E-Book, Deutsch, 318 Seiten
Guggenheim Die Schatten des Klosters
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-702-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Kriminalroman - Mörderische Intrigen hinter heiligen Mauern
E-Book, Deutsch, 318 Seiten
ISBN: 978-3-98952-702-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Alexandra Guggenheim ist Kunsthistorikerin und Journalistin mit dem Hang zum Geschichtenerzählen. Mit ihren historischen Romanen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden und auch unter den Pseudonymen Anna Paredes und Agnès Gabriel erscheinen, hat sie sich ein internationales Publikum erobert. Die Autorin lebt in Hamburg. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin »Der Gehilfe des Malers«, »Die Malerin von Delft« und »Die Schatten des Klosters«.
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PROLOG
Sei gegrüßt, lieber Freund,
die heutigen Zeilen schreibe ich Dir im Vertrauen, und ich ersuche Dich, diesen Brief, nachdem Du ihn gelesen hast, dem Feuer zu übergeben. Weitaus lieber jedoch säße ich in diesem Augenblick mit Dir im Schatten eines Olivenbaums in meinem Garten und würde Dir von Angesicht zu Angesicht von all den sinnverwirrenden Begebenheiten erzählen, die mein Inneres seit Tagen aufwühlen. Noch immer erzittern meine Lenden bei dem Gedanken an die Stunden vollendeten Genusses. Ach, diese unvergleichlichen Momente werden für immer in mein Gedächtnis eingebrannt sein.
Bei unserer letzten Begegnung auf den Stufen des Hephaistostempels erzähltest Du von Studien, die Deine Konzentration so sehr beanspruchten, dass Du künftig alles vermeiden wolltest, was den ungehinderten Fluss Deiner Gedanken stören könnte. Weswegen Du die Absicht äußertest, Dich auf Dein Landgut nach Korinth zurückzuziehen.
So will ich Dir mit diesem Bericht einen Eindruck von dem Bacchanal übermitteln und Dich gleichzeitig wissen lassen, dass ich freudig dem Tag entgegensehe, an dem Deine Forschungen abgeschlossen sind und wir unseren Dialog fortsetzen können. Möge die Nachwelt uns an den Worten messen, die wir in die Öffentlichkeit tragen, und an dem Erkenntnisvermögen, zu dem wir unsere Schüler anspornen. Hingegen nicht an Bekenntnissen, die einzig für das Herz eines Freundes und Vertrauten bestimmt sind.
Du erinnerst Dich sicher, dass wir beide vor geraumer Zeit eine Einladung zu einem Gastmahl im Haus unseres gemeinsamen Bekannten D. erhielten. Am Tag der Feier hattest Du Dich auf einer Reise befunden, weswegen Du der Einladung des Freundes nicht folgen konntest und ich zu meinem Bedauern auf Deine Begleitung verzichten musste.
An jenem Abend also lagen wir im Festsaal seines neu erworbenen Hauses, in der Nähe des Artemisheiligtums, zu Tisch. Die Wände mit farbenprächtigen Mosaiken verziert, wie sie nur meisterliche Handwerker zustande bringen. In der Mitte sanft plätschernde Brunnen und Marmorsäulen, um die sich Blumen rankten. Zunächst wurden der Gesellschaft die köstlichsten Speisen aufgetragen, mit Gewürzen und Aromen, wie ich sie nie zuvor gekostet hatte. Lamm und Ziege aus dem Lehmofen in einer Teigkruste, Meeresfisch in Safransauce, Käse aus Schafsmilch mit wilden Kräutern vom Peloponnes. Du musst wissen, D. hat einen neuen Koch, einen jungen Syrer, der es auf eindrucksvolle Weise versteht, den Geschmackssinn zu reizen und in wahres Entzücken zu versetzen. Der kretische Wein mundete vorzüglich, ein Sänger unterhielt uns mit heiteren Liedern und entlockte seiner Leier inbrünstige Laute. Kurzum, wir waren in fröhlichster Stimmung, als der Hausherr sich erhob und einen ungewöhnlichen Vorschlag machte.
Jeder der Anwesenden solle einen Diskurs halten über die Mysterien der Liebe, die höchsten Weihen der Lust. Hernach würden unsere Worte auf die Probe gestellt werden. Nach anfänglichem Raunen meldete sich unser schwerhöriger Kollege X. als erster Redner zu Wort. Er sprach sehr überlegt und weise. Seit langer Zeit sei das Liebesverlangen zueinander den Menschen eingepflanzt, versuche die Natur, aus zweien eins zu machen. Eros verleihe den Liebenden ein Geschenk: die Tüchtigkeit. Wer wahrhaft liebe, strebe danach, sein Bestes zu geben. Um der Geliebten oder dem Geliebten zu gefallen.
Das Verlangen und Trachten nach Ganzheit seien der Ursprung der Liebe, fuhr der große, dickbäuchige M. fort. Die Liebe strebe nach Unsterblichkeit, sei stetig auf der Suche nach der Schönheit des Geistes und der Schönheit des Körpers. Wo beides zusammentreffe, da fühle der Mann sich vollkommen. Zu verurteilen sei hingegen derjenige, der den Körper mehr liebe als die Seele, denn der Körper werde verwelken. Wer jedoch eine aufrichtige Natur liebe, der sei mit etwas Unvergänglichem verschmolzen.
Es sprachen weiterhin der hagere, glatzköpfige H. und sein jüngerer Bruder A. sowie der Hausherr selbst, und jeder von ihnen glänzte durch meisterhafte Rhetorik. Als Letzter war ich an der Reihe, und ich setzte meinen ganzen Eifer daran, mich von meinen Vorrednern zu unterscheiden, ja, die Schlüssigkeit ihrer Annahmen und Gegenbehauptungen noch zu übertrumpfen. Nicht von Natur aus sei der Mensch zu Ehe und Kinderzeugung gezwungen, sondern durch das Gesetz, bekundete ich und erntete von den einen Zustimmung, von den anderen Widerspruch. Somit seien Lust und Eheband voneinander zu trennen, da das eine nicht notwendigerweise in dem anderen gefunden werden könne. Oftmals sei die Verbindung zweier Menschen nur am Anfang glücklich, wandle sich mit der Zeit in Gleichgültigkeit, manchmal sogar in Hass. Die Begierde jedoch überstehe alle Stürme.
Nachdem ich geendet hatte, herrschte für einen Augenblick Schweigen, bevor von allen Seiten Beifall aufbrandete. Sodann klatschte der Hausherr in die Hände. Sechs junge Sklavinnen betraten den Saal, um Hals, Handgelenke und Fesseln fein ziselierte Goldreifen und in Schleier gehüllt, die nichts verbargen, sondern die makellosen Körper wie ein Lufthauch umschmeichelten. Voller Anmut bogen sie ihre Glieder zu den Klängen der Harfe, ihr unschuldiges Lächeln, ihre lockenden Gebärden ließen unsere Herzen höherschlagen. Dann traten die bezaubernden Wesen an unsere Lager heran und nahmen neben uns Platz. Meine Gesellschafterin war ein zierliches Geschöpf mit langem schwarzem Haar und sanft geschwungenen, verführerischen Lippen. Sie nahm von dem Wein und den Nüssen und steckte mir Trauben in den Mund. Ich fühlte ihren Atem an meinem Hals, spürte die Zartheit ihrer jungen, frischen Haut. Mit raschen Griffen löste sie mein Gewand, bis ich nackt vor ihr lag. Als ich mich umsah, entdeckte ich, dass meinen Freunden das Gleiche mit den übrigen Frauen widerfahren war.
Ich schlang meine Arme um die Taille der jungen Frau und zog sie zu mir heran, ließ sie aufsitzen und das jähe Verlangen meines Körpers stillen. Sanfte Klänge und berauschende Düfte bemächtigten sich meiner Sinne, unsere Körper schienen zu schweben. Ihre Hände und Schenkel waren eine grenzenlose Liebkosung. Und, beim Zeus, meine Lanze zeigte sich standhaft und kampfbereit. Sodann wechselten die Frauen das Lager und wandten sich dem Nächsten zu, begannen ihr erregendes Spiel von Neuem, weckten Leidenschaft, spendeten Lust. Alsdann hielten sie für einen Augenblick inne, gönnten sich und uns eine Pause der Erfrischung und Erholung, bevor das Feuer des Begehrens in uns abermals aufflackerte und sie ihren Reigen fortsetzten. Es gab keine Zeit und keinen Raum, nur Umarmungen, Seufzer und rauschhafte Hingabe.
Sechsmal flog ich bis hinauf zum Olymp, wünschte, für immer dort oben zu bleiben und nie mehr zur Erde zurückzukehren. Es war, als würden sich meine Worte, die ich kurz zuvor als Gedankenspiel, als philosophischen Diskurs, vorgetragen hatte, in Lebensfunken verwandeln. Jeder meiner anwesenden Freunde empfand an diesem Abend dasselbe, wie sie mir später versicherten.
Doch ist eine solche Hingabe statthaft, ist sie tugendhaft?, höre ich Dich fragen. Auch wenn ich weiß, dass Du lieber der Askese frönst, hoffe ich, da wir uns schon so lange kennen und so viel miteinander geredet haben, dass Du meine Gefühle verstehst. Zumal Du mein Schüler und dreißig Jahre jünger bist. Dennoch will ich in Deinen Augen keineswegs als leichtfertiger, lüsterner Greis erscheinen, dessen Urteilsvermögen durch Klänge und Gerüche getrübt war. Ich muss gestehen, dass ich in diesem Punkt eitel bin.
Lass mich Dir mein Handeln folgendermaßen erklären: Wie Du weißt, habe ich eine Frau und drei Söhne. Doch was hat das mit Liebe oder Wollust zu tun? Unsere Verbindung kam aus Vernunftgründen zustande. Meine Ehefrau stammt aus einer Familie von Hirten und wollte einen Mann von Rang und Namen an ihrer Seite. Und ich wünschte mir Nachkommen, die meine Anlagen trügen und in denen ich auch nach meinem Tod weiterleben würde. Manche sagen mir, meine Frau sei schön, denen stimme ich zu. Und sie ist jung, auch das ist richtig. Aber ich sage Dir, schön ist nur ihr Äußeres, in ihrem Innern herrscht tiefste Finsternis.
Erinnerst Du Dich, wie sie mich einmal mitten in einem Disput von der Agora holte und nach Hause zerrte, weil sie der Ansicht war, dass ich durch meine Diskussionsrunden, die ich kostenlos an die Jugend verteile, die Familie vernachlässige? Nie hat sie danach gefragt, warum ich so handle, meine Beweggründe sind ihr gleichgültig. Diese Frau ist zänkisch und rechthaberisch und versteht es, nicht nur die Dienerschaft, sondern auch unsere Kinder auf ihre Seite zu ziehen. Sie maßregelt mich in der Öffentlichkeit, macht mich zum Gespött der Leute. Zwar ist sie meine Frau, doch ich begehre sie nicht. Weder labt sie meine Seele noch beflügelt sie meinen Geist. Ich bin ihrer schon lange überdrüssig.
Dagegen sind mir die köstlichen Wonnen des nämlichen Abends dergestalt gegenwärtig, dass es mich drängt, sie für Dich aufzuzeichnen. Wobei ich Dich bitte, mir meine Unbeholfenheit als Maler nachzusehen. Ich kann allerdings nicht verhehlen, dass ich einen gewissen Gefallen daran finde, nicht nur mit Buchstaben, sondern auch mit Linien und Schraffuren Dir einen Eindruck von den mannigfaltigen Vereinigungen zu vermitteln. Auch muss ich erwähnen, dass ich seither einige Traktate verfasst habe, die ich zu meinen besten zähle. Erkenne dich selbst, so sagt es das Orakel. In jenen Stunden habe ich in Tiefen meiner Seele geschaut, die ich zuvor noch nicht gesehen habe. Dennoch bin ich keineswegs erschrocken. Jeder Mensch sollte danach trachten, den...




