Bergman, Katarina Frostensen, Lars Gustafsson, Henning Mankell, Anna-Karin Palm, Hjalmar Söderberg und Märta Tikkanen.

Gustafsson, Lars
Lars Gustafsson (1936-2016) war einer der bedeutendsten Autoren Schwedens. Der Romancier, Lyriker und Philosoph lebte und lehrte lange Zeit im Ausland, u.a. an der University of Texas in Austin. Hinzu kamen mehrere Forschungsaufenthalte in Berlin, Bielefeld und Tübingen. Sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, 2009 erhielt er die Goethe-Medaille, 2015 wurde ihm der Thomas-Mann-Preis verliehen. Bei Hanser erschienen zuletzt Der Dekan (Roman, 2004), Risse in der Mauer (Fünf Romane, 2006), Die Sonntage des amerikanischen Mädchens (Eine Verserzählung, 2008), Frau Sorgedahls schöne weiße Arme (Roman, 2009), Alles, was man braucht. Ein Handbuch für das Leben (mit Agneta Blomqvist, 2010), Das Lächeln der Mittsommernacht. Bilder aus Schweden (mit Agneta Blomqvist, 2013),  Der Mann auf dem blauen Fahrrad (Roman, 2013), der Gedichtband Das Feuer und die Töchter (2014) und Doktor Wassers Rezept (Roman, 2016).



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