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E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Gurt Bündner Treibjagd

Kriminalroman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96041-497-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-96041-497-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Dreh dich nicht um - lauf! Herbst im Schweizerischen Nationalpark: Die Bergwälder leuchten verschwenderisch. Das Vieh kehrt von den Alpweiden ins Tal hinab. Friede schwebt über allem. Wären da nicht die einsamen Schreie der flüchtenden jungen Frau, die verzweifelt versucht, die Talsohle zu erreichen. Wie schon im letzten Jahr treibt zur Jagdsaison ein Unbekannter sein grausames Spiel in der Region. Giulia de Medici, Ermittlerin der Kapo Graubünden, nimmt die Spur des Täters auf und stößt auf ein düsteres Geheimnis.

Philipp Gurt wurde 1968 als siebtes von acht Kindern in eine Bergbauernfamilie in Graubünden geboren. Er wuchs in verschiedenen Kinderheimen auf. Früh begann er mit dem Schreiben. Zwölf seiner Bücher wurden bisher veröffentlicht, darunter auch mehrere CH-Bestseller. 2017 erhielt er den Schweizer Autorenpreis. Er lebt in Chur im Kanton Graubünden.
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1


Giulia de Medici hatte an diesem Freitagnachmittag soeben ihren schwarzen Pferdeschwanz festgezurrt, als ihr Handy klingelte. Es war die Umzugsfirma, die mit gehöriger Verspätung und all den Umzugskartons und Möbeln endlich eintraf. Im Lürlibad, am Stadtrand oberhalb von Chur, ganz in der Nähe des altehrwürdigen Gebäudes der seit vielen Jahren stillgelegten Frauenklinik, hatte sie das Glück in Form einer Dachwohnung mit Terrasse angelacht. Die Sicht über die bald vierzigtausend Einwohner zählende Hauptstadt Graubündens und das Churer Rheintal war grandios, und das alles zu einem bezahlbaren Preis. Das Gebäude selbst versprühte den Charme einer längst vergangenen Epoche. Innen war es sanft renoviert worden, Vergangenheit und Moderne verschmolzen so zu etwas Besonderem. Das fast klerikal wirkende Treppenhaus mit dem geschwungenen hölzernen Handlauf und den handgeschmiedeten Staketen sowie der Fussboden aus Fliesen im Stile früherer Zeit, gepaart mit den kalksteinweissen Wänden, versprühten die Atmosphäre von Zeitlosigkeit, die Giulia auf Anhieb gefiel. Lift gab’s keinen, die Möbelpacker mussten alles die fünf Stockwerke hochschleppen.

Die Dreissigjährige stand in der Wohnung, in der die Sonne schräg einfiel, und dirigierte, was wohin abgestellt werden musste. Dabei hüpfte ihr Pferdeschwanz wie ein Springseil. Noch nie hatte sie sich derart auf ein Zuhause gefreut. Es schien ihr, als wären die Vier-Zimmer-Wohnung und sie wie füreinander geschaffen. Sicherlich auch deshalb, weil damit ein Neuanfang in ihrem Leben verbunden war. Sogar ihr Belgischer Schäferhund Arkon war für den Vermieter kein Problem gewesen. Den zweijährigen Rüden hatte sie, seit dieser Welpe war, gut erzogen, und er war ihr ans Herz gewachsen.

Dennoch konnte sie an diesem Nachmittag einen Anflug von Schmerz nicht unterdrücken. Erkki Korhonen, ihr norwegischer Ex-Freund, fehlte ihr noch immer, auch wenn sie sich weiter einredete, es sei besser so, wie sie es ja schliesslich selbst entschieden hatte. Ein Jahr war dies mittlerweile her. Mit der neuen Wohnung wären zumindest die Erinnerungen an ihr altes Zuhause nicht mehr jeden Tag präsent. Sie würde, sie müsste ihn einfach vergessen, und mit diesen Gedanken packte sie eine weitere Schachtel und stapelte sie ins Wohnzimmer.

Als die Sonne so tief stand, dass sie jeden Moment hinter der dunklen Bergsilhouette des Calanda versinken würde, war es mit dem letzten der Kartons endlich geschafft. Im Stehen nahmen all die Helfer und sie einen währschaften Bündner Zvieri auf der Terrasse ein: Silserkranz, Bündnerfleisch, Salsiz und Käse aus dem Safiental hatte sie aufgetischt. Dazu gab’s eine Tasse Kaffee mit Engadiner Nusstorte und, wer mochte, ein kühles Calanda Bräu.

Bis spät in die Nacht räumte Giulia Karton um Karton aus, bevor sie sich nach einem letzten Blick aufs schlafende Chur unter ihr, dessen Lichter von Bergen umrahmt tiefe Ruhe ausstrahlten, schlafen legte.

***

Über der Greina-Hochebene funkelten die Sterne aus einem klaren Himmel. Mario Capeder, seine Hände hinter dem Rücken gefesselt, strauchelte durch die Nacht. Er trug nur ein T-Shirt und keinen Penis mehr. Die frische Wunde war fachmännisch versorgt worden – ein Wundverband überdeckte die dicke Naht. Seine Augen hätten sich längst an die Dunkelheit gewöhnt, hätte er denn sehen können. Sie waren ihm sorgfältig mit silberfarbenem Industrie-Klebeband überklebt worden. Er hatte keine Ahnung, wo und warum er in dieser Situation steckte. Es war ihm aber bewusst, es musste Nacht sein, der Kälte wegen, und irgendwo weit abseits. Wer nicht sehen kann, muss hören, spüren und riechen.

Vorherrschend empfand Capeder zu Anfang nur diese Stille und ein seltsames Gefühl im Schritt – als wäre sein bestes Stück betäubt. Nicht mal das Rauschen eines Baches war zu hören. Es gab weder Bäume noch Sträucher, denn er lief im scheinbaren Nichts. In den Bergen musste er sein, das sagte ihm der Duft, den er in tiefen Zügen mehrmals zur Orientierung eingesogen hatte, und die Kälte. Wie konnte er wissen, wann sich ein Abgrund, eine Felswand vor ihm auftun würde? Deshalb blieb er vorsichtig – Schritt für Schritt.

Erst nach gefühlten zwei Stunden traute er sich, leise, dann immer lauter zu rufen: «Haaaallooo?» Dabei horchte er angestrengt in die Nacht, als könnte sein Ohr mitsamt den Tönen ins Unbekannte schweben.

Stille.

Wer auch immer ihn hier ausgesetzt hatte, schien fort zu sein, hatte ihn zurückgelassen im Wissen, was nun passieren würde. Er versuchte angestrengt, sich zu erinnern, wie er in diese Lage gekommen war, doch da war nichts ausser dem Gefühl, in einem leeren Raum eine Erinnerung zu suchen.

«Haaaaaallooooo? Ist da jemand?» Immer lauter rief er in die Nacht, und je lauter er rief, umso verzweifelter empfand er die wiederkehrende Stille in seiner ihm aufgezwungenen Dunkelheit. Weiter nahm er Schritt um Schritt, denn er musste sich der Kälte wegen bewegen. Immer wieder fiel er hin, dann, wenn sich ein kleiner Graben durch die Ebene zog oder ein Stein auf seinem Weg lag. Wenn es bergauf ging, drehte er sich seitlich weg, denn wo immer er sich befand, es war bestimmt besser, in der Ebene zu gehen – glaubte er zu wissen.

Die Kälte kroch langsam bis in seine Knochen, liess seine Muskeln steif werden. Die hinter seinem Rücken festgeschnürten Hände waren unmöglich zu befreien und taten weh. Im Schritt begann das seltsame Gefühl in Schmerzen überzugehen, aber er konnte sich keinen Reim darauf machen. Die dunkle Zeit dehnte sich zu einem endlosen Band ohne Anfang und Ende. Er strauchelte wieder und fiel bäuchlings hin, dass sein Kopf auf etwas Hartes schlug; bestimmt auf einen Stein. Benommen setzte er sich mühsam auf, fühlte, wie das warme, klebrige Blut über seine zugeklebten Augen hinweg das Gesicht hinunterrann. Nach wenigen Minuten war die Blutung von allein gestillt, auf jeden Fall glaubte er dies.

Noch vorsichtiger als zuvor schon ging er weiter. Immer wieder blieb er kurz stehen, horchte in diese elendige Schwärze. Dass Stille so einnehmend sein konnte – ja einen zu erdrücken vermochte, dass man deshalb laut schreien musste, hätte er nicht für möglich gehalten. Also schrie er, so laut er konnte, und je mehr er schrie, umso grösser wurde seine Angst, bis er erschöpft auf die Knie sank, als befände er sich vor einem Altar und flehte zu Maria, Muttergottes.

Irgendwann vernahm er leises Plätschern.

Ganz in der Nähe musste ein Rinnsal fliessen. Bald spürten seine zwar von der Kälte fast tauben Füsse nassen Untergrund, als er im selben Moment vornüber ins Wasser fiel. Zum Glück war es nur knöcheltief. Vom ersten Schreck etwas erholt, kniete er sich so hin, dass er vornübergebeugt seinen Durst stillen konnte.

Er versuchte zu spüren, in welche Richtung das Wasser floss, doch es war zu wenig Strömung darin. Er musste weiter.

Öfters blieb er stehen, horchte erneut intensiv in die Dunkelheit, die sich mit tiefer Verzweiflung und Wut mischte. Und Wut hatte einen grossen Vorteil: Wut und Angst konnte kein Mensch zur selben Zeit fühlen. So wurde er lieber wütend, als dass die vernichtende Angst sich noch weiter seiner bemächtigt hätte. Auch wenn er auf dem Teller des Teufels gehen und dieser bereits mit seinem Dreizack ausholen würde, so schnell gäbe er nicht auf. Farbenfrohe Bilder seiner Frau Marietta und seines innig geliebten fünfjährigen Sohns Laurin tauchten auf, als würde er in einem Fotoalbum blättern. Für sie müsste er stark bleiben und um sein Leben kämpfen. Seine weiteren, fast trotzigen Rufe verschluckte die Nacht genauso, wie er sich verschluckt fühlte, als wäre er im Bauch eines riesigen Wales gestrandet.

Dennoch ging er vorwärts – wie er glaubte. Die Berge, die ihn wie stumme Betrachter umgaben, standen duldsam da. Sie hatten alle Zeit dieser Welt, Zeit, die nur Berge besassen.

Als er sein Bein an einem weiteren Stein anstiess, nutzte er diesen und rieb ein Auge daran, um das Klebeband wegzuschaben. Vergebens. Es klebte zu stark.

Irgendwann begann er zu zählen, um sich wenigstens in ein Zeitgefüge einordnen zu können: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig … So reihte er Zahlen zu einer Zeitkette, die Minuten zu Stunden.

Hoffnung keimte in ihm auf, als er die wärmenden Strahlen der Morgensonne auf seiner Haut fühlte.

Es war also endlich Tag geworden.

Auch wenn diese dicken Augenkleber nichts, nicht mal einen blassen Schimmer, durchsickern liessen, so wusste er nun, dass er gesehen werden konnte. Noch nie hatte er die wärmenden Strahlen der Sonne so bewusst angenommen. Einer gefesselten Blume gleich reckte er sich nach ihr. Die Wärme tat ja so unglaublich gut auf seiner kalten Haut, die sich mittlerweile anfühlte, als wäre sie in der Dunkelheit zum Fisch mutiert. Er drehte sich langsam wie ein Braten am Spiess, um auch seinen Rücken aufzuwärmen. Einzig die Schmerzen im Schritt nahmen mit der Wärme stetig zu, doch das Adrenalin drückte sie in den Hintergrund.

Die Sonne spendete ihm zwar die lebensnotwendige Wärme, doch damit hatte sich nur die Temperatur seines Gefängnisses geändert. Ziellos irrte er weiter im Zickzackkurs durch die Hochebene. Die Luft duftete frisch und erfüllt mit einer Prise aus Alpenkräutern, Flechten und Moosen. Die Oktobersonne brannte sich in den nächsten Stunden in seine Haut, als er wie aus dem Nichts heraus in der Ferne das Bellen eines Hundes hörte.

Er versuchte aus voller Kehle, um Hilfe zu rufen. Immer wieder versagte dabei seine Stimme, da er das Wasser nicht mehr gefunden hatte. Seine Zunge klebte am Gaumen und war aufgeschwollen, mehr als ein heiseres Krächzen ertönte nicht.

Das Gebell wurde lauter. Es waren mehrere...


Philipp Gurt wurde 1968 als siebtes von acht Kindern in eine Bergbauernfamilie in Graubünden geboren. Er wuchs in verschiedenen Kinderheimen auf. Früh begann er mit dem Schreiben. Zwölf seiner Bücher wurden bisher veröffentlicht, darunter auch mehrere CH-Bestseller. 2017 erhielt er den Schweizer Autorenpreis. Er lebt in Chur im Kanton Graubünden.



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