E-Book, Deutsch, 346 Seiten
Günther / Kastenholz KROLL
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7487-0686-1
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 346 Seiten
ISBN: 978-3-7487-0686-1
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Clemens Kroll - Schriftsteller und bekennender Tempelritter - muss in den Rheingau zurück: seine alte Heimat. Vor 15 Jahren, nach dem Tod seiner geliebten Eltern, ist er von dort weggezogen. Auch seine Rückkehr jetzt ist eher unfreiwillig: Seine Aussage wird bei einem Mordfall an einer Nonne in der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim benötigt. Dabei kannte er die Tote gar nicht. Doch sein Aufenthalt steht unter keinem guten Stern. Sein Plan, noch am gleichen Tag wieder zurückzufahren, entpuppt sich als Wunschdenken. Er trifft alte Freunde und neue Feinde. Und er trifft Katja, seine erste Liebe. Mittlerweile ist sie Nonne in St. Hildegard. Bald gibt es den nächsten Toten, und es soll nicht der letzte bleiben. Für Kroll ist es nicht nur ein Trip in seine eigene Vergangenheit, er kommt auch Geheimnissen auf die Spur, die er besser nicht aufgedeckt hätte. Markus Kastenholz liefert hier nicht nur einen spannenden Rheingau-Regional-Thriller mit viel Lokalkolorit ab. Dieser Roman ist sein mit Abstand persönlichstes Werk.
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Die Worte versagten ihm. Er brachte nichts hervor, seine Zunge fühlte sich taub und pelzig an. Wie ein Stück Fleisch, das nicht das seine war und mit dem man ihm sein sprichwörtlich großes Maul gestopft hatte. Er konnte nicht anders. Selbst auf die Gefahr hin, Katja könne das falsch auffassen: Er legte den Arm um sie und drückte sie an sich. Keine Gegenwehr, wie von ihm befürchtet. Stattdessen schluchzte Katja nur. Die Bilder in ihr erdrückten sie. Eine Ewigkeit schienen sie so dazusitzen. Fast bewegungslos. Schweigend. Sie war es schließlich, die das Wort ergriff, ohne die Umarmung zu lösen. »Ich musste eine halbe Stunde später losfahren. Es war dringend. Ich konnte nicht warten, bis die Polizei fertig war. Also haben meine Mitschwestern nicht ganz die Wahrheit gesagt.« »Ostberg meinte, du seist auf Exerzitien gewesen.« »Es waren eher organisatorische Gespräche. Aber wir sprachen von Exerzitien. Das hört sich wichtig an, und er kann damit ohnehin weder etwas anfangen, noch kann er es überprüfen.« Dafür hatte Kroll Verständnis, für diese Notlüge würde ihnen nicht die ewige Verdammnis blühen. »Tut mir wirklich aufrichtig leid, dass du hierher musstest«, wiederholte sie, und er hoffte, es tat ihr nicht auch leid, dass sie sich wiedergefunden hatte. Dann: »Du scheinst dich verändert zu haben …« Nach fünfzehn Jahren war das kein Wunder. »Inwiefern?« »Früher hättest du nicht übernachtet, sondern alles Menschenmögliche unternommen, um abends wieder zu Hause zu sein.« Offenbar ahnte Katja nichts von den Ereignissen des heutigen Tages. Bis in die Abtei hatte sich das scheinbar noch nicht herumgesprochen. Umso besser. Er hasste die Mitleidstour, sie erfuhr davon noch früh genug. »Ich bleibe notgedrungen noch zwei, drei Tage«, meinte er. »Ich hab noch ein paar Sachen zu erledigen.« »Das Grab …« »Nein!« Das klang härter als beabsichtigt. »Um das Grab kümmert sich ein Gärtner, das ist so okay. Zweimal pro Jahr wollte er mir sogar Fotos schicken, damit ich mich davon überzeugen kann, es ist in Ordnung. Ich hab darauf verzichtet.« »Du läufst davon«, stellte sie fest. »Stimmt. Bis jetzt erfolgreich.« Sie schwieg dazu. Wenn sein Weg der der Flucht war, so war das zwar wenig hilfreich, ging jedoch niemanden etwas an außer ihn allein. Plötzlich fuhr Katja zusammen. Ihr war anzusehen, sie hatte sich an etwas erinnert. Fast gehetzt sah sie auf ihre Armbanduhr, dann schnellte sie von der Bank hoch. »Ich muss los!« Kroll wollte dämlicherweise fragen, ob ihr eines von gefühlten tausend Gebeten täglich wichtiger sei als er. Das ließ er sein. Katja hatte ihre Pflichten und ihren Rhythmus, die es beide einzuhalten gab. Er hatte kein Recht, das in Frage zu stellen. Sie wandte sich um. Sie hatte es jetzt wirklich eilig. Nur der Anstand verbot es ihr, kurzerhand wegzulaufen. Sie saß wie auf heißen Kohlen, als sie ihm die Hand reichte. Ein bisschen zu förmlich, wie er fand. »Wann sehen wir uns wieder?« Ihm war klar, das war aufdringlich. Aber welche Wahl hatte er? Er konnte sie nicht einfach anrufen, wenn ihm gerade danach war. »Morgen Abend«, antwortete sie. »Gegen 21 Uhr? Dann dürfte die Probe des Kirchenchors zu Ende sein.« »Pfarrkirche Eibingen?« »Ja«, nickte sie. »Dauert mir zu lange.« »Clemens …« Sie warf einen geradezu verzweifelten Blick hinter sich. Sie war hin- und hergerissen. »Ich muss morgen Schwester Agnes zum Augenarzt bringen.« »Wann und wo?« Er grinste breit und machte insgeheim einen Freudensprung. »Zwölf Uhr, Dr. Melchior, Rheinstraße.« »Das ist …« »Das ist die Praxis, die früher Dr. Palaske hatte.« Die kannte er noch. »Denk‘ aber dran, ich bin nicht allein«, mahnte sie. Nicken. »Keine Blumen, bitte.« »Hätte ich mir nie erlaubt.« Sie kannte ihn wirklich hervorragend. Genau darüber hatte er nachgedacht. »Ich bin jetzt Nonne«, betonte sie noch einmal. Das wusste er. Vollends begriffen hatte er es allerdings noch nicht. »Ich will dich ja auch bloß sehen und dich nicht in einen Hinterhof zerren.« Katjas Mundwinkel bewegten sich schwach. Fast hätte sie darüber gelächelt. Fast! Ihre Tracht verhinderte das. »Ich werde da sein«, konnte er ihr gerade noch versprechen, dann riss sie sich von ihm los und eilte davon. Wohin auch immer. Ja, er würde dort sein. Er war jemand, der zu seinem Wort stand. Sollte er bis morgen früh einen tödlichen Herzinfarkt erleiden, würde er dort als Geist erscheinen müssen. *** Angewidert über sich selbst verzog er die Nase. Er stank wie ein Iltis. Jedenfalls kam es ihm so vor. Es ekelte ihn vor sich selbst. Der Rückweg von der Abtei war bergab verlaufen, ein gemütlicher Spaziergang am Abend, wie er fand. Am liebsten hätte er jetzt gebadet und sich danach nackt ins Bett gelegt. Doch das war unmöglich. Allmählich meldete sich sein Magen. Sein Blutzuckerspiegel war ohnehin weit unten, er »ernährte« sich schon den halben Tag fast nur von Traubenzucker. Wenigstens würde er zum Essen im »Goldenen Ochsen« bleiben können. Das Personal würde ihn trotz seines Geruchs hoffentlich nicht rauswerfen. Bei denen dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben, er war der Held vom Polizeirevier und hier gestrandet wie eine verirrte Katze im China-Restaurant. Ein Klopfen ließ Kroll verharren. Zunächst erschloss sich ihm nicht, woher es kam. Zunächst maß er ihm auch keinerlei Bedeutung bei. Das Klopfen wiederholte sich. Zweimal, dreimal… »Clemens!« Die Stimme von jenseits der Zimmertür riss ihn endgültig aus seiner Starre. Halb rief sie, halb raunte sie, um nicht im ganzen Haus gehört zu werden. Die Nennung seines Namens weckte seine Neugier. Außer Ostberg und natürlich Katja wusste niemand, dass er hier war. Und erstens war es keine Frauenstimme, zweitens hätte der Kripo-Mann ihn kaum beim Vornamen genannt. Als Kroll zur Zimmertür ging, ahnte er, draußen würde ihn ein Gesicht als alten Zeiten erwarten. Allerding war es dann doch ein Schock für ihn, ausgerechnet Stephan Schindler zu sehen. Er erkannte ihn sofort. Rein physisch hatte er sich kaum verändert: dieselben braunen Augen, dasselbe schmale, fast hagere Gesicht. Hoch aufgeschossen war er, fast zwei Meter groß. Kroll musste zu ihm aufsehen, wenn auch nur anatomisch und nicht intellektuell. Schon damals war Stephan nicht der Hellste gewesen. Seit damals schien Stephan kein Gramm zugelegt zu haben. Der Haaransatz freilich, der war ein unübersehbares Stück nach hinten gerückt, und waren sie einst dunkelblond gewesen, so schimmerten sie nun grau. Das waren nur zwei Nuancen heller als der Anzug, den er trug und der so gar nicht zu Krolls Erinnerung passte. Hatte Stephan sich früher immer sportlich gekleidet, so ähnelte er jetzt einem Bürokraten. Eine graue Maus. Sogar den Playboy-Bunny-Stecker im Ohr trug er nicht mehr. Stephan Schindler war immer der Klassenbeste gewesen. Bester in den meisten Fächern und eine Sportskanone noch dazu. Letzteres war wohl genetisch bedingt. Sein Vater war Fußballprofi gewesen, vor vielen Jahrzehnten. Sogar einige Länderspiele hatte er absolviert: Günter Schindler. Laut Ansicht einiger Einheimischer der einzige Rüdesheimer, der es je zu etwas gebracht hatte. Mit 32 war seine Karriere jäh durch eine Knieverletzung beendet worden. Er war hierher zurückgekehrt, hatte sich von seinem Erkickten Immobilien gekauft und drei Sportgeschäfte in der Region eröffnet: der Grundstock für ein kleines, feines Imperium und der Beweis dafür, man musste frühen Reichtum nicht zwangsläufig mit Koks und Nutten durchbringen. Stephans Schulleistungen waren nicht von ungefähr gekommen. Er hatte ständig Nachhilfelehrer gehabt, entsann sich Kroll. Notfalls hätte ihm sein Vater auch das Wissen einprügeln lassen. Und oft genug hatte der es versucht, trotz des Wissens, das half nichts. Ein erlernter Intellekt, kein natürlicher, so wie Kroll. Für Kroll war es wirklich ein Schock, ihm zu begegnen. Seine Erinnerungen an ihn waren nicht die besten. »Ja?« Mehr sagte er nicht, verschränkte die Arme abwartend vor der Brust und beschloss, Stephan zappeln zu lassen. »Ich bin’s, Clemens.« Er merkte nicht, Kroll hatte ihn längst erkannt und entschieden, ihm nicht zu verzeihen. DUMPFBACKE! Er hatte Stephan nicht nur nie gemocht, er hatte sich ihm auch geistig überlegen gefühlt. Immer schon! Die Zensuren hatten freilich eine andere Sprache gesprochen, doch die hatten allenfalls für Autoritäten Bedeutung. Außerdem – wie hätte Kroll an der Schule Spaß haben und erfolgreich sein können, wenn man dort von allen nur behandelt wurde wie eine fette Hämorrhoide am Arsch der Gesellschaft? »Ich bin’s«, wiederholte Stephan...




