Guillou | Niemandsland | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 7, 512 Seiten

Reihe: Coq-Rouge-Reihe

Guillou Niemandsland

Ein Coq-Rouge-Thriller
14001. Auflage 2014
ISBN: 978-3-492-98077-7
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Coq-Rouge-Thriller

E-Book, Deutsch, Band 7, 512 Seiten

Reihe: Coq-Rouge-Reihe

ISBN: 978-3-492-98077-7
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Aus den Beständen der russischen U-Boot-Flotte sind sechs atomare Sprengköpfe gestohlen worden. Schmuggler wollen die gefährliche Fracht über Skandinavien in ein arabisches Land bringen. Michail Gorbatschow, noch Präsident der zerfallenden Sowjetunion, bittet die westlichen Geheimdienste um Hilfe. Graf Hamilton, Spezialagent des schwedischen Geheimdienstes und meisterhafter Stratege, übernimmt die Planung der Operation. Unter seiner Führung findet sich ein Team von Spezialisten zusammen, das die Schmuggler stoppen soll. Es macht sich auf ins 'Niemandsland', wie das sowjetische Territorium an der Grenze zu Finnland genannt wird. In eisiger Kälte kommt es zum Showdown...

Jan Guillou, Jahrgang 1944, ist einer der meistgelesenen Autoren Schwedens. Bislang verfasste er knapp vierzig Bücher, darunter auch die erfolgreich verfilmte Bestseller-Saga um den Tempelritter Arn Magnusson. Seine elfteilige Thriller-Serie um den Agenten Carl Hamilton alias »Coq Rouge« ist ein Welterfolg und in seiner Heimat ein moderner Klassiker, sie wurde mehrfach verfilmt und in mehr als 15 Sprachen übersetzt. Guillou lebt in Stockholm und liebt ebenso wie sein Protagonist »Coq Rouge« klassische Musik, guten Wein und die Elchjagd.
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2

Angefangen hatte es mit einem Diskussionsbeitrag auf Seite drei in Dagens Nyheter. Doch während der folgenden zehn Tage fand sich in dem politischen und intellektuellen Establishment niemand bereit, den Faden aufzunehmen. Das lag vor allem daran, daß der Beitrag von der falschen Seite oder zumindest von der falschen Person kam, einem Sprachrohr der Umweltpartei.

An der Argumentation war nichts auszusetzen, zumindest nicht formal. Der Schreiber bezweifelte, daß es für Schweden in einer Zeit der Abrüstung und des Friedensstrebens richtig sei, sich so etwas wie eine herumreisende Theatertruppe zu leisten, die politische Morde und Sabotage begehe. Die außenpolitische Stärke Schwedens liege möglicherweise eher darin, seine Dienste als neutraler Vermittler in internationalen Konflikten anzubieten. Deshalb sei es grotesk, wie eine Großmacht früherer Zeiten aufzutreten, mit dem Anspruch, Sondertruppen in alle Welt zu entsenden, um Konflikte mit Gewalt zu lösen.

Da die Gewalt überdies einen Umfang angenommen hatte, der ebenso blutig wie übertrieben erschien, mußte man sich ernsthaft fragen, wer dafür die Verantwortung übernahm. Wußte die Regierung überhaupt, womit die Militärs des OP 5 sich eigentlich beschäftigten? Und wenn ja – wer war auf den Gedanken gekommen, schon im Vorfeld Operationen zu billigen, die, wie man jetzt erfahren hatte, zum Tod von mehr als dreißig Menschen geführt hatten, unter denen sich auch mehrere Frauen und Kinder befanden?

Die Fragen waren durchaus von öffentlichem Interesse, aber einen Monat vor den schwedischen Reichstagswahlen wollten die beiden Hauptgegner, Sozialdemokraten und Konservative, die politische Diskussion um jeden Preis innerhalb eigener und vorherbestimmter Grenzen halten. Die Konservativen sprachen von dem Systemwechsel und dem Neuanfang, der für Schweden Wirklichkeit werden könne, wenn sich das Land der letzten Reste von Planwirtschaft und Sozialismus entledige – die Partei wollte gerade diese beiden Reizworte besonders oft betonen und in den Vordergrund stellen. Die Sozialdemokraten hingegen wollten die soziale Not und die sozialen Verwerfungen diskutieren, die unweigerlich die Folge seien, wenn die politische Rechte die Möglichkeit erhielt, das schwedische Wohlfahrtssystem zu schleifen.

In diese Debatte paßte die Frage vereinzelter, wenn auch spektakulärer militärischer Operationen wie die Faust aufs Auge. Die Ereignisse auf Sizilien waren gerade mit solchen Dingen geladen, die Politiker verabscheuen, mit Gefühlen, die eine Debatte ausufern und in völlig unerwartete Richtungen lenken können, und das unabhängig von rationalen und im voraus taktisch berechneten Argumenten.

Es bestand überdies das Risiko, daß eine öffentliche Debatte zu diesem Thema ein weiteres ärgerliches Ergebnis haben würde: daß nämlich ein Sprachrohr der Grünen sich in einer Hauptrolle auf der politischen Bühne sonnen durfte, ausgerechnet in einem Moment, in dem es aussah, als würde die Umweltpolitik aus dem Reichstag verschwinden. Den beiden Hauptgegnern hätte ein solcher Wahlausgang die Politik in mancherlei Weise vereinfacht.

Die politischen Kommentatoren in den vom Staat kontrollierten Rundfunk und Fernsehsendern teilten in dieser wie in allen anderen Fragen die Auffassung des politischen Establishments. Und Dinge, die weder im Rundfunk noch im Fernsehen angesprochen wurden, existierten als politische Fragen auch nicht in einem Wahljahr.

Die Journalisten empfanden einen instinktiven Widerwillen dagegen, etwas zu attackieren, was sie selbst ein paar Wochen lang mit geschürt hatten, nämlich einen an Euphorie grenzenden Nationalstolz. Wenn man sich jetzt dagegen aussprach, wäre das etwa wie die Behauptung, Stefan Edberg habe ein Wimbledon-Finale mit Hilfe unlauterer Mittel gewonnen.

Nach dem Ende der rein militärischen Operationen auf Sizilien und der Rückkehr der befreiten Schweden hatte sich die Publizität natürlich auf wiedervereinte Familien mit weinenden Kleinkindern, Ehefrauen, Hunden und Katzen konzentriert. Hoffnung und Furcht. Die Entführten hatten in Lebensgefahr geschwebt und geglaubt, nie überleben zu können. Plötzlich war die Hölle losgebrochen, und aus Rauch und Staub war jemand aufgetaucht und hatte gesagt: »Still liegenbleiben, wir sind vom Generalstab und sind gekommen, um euch nach Hause zu holen.« Und dann Tränen, Befreiung und all das andere.

Die Ausgangslage für eine kritische Debatte zum Thema des schwedischen Rechts, im Ausland militärische Operationen durchzuführen, wäre also selbst dann miserabel gewesen, wenn ein anderer als ein Grüner sie eröffnet hätte.

Zwei Zufälle, von denen jeder für sich nicht ausgereicht hätte, der Debatte in einem Wahljahr eine neue Richtung zu geben, veränderten die Lage dramatisch.

Da es Sommer war, saßen in den meisten Nachrichtenredaktionen viele Urlaubsvertreter, junge, hungrige Menschen, die gern Aufsehen erregen und sich einen Namen machen wollten, um irgendwann eine feste Anstellung zu erhalten.

Ein solcher Urlaubsvertreter der Regionalnachrichten des Fernsehprogramms »Svdnytt« in Schonen stolperte über den Verteidigungsminister des Landes, der soeben in Malmö gewesen war, um über die Werftindustrie zu sprechen. Der Minister verließ seine Pressekonferenz, auf der er sich in bekannter Manier nur kurz und knapp geäußert hatte. Er verhedderte sich in ein Mikrophonkabel, an dessen anderem Ende der junge Fernsehreporter steckte.

Die beiden Männer sahen einander erst verblüfft an, doch der jüngere gewann als erster die Fassung wieder, als ihm aufging, daß sein Mikrophon sich weniger als zehn Zentimeter von einem Verteidigungsminister befand, der sich buchstäblich eingewickelt hatte.

»Herr Verteidigungsminister, was halten Sie von dem Treiben unserer Nachrichtendienstoffiziere auf Sizilien?« sprudelte es aus dem Nachrichtenreporter hervor. Vermutlich war es das einzige, was ihm spontan in den Sinn kam.

»Oh, unsere Spione kann niemand im Zaum halten. Das kann kein Verteidigungsminister der Welt«, erwiderte der Verteidigungsminister lächelnd, was vorwiegend an dem eigenwilligen Mikrophonkabel lag.

Die Regionalnachrichten von »Sydnytt« brachten den Beitrag, da er lustig war und man überdies einen Film hatte; der Kameramann hatte sich ohne Wissen um das, was der Reporter fragte, auf den Verteidigungsminister konzentriert.

Ein kleines Bonbon, sagte man in der Redaktion, ein lustiges kleines Bonbon, mit dem wir die Abendnachrichten abschließen können, etwa wie mit einem Beitrag über eine Katze, die in einem Baum hockt und erst von Feuerwehrleuten gerettet werden muß, oder über eine Entenmutter, die mit ihren Küken von einem uniformierten Polizeibeamten zu einem Wasserlauf geführt wird. Die Zentralredaktion von »Rapport« in Stockholm erwog keinen Augenblick, diesen Beitrag aus Schonen zu senden, da man ihn nicht für seriös hielt.

Ein schwedischer Schriftsteller jedoch, ein sehr einflußreicher Mann, der als Sozialdemokrat galt, obwohl er in der größten bürgerlichen Tageszeitung des Landes schrieb, sah sich an diesem Tag zufällig »Sydnytt« an, da er sich in Kopenhagen aufhielt.

Und da er einen Vertrag mit seiner Zeitung hatte, in dem es hieß, man werde ihn fürstlich entlohnen, allerdings nur, wenn er etwas Originelles biete, erkannte er sofort die Möglichkeit zur Kolumne der Woche:

»Wenn es tatsächlich so gewesen ist, daß der Verteidigungsminister des Landes nicht gewußt hat, was ›unsere Spione‹ draußen in der Welt treiben, ist das grundsätzlich eine sehr ernste Angelegenheit. In jeder Demokratie kämpft man mit dem Problem, daß weder das Militär noch eine andere Macht zu einem Staat im Staat werden darf.

Wenn der Verteidigungsminister andererseits zu diesem Thema nur einen Scherz gemacht hat, zeigt dieser Scherz eine ungewöhnliche Verachtung für das demokratische System unseres Landes.

Wenn schließlich ›unsere Spione‹ überall in der Welt Amok laufen dürfen, wie es ihnen behagt, ist auch das außerordentlich ernst. Diesmal ist es zwar gutgegangen, aber es hätte ebensogut schiefgehen können, und außerdem kann es jeden Augenblick wieder passieren.«

Damit waren mehrere Hindernisse für eine öffentliche Debatte aus dem Weg geräumt. Erstens durfte der Auslöser einer eventuellen Diskussion nicht länger bei den Grünen gesucht werden.

Zweitens hatte der Verteidigungsminister erneut etwas Lustiges gesagt, etwa so wie früher einmal, als er die modernsten Schiffe der Marine »Blechkästen« genannt und sich anschließend zwei Monate lang mit mehr oder weniger gequälten Entschuldigungen abgemüht hatte.

Drittens griff die konkurrierende Abendzeitung die Sache jetzt auf, indem sie unter den Rocksängerinnen des Landes eine Blitzumfrage veranstaltete. Neun von zehn Rocksängerinnen sprachen sich für Hamilton aus.

Denn die Frage war so formuliert worden:

»Bist du der Meinung, daß es von Hamilton richtig war, schwedische Entführungsopfer auf Sizilien zu befreien, auch wenn es Menschenleben gekostet hat?«

Die Angelegenheit war damit zu einer Prominentengeschichte geworden, und so brachen alle publizistischen Dämme. Die Journalisten machten Jagd auf Politiker jeglicher Couleur, um ein Statement zu dieser Frage zu erhalten. Die bedrohliche Publizität türmte sich am Horizont wie eine riesige Flutwelle auf.

Carl widmete der zunehmenden Publizität nur flüchtige Aufmerksamkeit. Er hatte das Gefühl, als ginge ihn das Ganze nichts an. Doch nicht etwa, weil die grundlegenden Fragen ihm uninteressant vorkamen oder weil er die Kritik für unberechtigt hielt, sondern aus dem sehr einfachen Grund, daß diese Dinge zu seiner Vergangenheit...


Guillou, Jan
Jan Guillou, Jahrgang 1944, ist einer der meistgelesenen Autoren Schwedens. Bislang verfasste er knapp vierzig Bücher, darunter auch die erfolgreich verfilmte Bestseller-Saga um den Tempelritter Arn Magnusson. Seine elfteilige Thriller-Serie um den Agenten Carl Hamilton alias »Coq Rouge« ist ein Welterfolg und in seiner Heimat ein moderner Klassiker, sie wurde mehrfach verfilmt und in mehr als 15 Sprachen übersetzt. Guillou lebt in Stockholm und liebt ebenso wie sein Protagonist »Coq Rouge« klassische Musik, guten Wein und die Elchjagd.



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